Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1928)
- Date
- 1928-05-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Der Israelit 24. Mai 1928 weite 2 Nr. 21_ schäften der Zeit — die Stimme, die in der Völkerwüste ihre sieben oder siebenzig Variationen, nach Kultur und Geschichte und Lebenseinstellung des betreffenden Volkes, erhielt. In all diesen Abarten aber, so sie wahre Heilesbotschaft der Menschheit verkünden, bleibt unverleugbar und unverkennbar die G o t t e s st i m m e hörbar N22 '1 Viele dieser Klänge werden ertönen müssen, bis sie sich alle in der von unserem Midraschwort vorausgehörten Völkersymphonie des Gottesfriedens finden: ns ‘prr 'T lVochenrundschau. Die Reichslagswahlen. Die Einzelheiten der Wahlen sind den Lesern aus der politischen Tagespresse bekannt. Wir wollen nur über das Gesamtbild sprechen. Die Sozialdemokratie Zieht mit großer Verstärkung in den neuen Reichstag ein, die Deutschnationalen beträchtlich geschwächt. Das Zentrum behauptet wie immer ungefähr seinen alten Bestand. Die Demokratie bleibt gering an Kraft und Zahl im neuen Parlamerite. Dagegen hat die D e u t s ch e Vo^lkspartei einen kleinen Zuwachs zu verzeichnen. Die Kommunisten werden mit gesteigerter Kraft ihren Willen zum Ausdruck bringen. Und demgegenüber erhielten die Nationalsozialisten, bisher eine gar nicht ins Gewicht fallende Radaugruppe, einen großen Stimmenzuwachs und werden mit ungefähr fünfzehn Mandaten politische Lebenskraft besitzen. Nach der moralischen und praktisch-politischen Seite gewertet, bekommt für uns der neue Reichstag ein doppeltes Gesicht. Es ist tief deprimierend, daß die radikale Rechte, Gruppen und Grüppchen, die von Haß und Hetze leben und mit einem Emblem, das so häßlich ist wie ihre schwarze Seele, einem Symbol ihres Wotan sogar unsere Friedhöfe schänden oder die Schänder decken, eine solche Stimmenzahl im deutschen Volke erhalten konnten. Noch werden sie G. s. D. die deutsche Politik nach innen und■ außen nicht erkennbar beeinflussen. Aber ihr „moralischer" Gewinn bedeutet einen s ch w e - renSchlagfürdiepolitischeundsittl i ch e Moral und gibt auf alle Fälle zu denken. Eine p r a k t i s ch e P o l i t i k des Reichstages wird bei der neuen Konstellation nur mit der Sozialdemokratie und den rechts von ihr stehenden Parteien bis zur D e u t f ch e n V o l k s- Partei denkbar unÄ möglich fein. Das könnte Land und Volk zum Segen gereichen, wenn die Volkspartei ganz vom Geiste ihres Führers Dr. Strefemann durchdrungen wäre. Wenn!, ja, wenn . . .! Gesetze der Mode. Der Sommer mit seinen Ferienreisen und seinem Bäderleben beginnt. Für uns wird er mit dem Feste der Gesetzgebung eingeleitet. Wäre aber und bliebe das S i n a i g e s e tz Ausgangspunkt unseres Sommerlebens, man hätte weniger über die dem Thorageiste und oft allen Zniusgesetzen hohnsprechenden Somermoden in der Gewandung, denen sich leider auch das jüdische Weib zumeist willig fügt, zu klagen. Ein rechtes Wort zur rechten Zeit scheint uns das Schreiben einer jüdischen Frau aus Kopenhagen, das wir hier wörtlich wiedergeben: Eine Frage an meine orthodoxen Schwestern! Sind die Gesetze der Mode wirklich heilig?! — Stehen diese tatsächlich höher als die Gesetze der Tauroh?! — Man sollte es fast meinen! Obgleich unsere lieben, frommen Schwestern mit der anscheinend geringsten Kleinigkeit, die das Kafchrus betrifft, sich beim Raw Aufklärung holen, so habe ich noch niemals gehört ,daß auch nur eine unter Vielen beim Raw angefragt hätte, wie wir, jüdische Frauen, uns zu der heutigen, u n jüdischen Mode stellen sollten! — Oder sollten unsere gut jüdischen Frauen wirklich nicht einsehen können, daß die, jetzige Mode — unjüdisch ist? — Ich kann es kaum glauben! Die Scheu, nicht als rückständig, als altmodisch betrachtet zu werden, ist wohl die Ursache des Uebels. — Aber leider verkennen unsere lieben gottesfürchtigen Damen, als Glieder des heiligen, a u s - erwählten Volkes, vollkommen ihre Aufgabe, vollkommen ihre Pflichten gegenüber dem Juden«- tum, das von uns