Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1928)
- Date
- 1928-05-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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10 Mai 1928 Der Israelit Nr. 19 Seile 5 bische Herz wecken aus dumpfer Trägheit und Starrheit, und doch sind beide so wesensungleich, so unterschiedlich in ihren Forderungen und in ihren — Erfolgen. Hier dominiert nüchterne Logik, dort brennendes hier leidenschaftslose Abgeklärtheit, dort naturwüchsiges leidenschaftliches Feuer. Rabbi Israel Galanter hat seine Schüler gelehrt, daß mildes und gleichmäßiges Kerzenlicht besser leuchtet als die Rakete, die in prachtvoll feurigem Glanz gen Himmel schießt, um nach ein paar flüchtigen Augenblicken zu erlöschen. Seine Mussarlehre ist die Lehre von dem Abwägen der Gefühle, von der kritischen Welt- und Menschenbetrachtung. „Die Welt meint, die Gerechten hätten das Jenseits und die Frevler die Freuden des Diesseits; der Musiar aber weist nach, daß weder der p’TS das Kan cöiv' noch der dasnm besitzt." * » * Der Unzufriedenen unter der jüdischen Jugend Deutschlands werden immer mehr und mehr. Die Einen stößt die Vereinsmeierei, den andern das viele jugendbeweglichere Wichtigtun ab. Viele sind es, die mit sich ringen, die immer wieder nach einem festen Halt suchen; viele sind es, und nicht die Schlechtesten unter uns. Ein bißchen Musiar würde etwas Ordnung in verwirrte Köpfe bringen, würde so etwas wie eine Richtschnur erkennen lassen Und würde aus dem Chaos der Begriffe das Wesen der jüdischen Selbsterziehung zu Tage fördern. Ein bißchen Musiar, vielleicht macht man das Experiment. Sollte es fehlschlagen, so wäre es ein mißglückter Versuch mehr und hätte nur klar erwiesen, daß unsrer Jugend in Deutschland für das Musiarerlebnis die nötige Reife noch bis heute abgeht. . Aber wir glauben immer noch, daß die Mussaridee, wenn sie deutschen Juden in deutscher Form nähergebracht wird — wie es dieser Aufsatz bescheidentlich versucht — auch hier Fuß fassen und Wurzel treiben kann, wenigstens unter den Einsichtigen und Verständigen. Ob dieser Optimismus begründet ist? Die Weiterentwicklung der jüdischen Jugendbewegung wird darüber die Entscheidung fällen. Korrespondenzen « ßacfcricbten. Deutsches Reich. Gegen die Schmach der Friedhofsschändung. - " Berlin, 27. April. In einer gut besuchten Versammlung der Ortsgruppe Berlin-Osten des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, die in den Alhambra-Festfälen stattfand, sprach »nach einleitenden Worten des Vorsitzenden der Ortsgruppe, Lehrer A. Auerbach, Herr Oberstudiendirektor Dr. Hans Henning, gegen die Kulturschmach der . Friedhofsschändungen. „Wie kann," sagte er, „eine solche Kulturschmach im zwanzigsten Jahrhundert möglich sein und was kann man dagegen tun? Wir müssen mit allen erdenklichen Mitteln versuchen, daß die Reichsregierung ihren Schutz denen gibt, die ihn brauchen, und daß unsere Gerichte solche Verbrechen bestrafen. Wir müssen fortfahren im Kampf gegen Völkeroerhetzung und Verleumdung. In allen Schulen muß andere Aufklärung'wie .bisher geleistet werden. .Es. muß Einverständnis für die Geschichte der Juden in der Jugend erweckt werden, ebenso wie dies^für die Geschichte der Griechen und Römer geschieht. ,(Ss muß in den Schulen gelehrt werden, daß Juden auf allen Gebieten der Wissenschaft Hervorragendes geleistet haben, und daß sie mitgearbeitet haben am Fortschritt der Menschheit im deutschen Volke, seit ihre Väter deutschen Boden betreten haben. Es müssen sich -alle die Bruderhand reichen und gemeinsam die Forderung erheben, daß in Deutschland nicht so gleichgültig gegenüber der Kulturschmach der Friedhofsschändungen verfahren wird. Diese 66 Friedhofsschändungen erfüllen uns mit Sorge um die Zukunft unseres deutschen Volkes, das wir vor solchen Schanden bewahren müssen." Die Woche. | Berlin. Am 1. Mai ist in Oppeln Rabbiner > Dr. D. Braunschweiger