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Der Israelit · 1928-05-24 · Heft 21 (24.5.1928) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 21 (24.5.1928)
Date
1928-05-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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24. Mai 1828 Der Israelit Nr. 21 Teile 3 im Prozeßverfahren, auch im Leben und Wandel vor Gott wahre und falsche Zeugen. Zeugen, die wie eine Aussage der Gotteswahrheit wirken, und Zeugen, die wie eine Wegführung von Gott sich ausnehmen. -Die letzteren sind mitgekennzeichnet im neunten Gebot des Dekalogs, der heute aus der Thora zur Verlesung kam. ipv *pna myn Du sollst nicht Zeugenfchaft ablegen wider deinen Nächsten als lügenhafter Zeuge". Der Nächste des Menschen ist nicht nur der Mensch, es ist vielmehr noch vor dem Menschen Gott. Zeuge nicht wider den Menschen, deinen Nächsten, aber zeuge vor allem nicht wider Gott, deinen Allernächsten. Wer aber nicht für Gott zeugt, zeugt widex ihn, und wer wider Gott zeugt, zeugt unwahr. Sei Zeuge, sei Wahrheitszeuge, sei Gotteszeuge! Hüte dein Leben und dein Tun und sei nicht Lügenzeuge. I. Sei Gotteszeuge. Zum Muster des Menschen als Gotteszeugen hat der Ewige das Idealbild Israels hingestellt. r>nm ta*ai6 iv fn „Seht", ruft Gott, „zum Zeugen der Völker habe ich ihn (den Träger des Jsraelrmmens) bestellt." Gott hat den jüdischen Menschen aus dem Massentyp Mensch herausgehoben und ihn berufen, für ihn zu zeugen, ti anu hs? ans „Ihr seid meine Zeugen", spricht der Ewige zu den Israeliten. Wir Juden sind eine Gemeinschaft von Gotteszeugen. Gott nennt unsere Gemeinschaft .ms?' einen Verband von Zeugen. Jeder einzelne von uns ist ip- Zeuge, und alle zusammen sind wir ,Y73?' die Zeugenschaft. Jahrtausende sind vorbeigegangen; daß es einen Gott gibt, hätten die Menschen gewiß längst vergessen und verlernt, wir. Juden erinnern aber immer wieder frisch und neu daran und ziehen mit dieser Bestimmung durch Länder und durch Zeiten . Ein König, der ein großer Denker war, hielt an seinem Hofe einen berühmten Philosophen. Dieser suchte dem Herrscher auf verschiedene umständliche Arten den Beweis von Gottes Sein zu erbringen. Der König ward dessen überdrüssig. „Erbringe mir", sagte er eines Tages zu ihm, „den Beweis für Gott mit einem einzigen Worte." „Israel" antwortete der Gelehrte und der König war befriedigt. Schon die Tatsache, daß Israel, das schwache, kleine, ewig bedrohte, Israel, lebt und besteht, schien dem Philosophen Zeugenschaft zu sein, daß es einen solchen mächtigen, großen Gott geben muß, wie Israel ihn kündet. Aber die Antwort ist — so schlagfertig sie ist — dennoch zu korrigieren. Nicht in Israel an und für sich, liegt die Macht des Gottesbeweises, sondern in dem, was Israel eigentlich zu Israel macht, in der Gotteslehre, für die es zeugt, für die es lebt und duldet. miynVi mm1?' durch die Lehre für das Zeugnis. Durch seine Lehre wird Gott geistig offenbart, Israel aber macht Gottes Lehre offenbar und zeugt so für Gott. Gottes Sein durch Gottes Lehre, aber Gottes Lehre durch Gottes Volk. Längst glüht der Sinai nicht mehr in der Wüste, von seiner Spitze her hört man nicht mehr die Donnerstimmen herniederrollen, die weithin künden: Gott ist da. Die klangliche, überirdische Stimme ,der Gotteserscheinung schweigt, und kein persönliches Gegenüberstellen zwischen Mensch und Gott ist sichtbar, aber das Zeugnis, daß Gott war und ist und sein wird, ist uns in der Hand geblieben und macht uns zum lebendigen Gottbeweis, es heißt Thauro. an mim apsrn nnsr op’i „Ein Zeugnis stellte er auf in Jakob, die Lehre ward eingesetzt in Israel". Ein Israel ohne Thauro ist kein Beweis für Gott, ja selbst ein Israel mit der Thauro vermag noch kein solcher Beweis zu sein, wenn Israel nicht in seiner Thauro lebt und webt. Es verhält sich damit wie in der Legende von dem Königssohn in der Verbannung, dem keiner glauben wollte, daß er der Erbprinz sei. Er wies wohl oftmals die Schrift vor, die er als Ausweis mit sich führte und die die Handschriftzüge des Königs trug, aber vergebens. Seine heruntergekommene. Lebensweise stand in allzugrellem Widerspruch mit dem Zeugnis in seiner Hand. — Was nützt uns Gottes Zeugnis in der Hand, wenn wir es nicht in Anwendung bringen und es nicht durch uns selbst