Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1928)
- Date
- 1928-05-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2450495-2450515--74982-2532482- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
21. Mai 1928 Nr. 21 Seite 5 den erscheinen mag, von den in „Adaß Jeschurun" vereinigten und von vielen, dem Verein nicht angehörenden Orthodoxen Dresdens, wird die „Loyalität" des Ge-' meinderates in dieser Sache mit ganz anderen Augen betrachtet. Im Mittelpunkt der Ereignisse, die dem Beschlüsse des Gemeinderates vorangingen, stehen tiefgehende Zerwürfnisse zwischen dem Verein „Adaß Jeschurun" und dem früheren Kopenhagener Oberrabbiner Dr. Max Schornstein. Dieser hatte dem Vorstand des „Adaß Deschurun" angehört und' war dann zunächst aus dem Vorstände, .später aus dem Verein ausgeschieden, weil ihm angeblich die traditionellen Qualitäten der Vorstands- und Vereinsmitglieder nicht genügten, weil ihn. der Gottesdienst selbst nicht konservativ erschien und weil er an der Finanzgebarung Ausstellungen ''machen zu müssen glaubte. Die Berechtigung aller seiner Beschuldigungen wird vom Veremsvvrstand bestritten. Dr. Schornstein aber besuchte seitdem den Gemeindegottesdienst mit Orgel und teilweise christlichem Damenchor. Nun machte Dr. Schornstein ein Gesuch an den Gemeindeoorstand, einen „Gotesdienst nach altem Ritus" einzurichten und sammelte für dieses Gesuch außerhalb der Kreise von „Adaß Jeschurun" etwa 200 Unterschriften, deren Maßgeblichkeit für diesen Zweck von Kennern der Verhältnisse stark angezweiselt wurde. Bei der Vorausberechnung der Kosten, die für die Gemeinde aus diesem Gottesdienst entstehen würden, führte er als Ersparnis auch die einzige Summe auf, die die Gemeinde für „Adaß Jeschurun" verausgabt, nämlich den Betrag der Miete für das Betlokal in Höhe von Mk. 3000.—. Damit bekundete er deutlich seine Schädigungsabsichten gegen den Verein, denn er wußte, daß „Adaß Jeschurun" finanziell auf schwachen Füßen steht. ■ Dr. Schornstein fand bei dem liberalen Vorstande der Gemeinde, bei den liberalen Gemeindeverordneten, insbesondere bei den liberalen Zionisten des Gemeinderates ein williges Ohr für seine Pläne, und sogar der Vorsitzende des „Adaß Jeschurun" sprach sich für einen orthodoxen Gemeindegottesdienst aus, sofern dieser nicht auf „Machlaukaus" aufgebaut wäre, und stellte für diesen Fall die Möglichkeit einer Beteiligung von „Adaß Jeschurun" in Aussicht. In „Adaß Jeschurun" besteht die durchaus jüdische Ansicht, die sicher von allen orthodoxen Rabbonim geteilt wird, daß' es nicht angeht, einseitig einem bestehenden Minjan die Mittel für seine Existenz gegen dessen Willen zu entziehen, und andererseits mit Benutzung dieser Mittel ein anderes ähnliches Minjan aufzubauen. Man ist der Ansicht, daß ein solches Vorgehen einen „Chilul Haschem" darstellt, und daß die Schuld der Vernichtung der „Adaß Jeschurun" an dem neu zu errichtenden „Gottesdienst nach altem Ritus" solange haften bleibt, bis durch einmmütige Willenserklärung des Einverstöndnisses seitens der „Adaß Jeschurun" und durch ihre Beteiligung dieser schwere Makel von dem „Gemeindegottesdienst" genommen wird. Dieser berechtigte Standpunkt der „Adaß Jeschurun" wurde durch einstimmigen Beschluß der Generalversammlung erhärtet, gleichzeitig aber die Hand zum Frieden geboten durch die Erklärung, daß unter bestimmten von Gemeindevorstehern zugesicherten Bedingungen die „Adaß Jeschurun" sich an dem konservativen Gemeindegottesdienst beteiligen wolle, wenn diesem als äußeres Zeichen des Einverständnisses und im Interesse des^ Friedens, bei seiner Bezeichnung der Name „Adaß Jefchurmr" beigefügt würde, - also etwa: „Gemeindegottesdienst Adaß Jeschurun". Der Gemeindevorstand wurde von diesem Beschluß unterrichtet, sein Entscheid steht noch aus. Scheitern könnte dieser Vorschlag nur an Herrn Dr. Schornstein und feiner Gefolgschaft, die der Gemeinde Mk. 4000.