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Der Israelit · 1928-05-17 · Heft 20 (17.5.1928) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 20 (17.5.1928)
Date
1928-05-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 20 Der Israelit liche religiöse Leben des Juden einschneidet. Aber den Ausschlag muß letzten Endes folgende Erwägung geben: Steht uns als orthodoxen Juden die unverkürzte Erfüllung des unser Leben tragenden Gottesgesetzes höher als alle'sonstigen idealen und materiellen Güter des Daseins, ist uns die Erziehung unserer Kinder zu echter jüdischer Treue im Milieu der konfessionellen jüdischen Schule schlechtweg ein Lebensbedürfnis in Gegenwart und Zukunft, dann scheint es uns ebensowohl sittliche Pflicht, als Gebot nüchterner politischer Vernunft zu sein, Wochenrundschau. Der Rassenparagraph des „Norddeutschen Lloyd Wie gut erinnerlich, hatte es vor einem vor allem diejenige Partei zu bevorzugen, die Jahre in jüdischen Kreisen einige Aufregung verw eltanschaulich für diese unsre jüdisch-jur, acht, daß auf Grund einer Verordnung des orthodoxen Postulate das tiefste Verständnis hat, j amerikanischen Einwanderungsamtes der „Nord-, das Zentrum. Daß es auch im Zentrum an deutsche Lloyd" und die „Hamburg-Amerikaantisemitisch eingestellten Politikern und Strö- 'Linie" von deutschen Juden, die nach Amerika ausmungen leider nicht fehlt, ist unbestreitbar — : wanderten, die Ausfüllung der Rubrik „Volksaber diese Strömungen haben noch nie einen und Rassenzugehörigkeit" auf dem Fragebogen rmt entscheidenden, Ausschlag gebenden Einfluß ge-! "Hebrew" (Hebräer) verlangten. Der C e n t r a lwonnen, und sie befinden sich von vornherein im > v e r e i n hielt sich für zuständig und berufen, Gegensatz zu der erst in der allerjüngsten Zeit gegen diesen „Rassenparagraphen" mit schwerem vom päpstlichen Stuhle ausgegebenen Parole.! Geschütze vorzugehen, und es gelang ihm, wie Das Zentrum als solches will unser Recht, muß wir in jüngster Nummer berichten konnten, eine es wollen aus Prinzip und eigener Lebensan- .Aufhebung oder Einschränkung der Verordnung es eigene religiöse be-,m amerikanischen Einwanderungsamte zu beschauung, nicht zuletzt, weil es eigene religiöse Rechte gegen eine große Majorität zu hüten und zu schützen hat. Tatsächlich ist der Schutz unserer religiösen Rechte bei der Zentrumspartei schon geradezu Tradition, und wir bedürfen dieses Schutzes jetzt mehr denn je, angesichts der Fragen, die auf der Tagesordnung stehen oder auf Betreiben gewisser Faktoren demnächst stehen werden. Ohne daher die Verdienste der Demokratie und der Sozialdemokratie im neuen Deutschland um die Konsolidierung des Reiches und den Ausbau des in gleicher Weise auch die jüdische Bevölkerung umfassenden Rechtsstaates im mindesten verkennen zu wollen, muß es doch um der Wahrheit und Gerechtigkeit willen ausgesprochen werden, daß für die jüdische Orthodoxie in Deutschland eine möglichst kräftige und entschiedene Ün- * wirken. Nach dieser Neuordnung ist es dem deutschen Juden überlassen, die Frage nach seiner Rassenzugehörigkeit auf dem Formulare mit „Hebräer" oder „Deutscher" oder sonstwie zu beantworten. Die Religion kommt dabei nicht in Betracht. Immerhin könne es Vorkommen, daß, wenn persönliche Merkmale oder mangelnde Beherrschung der deutschen Sprache der Bezeichnung als „Deutscher,, entgegenstehen, die Eintragung von den Beamten mit „Hebrew" richtiggestellt wird. Wir meinen, die ganze Sache verdiente von vornherein nicht die Bedeutung, die ihr vom Centralverein beigemefsen wurde, zumal, wenn man bedenkt, daß der „Hebrew" in England und Amerika keineswegs den üblen Beiklang hat, den in Ländern des engherzigen Judenhasses die ierstützung der Zentrum-Partei die natürliche!g™öe dem Ramen "Jude" gegeben haben. Die Linie eines vernunftgemäßen politischen Verhaltens darstellt. Möchte der Wahltag dem deutschen Volke ein Tag des Segens werden, ein Tag des Erwachens aus wüster politischer Verirrung, ein Schrittchen vorwärts wenigstens dem