beweisen. Es können manche auch sonst im Leben die schönsten vortrefflichsten Zeugnisse vorzeigen, man wird ihnen immer mit einem Worte des Talmuds sagen: aaro ’sa kVi amsa „Aus ihnen selbst soll man die Zeugen beurteilen und nicht aus ihren Schriften." So manche Thorarolle steht im Schrein, aber sie hat keinen Platz im Herzen. Man hebt sie aus, man hebt sie ein, aber mit sich in der Seele trägt sie keiner. Die Thora im Schreine spricht noch lange nicht für uns, sie spricht wider uns. — mm *]i bw „Dort wird sie sein wider dich ein Zeugnis", hat Moses angedeutet, als er die erste Bei Kopfschmerz, Zahnschmerz Erkältung, Rheuma hilft Bestandteile: Phenac., Phenyldimethylp. || 4 Oft Acetylsai., Coff. ITI. I .Lll in allen Apotheken HeloiK Sefer Thauro in die heilige Lade legen ließ. Das Pergament mit dem Buchstaben der Schrift gehört allerdings in die Lade, der Geist der Thauro aber und ihre Verpflichtung gehört in die Häuser und die Schulen, in die Fabriken und Geschäfte, in die Gesellschaften und Vereine. Dann ist sie nicht ein Zeugnis wider uns, sondern für uns. Mancher mancher Gemeinde, fehlt trotz der Sefer Thauro das nns?' das Zeugnis, weil sie keine dhj?' keine Mitzeugen unter ihren Gliedern hat. Die narr 'U7> die unbeirrten, vom Truge des Lebens unbestochenen Zeugen der überlieferten jüdischen Wahrheit sind selten geworden in unseren Tagen, um so mehr aber sind überzählig zu finden die -»pw ns?' die Bezeuger und Verfechter von Täuschung und Schein. Zwischen Wahrheit und Trug liegt oft nur eine Grenze von Haaresbreite. Man überschreitet z. B. sie auch dann, wenn man sein Judentum wohl bezeugt aber ihm zuwider handelt. Eine Kluft des Widerspruchs tut sich dann auf und sie heißt: Lüge. Bezeuger des Judentums, wo immer du stehst, höre auf die Stimme des neunten Gebotes, bezeuge die Wahrheit und übe sie aus, sei nicht ein Zeuge des Widerspruchs, ein Lügenzeuge. (Schluß folgt.) Von der großen Rabbinerkonferenz in Wilna. In Zentrallitauen (das mit der Hauptstadt Wilna zu Polen gehört), mit seinen großen jüdischen Zentren gibt es zur Zeit der jüdischen Probleme genug, die der dringenden Lösung harren. Aus diesem Grunde kamen etwa 200 Rabbiner in Wilna zu einer großen Konferenz zusammen und faßten Beschlüsse, die entscheidend die jüdischen Dinge in Zentxallitauen beeinflussen werden. Im Präsidium sah man u. v. a. den greisen „Chofez Chajim" und Rabbi Chajim Oser G r o dz e n s k y. Letzterer hatte den Vorsitz und eröffnte die Konferenz mit einer Programmrede. Die Versammlung habe keinen politischen Charakter, sondern solle einzig und allein der Förderung der Thora dienen. Die Hauptsorge bilden die J es ch i w a u s, denen der „Joint" die Unterstützung zu versagen gedenkt. Dem „Waad Hajeschiwaus" wird es nunmehr obliegen, die Mittel aufzubrin gen und dieses Nervenzentrum des Judentums aus Eigenem zu erhalten. Nicht minder muß sich die Sorge und Tätigkeit den Chedarim und Talmud Thoraschulen zuwenden, die Inder Golah. Die Feier begann mit einem Festzuge mit Thorarollen, der sich von der großen sefardischen Synagoge bis zum Grabe bewegte. Infolge bestimmter Vorkommnisse in früheren Jahren wollte die Regierung im Einvernehmen mit den sefardischen Rabbinen den Umzug verbieten. Allein die sesardische Jugend ließ sich die alte Tradition nicht nehmen und bewirkte eine Rücknahme des Verbotes. Viele hohe Beamte waren bei der Mer anwesend. Sesardische Jugend wachte über die Ordnung mit größter Energie, so daß nicht die geringste Störung zu verzeichnen war/ Die Rabbinen leiteten die Feier mit Gebeten ein, worauf sich der Zug mit den heiligen Rollen, die im Blumenschmucke prangten, unter Gebeten und Psalmgesängen in Bewegung, setzte. Außerhalb der Stadt nahmen mehrere Automobile die Ehrengäste mit den heiligen Rollen aus. Am Abend wurde nun das übliche Feuer angezündet. Ganz Tiberias war auf den Beinen. Man sah um das Grab herum Jemeniten, marokkanische, syrische und europäische Juden, Juden aus Turkestan, Kurdistan und aus Persien. Jede Gemeinde hatte ihre eigenen Gesänge und ihre eigenen Tänze. In einem Ehrenraum wurden die hohen Beamten und Gäste empfangen und bewirtet. Ganze Scharen von Arabern kamen hinzu, gerieten in Ekstase und führten dann ihre eigenen Tänze zu Ehren der jüdischen Nachbarn und ihres großen