— für den neuen Gottesdienst versprochen haben äks, Abschlag auf die zu vermietenden Plätze, und die nun etwa aus persönlichen Gründen die Bedingung des Vereins unter Zahlungsverweigerung genannter Summe ablehnen. Oesterreich. Die konkreten Forderungen der Wiener israelitischen Kultusgemeinde an den Staat. Wien, 15. Mai. Wie der Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur erfährt, stellt die Wiener Israelitische Kultusgemeinde an die Bundesregierung die Forderung, jährlich eineinhalb Millionen Schilling zum Budget der jüdischen Wohlfahrts¬ und Erzrehungsinstitutionen.beizutragen, was der Kopf¬ Der Israelit zahl der jüdischen Bevölkerung, verglichen mit den Leistungen des Staates für die anderen Konfessionen, entsprechen würde. In Regierungskreisen scheint man — wie in unterrichteten jüdischen Kreisen angenommen wird — jedoch nur bereit zu sein, jährlich etwa 600.000 Schilling zu leisten. Das Präsidium der Kultusgemeinde wird sich mit dem Parlamentspräsidium in diesen Tagen dieserhalb in Verbindung setzen. Ob die Kultusgemeinde ähnliche Forderungen auch an die Gemeinde Wien stellen wird, bleibt vorläufig ungewiß, da solche Forderungen an die Gemeinde hauptsächlich aus dem Minöritätenrecht basieren müssen, und die Mehrheit des Kultusvorstandes, die jüdisch-national nicht gesinnt ist, sich dagegen sträubt, Minoritätenrechte geltend zu machen. Die Woche. Berlin. Die jüdischen Gemeinden im b u lg arischen Erdbeben ge bi et appellieren an den „Hilfsverein der deutschen Juden". Sie schildern ihre Not in den schwärzesten Farben. — Am 14. Mai nachmittags verstarb in Berlin im Alter von 66 Jahren nach schwerem Leiden Frau Henriette May, eine Mitbegründerin der jüdischen Frauenbewegung in Deutschland und eine der ältesten Mitkämpferinnen . der deutschen Frauenbewegung. Jahrzehntelang war sie Schriftführerin und Hauptvorstandsmitglied des von ihr mitbegründeten Jüdischen Frauenbundes. — Die Repräsentanten Dr. Alfred Klee, Dr. Heinrich L o e we und Gen. haben namens der Fraktion der Jüdischen Volkspartei in der Berliner Jüdischen Gemeinde den Antrag eingebracht, der jüdischen Gemeinde in P h i l i p p o p e l, die rd. 1500 Familien zählt und durch die Erdbebenkatastrophe schwer heimgesucht wurde, einen angemessenen Betrag zur Verfügung zu stellen. London. Der Arbeiter-Deputierte und frühere Minister Colonel Wedgwood brachte im Unterhause eine schriftliche Anfrage an den Kolonienminister ein, warum Schalom Schwarzbart das Einreisevisum für Palästina verweigert worden ist? Kolonienminkster Amery erwiderte, die Angelegenheit unterliege ganz dem Gutdünken des Oberkommissars für Palästina. Er, der Minister, wolle aber gerne eine diesbezügliche schriftliche Anfrage nach Jerusalem richten. Jerusalem. Eine vollständige nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten hergestellte U e b e r - setzung des Koran ins Hebräische wird demnächst in dem von Eh. N. Bialik geleiteten Verlag „Dwir" erscheinen. Warschau. » In der Stadt O p a t o w in der Wojwodschaft K i e l c e wurde der jüdische Friedhof in der Nacht in der brutalsten Weise geschändet. Neunzig Gräber wurden verwüstet, die Grabsteine zertrümmert und beschmutzt. Viele historisch denkwürdige Grabsteine sind von den Eindringlingen vernichtet worden. Es ist dies seit zwei Wochen der d r i tt e Fa ll v o n Schändungen jüdisch er F r i e d h ö f e i n Polen. .— Das „Institut zur Erforschung der Nationalprobleme in Polen" veranstaltete eine Enquete über die Position der jüdisch e n G e m e i n d e n , die an 654 jüdische Gemeinden verschickt und bisher von 245 Gemeinden beantwortet wurden. — Auf dem Warschauer jüdischen Friedhof kam die 58jährige Witwe Rosa Lichtenholz, die mit ihrer Tochter das Grabmal ihres verstorbenen Mannes besuchte, auf tragische Weise ums Leben. Im- Momente, da sie sich an den Grabstein stützte, kam dieser zum Stürzen und erdrückte sie zu Tode. Die Tochter wurde schwer verletzt. Bratislava. Bei einem Fußbalkmatch zwischen dem jüdischen „Makkabi" und einem nichtjüdischen Klub kam es zu antisemitischen Gewalttätigkeiten gegen die jüdischen Spieler. Die meisten Makkabi-Spieler sind verletzt und viele mußten ins Krankenhaus transportiert werden. Die Fortsetzung des Spieles