Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1928)
- Date
- 1928-05-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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nmn&s M)er Israelif J w 17. Mai 1928 Frankfurt a. AI., den 27. jjar Nr. 20 Begründet von Dr. Lehmann ln Mainz. Abonnement ab Januar 1W4: Deutschland 1 Goldmark monatlichr Ausland: Merteltahrpreise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Versandes) Deutsch-Österreich: Schilling 8.—; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; ab 1. Juli Frankreichs Fr.; Belgien ab 1.7.27. Belga 8; Holland 3 fl.; Italien ab 1.1.88.18 Lire; Jugoslawien W Din.; Litauen 7.80 Ltt.; Rumänien ab 1. 7. 27. 180 Sei; Polen 4 deutsche Toldmark zum Tageskurs oder 7 . Zloty. Schweiz 8 Fr. Tschecho-Slowakei 28 Kronen; Ungar« Prngö 8 ab1.Jult1927; Dänemark 3.80 Krön.; Norwegen3.6V Kro«.; Schweden 8L0 «ro». __ Einzelnummer dreißig Goldpfennige._ __ Zahlungen direkt an den Verlag auf Postscheckkonto Frankfurt (Main) Nr. 18803. - Außerdem an: Postsparkasse Wien Nr. 7SM3. - Poftlparkassenautt Budapest Nr. 18 424. . Warschmr Nr. 190757. - Postscheckamt ZürichNr. 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Sieht man noch einmal auf die Flut der Wahlaufrufe und Propagandaliteratur zurück, so ergibt sich zunächst, daß die Parteien mit dem Antisemitismus als Motor an ihrem Karren all ihre bisherigen Leistungen weit übertrofsen haben. Eine Blutenlese aus ihren Wahlaufrufen wiederzugeben, verbietet das ethische, wie noch mehr das ästhetische Empfinden, nicht minder das der Selbstachtung. Kein Unglück in der Geschichte Deutschlands, kein Gebrechen im Volks- und Gesellschaftsleben, das nicht den Juden in die Schuhe geschoben wird. Wenn die deutsche Bühne heute keine Erziehungsschule, keine Pflanzstätte der Sittlichkeit mehr ist — das stimmt leider für Berlin und anderswo nur zu sehr — so sind die Juden daran schuld. Die Treiber des antisemitischen Hetzwerkes weiden sich an den anstößigen Schauspielen nur abends, bei Tag „entrüsten" sie sich darüber und plakatieren: „Die Juden vergiften die deutsche Volksseele, prostituieren die Kunst". Wenn Juden als Leuchten der Wissenschaft von der Welt anerkannt werden, so heißt esu „Die Wissenschaft im Dienste der jüdischen Weltmacht". Kurzum, alles haben die Juden gemacht und verschuldet, am meisten seien sie schuld an ihren „Verdiensten"^ an ihrer Geltung. Und wo,deine Fehler und- Gebrechen zu-sehen sindwerden 'welche in der Phantasie des.Volkes künstlich erzeugt. Das Gespenst von Könitz wird heraufbeschworen, kostet ja nur 500 Mk. Geldstrafe. So ' viel ist! die Sache den Herren wert. In Wahlplakaten kann man es sogar noch vorsichtiger und Billiger machen. Der P a z i f i s m u s sei eine' Mache der Juden. Wäre dem so, wir hätten uns als gute Nachbeter und Nachahmer unserer Propheten bewährt. Lassen wir es gut sein. Der 20. Mai wird es zeigen, ob die Treiber und Hetzer mit einem solchen Kulturtiefstand im Lande von Goethe und Kant, in dem auch schließlich ein Hermann Cohen gelebt, ein Paul Ehrlich, ein Rathenau und ein Albert Einstein gewirkt und wirken, — urn nur d t e Warnen $u nennen, die and) der großen Kulturwelt geläufig sind, denn eschätte keinen Zweck, Hunderte und Taufende namhaft zu machen, %, ubgestotzen - von der . HaßchMofphäre "Zer Straße, 'sich, gewiß nicht zum Nutzen des Staates, zurückgezogen oder (heil -ihnen Mdi uns, wenn sie es Men!), ihre hervorragende Kraft dem eigenen Weinberge zuwenden — ob sie auf solche Kulturtiefe in Deutschland rechnen dürfen. Wehe um das Land, wenn sie recht behielten. Wenden wir uns hier ein. wenig den jü - d.ischen Parteien in ihrer Kampf- und Abwehrstellung zu. Wir dürfen in Deutschland, im Gegensätze zu vielen anderen Ländern, nicht von einem eigenen Wahlkampf jüdischer Parteien sprechen, denn hier bilden die Juden keine eigene Nationalität im Sinne einer jüdischen Kurie im Parlamente. Die Juden sind Wähler wie alle ' anderen deutschen Bürger und können ihre Wahlhilfe nach Lust und Liebe und .nach politischer Einstellung den einen oder anderen angedeihen lassen. Eine einheitliche Linie ist in dey' jüdischen Wahlpolitik