Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1928-05-10 · Heft 19 (10.5.1928) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 19 (10.5.1928)
Date
1928-05-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450495-2450513--74946-2532444
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 19 Seite 7 . 10. Mai 1928__•_ gehoben, doch hat sich die Lage der Juden im Ganzen menig gebessert. Zn den letzten Tagen kamen in A d r i a n o p e l kleinere Exzesse gegen die jüdischen Bürger vor,'sie wurden aber von den Behörden sofort unterdrückt. Der Gouverneur der Stadt und der Polizeichef machten persönlich einen Rundgang durch die Stadt und veranlaßten die Entfernung aller antijüdischen Aufrufe, auch jener, in der die Juden ausgesordert werden, nur türkisch zu sprechen. Der Direktor des, öffentlichen Unterrichtes wurde wegen antijüdischer Propaganda seines Amtes, enthoben. Bezeichnend ist, daß der ehemalige türkische Offizier Osma n Bey, der das jüdische Mädchen Elsa Niego, die seine Liebeswerbungen zurückwies, auf der Straße erschoß, auf Grund eines medizinischen Gutachtens vom Gericht als für seine Tat nicht verantwortlich erklärt und sreigesprochen wurde. Der Vertreter der Zivilpartei legte beim Kassationshof Berufung gegen das freisprechende Urteil ein. Der Fall Osman-Niego hat seinerzeit die öffentliche Meinung in der Türkei ungeheuer erregt. Die Judenheit Konstantinopels protestierte am offenen Grabe des Opfers gegen die Nichtverfolgung des Mörders. Diese Kundgebung gab Anlaß zu einer hemmungslosen antijüdischen Hetze, die von der Presse und den nationalistischen Parteien geschürt wurde und viele Monate hindurch die Judenschaft in der Türkei beunruhigte, Mißhandlung jüdischer Touristenführer in Jerusalem. Jerusalem, 26. April. Fanatisierte arabische Christen überfielen zwei jüdische Touristenführer, die Touristen zum Besuch des Heiligen Grabes geleiteten, und mißhandelten sie schwer. Arabische Moslemiten, die zur Grabwache gehören, beteiligten sich an der Mißhandlung der jüdischen Touristenführer. Der Vorfall, der nicht der erste seiner Art ist, hat in jüdischen Kreisen Empörung und Proteste hervorgerufen. (ITA.) Ein Vedmnenlager auf jüdischem Boden. Jerusalem, 3. April. Ein arabischer Be d u i n e n sta m m schlug im Vorbeizuge sein Lager auf dem Böden der jüdischen Kolonie Herzlia auf und ließ seine Herden auf den Feldern der jüdischen Kolonisten weiden. Die Kolonisten forderten die Beduinen zum Weiterziehen auf. Die Beduinen weigerten sich, dieser Forderung nachzukommen und sagten, in der Mitte ihres Stammes werde jetzt eine Hochzeit gefeiert, und der Stamm beherberge jetzt viele Gäste. Noch einmal versuchten die jüdischen Kolonisten, die Beduinen zum Weiterzuge zu überreden, das hatte aber nur den Erfolg, daß die Beduinen zum Angriff auf die Kolonisten übergingen. In dem nun sich entspinnenden Kampfe wurden 15 jüdische Kolonisten verletzt. Briefe aus Palästina. - Jerusalem, 1. Mai. Palästinas, Natur bäumt, sich auf. Es ist, als grolle sie den Menschen, denen ihre Segnungen gelten sollten. Zuerst das furchtbare Erdbeben im Sommer. Dann ein ungewöhnlich trockener Winter. Schon war die gesamte Ernte in Gefahr, da — zuletzt — kam .noch der Regen. Als aber die Regenperiode nach einigen Wochen wieder aufhörte, da waren die Bergbäche, denen sie sonst wilde Wasserfluten brachte, leer geblieben. Dann wieder ein Erdbeben mit seinen Schrecken; wenn auch ohne die verheerenden Wirkungen seines Vorgängers. Kaum war diese Angst vorüber, griff schon wieder eine neue Angst an die Nerven. Das Milliardenheer der Wanderheuschrecke hatte sich in den Wüsten in Bewegung gesetzt. Seit dreizehn Jahren hatte diese Armee keinen Vernichtungsfeldzug nach den Ländern der menschlichen Zivilisation unternommen. Nun aber schaut der Mensch wieder nach den Meldungen der Zeitungen, wie er in dem großen Kriege der Menschen untereinander auf die Depeschen vom Kriegsschauplätze lauerte. Mit den Waffen des Krieges stellt sich heute der Mensch auch dem Heer der Heuschrecken entgegen. Ob die Abwehr genügte? Ob in der letzten Minute göttliches Eingreifen half? Die Bevölkerung Palästinas, an dessen Meeresuser unzählige tote Heuschrecken anschwemmten, weiß aus diese Frage zur Stunde noch nicht