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Der Israelit · 1928-05-10 · Heft 19 (10.5.1928) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 19 (10.5.1928)
Date
1928-05-10
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Feuerzeichen. Gin chyetto-Zioman von S. Schachnowih. (Fortsetzung.) Männer mit wildgewachsenen Bärten und Haarlocken, dürftig gekleidet, barhäuptig und mit offener Brust, fuhren im Lande herum, hielten auch in Frankfurt am Römer und auf dem Kornmarkt lange irre Reden, die viel Volk anzogen, mahnten zur Buße und sangen Lieder, M die die geängstigten und aufgewühlten Menschen im matten Chore miteinstimmten. In diesen Tagen zwischen Furcht und unbestimmter Erwartung richteten sich die Blicke der Stadt auch nach dem Ghetto.. Längst wußten sie schon in der Stadt, daß sich von den Juden eine kleine Gruppe abgesondert hatte, die in Gebeten, Gesängen und Tänzen den Messias herbeirief. Auch dieses hing irgendwie mit dem Fieber der Zeit, mit dem Kometen, zusammen. Das versöhnte das kleine Volk, das sich mit der neuen Stättigkeit, obwohl wenig in Wirksamkeit getreten, immer noch -nicht ganz abfinden wollte, vollends mit den Juden. Johannes Finger, der fromme Bäckermeister, war als Vertreter der Zünfte in den Hohen Rat berufen worden. . Er las jetzt nur noch die Bibel und fromme Kirchenbücher und überließ dys Backen ganz seinem Sohne und den Gesellen. Nur, daß er,mach Mitternacht in die Backstube kam und träumend in das offene, züngelnde Feuer sah. Die Flammen befruchteten stets -seine Gedanken. Er gab, wenn ihn das Leben oder das Denken irgendwie in Verwirrung undaus dem Gleichgewicht brachte, viel auf Feuerzeichen. Anton Rehbock, der Schornsteinfeger, ließ sich auch vom Kometen nicht aus der Rolle werfen. Er fühlte sich von berufswegen dem Himmel näher, als andere Erdbewohner und fürchtete ihn nicht so sehr. Seine Stelle als städtischer Schornsteinfegermeister hatte er seit seiner letzten Unbotmäßigkeit verloren. Seine private Tätigkeit als Ofenputzer und Sachverständiger für falsche Rauchfänge brachte eben nur so viel, als er für die „Große Kanne" am östlichen Ghettotor, iy der er sich den größten Rest des Tages und 'des .Abends aufhielt, benötigte. Dort sammelten sich um ihn die letzten Abfälle des Pöbels, alle Ausrangierten, die aus dem vierten Stande, um gelegentlich gegen das Ghettotor. zu stürmen. Zunächst mit Worten, Flüchen und, Drohungen nur. Wenn ihre Augen noch.klar' genug waren, nach dem Himmel zu schauen, dann fanden sie, daß der Unheilstern feinen Schweif drohend gegen die Judengasse richtete. Diese Auffassung fand aber bald auf merkwürdigen Umwegen auch Eingang in höhere, gebildetere Stände. Ein gelehrter Magister vom geistlichen Stande wollte eine feurige Rute über der Gasse gesehen haben und darunter einen lateinischen Satz, dessen Anfangsbuchstaben mit einiger Gewitztheit zu einem Worte des Verderbens geformt werden konnten. Johann Jakob Schudt interessierte sich stark für dieses Gesicht, und sein Freund und Studiengenosse L e r s n e r schrieb eine kleine Broschüre über diesen lateinischen Traum und seine Deutung. ' In-dieses Fiebern der Zeit spielte die Kunde von der Güsse hinein, daß dort 'einWädchen oder ein junges.WÄb^ Rablünetstochter^mWahnsinn verfallen Jet*. sich THg Änd NaÄD eingeschlossen halte und .Gespräche führe mit einem Toten, der ihr Feuerzeichen vom Himmel -gebe. Jeder wüßte dem Marchengewebe. einen neuen Zug anzufügen. bis das jüdische, Weib in der Vorstellung des