fordert, mustergültig, beispielgebend für die anderen Völker zu sein! — Das grandiose Bauwerk unseres Judentums hat als Fundament die göttliche Offenbarung, als Grundsäulen Thorastudium, Gottesdienst und Wohltätigkeit, und als Stockwerke und Fassade die reine Sittlichkeit, die Keuschheit, die Schamhaftigkeit. Natürlich kann kein Stockwerk ohne Unterbau errichtet werden, deshalb ist mein Appell nicht an die Kreise gerichtet, die die Grundpfeiler des Judentums niedereißen, sondern an die, die sie stützen und mit Aufopferung erhalten wollen: Schont und hütet doch auch die Stockwerke, die Fassade! Stockwerke ohne Fundament kann man sich nicht denken, aber ein Fundament ohne Aufbau ist auch nur eine halbe Sache! — Bringen wir freudig unserer heiligen Tauroh dieses — Opfer — und rufen wir zu msia© aus: vnmi nvvi ' * Frau C. W. Wir haben dem nichts anderes zuzufügen, als den Wunsch, dieser Appell einer gut Wisch denkenden und fühlenden Frau möge in weitesten jüdischen Kreisen gehört und beachtet werden.! Gotteszeugenschaft. Sch'wuausgedanken zum neunten Gebot? Von Dr. Adolf Altmann, Oberrabbiner in Trier. Schwuaus ist gekommen, der Sommer ist da! Aus tausend Kehlen geht der Ruf und schwingt hin in Worten und Tönen, im Rauschen und Raunen, in Winken und Zeichen. Der Sommer ist da! Der Tag erzählts dem Abend, die Nacht dem Tage. Die Sonne sagts dem Monde, der Mond den Sternen. Die Morgenröte den Tälern, das Abendglühen den Bergen. Der Vogel auf dem Zweige zwitschert es den Bäumen vor, der Wald rauscht es hinaus in Luft und Wind. Die Tiere, klein und groß, Wurm und Käfer, alles, was sich regt und wirkt, ruft einander zu das Wonnewort: Der Sommer ist da! Freue dich'des Lebens, Genosse des Lebens, der du noch atmest, fei's Mensch, sei's Tier, sei's Pflanze und Blume, der Sommer ist da! Aber was ist Sommer? Sommer ist, was Schwuaus ist, — Offenbarung. Mit tausendfach beredter Zeugenschaft offenbart tausendfach pulsierendes Leben den Urgrund des Lebens — Gott. Sommer ist jährliche Wiederkehr der Wunder des Sinai; ist lebendiger, strahlender, glühender, triumphierender, heiliger, ewiger Beweis für Gott. Schließt David seine Psalmen mit dem Aufruf: „Alles was Odem hat, lobe den Herrn!", der Sommer am Schwuaus hebt seine Hymnen damit an. Ja, der Sommer ruft noch mehr als das; er ruft: „Alles, was Odem hat, künde vom Herrn; alles was Odem hat, weife hin auf ihn!" Zwar ist es immer die Aufgabe aller Wesen ipns'i dri'NV im'' ihre Zeugenschaft abzulegen und zu rechtfertigen ihren Sinn als Beweise für Gottes Sein. Aber wenn der Sommer da ist, der Höhepunkt alles Lebens in der Natur erreicht ist, tritt der Aufruf zum Gottesbeweis besonders deutlich bemerkbar, laut und feierlich hervor. Alle Wesen spricht er an, vor allem aber das am meisten begnadete und bevorzugte aller Wesenskinder der Natur — den Menschen. Er, der im Ebenbilde Gottes geschaffene Mensch, soll mit jedem Atemzug, mit jedem Flug der Gedanken, mit jeder Tatübung der Hand, mit jedem Schritt seines Fußes, mit jedem Laut seines Mundes Zeuge sein für Gott und Hinweis auf ihn. Aber ach, von allen Wesen der Natur hörte grade er, der am besten zu hören Vermögende, am wenigsten darauf, bemerkt gerade er, der sonst am schärfsten Beobachtende, am wenigsten den Wink. Nicht alle Menschen erweisen sich, wie es sein sollte, als Gotteszeugen. Es gibt, wie vor dem irdischen Richter Wasser, Feuer, Wüste. Von Rabb. Dr. H. Gescheit in Pohrlih (Mähren). Der sm» sagt, Israels Lehre, die zur Lehre der Menschheit geworden, wurde gegeben 121021 c*n *a-aa im Wasser, im Feuer und in der Wüste, sterbenbringende Elemente und ein von tausend Gefahren umkreister Ort, aber der von Gott eingepflanzten Lebenskraft der nun haben sie nicht geschadet. Sie blieb und sie bleibt — um an dem vom Midrasch gewählten Bilde festzuhalten — wasserdicht im giftigen Treiben glaubensfeindlicher Strömungen, feuerfest, wenn die Frevlerhände der Leugnung die Brandfackel gegen ihren Tempel schleudern und unverwüstlich auch in der Wüste, die ein für das