die Antwort. In diese Stimmung banger Erwartung brannte noch Der Israelit plötzlich vor wenigen Tagen ein Chams in in eiper Stärke hinein, wie sie diesem Frühjahrsgast sonst nicht eigen ist. Die Temperatur stieg schnell bis auf 40 Grad Celsius im Schatten. Noch zur Abendzeit wurde das Brot sogleich nach dem Aufschneiden von dem Glutenwind der Wüste geröstet. Vier Tage dauerte die Herrschaft des Chamsin, dann drehte sich der Wind und die Temperatur fiel über Nacht um 14 Grad. * Mögen die Gefahren vorüber sein! Mögen sie aber auch als die warnende Stimme Gottes an Sein Volk in Seinem Lande aufgefaßt werden! Der Prophet Joel hat das mächtigste Bild einer Heuschreckeninvasion entworfen, und er hat die Botschaft dieses Heeres an das Volk Israel gekündet. Die Jugend, wie sie in einem Teil des heutigen zionistischen Schulwerkes in Palästina erzogen wird, weiß die Worte der Propheten ihres Volkes nicht zu würdigen. Dieser Jugend sind selbst ihre abseits des Thorajudentums denkenden und lebenden Lehrer zu reaktionär, zu fromm. Hier in Palästina lernt man es verstehen, wenn die in der Agudas Jisroel organisierten Kreise der Orthodoxie sich ängstlich abschließen und nur behutsam Schritt für Schritt vorwärtsgehen. Bei den extremen Gegensätzen, wie sie die Tragik des Weltkrieges in der Ostjudenheit, von der seitdem Teile nach Palästina übergesiedelt sind, gezeitigt hat, bei diesen Gegensätzen, die gerade auf solch einem kleinen Terrain, wie es Palästina ist, besonders gefahrvoll find, bedürfte es eines Mannes von Prophetenkraft. Gerade in diesen Tagen hat in Frankfurt a. M., der Wirkungsstätte Rabbiners Samson Raphael Hirschs, die von ihm geschaffene und für nachahmende Schöpfungen zum Vorbild gewordene Realschule ihre Jubelfeier begangen. Sie hat einen selbständigen Schultyp der Orthodoxie geschaffen, der auch den Antiorthodoxen imponiert und auch deshalb die Kraft hat, Orthodoxe zu erziehen. Auch in Palästina.dürfte es an der Zeit sein, daß die Orthodoxie — nur geleitet von der Rücksicht auf ihr Interesse, in voller Wahrung ihrer Selbständigkeit — ihr Zurückstehen llnd ihr Gewand der Aermlichkeit ausgebe. Sie müßte in ihren Schulen die Erkenntnisse der Zeit nutzen, die Gefahren der Zeit werten und äußerlich in der Hygiene und im Schönheitssinne mit den Schüler» der anderen den Wettbewerb aufnehmen. Das wäre auch nicht der kleinste Schritt zu einer Konzession, das wäre nur eine Demonstration des Selbstvertrauens, die die eigenen Reihen kräftigt und auch auf die Gegner Eindruck macht! Zofe al Zion. Eine Gerichtsentscheidung und ihre Bestätigung. Jerusalem, 29. April. Vor einiger Zeit lasen wir im „Haarez" einen Bericht über einen Pro^ß, der damals schon zu denken gab, in seiner Fortsetzung nun das jüdische Herz erschüttern muß. Herr Schapiro hatte der Krankenkasse in A p h u l a vorgeworfen, daß in dem von ihr unterhaltenen Krankenhause keine rituelle Küche geführt und auch sonst in keiner Weise für die religiösen, Bedürfnisse der Kranken gesorgt wird, ja selbst die Milo an im Krankenhause geborenen Kindern nicht vor sich geht. Die Krankenkasse und der Leiter ihres Krankenhauses, Dr. Hirschowitz, fühlten sich beleidigt und verklagten Herrn Sch., und das jüdische Friedensgericht zu Haifa befand den Angeklagten für schuldig und belegte ihn mit einer empfindlichen Geldstrafe. Dieser Tage hatte sich auf Berufung des Angeklagten das Obere Friedensgericht noch einmal mit der Sache zu befassen und „Haarez" bringt wieder einen ausführlichen Bericht über die Verhandlung. Als Richter werden genannt: S. Ros eNbaum, A. Berlin, Ch. N. B i a l i k, Z. B i l k o w s k i und M. Seiger. Kläger waren Herr P e r l s o h n als Vorsitzender der Krankenkasse und Dr. H i r s ch o w i tz als Chefarzt des Krankenhauses. Dem Angeklagten Schapiro standen zur Seite Rabbiner P i n ch a s und Dr. K o r n g r ü n. Vor dem hohen Gericht ergreift zunächst Dr. Korngrün das Wort, um darzulegen, was allbekannt sei, nämlich, daß im Krankenhause' der Kupa Chomez am P e s s a ch, u n r i t u e l l e Kost das ganze Jahr hindurch verabreicht und die Milo nicht nach der lle b e r l i e fe r ü n g vollzogen wird. Es sei nicht von Belang, daß, wie Dr. H. behauptet, auf Wünsch auch rituelle Kost gegeben wird. Entscheidend