Volkes als Sybille dastand, die um alle Dinge in der Zukunft dunklem Schoße wisse. Man pilgerte ins Ghetto, sah neugierig flüsternd durch die Fensterchen des Schottenfchen Hauses, aber keiner bekam Elsbe zu sehen, sie ließ sich nicht blicken, empfing keinen und sprach niemand. Auch Nathan Oppenheim, der Freund ihrer Jugend, fand keinen Einlaß. Auf gütige und flehende Worte des Vaters, gab sie nur kurze Antwort, die den Kernpunkt der Sache ängstlich umging. Man hörte sie nie weinen, nie seufzen, sie erregte Furcht in ihrer Einsamkeit und Schweigsamkeit. Ihre Augen hatten den glückhaften Glanz einer jungen Braut, was den Vater und die Nächsten weit mehr erschreckte, als es unablässige Tränen vermocht hätten. In der Gasse selbst war Elsbe und ihr Verhalten Tagesgespräch aller Menschen, in den Häusern und auf dem Markte, auch in der Frauenschul. Leute, die von solchen Dingen, nichts verstanden, ergingen 'Hch-' in'' kybÄistische Betrachtungen auf Grund irgendwo'gelesener oder aüfgeschnappter Lehrsätze. Wenn einem Menschen in jungen Jahren, so wurde geäußert, wie Arje Löb jäh und plötzlich das Lebenslicht ausgeblasen wird, so irrt die Seele heimatlos im Raume umher und sucht ein neues Gefäß für den großen Rest der Jahre, die ihr von Haus aus auf Erden beschießen war. Sie fetzt sich dann fest in der Hülle, die sie im Leben geliebt. Arje Löbs Seele hatte sich in Elsbe festgesetzt. Sie war besessen. Nichts anderes.- Aber, wußten Kundige, die abgeschiedene Seele hätte gar kein Recht, fremdes junges Leben zu verderben. Man müsse chr den Meister zeigen und sie aus dem lebenden Gefäße bannen. Große Männer, Kabalisten, wie der hohe Rabbi Löw in Prag, konnten es, mit Beschwörungsformeln, die den Toten in die Schranken wiesen und die Lebende befreiten. Warum tut es Rabbi Naftali, der doch Meister der Kabala ist, nicht? Und Uebelwollende setzten hinzu: . „Wo er eben soll, tut er es nicht. Das haben wir vom Kabalisten an der Spitze unserer Gemeinde. Warum läßt er sie nicht kommen? Warum befreit er sie nicht von der Besessenheit?" Rabbi Naftali ließ sie wirklich zu sich bitten, aber nicht für kabalistische Experimente, sondern um, auf Bitten des Vaters, mit ihr zu reden, ihr den Balsam der Erkenntnis und des Trostes ins wunde Herz zu träufeln. Elsbe kam nicht, ließ sich durch alle Vorhaltungen nicht bewegen, das Haus zu verlassen. Es zieme sich nicht, meinte sie, für eine verheiratete Frau,, sich allein auf der Straße den Blicken der Meyschen au zeigen. Der Rabbi möge warten . . . , „Ich begleite Dich hin", flehte der Vater. -„Ich gehöre ihm, und er wird mich hingeleiten", lautete ihre Antwort. Sie gab sie mit glühenden Augen, fast in hauchendem Gesänge zurück. Da kam Rabbi Naftali zu ihr. Er kam zu seinem Fxeunde Rabbi Schmuel so von ungefähr, in Amtssachen. Und beide, Vater und Rabbi, gingen in ihr Zimmer, das in schönster Ordnung war, geschmückt mit Decken und Blumen, in dem das Bett unberührt in leuchtendem Linnen prangte. Eine Stunde lang sprach der Rabbi, und er mußte zuletzt erkennen, daß sie seine Worte gar nicht erfaßt hatte. Die sehnsuchtsvollen Augen des jungen Weibes sahen über ihn hinweg, sahen weit hinaus, nach fernliegenden Zeichen und Erscheinungen. Dahin waren auch Ohren und Sinne gerichtet. 