nach schwerer I Krankhei: verstorben. Er war Vorsitzender des Landesverbandes Oberschlesien und Mitglied des Hauptvorstandes des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. — Der Vorstand der jüdischen Gemeinde Berlin hat beschlossen, den Frauen auch das passive Wahlrecht in die Vorsteherschaf t e n der Synagogen zu geben. — Zum zehnjährigen Bestehen des „Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten" wird 1929 ein genaues Verzeichnis der jüdischen Gefallenen erscheinen. Mit dem Abdruck der ersten Namenslisten wurde im Organ des Frontbundes, „Der Schild", bereits begonnen. Köln. Die beiden Ackergehilfen Peter Schänder und Heinrich Ecken, die im Dezember 1926 auf dem israelitischen Friedhof in Kerpen bei Düren Grabsteine umgeworfen sowie Marmorverzierungen und Einfriedigungen der Grabmale beschädigten, wurden vom Kölner Schöffengericht trotz dieser eingestandenen Grabschändung auf Grund des Paragraphen 61 freigesprochen, da sie nach dem Urteil des medizinischen Sachverständigen vollkommen verblödet seien und kaum über die geistigen Fähigkeiten eines sechsjährigen Kindes verfügen. Bukarest. Der 10. Jahrestag der Vereinigung Beßarabiens mit Rumänien wurde auch von den beßarabischen Juden festlich begangen. In der Großen Synagoge von Kischinew fand ein Gottesdienst statt, dem der Kultusminister Lapedatu und der Arbeitsminister Lupu beiwohnten. Die Festrede hielt Oberrabbiner Z i r e l s o n. Warschau. Das überwiegend von Juden bewohnte Städtchen Raine, Kreis Kowel. ist ein Raub der Flammen geworden. Ungefähr 80 von jüdischen Familien bewohnte Häuser und vier 8 Bothe-Midraschim sind durch Feuer vernichtet worden. Es sind auch einige Menschenopfer zu beklagen. — Das Wilnaer Komitee zur Ehrung des Andenkens des jüdischen Obersten Berek Iosselowicz, des bekannten Helden der polnischen Freiheitskriege, begeht am 6. Mai eine große Feier, deren Protektorat Marschall Pilsudskl übernommen hat. Riga. Das jüdische Städtchen Vorokaje in Lettland ist zu einem großen Teile abgebrannt. Mehr als 50 jüdische Familien blieben ohne Obdach. — Samuel Bronnstein, ein junger Zionist, der vor einiger Zeit in Rußland wegen zionistischer Betätigung nach Sibirien verbannt wurde, wurde in dem Gefängnis zu E h i w a von einem Wächter erschossen. Jerusalem. In Jerusalem hat sich ein Komitee gebildet mit dem Zwecke, die Einreiseerlaubnis für Schwarzbart zu erwirken. — Trotz aller Verbote fanden in Jerusalem und Tel-Awiw am ersten Mai Arbeiterdemonstrationen auf den Straßen statt. Die Polizei schritt ein, zerstreute die Demonstranten und nahm mehrere Verhaftungen vor. — Zwei Juden, britische Staatsangehörige, die als Touristen nach Palästina kamen und sich hier ansässig machen wollten, wurden angewiesen, das Land zu verlassen. Beide verfügen über ansehnliche Barsummen. Die Maßnahme mutet ganz unverständlich an. Belgrad. .Der in Zagreb dieser Tage verstorbene Kaufmann Ladoslaw S ch w a r z hat ungefähr eine Million Dinar für wohltätige Zwecke hinterlaffen, wovon der überaus größte Teil jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen in Jugoslawien zugute kommt. Rervyork. Die große Newyorker jüdische Tageszeitung „Morgen-Journal" und „Togblatt" haben sich vereinigt, nachdem letzteres Blatt vom „Morgen- Journal" käuflich erworben worden ist. London. Vom Kriegsministerium wurde eine Zählung aller Offiziere und Mannschaften der britischen Armee und Marine,, die jüdischen Glaubens sind, angeordnet. — Auf breitester Unterlage hat sich eine neue Kolonisationsgesellschaft für Judenansiedlungen in Rußland in Amerika konstituiert. Zu Vorsitzenden wurden Julius I Rosenwald und Felix Marburg ge- 8 wählt. I Rauschender Beifall dankt dem Redner für seine Ausführungen. Ein Vorschlag, von einer - Aussprache, die den feierlichen Gesamteindruck des Referats nur verwischen könnte, abzusehen, wurde angenommen. Die Entscheidung in der „hebrew"-Angelegenheit. Berlin, 3. Mai. Bekanntlich ist in dem Schiffahrts-Fragebogen des amerikanischen Einwanderungsamtes von aus Deutschland einwandernden Juden aus die Fragen „Volks- oder Rasienzugehörigkeit" durchgehend die Eintragung „Hebräer" (Hebrew) verlangt worden. Der Norddeutsche Lloyd und die Hamburg-Amerika-Linie hatten in einem vertraulichen Rundschreiben ihre Agenturen angewiesen, deutsch-jüdische Reisende als „Hebräer" (und nicht als „Deutsche") einzutragen, um ihnen Unannehmlichkeiten zu ersparen. Der Central-Verein hat sofort die nötigen Schritte bei den zuständigen Behörden eingeleitet. Der Syndikus des Central-Vereins, Dr. Wiener, hat gemeinsam mit Dr. Hochstetter vom Norddeutschen Lloyd und von Meibom von der Hamburg-Amerika-Linie bei der Berliner amerikanischen Botschaft in der Angelegenheit vorgesprochen. Der amerikanische Generalkonsul teilte dann dem Central-Verein amtlich mit, daß die Beschwerde durch den deutschen Botschafter in Washington der Regierung der Vereinigten Staaten oorzutragen sei. Inzwischen ist die Angelegenheit auf Anregung des C. V. hin von der deutschen Botschaft in Washington bei den cmc '?anischen Stellen zur Sprache gebracht worden. L :ß nun der „C. V." mitteilt, wurde dabei sestgestellt, daß deutsche Staatsangehörige jüdischen Glaubens von den amerikanischen Einwanderungsbehörden nicht genötigt werden, unter der Rubrik 10 des von >den Schiffahrtslknien vorgelegten Fragebogens die Bezeichnung „Hebräer" einzutragen. Nur wo eine Persönlichkeit jüdischer Abstammung sich als „Deutscher" eintrage, obgleich gewisse persönliche Merkmale, wie insbesondere Fehlen der Beherrschung der deutschen Sprache, einer solchen Bezeichnung offenbar entgegenstünden, könne es vielleicht Vorkommen, daß der Einwanderungsbeamte, dem die Nachprüfung der Angaben obliegt, das Wort „Deutscher" durch die Bezeichnung „Hebräer" ersetzt. Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat im Verfolg dieser Mitteilungen die zuständigen Schiffahrtsgesellschaften aufgefordert, alsbald ihren Agenturen eine entsprechende Anordnung zukommen zu lassen. Hundert Jahre Israelitische Religionsgemeinschaft in Württemberg. Stuttgart, 30. April. Die „Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs", die vom Staate anerkannte und bis 1912 im Sinne des Staatskirchentums auch geleitete Landesorganisation, blickt nunmehr auf ein Jahrhundert ihres Bestehens zurück, da sie durch das „Gesetz in Betreff der öffentlichen Verhältnisse der israelitischen Glaubensgenossen" vom 25. April 1828 begründet wurde. Das Gesetz vom Jahre 1828 machte dem bisherigen Schutzoerhältnis ein Öcnbe, knüpfte jedoch den Genuß von Rechten an eine Fülle von Beschränkungen und Ausnahmen. Schon 1836 lieh eine Berufszählung erkennen, daß die meisten Juden sich Handwerk und Ackerbau zugewendet hatten, viele als Industrielle und Kaufleute tätig waren. Auf Antrag des Abgeordneten Menzel beschloß schon damals die Kammer der Abgeordneten, an die Regierung wegen einer Revision des Gesetzes im Sinne einer „vollständigeren" Emanzipation heranzutreten. Doch erst durch die deutschen Grundrechte vom Jahre 1849, die durch königliche Verordnung vom Jahre 1851 für die Juden Württembergs Geltung behielten, wurde ein Teil der Beschränkungen aufgehoben. Die staatsbürgerliche Gleichstellung erfolgte durch das Gesetz vom Jahre 1864. Das israelitische Kirchenwesen mit seiner staatskirchlichen Tendenz erhielt sich fast unverändert bis zum Jahre 1912, die vollständige Autonomie in innerkirchlichen Angelegenheiten brachte erst die Verfassung vom 18. März 1924, durch welche die Leitung Wochenkalender. v. 12. bis 19. Mai 1928. ' v. 22. — 29. Jjar 6888. Samstag 12 22 im m pns Sonntag 13 > 23N>na Montag 14 24| Dienstag Mai 15 251 Mittwoch 16 26 Donnerstag 17 27 sVp 11S2 Ml’ Freitag 18 28 S P-rnn P212M '1 plfl Samstag 19 29| P Maule»: Sam 9 tag nachm 4 Uhr 7 Min. 30 Sekunden