sei, daß die Küche des Krankenhauses ausgesprochen u n r i t u e l l geführt wird, ungeachtet dessen, daß die Institution 13.400 Lst. als Subvention von der zionistischen Organisation jährlich erhält. Es sei nicht am Platz, daß die Milo vom Arzte vollzogen wird, der zugestandenermaßen sie als Operation und nicht genau nach den Vorschriften der Religion (ohne Mezizah) ausführt. Wenn gesagt wird, daß in einzelnen Fällen auf Wunsch der Eltern die Milo von einem zuverlässigen Mohel in der nahen Synagoge vorgenommen wurde, so weiß Dr. K. demgegenüber mit der Tatsache zu dienen, daß sich der leitende Arzt in einem solchen Falle geweigert hatte, ein Kind nach dem Akte in der Synagoge wieder ins Krankenhaus aufzunehmen. Nachdem alle Warnungen auf privatem Wege ihren Zweck verfehlt hatten, mußte die Flucht in die Oeffentlichkeit ergriffen werden. Herr Sch. habe somit nur seine Pflicht gegen die Öffentlichkeit erfüllt. Rabbiner I. L. Pin ch a s spricht über die Wichtigkeit der Mezizah, die Dr. H. überhaupt außer acht ließ. Er sagt ferner: „In den ersten Kriegsjahren haben uns die Deutschen ohne unser Verlangen Koscherküchen eingerichtet. Wie beschämend, daß Juden in ihren öffentlichen, von jüdischen Geldern erhaltenen Institutionen diesen Takt und diese Rücksicht nicht üben zu müssen glauben." Es kommt auch ein Schreiben des Oberrabbiner Kuck zur Sprache, und die Kläger nehmen für sich in Anspruch, daß in diesem Proteste nur von „trefo", nicht aber von ungültiger Milo gesprochen werde. Rabbiner Pinchas erwidert, daß esnoch andere Schreiben vom Oberrabbinate gibt. Herr P e r l s o h n beruft sich zur Verteidigung des Krankenhauses darauf, daß bisher keine zuständige Stelle dagegen protestiert hätte, obwohl man niemals aus dem unrituellen Charakter der Küche ein Hehl gemacht hatte. Die Milo mußte von ärztlicher Hand durchgeführt werden, weil es viele Eltern gewünscht hätten usw. Dr. H i r s ch o w i tz sucht die unrituelle Verpflegung mit technischen Mängeln des Krankenhauses zu erklären. Das Krankenhaus bestehe seit sieben Jahren und in den ersten drei Jahren sei überhaupt kein Schochet in Emek gewesen /trotzdem der Jischuw in Emek bereits viele Tausende zählte. Als er vor einem Jahre teilweise Koscherkost einführe wollte, habe ihm der Bruder von Oberrabbiner Kuck gesagt, es gäbe keine Teilung in solchen Dingen. Entweder ganz oder gar nicht. Betreffend die Mezizah, sei er anderer Ansicht. Er behauptet, die rabbinischen Ansichten gingen darin auseinander. Im übrigen bestätigt er, daß man bis zum letzten Jahre die Pessachvorschriften im Hause nicht gehalten hatte. Mazzo bekamen die Patienten nur auf ausdrücklichen Wunsch. (Und die anderen Speisen, und die Geräte?) Der Gang der Verhandlung, aus der hier ein ganz kleiner Auszug gegeben ist, wirft ein grelles Licht auf die Zustände in dem Krankenhaus von Aphula. Das Urteil ist für jeden, der noch einigen Sinn für Religion, Takt und Anstand besitzt, gegeben. Wie unglaublich nun. daß die Herren Richter — unter denen Rosenbaum und Bialik — die Beleidigungsklage des Krankenhauses gelten ließen, Herrn Sch., der sich gezwungen sah, diese empörenden Zustände bekanntzugeben und religiöse Juden vor diesem Krankenhause zu warnen, als schuldig befanden und das erstinstanzliche Urteil des Haifa er Friedensgerichtes bestätigten. Wir behalten uns vor, noch einmal auf die Sache zurückzukommen. Der Ehofez Ehajim zur Auslritksbewegung. Ierusalem, 1. Jjar. In einem eindrucksvollen Aufruf, den der Ausschuß für die Organisation selbständiger orthodoxer Gemeinden in Tel-Awiw veröffentlicht, wird eine soeben vom Chofez Chajim abgegebene Erklärung zur Austrittsfrage veröffentlicht. Die Erklärung hat folgenden Wortlaut: „An unsere Brüder im Heiligen Land. Mit Bezug auf die Organisation der Gemeinden im Heiligen Land gebe ich meine Ansicht dahin kund, daß jeder Jude, der Gott und seiner Lehre treu ist, verpflichtet ist, sich nur mit jenen der thoratreuen Männer zu verbinden, die um die Ehre Gottes sorgen, sich fernzuhalten von der Gefahr und von der Möglichkeit, daß der Gottesname durch jene entweiht werden könnte. Wieder Prophet es ausspricht: „Das reden miteinander die Gottesfürchtigen einer mit dem an-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.