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Der Israelit · 1928-05-10 · Heft 19 (10.5.1928) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 19 (10.5.1928)
Date
1928-05-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 19 Der Israelit Wie könnte ansonst als Aushängeschild.für die neue Organisation in den pompösen Publikationen ausgerechnet ein Huldigungstelegramm des Präsidenten des sogenannten „Weltverbandes für liberales Judentum" vom Geiste Sir Montefiores in London an erster Stelle prangen? Daß der „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" in Berlin die „Union" als seine jüngste Schwester erkennt und begrüßt, ist begreiflich, und es wäre auch nichts dagegen zu sagen, wenn seine Voraussetzung, die Union würde ihre Haupttätigkeit auf den Kampf gegen den Judenhaß auf der Grundlage des Centralvereins konzentrieren, zuträfe. Dagegen spricht aber wiederum der Jubel, mit dem die „Vereinigung für das liberale Judentum" in Berlin die „Union" begrüßt. Die „Liberale Vereinigung" benutzt die Gelegenheit, in einem Telegramme, ganz und gar nicht im Telegrafenstil, sondern in breiter Ausführlichkeit, ihr eigenes allzu bekanntes Programm zu entwickeln, das, wie sie hofft oder weiß, auch das Programm der „Union" fein würde. Und die Führer der neuen „Union" weisen dieses Ansinnen nicht zurück, sondern bringen das Schreiben wörtlich zur Veröffentlichung, doch wohl als Zeichen inniger Geistesverwandtschaft! Wenn die Liberalen in London und Berlin mit gutem Instinkt erkannt haben, daß die neue Organisation in Polnisch-Schlesien Geist von ihrem Geiste ist, und diese mit Wonne und Stolz in die ihr entgegengestreckte Bruderhand einschlägt, so hat sie damit zur Genüge gesagt, wo sie hinaus will, und es ist nicht schön von ihr, fälschlich unter der Fahne der „Rückkehr zur Tradition der Väter und Großväter" ihre Fahrt anzubieten. Gedanken über jüdische Selbskerziehung. Don £tmott Schrvav. Das „indirekte" Objekt der Erziehung ist das Seelenleben des zu Erziehenden. Das „direkte" Objekt sind die mannigfachen Aeußer u n g e n des Seelenlebens, als Wille, Gefühl. Handlung. Bei der Erziehung der eignen Person, jedoch, der Selbsterziehung wendet sich der erzieherische Wille unmittelbar an das „Ich", das innerste seelische Erleben. Bei der Erziehung des „Andern" veranlaßt zwar der Wille des Erziehers die nachhaltigsten Eindrücke auf das Seelenleben, aber bewußt beeinflussend dringt er nur bis zur äußeren Gewandung der Seele*) hindurch. Der Erzieher muß im „Heiligtumsvorhof" der Seele Halt machen, sein Ziel ist erreicht, sein Erziehungsmachtbereich liegt eben nur auf dem Gebiete der Seelenäußerungen. Demjenigen, der sich selbst erziehen will, steht die unendliche Unbegrenzttzeit seiner Seele offen, er kann seinen Erziehungswillen sich in, der Urtiefe seiner Seele auswirken lassen. Edelster Lohn blüht dem Erzieher, wenn er den von ihm zu Erziehenden zur Selbsterziehung erzogen, wenn er ihn zum „Hohepriester" hat heranreifen lassen, der es wagen darf, das „Allerheiligste" seiner Seele ehrfürchtig zu betreten. Letztes Ziel der Menschenerziehung ist die Selbsterziehung des Individuums. Und die ureigenste Aufgabe der Selbsterziehung — die Seele n erziehung.- *) Unter Seele ist hier die "nnr>nn-©sj" verstanden, f ausf. hierüber K. 3 V. 2 o^a- Drei große.Pflichtenkreise umfaßt die Erziehung der jüdischen Seele. Als erstes:die Erziehung unsres Triebl e b e n s, als die unerläßliche Voraussetzung für die Ungeteiltheit unsres Wesens, die Harmonie unsrer Persönlichkeit (•ps* 'ipa — “{aal tea) 5 ferner: die Erziehung unsres se e lisch en Empfind e n s , unsrer Persönlichkeit zur selbstverständlichen Hingabe an Gottgewolltes und Gottgebotenes (“jffsi nx iV’sk-ipqi ’paa); und: die Erziehung unsres Diesseitserlebens zur freudigen Unterordnung unter Gottes Ewigkeit mn >ib 111» xinw mm rna toa—-px» ^aa) (i^ mim Diese drei Aufgabenkomplexe sind jedoch nur erfüllbar demjenigen, dem der Erzieher durch die hingebungsvolle Erfüllung der vninvi-Pflicht den Weg gebahnt hat zur Selbsterziehung, und sie finden ihren symbolhaften