nur negativ gegeben. Einig sollten alle Juden darüber sein, wen sie nicht w ä tzlen s o l l e n. So müßte man wenigstens glauben und so war es auch bisher bei allen Wahlen üblich. Nun scheint auch die negative Einheitslinie bei diesen Wahlen durchbrochen, und zwar durch einen Wahlaufruf des „Verbandes nation a l d e u t f ch e r Juden". Dieses Mißgebilde im deutschjüdischen Leben regt sich wieder und zeigt bei dieser Gelegenheit seine ganze Gefährlichkeit, die höchstens durch die Lächerlichkeit seines Gebahreus behoben werden kann. Die nationaldeutschen Juden sagen in ihrem Wahlaufruf, „man wähle nicht nach jüdischen, sondern nach deutschen Gesichtspunktenman fei nicht überempfindlich, lasse sich, durch Empfindlichkeit seine Ueberzeugung nicht trüben und wähle, d i e Partei, die die beste Gewähr für eine dem deutschen Vaterlande nützliche Politik bietet." Es kommt dann eine Feststellung, daß sämtliche Parteien antisemitisch durchsetzt seien, so daß es auf ein bißchen mehr oder weniger Antisemitismus gar nicht mehr ankomme und „die schlimmsten Antisemiten die Zionisten seien" usw. Mit einem Worte: man wähle die Rechtsparteien, unbekümmert um ihren Antisemitismus . . . Dazu ist kurz zu sagen: Jeder bisherige Versuch der Anbiederung an die Deutschnationalen brachte bis jetzt der Naumann-Partei einen Fußtritt ein. Der neuerliche widerliche Ansturm der Naumannmäüner auf das Bruderherz der ausgesprochenen Judenfeinde wird vermutlich nicht besser enden. ... - . ' " Soweit manvon jüdischer Politik nach außen in Deutschland reden kann^ ist es der „Zentraloer-, ein! deutscher Staatsbürger s jüdischen Glaubens", der diese macht. Es ist in erster Reihe eine A b - wehrpolrtik. Unter dem Gesichtspunkte der Abwehr, so wünscht er in seinen Wahlaufrufen, mögen auch seine Mitglieder, die deutschen Juden insgesamt, ihren Stimmzettel in die Urne legen. Es ist durchaus vernünftig von ihm, daß er sich auf eine b e st i m m t e P a r t e i nicht f e st l e g t. Alle Parteien, die unser Recht wollen und w a h r e n , die treu zur Weimarer Verfassung und den durch diese verbürgten Rechten aller Deutschen halten, alle Parteien, die die Friedhofsschäuduugen als größte Schmach unseres Jahrzehntes empfinden und verurteilen, die nicht wollen, daß der Boykott das wirtschaftliche und Geschäftsleben beherrsche, die es ablehnen, im Rassendogma den Schlüssel der Weltgeschichte zu erblicken, die sehnlich wünschen, daß der Chor der Rache gegen die Juden endlich zum Verstummen komme, daß die Atmosphäre entgiftet werde; all die Parteien, die somit die Bereinigung des öffentlichen Lebens in Deutschland auf ihre Fahne geschrieben haben, verdienen unsere Unterstützung. Mit einem ähnlichen Aufruf tritt der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" hervor, der in einer Wahlsondernummer unter christlichem und gut deutschem Gesichtswinkel die Dinge betrachtet. Es ist nun so, daß uns Juden keine große Wahl, aber immerhin die Wahl bleibt, uns für eine von zwei oder drei Parteien zu entscheiden, die das ungeschmälerte Recht aller Bürger gemeinsam als erste Voraussetzung haben. Unter Recht verstehen wir aber im gesetzestreuen Kreise nicht allein das Recht der politischen und bürgerlichen Freiheit. Wo die politische. „Freiheit", wie in Sowjetrußland zum Beispiel, bis auf die Spitze getrieben, aber für religiöse Lebensmöglichkeiten im Staatsbau kein Raum vorhanden ist, da herrscht höchste Unfreiheit und Willkür, Beengung und Bedrückung im höchsten Grade, eine Not, die weit schlimmer ist, als der unter Ausnahmegesetzen verschärfte Kampf um das tägliche Brot. Diese Exempel sind G. s. D. auf die deutschen Verhältnisse nicht anzuwenden. Aber daß es auch unter den nach Freiheit stürmenden Parteien in Deutschland solche gibt, die das Prinzip der Freiheit für die Religion nicht kennen, haben, wir da und dort erlebt, fo in Sachsen, wo unter einem radikalsozialistischen Regime jüdische Kinder in der Schule zür S a b b y t en t w e i -, h u n g (übrigens nach dem Muster einiger Städte in der freien RepublikSchweizjgezwungen rvur-. den; ähnlich heute auch in Bayern im Kampfe .um ein Religionsgesetz, das zutiefst in das täg- 1