Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1928)
- Date
- 1928-05-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2450495-2450514--74964-2532463- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
r ( Lr(7* DM 1Kullml »in \ij t}, ÜL . Zum neuen »Joseph Omez". Zur ersten Jahrzeit von Eli Michael am 1. Siwan (20. Mai 1928) erscheine im Hermon-Verlag Frankfurt a. M. — herausgegeben von den Söhnen — eine neue Ausgabe des „Joseph Dm« z", was bei der Tatsache, daß die alte Ausgabe seit Jahren vergriffen ist, in weiten Kreisen mit großer Freude begrüßt werden wird. Die neue Ausgabe ist in modernster Aufmachung hergestellt, mit Bemerkungen, und Randglossen und einem geördneten Inhaltsverzeichnis versehen. Einleitend bringt die neue Ausgabe eine Biographie des Verfassers, Rabbi Joseph Juspa Hahn, in hebräischer Sprache. Aus Anlaß dieser Neuausgabe und der Jahrzeit bringen wir diesen Aufsatz, der das Verständnis für die Eigenart des „Joseph Omez" zu erschließen sucht. Wenn man die großen Werke der jüdischen Gesetzesliteratur in ihrer zeitlichen Aufeinanderfolge betrachtet, so kann man beobachten, wie sie sich in Form und Aufbau immer mehr den Bedürfnissen des praktischen Lebens angepaßt haben. Während die'Ina* ihrer ganzen Form und Anlage nach es unmöglich macht, sich über die ü'i'n auf irgend einem Gebiet des täglichen Lebens in kurzer Zeit zu orientieren, kommt der Rambam durch feine große Systematik im niwa mm diesem praktischen Bedürfnis schon sehr entgegen, und die späteren Werke, vor allem der ■jiiy ]nbw haben dann sein System weiter ausgebaut. Aber trotzdem sind diese Werke für die Praxis meist zu eingehend und zu weitläufig und so haben sich neben dem *]nsr die kurzen praktischen halachischen Werke wie der crm "N und der jrrtw *v«p immer mehr eingebürgert. Ein Buch ganz von eben dieser Art ist das von dem Frankfurter Dajan Juspa Hahn im Anfang des 17. Jahrhunderts — noch nicht hundert Jahre nach dem! fra — verfaßte Werk I. .£>. In seinem Hauptteil bringt es die gebräuchlichen er»in, in einem zweiten Teil kleine Abhandlüngen über das Kalenderwesen, über „Lernen", Erziehung, Gottvertrauen, Wohltätigkeit, über Gastfreundschaft, Aberglauben, Namengebung.der Kinder und vieles andere noch. Ganz zu unrecht gilt es oft als Frankfurter Minhag- Sefer; bringt es ja meist den allgemein gültigen Din, hie und da nur auf den Minhag hinweisend wie er in Frankfurt oder anderen deutschen Gemeinden üblich war. Allerdings etwas unterscheidet ihn, zu seinem Vorteil und zu seinem Nachteil auch, von den oben erwähnten Werken. Das Buch ist angelegt nach dem im *]m üblichen System, indem die Q’ri wie sie der Tag vom Morgen bis zum Abend mit sich bringt, der Reihenfolge nach behandelt werden und dann das Jahr von bis ‘hk* Aber er durchbricht dieses System öfters, behandelt dadurch zusammengehörige Dinge an verschiedenen Stellen und erschwert so dem Lernenden das schnelle und sichere Auffinden (diesem Uebelstande haben die Herausgeber durch die Ausarbeitung eines ausführlichen alphabetischen Registers abzuhelfen gesucht.) Auf der anderen Seite ab er., bringt diese Nichteinhaltung des Systems einen großen Vorteil mit sich: Has Werk gewinnt dadurch sehr an Lebendigkeit; während der T® ‘V'X’P und der vix "n in strenger, aber auch etwas trockener Sachlichkeit p an p und Paragraph an Paragraph reihen, zitiert I. O. häufig dies und jenes Werk und nimmt Stellung dazu, er erzählt, was er selbst über die Ausübung des eben behandelten p da oder dort gesehen, er gibt Gründe an für einen p oder *ma oder kämpft gegen Mitzstände, die eingerissen oder Unachtsamkeiten, die aufgekommen sind. Besonders zahlreich aber sind interessante Bemerkungen über die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Zustände seiner Zeit eingestreut. Man kann sich, wenn man dieses Buch liest, ein gutes Bild machen von der Zeit, in der I. O. lebte. Wenn er — um nur ein Beispiel zu nennen — an einer Stelle (v'ipn p^o) schreibt: . . . „und besonders in diesen schweren Zeiten, da die Teuerung groß ist und der Lohn wie nichts weggeht," so erhellt diese eine Bemerkung die ganzen schweren wirtschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit. Aber noch schwerer und trüber sind die politischen Zustände, in die er uns hineinblicken läßt. „Während ich diesen Abschnitt über paa schreibe," so lesen wir in seinem Buche, — es ist kurz vor Purim des Jahres vsw (1629) — kommen Schreiben aus Wien von überaus schlimmen Dingen, die man gegen uns plant, daß beim bloßen Hören der