Toten auf. Brief an den Israelit! Lieber Israelit! Ich weiß nun gut, wie man Rhabarber kocht, auch weshalb man am Schewuoth keine Karpfen essen soll. Du glaubst wohl, daß ich, dem, „Wink" der Gasgesellschast folgend, eine Kochstunde genommen habe, du irrst dich. Ich war bloß zum Rausch-Chaudesch-Benschen in die Synagoge gekommen. Doch so sehr sich auch die klangvolle Stimme des Baal Kore bemühte, mich über i den erhabenen Priesterdienst auszuklären, ich muhte immer wieder von Kalbs- und Gänsebraten hören, so daß ich in diesem Zwiespalt fast zu der Auffassung kommen mußte, daß die Opfer in zubererteter Form zu bringen waren. Meine schöne Nachbarin begnügte sich nicht, mit der ihr Nächstsitzenden ihre anregende Unterhaltung zu führen, nein, sie wandte sich auch an Bekannte an entlegeneren Plätzen, damit auch diese etwas Interessantes erfuhren. Nach und nach füllten sich die Reihen. Hinter mir wurden mir die Vorgänge der neuen Hutmode klar gemacht. Bald war ich auch über die neueste, noch nicht offizielle, Verlobung unterrichtet. Das reizend aufgeputzte Kind einer weiteren „Andächtigen" wurde mit allerlei sühen Worten bewundert. Doch plötzlich wurde es still um mich her. Der Chasson sprach die Keduschoh, und alles erhob sich. Der Faden des Gesprächs meiner lieben Umgebung war aber nur kurz unterbrochen, rasch wurde der Knoten wieder geschürzt, und es ging weiter.Jmmerhin schien endlich alles Wissenswerte berichtet und ausgetauscht zu sein; denn vor ps verließen die treuen Beterinnen in gehobener, freudiger Stimmung die Synagoge. Wer also billige, abwechslungsreiche Unterhaltung sucht, versäume nicht, den Gottesdienst am Schabbos. Tempora mutantur. Es ist noch nicht allzulange her, daß es in den Kreisen unsrer liberalen Brüder, ja, bis in die Reihen der halb oder dreiviertel assimilierten konservativen Kreise Mode war, über die altmodischen Gepflogenheiten der Orthodoxie hinsichll:ch der Versorgung der Kinder bei der Eheschließung die Nase zu rümpfen. Das ganze Institut der „Schadchonim" sah man als Ueberbleibsel einer sittlich minderwertigen, „mittelalterlichen" Familienkultur an, und nun gär die von unsren Aktvordern aufs höchste gepriesene Mizwas Hachnosas Kollo, die „künstliche", mit allen Mitteln väterlicher oder mütterlicher Energie ins Werk gesetzte Hausesgründung auch bei schlechter sozialer Lage galt unsren modernen Sozialpolitikern und Sozialpolitikerinnen geradezu als ein Verbrechen gegen alle ökonomische Vernunft und allen sittlichen Fortschritt. Die Erfahrung hat nun wieder einmal in überwältigender Eindringlichkeit gezeigt, daß unsre Alten recht, und unsre Modernen unrecht hatten. Jetzt gründen die Modernen „ Frü he h e -Ka ssen ", um dem Aussterben der deutschen Juden entgegenzuwirken, und ein leibhaftiger Unioersitätsprofessor, der ganz außerhalb des gesetzestreuen Judentums lebt, fordert zur Gründung einer — „gemeinnützigen jüdischen Ehevermittlungsstell«" auf. Herr Sanitätsrat Dr. Hanauer in Frankfurt veröffentlicht in de» Blättern nachfolgenden Aufruf: „In Vorträgen und Aufsätzen hat der Unterzeichnete auf die Notwendigkeit der Errichtung einer gemeinnützigen jüdischen Eheoermittlungsstelle hingewiesen. Er sieht darin ein geeignetes Mittel, um der jüdischen Chenot der Gegenwart zu steuern, die ständig sinkende Ziffer der jüdischen Eheschließungen zu heben, zahllosen tüchtigen jüdischen Mädchen, die heute aus äußeren Gründen nicht zur Verehelichung gelangen können, und damit ihrer natürlichen Bestimmung entzogen werden, zur Verehelichung zu verhelfen: vor allem aber sollte die gemeinnützige jüdische Ehevermittlungsstelle berufen sein, die bedrohlich anwachsende Zahl der Mischehen, die ernstlich den Bestand des Judentums gefährdet, einzudämmen. Nachdem mir von verschiedenen Seiten Zustimmungserklärungen zugegangen sind, und die Gründung einer derartigen Institution als eine Notwendigkeit bezeichnet wurde, beabsichtigte ich nunmehr an die Ausführung des Planes heranzutreten. Ich bitte daher alle, Männer und Frauen, welche sich für die geplante Institution interessieren und dieselbe zu unterstützen geneigt sind, mir ihre Adresse mitzuteilen, sowie Anregungen und Wünsche bekanntzugeben, wie ich zu weiteren Auskünften gerne bereit bin."

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