'Rabbi Naftali drückte dem Freunde warm die-Hand. Worte wären nicht am Platze, und Rabbi- Schmuel weinte. „Wir wissen",, verabschiedete sich der Rabbi, ,>achso Wenigvon den Dingen -in und um uns, wie so llten wir d ie ü b e r uns erkenn en? Cs g ibt Wunden, für die noch kein Pflaster erfunden ist, Nk. I» 1928 die nur die Zeit allein heilen kann. Die Zech ist aber geschwängert von Rätseln und Unbegreif- - lichkeiten. Wer schaut hinter die Dinge?" Es war das erste Mal, daß Rabbi Naftali im Gespräche mit seinem Freunde einen Gegenstand außerhalb der klaren Halacha und des realen Lebens berührte. 22. In dieser Nacht sollte es geschehen. Rabbi Naftali hatte den ganzen Tag, von Abend bis Abend gefastet, gebetet; mit Sonnenuntergang hatte er ein Tauchbad genommen, etwas kalte Speise genossen und sich schon früh in die Einsamkeit zurückgezogen. Noch einiger letzter Vorbereitung bedurfte es, am Lerntische, auf dem Handschriften, Bücher der Moral und Kabala lagen. Eine letzte Anstrengung unter Sammlung der letzten geistigen Kräfte, dann mochte die Türe zur Kammer, und damit vielleicht zu den Geheimnissen von Lehr und Leben, aufgehen . . . Der Frost der letzten Tage hatte etwas nachgelassen, aber ein Sturm tobte und heulte von osther, daß Wände und Fenster zitterten. Der Himmel war bleibeladen, aber die Decke so dünn, daß man dahinter den blassen Widerschein der Sterne sah. Vom sonderbaren Stern stach ein winziges Strahlenbündel durch die graue Masse, der Schweif sah aus, wie der eines unter trübem Wasser zappelnden Fisches. Der Fisch kämpfte gegen die dicken Maschen seines Netzes. Es fielen Ziegelsteine von Dächern. Oben und unten, rechts und links, überall lagen die Elemente im Kampfe. Rabbi Naftali horchte in die stürmische Nacht hinaus. Abgerissene Menschenstimmen verloren sich, versanken im Sturm. Ganz dünn und schrill pfiff zuweilen der Wind, wie ein Kind, das sich müde nach der Mutter gefchrien hat, wie ein um einen Toten sich müde geweintes Weib, dann setzte er mit Brausen und Stoßen ein, Ruck auf Ruck, als wollte er die Erde aus den Angeln heben. Das alte Holz und Stein im Rabbmerhause krachte in allen Fugen. Das bunte Glas der langen kleingeviertelten Fenster in der gegenüberliegenden Altschul brauste der Sturm an und prallte mit heulender Wut zurück, wie Meereswogen, wenn sie ein Riff umbrander „In der Nacht vom vierten und zum Sabbat wandelt Lilit durch die Straßen, schadenbringend und zerstörend", stand irgendwo in einer alten Schrift. Der Sinn war nicht klar, war erst zu ergründen. Rabbi Naftali dachte nach. L i l i t h war, das besagte schon der Name, Herrin der Nacht, ihr Ehegesponst und männlicher Gegenpart war Aschmedai, der — auch dies besagte der Name —, Allvertilger. In Wahrheit aber waren es Kräfte, negative Potenzen, zur Harmonie der Gottesreinheit gehörend. „Er macht zu seinen Voten die Winde, seine Diener sind Feuersgluten." Winde sind eilige Boten und Feuerflammen, Gottesdiener, die künden und reden, wie die Flammenzeichen an der Wand im Prunkpalaste Belfchazars. Wie groß und tief der Gedanke, wie^eltsam und betäubend, diesem Gedanken nachzugrübeln! . . . Aschmedai wurde, so erzählte Talmud, von Benjahu, dem Diener Sakomos, mit List eingefangen, und er ward gezwungen, den Schamirstein herbeizuschaffen, damit Stein und Glas für den Tempelbau geschnitten und behauen werden konnten. Aschmedai hilft das Heiligtum bauen, der Geist der Vernichtung im Dienste des Aufbaus, des Heiligen. Wir groß, wie unermeßlich tief der Gedanke! „Brrr! . . . Brrr! . . ." brach sich der Sturm an altem Gemäuer, an Fenstersimsen, pfiff in Schornsteine. Etwas fiel draußen klirrend zu Boden. Rabbi Naftali sann weiter.

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