unausbleiblichen Siege der wahren inneren, sittlichen Freiheit entgegen. Rassen- und Volkszugehörigkeit will das amerikanische Einwanderungsamt, wie es wiederholt erklärt hat, lediglich zu st a t i st i s ch e n Zwecken feststellen. Hat man aber einmal aus der Sache so viel Wesens gemacht, dann können wir allerdings nicht einsehen, wie diese Konzession einen Erfolg darstellen soll. Es ist dem Juden freigestellt, sich rassisch zum Deutschtum oder zum Judentum zu bekennen! Schon an sich ein blühender Unsinn nach dem Rassenbegriss, wie er hierzulande die Vorstellung der Menschen beherrscht. Dann: „Wenn besondere Merkmale oder die Sprache des Ausreisen- 17. Mai 192H den sich mit der deutschen Eintragung nicht in Einklang bringen lassen." Mit anderen Worten: wenn dem Herrn Beamten die jüdische Nase oder die Sprechweise, vielleicht nur die Tonfärbe der Reisenden nicht gefällt. Und hier, so glauben wir, beginnt erst der tiefverletzende Charakter der Bestimmung, dann nämlich wenn der Beamte nach eigenem Befinden die Eintragung gegen den Willen des Reisenden, ändert und damit dessen Deklarierung Lügen straft. Ein Weg für unbegrenzte Schikanierungsmöglichkeiten eröffnet sich einem heiligen Bürokratismus, der in der alten Verordnung nicht gegeben war. Wo liegt somit der wirkliche Erfolg der großen und langwierigen Bemühungen des Centralvereins? Eine neue Attacke auf den Ehe-er in Polen. In Sowjetrußland sind es die^NV"Vvi von der Jüdischen Sektion, die gegen den Cheder, in dem sie mit Recht die Grundlage des Judentums sehen, Sturm laufen und sich an diesem Bollwerke die Köpfe einrennen. In Polen sind es Juden, die noch mitten im Judentum stehen oder zu stehen glauben, Juden sogar im jüdischen Schuldienste, die dem Cheder den Kampf bis aufs Messer angesagt haben und auch vor dem Gebrauch der gefährlichsten und häßlichsten aller Waffen, der der Denunziation, nicht zurückscheuen. Eine Konferenz der jüdischen Volksschullehrer in Warschau, auf der neben dem Bildungsministerium alle maßgebenden Behörden vertreten waren, die also, wie die politischen Dinge einmal in Polen gelagert sind, von der Regierung als Vertreterin und Wortführerin der nationalen jüdischen Minderheit in Schul- und Erziehungsfragen angesehen wurde, war von Tiraden gegen den Cheder ausgefüllt, wie sie auch in Moskau nicht schlimmer und schärfer gehört werden. Das Schlimmste dabei ist, daß jeder sich anmaßt, im Namen der jüdischen Bevölkerung zu sprechen. Herr S. M e n d e l s o h m stellt im Namen der „Jüdischen Schulorganisation" fest,'daß „solange der finstere Cheder sich in der jüdischen Gasse noch erhält und von der Regierung unterstützt wird, eine Reorganisation der jüdischen Erziehung unmöglich sei." Es sekundieren ihm noch viele andere und klagen Bevölkerung, Gemeinde und Regierung — ja auch die Regierung in Gegenwart von Vertretern des Bildungsministeriüms — an, daß sie den Cheder unterstützen. Es wäre an sich nicht sehr tragisch, wenn ein Die Gesetzgebung am Sinai und ihre Vorbedingungen. Bon Rabbiner Dr. Felix Kanter in Zwiktau (Mähren). Es ist eine auffallende, kaum nach Gebühr gewürdigte Tatsache, daß das erste und größte Ereignis in der Entwicklungsgeschichte Israels, ja in der Geschichte der ganzen Menschheit: die göttliche Offenbarung am Sinai, die Verkündigung der „Zehn Worte", die die Grundlage der Tugend und Sittlichkeit, des Rechts und der Gerechtigkeit bilden, verhältnismäßig den kleinsten Raum in der heiligen Schrift einnimmt. In vierzehn Versen bloß ist der ganze Dekalog .enthalten! Die Vorbereitung und die Vorbedingung zum Empfange dieser göttlichen Gebote beanspruchen schon einen viel größeren Raum in der Heiligen Schrift und füllen volle fünfundzwanzig Verse aus. Näher betrachtet, hat diese Tatsache gar nichts Auffälliges an sich. Die „Zehngebote" bedürfen weder einer Begründung noch einer Erklärung oder gar einer Empfehlung. Als die höchsten Postulate der Tugend und Stitlichkeit sind sie in sich und durch sich selbst begründet. Das ist auch das Merkmal