wurde von der Polizei untersagt. Die Streitigkeiten brachen aus, als sich der nichtjüdische Sportverein von „Makkabi" besiegt sah. Angarn. Antideutsche und antijüdische Aussprüche im Prozeß Hatvany. B u d a p e st, 9. Mai. Das Gericht der Königlichen Tafel hat den Demokraten und Partioten Baron Ludwig Hatvany wegen angeblicher anti-ungarischer Tätigkeit als Publizist im Auslande zu vier Jahren Zuchthaus und 250.000 Pengö Geldstrafe verurteilt. Eine Haftentlassung gegen Kaution wurde abgelehnt. Der Verlauf des ersten wie des zwei- KAWETO Goethestraße 28 ♦ Telefon Römer 754 FEINE LEDERWAREN KOFFER REISEARTIKEL teil Prozesses Hatvany hat erwiesen, daß diese harte Behandlung, die dem in seiner Heimat zurückgekehrten ungarischen Partioten zuteil wird, aus seine jüdische A b st a m m u n g zu einem großen Teil zurückzuführen ist. Der Abgeordnete Dr. Baracz, der Verteidiger des Angeklagten, sagte in einem vierstündigen Plaidoyer, das auch oratorisch ein Meisterwerk war, u. a. wörtlich folgendes: „Warum wird dem Baron Hatvany zur Last gelegt, daß er sich mit Männern, wie Harden und Rathenau, gut verstanden hat? Kenner der deutschen Geschichte sind sich darüber im klaren, daß Harden ein intimer Vertrauensmann Bismarcks gewesen ist, und daß Rathenau als deutscher Bürger und Republikaner allen extremen Strömungen völlig ferngestanden hat. Allerdings, wenn sich Hatvany statt an diese Männer lieber an eine Verbindung der Hakenkreuzler, etwa an die Orgesch oder den Stahlhelm gehalten hätte, dann säße er vielleicht nicht hier auf der Anklagebank!" Baron Hatvany gab in seinem Schlußwort seiner innersten Herzensnot Ausdruck und legte dem Gericht noch einmal seine Unschuld und seinen Patriotismus dar. Es war vergebens. Es kam zu dem erwähnten grausamen Urteil, während sich — wie die Zeitungen melden — stummes Entsetzen auch auf den Zuschauerraum niedersenkte. Das ungarische israelitische Landeskomitee für Revision des Trianon-Vertrages. Budapest, 13. Mai. Das ungarische Telegraphen-Korrespondenzbüro verbreitet die folgende Meldung: „Das Ländesbüro der ungarischen Israeliten hat durch die an der amerikanischen Kossuth-Pilgerfahrt teilnehmenden Delegierten der Kultusgemeinden den Rabbinern und israelitischen Kultusgemeinden in Amerika, England und Frankreich ein in biblischem Stile verfaßtes, in hebräischer Sprache geschriebenes Memorandum zukommen lassen.' Das Memorandum legt unter Bezugnahme auf die in der jüngsten Vergangenheit in Siebenbürgen erfolgten blutigen Kundgebungen und Zerstörungsakte, die gegen das religiöse Leben und die Reliquien des sich zum Ungartum bekennenden Judentums gerichtet waren, die Ungerechtigkeiten des Trianoner Friedensvertrages dar. Die Denkschrift ersucht das Judentum im Westen Europas und Amerikas um Mitwirkung, damit der Ungarn ausgezwungene Friedensvertrag so schnell wie möglich einer Revision unterzogen werde. Die ungarische Uebersetzung des Memorandums wurde dem Ministerpräsidenten, Graf Bethlen, mit einem Begleitschreiben zugeschickt, worin das Landesbüro der Israeliten seiner Treue und Anhänglichkeit für den Ministerpräsidenten Ausdruck gibt. polen. Die bevorstehenden kehilorvahlen in Polen. War sch a u, 16. Mai. Die Wahlen für die Kultusgemeinden auf Grund des neuen Gesetzes stehen unmittelbar bevor. Wahlberechtigt ist nur derjenige, der mit einer entsprechenden Erklärung sich für die Wahl meldet. Die Agitation hat in den großen Gemeinden begonnen. Die Orthodoxie weih, was für sie von diesen Wahlen abhängt und ist mutig und tätig auf dem Plane. Es gilt zunächst all die Kräfte zu mobilisieren und' die Gleichgültigen aufzu rütteln, daß sie rechtzeitig ihre Wahlanmeldung einreichen. , ~ , Interpellation des Jüdischen Parlamentsklubs. Warschau, 17. Mai. In der letzten Sitzung des polnischen Sejm brachten die Abgeordneten Grün bäum und Hartglas im Namen des jüdischen Parlamentsklubs den Antrag ein, die noch aus'der-Zarenzeit herrührenden gesetzlichen Beschränkungen gegen jüdische Bürger, welche in den früher unter russischer Herrschaft gestandenen Teilen Polens noch