Kunde unser Inneres zittert . . ." In diesen Zeiten kam sein Lieblingsschüler zu ihm, so berichtet er weiter, „in Kummer und Schmerz, verstört und verwirrt und sprach zu mir: „Alles, was man verlangen wird, kann ich mit Liebe ertragen, den Verlust von Geld, ja, den Verlust des Lebens sogar . . . aber ich fürchte, daß man Schmerzen über uns verhängen wird und deshalb sorgt mein Herz sich Tag und Nacht, denn ich bin sehr verzärtelt von Jugend auf." Da Hub ich an und sprach zu ihm: „Zage darüber nicht, denn es ist eine wahre Ueberlieferung in unseren Händen, daß die, die geprüft werden, den göttlichen Namen zu heiligen, die Leiden.nicht fühlen, wenn sie nur fest entschlossen sind, in..der Prüfung zu bestehen, seien dann die Schmerzen auch noch so groß!" Wie schlimm müssen die Zeiten gewesen sein, wenn der Schüler mit solchen Besorgnissen zu seinem Lehrer kommt! Auch von dem bekannten Vincenz Fettmilch- Aufstand im Jahre 1614, in dem fast die ganze jüdische Bevölkerung Frankfurts vertrieben wurde, weiß I. O. zu berichten; (i"2prm''vchat er ihn ja selbst in allen Phasen miterlebt. Und wie schildert er die Freude, als sie von kaiserlichen Kommissaren mit großen Ehren wieder in ihre Vaterstadt zurückgeführt werden. Zur Erinnerung an dieses frohe Ereignis bestimmte man, — I. O. wirkte dabei selbst mit — den Tag der Rückkehr (20. Adar) unter dem Namen Purim Vincenz zum Freudentag für die späteren Geschlechter. (paix *ioi’ r^nn p’o und trwnn)‘. Von sich selbst berichtet er in seinem Werke wenig, fast nur in der Vorrede erfahren wir einiges über ihn.' Er entstammt einer angesehenen Familie. Sein Vater war ein aan Ta^n und von seinem Großvater erwähnt er mehrmals, daß er *vq’X n'bv war, aber, wie er ausdrücklich betont '2sa inin'vn^' „wegen seiner Frömmigkeit, nicht der angenehmen Stimme wegen". In seiner Jugend „lernte" ,er viel, sogar die „Nächte auf meinem Lager", wie er selbst in der Vorrede seines Buches erzählt. Er heiratete die Tochter des Vorstehers, und da sein Schwiegervater für ihn sorgte, konnte er sich weiter ganz dem Studium widmen und sich ein großes Wissen aneignen. Er wurde Mitglied des nn der Frankfurter Gemeinde und stand mit dem n"b& nachdem dieser natty px ^>x-!L>' ausgewandert war, in brieflichem Verkehr über halachische Fragen. Der rra erwähnt ihn mehrmals. In den schweren Zeiten, die damals über die Gemeinde hereinbrachen, als „alle Hände ermatteten und alle Herzen erschlafften", in dieser Zeit, als alle den Mut verloren hatten, sehen wir Joseph Hahn in der ganzen Größe seines Gottvertrauens: wenn man die wunderbare Unterhaltung mit seinem Schwiegervater liest, die er selbst in seinem prmn ps wiedergibt, so sieht man, daß er das Gottvertrauen, über das er in feinem Werke so ausführlich schreibt, selbst im höchsten Maße besaß. Und er wurde nicht getäuscht in seinem Vertrauen, das Unglück ging vorüber. Bald aber kamen neue Gefahren für die Gemeinde und wieder steht Joseph Hahn nicht abseits. Wohl verhielt man sich in früheren Zeiten äußeren Gefahren und Unglücken gegenüber anders als heute; man suchte ihre Ursachen weniger bei den anderen, sondern mehr bei sich, in den eigenen Fehlern, die man Gott gegenüber begangen hatten und man tat mwrv So versammelte denn auch damals I. H. seine Freunde und Schüler um sich und hielt sie an,,i2iVN zu nm, „vielleicht wird Gott uns helfen und wir werden nicht untergehen". In der Einleitung zu seinem Buche erzählt er, was für besonders stenge Maßnahmen sie sich auferlegten und welche große Taten von mium in diesem Kreise damals vollbracht wurden.; Auch in den ruhigeren Zeiten, die dann folgten, steht I. H. mit an führender Stolle in der Gemeinde. Interessant ist, daß er,- wie er selbst erzählt, (f. Vorrede von I. H.) der Gründer der -cnrian ovriö wnvn ^aH.riv d. h. unserer heutigen man war; auch berichtet er über die Verhältnisse, die ihn zu dieser Gründung veranlaßten. — In der Armenunterstützung verlangt er, daß sie so organisiert, sei, daß die Armen nicht beschämt werden und er erzählt eine schöne Legende von einer armen Frau, die nach ihrem Tode vor der Synagoge erschien und darüber Klage führte, daß die Armen^ sich so sehr entwürdigen mußten, worauf man die Mißstände beseitigte. Auch die Kabbala war I. H. nicht fhemd und öfters führt er in seinem Buche kabbalistische Gründe für eine Lesart in der Tefillah an. Möge die neue Ausgabe des I. O. zur Verbreitung von ruh’trmn beitragen, zur Erreichung de r Höhe, zu der der Verfasser seine Generatton hinaufführen wollte. ■; ‘ —-l. ii «-