ihrer Göttlichkeit, ihrer Ewigkeit und Unzerstörbarkeit. Die Erfüllung dieser Gebote erfordert schon viele und sorgfältige Vorbereitungen und ist an wichtige Bedingungen und Voraussetzungen geknüpft, die unerlählich sind. Die erste und wichtigste Voraussetzung ist die — Einigkeit. Ueberall, so bemerken unsere Weisen, heißt es sonst um — isv'i- „Sie zogen — sie lagerten", immer in Mehrzahl, immer gespalten und zerklüftet, in verschiedene Parteien und Gruppen geteiltnix>^nvo eryou) Dum Vor dem Sinai aber heißt es: im inn *m das heißt „Israel lagerte daselbst gegenüber dem Berge" — es lagerte, ebenfalls nach dem Ausspruch unserer Weisen, wie e i n Mann. Zum ersten Male bildete Israel eine Einheit, ein einig Volk von Brüdern: zum ersten Male war Israel eines Sinnes, eines Herzens und eines Gedankens (nnrr m^nan nrm nsna). Diese Einigkeit und Einmütigkeit machte Israel würdig, die göttliche Lehre zu empfangen. Einigkeit und Eintracht find aber ebenso notwendig, die heilige Thora zu erhalten, sie vor gänzlichem Verfall zu retten . Wie die Thora selbst den Inbegriff der Liebe und des Friedens bildet, ebenso muß das Gefühl der Liebe und des Friedens, der Verträglichkeit und Versöhnung alle erfüllen und beseelen, denen die Erhaltung der Thora ernstlich am Herzen liegt. Israel wird wiederholt eindringlichst gewarnt, den Berg (Sinai) zu besteigen oder ihn. gar zu berühren. Diese Warnung wird fünfmal wiederholt und ist an das Volk, wie auch an die Priester gerichtet. „Auch die Priester und das Volk sollen nicht zerstören ('in iv->n' bx), um zu Gott emporzusteigen." Auch darin ist eine beherzigenswerte Lehre für unsere Zeit enthalten: Nichts zu zerstören und nichts zu vernichten — um eines höheren oder besseren Zweckes willen. Der Zweck heiligt nach jüdischer Anschauung die Mittel nicht und die Sorge von Volk und Priestern muß darauf gerichtet fein, das Bestehende zu erhalten, aufbauend und erhaltend. Ferner heißt es in der Heiligen Schrift: „Sprich zum Haufe Jakobs und verkünd« es den Söhnen Israels." Dazu bemerken unsere Lehrer: Das Haus Jakobs — darunter sind die Frauen gemeint, zu ihnen sprich zuerst. Dann verkünde es den Söhnen Israels, darunter find die Männer gemeint, (d’eu.i ii>rr npy Die wichtigste Bedingung zur Erhaltung unseres heiligen Glaubens ist das Haus. Äm Hause muß das Licht des Glaubens ausgehen; hier muß die Religion gelehrt, gepflegt und — gelebt werden, soll sie unfern Kindern erhalten werden, d. h. ewig bestehen. Und dazu sind in erster Reihe die Stützen des Hauses, die Frauen, berufen. Warum, so fragt der Midrasch, sollte Moses zu den Frauen zuerst sprechen? Und die Antwort lautet: Damit sie ihre Kinder der Thora zuführen und sie im Glauben erziehen. Frauen, so bemerkt der Midrasch weiter, sind imstande, di« ganze Thora zu zerstören und zu vernichten. Die Richtigkeit dieser Behauptung braucht wahrlich nicht erst bewiesen zu werden. „Israel stand unter dem Berge". Der Talmud bemerkt dazu: Gott stellte das Volk unter den Schutz des Berges (Sinai); wie das Faß dazu dient, seinen Inhalt zu schützen, so bildet den Schütz Israels seine Thora. Und Gott sprach: Haltet ihr ditz Thora in Ehren, dann ist es gut für euch; dann seid ihr geschützt und geborgen. Wenn nicht, dann werdet ihr dort in der Fremde, unter den Völkern, die euch nicht kennen, unter den Nationen, die euch verkennen, zugrundegehen. Die Thora ist euer Schutz und Schirm und darin ist das Geheimnis eures ewigen Bestandes in der Zerstreuung. INNnnn irrrm „Und sie standen (aufrecht) unter dem Berge". Stolz und selbstbewußt als Jude sich zu bekennen, ist die heiligste Pflicht aller, deren Vorfahren einst unter dem flammenden Sinai standen. Die erste und vornehmste Bedingung dazu,ist, sich nicht nur so zu fühlen, sondern durch seine Taten und Handlungen zu beweisen, durch sein Leben und Wirken zu bekunden, einem Volke anzugehören, dessen Bestimmung und Aufgabe es ist, zu sein und zu bleiben ein 'in ourr frVTpm

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