Saatkorn des Gotteswortes unempfängliches, verödetes Menschenherz darstellt. Denn warum wird der am Sinai gehißten Fahne der Religion von so vielen in unserer Zeit die Gefolgschaft gekündigt? Weiß der Mensch heut vielleicht mehr vom Himmel, den er leugnet, als vor taufend und tausend Jahren? Mit Nichten! Wohl hat er der Maschine Flügel gegeben und ist in die Wolken gestiegen, doch wäre es eine Verstiegenheit, wenn er behaupten wollte: ich habe die Höhen der Höhen durchsucht und weiß sicher, daß es den Höchsten dort, Gott, nicht gibt. Oder meint er zum Leugnen eben berechtigt zu fein, weil er den Herrn weder oben noch in den Tiefen unten mit Augen gesehen? Ja, hat sich die Seele jemals seinem fleischlichen Blicke gezeigt und möchte er vielleicht deswegen behaupten, daß wir nur Staub und Asche, «unser Denken und unser Fühlen, unser Laufen und unser Stillstehen, unser Wille und unser Handeln, unsere Liebe und unser Haß bloß Haut und Bein sind? Allerdings ist dies die Hauptlehre des sogenannten philosophischen Materialismus, doch muß diesen heute bei den sonstigen Folgen des Sitzenbleibens jeder höhere Schüler einer Mittelschule nach den Regeln der Logik und des wissenschaftlichen Denkens widerlegen können. Die Seele ist eine gegebene Tatsache und kein Lebendiger hat sich zum Toten in den Sarg hingelegt, daß er sprechen könnte: sie lebt nicht im Jenseits. Er lag auch nicht mit gereiftem Verstand im Mutterleib, um uns das Wunder des Werdens zu deuten, eine Schöpfung ohne Schöpfer, ein Sein ohne Ewigseienden unserem Begreifen näher zu bringen, Fragen, auf die nur Gottesmund, aber Menschenmund nicht antworten kann, starren uns aus allen Ecken an. Die Welträtsel, sie hat nur ein längst entlarvter Betrüger gelöst ,der Ehrliche spricht die großen Worte eines großen Gelehrten nach: wir wissen nichts und wir werden nichts wissen. Wir sind uns selbst ein Geheimnis, für Sehen und Begreifen, verschlossen, verriegelt, versiegelt, doch das eine ist gewiß, daß in der eingangslosen, vermauerten Stube, die der Mensch nach dem durch den Dichter des Golem populär gewordenen kabalistischen Bilde darstellt, eine unerforschte, unerforschliche, mächtige Kraft wohnt, die das tote Tongebikde, Körper und Leib, belebt und bewegt und die wir Seele nennen. Und die Seele des Alls, die übermächtige Kraft, die die Welt geschaffen und erhält und, allem, was auf Erden ist, den Atem eingeblasen, nennt die Religion Gott, betet ihn an, obwohl unsichtbar, weil er sich der Seele gleich mittelbar, durch sein Wirken, zu erkennen gibt. Und nicht etwa der Umstand, daß der Mensch unserer Zeit über die in tiefstes Dunkel gehüllten letzten Dinge mehr wüßte, als sein Artgenosse in früheren Jahrhunderten, läßt ihn am Tempel dieses Gottes gleichgültig vorübergehen, sondern einfach die Sinnesrichtung, der die .Sinne allein die Richtung bestimmen, die nur danach fragt, was durch diese sich wahrnehmen läßt, kein Interesse hat für die höheren Fragen des Seins, welchen man durckr abstraktes Denken näherzukommen sucht, nur leben uno sich ausleben möchte ohne Lebensanschauung, die Welt nutzt ohne Weltanschauung, die Gegenwart genießt ohne über die Vergangenheit, des Menschen Herkunft, zu sinnen und sich durch Fragen über die Zukunft, Zweck und Ziel des Daseins, in der Hast nach dem Genuß des flüchtigen Tages nicht beirren läßt. Und würde das bloß mit den Sorgen des Tages allein beschäftigte Haupt auch über Fragen der Ewigkeit Nachdenken, müßte es zustimmend zu den Worten des Dichters nicken: „Zwischen Himmel und Erde gibt es der Dinge mehr als es sich Eure Schulweisheit träumen läßt." (Schluß folgt.) kleines Feuilleton. Die Feier für Rabbi Meir baal Hanetz. Die Feier für Rabbi Meir baal Haneß, in und bei Tiberias, findet nicht, 'wie die in Miron für Rabbi Schimeon den Jochi am Lag beaumer, sondern am 14. J ja r statt. Viele Hunderte waren auch dieses Jahr an diesem Tage in Tiberias- undam Grabe des Rabbi Meir in der Nähe der Stadt anwesend. Von rveit her kamen die Gäste, aus allen Teilen Palästinas wie