Mizwaausdruck in der Erfüllung des y^sn und mn»-Gebotes, t bw als Ausdruck der Beherrschung des Stofflichen, des Urgrunds der Triebleidenschaften ('irn m*? mxn nn lajw*?), wxi bv als Ausdruck der Gottesdienerschaft des Geistes, der Gottverbundenheit des seelischen Erlebens und miT» als Symbol der Heiligung unserer hieniedigen „Räumlichkeit" sind die Wegweiser zum 'i nx nanxv die Wegbereiter des r\byp »'»D maV» Vis? und die göttlichen Lehrmittel zur Selbsterziehung der jüdischen Persönlichkeit. Rabbi Israel Salanter und sein auserlesener Schülerkreis haben für diesen Begriff der seelischen Selbsterziehung einen adäquaten hebräischen Ausdruck gefunden — ioiö.i n»an- Ein viel bekritteltes und wenig verstandenes Wort. Die einen sprechens mit müder Resignation, mit blasiertem Lächeln die andren. Verschwindend klein jedoch ist der Kreis derer, die Muffar in ihrem Leben konsequente Wirklichkeit werden lassen. Während der Chassidismus sich die breite jüdische Volksmasse des Ostens erobert hat, zum Gemeingut Hunderttausender geworden ist, ist der Mussar nur der Mittelpunkt einer kleinen bescheidenen „Bewegung" geblieben. Der Chassidismus erstrebt die Verinnerlichung und Vertiefung des Verhältnisses vip»^ »ix per will „die Leiter wieder errichten, die Himmel und Erde verbindet", aber er arbeitet nicht in erster Linie an der Vervollkommnung des Menschentums, an demirnanb x"a> dem i»2z?b X"a sondern er hebt den Menschen mit elementarer Wucht hinauf in die kristallklare Atmosphäre der 'i naij?' in der alle sündigen Triebe und Lei-, denschasten erstarren müssen, in der sich alle Unebenheiten seines Charakters von selbst glätten. Der Chassidismus muß daher nicht eingehen auf die individuelle psychologische Verschiedenheit jedes Einzelnen, und kennt daher nur seiner ganzen Struktur nach die gläubige, begeisterte Masse und unerreichbar hohe Jdealgestalten v'p'iir. Die Mussaridee ist von vornherein nicht für die Masse berechnet, sie kennt nur den jüdischen Menschen, die Einzelpersönlichkeit, die sich in steter Selbstüberwindung immerwährend selbst erzieht. Der Mussar hat der alten Wahrheit des nxi'a »UV 'in erneut zur Anerkennung verholfen, er hat seine Bekenner gelehrt, daß der Gottverbundenheit der-Seele die Erziehung der Seele v o r a u s g e h e n m u ß. Selbsterziehung der jüdischen Seele! Das Ziel unfaßbar hoch, der Weg unsagbar steil, und doch,, oder vielmehr darum, Gottes Forderung. — — Zwiegeftaltig wie die Thora selbst ist das Wesen des Muffar: Lehre und Leben, Forderung und Erfüllung. Muffar ist nicht nur der göttliche „Pädagoge" der jüdischen Seele, Mussar fft auch reinste jüdische Lebens k u n st. 10. Mai 1828 Mussarstübel und Mussarschiur, maa*?n nairt und »'iw' n^'v»' das „Buch über die Gottesfurcht", die „Tore der Teschuwa" und nicht zuletzt die gesammelten „Briefe" des Rabbi Israel Salanter find die Hilfsmittel zum Eindringen in : die eigenartige Welt der Mussar-Lehre. Mussarstudium in engster Verbindung mit einem geläuterten Verstehen von “pn und mux will jedoch nur die Anregung bieten zur individuellen Selbsterziehung, zum persönlichen Muffarerlebnis. Das U m f o r men allerdings der durch systematisches Muffarstudium gewonnenen Erkenntnisse in lebendige jüdische Tat ist die Aufgabe des vom Mussar getragenen und beherrschten Thora l e b e n s. Das "*]aaV Vaa" fordert: die Erziehung des Trieblebens, das Bekämpfen der Leidenschaften (wie Zorn, Vergnügungssucht, Geldgier u. v. a. m.) und die Entwicklung der nii» (wie Bescheidenheit, Dankbarkeit, Menschenliebe usf.). Die vorhandenen Energiemengen des snn iL' sollen dem Sittlichen und Guten gewonnen werden, und so das Stoffliche, das — ungehemmt — den Menschen niederzieht in lasterhafte Verderbtheit, Diener werden dem Göttlichen. . Das baa".wiederum ruft den Menschen auf zum ffmn-imm gur ständigen Seelenbilanz, Zur opfervollen Entsagung, zur „formalen Entschlußfähigkeit" und zur VL^nii'v» -Bereitschaft. -px» b'ji endlich verlangt die Weihe des Lebensgenusses, die Durchgeistigung der Lebensführung, die gottvertrauende Lebensfreude und das immerwährende Aufsteigen zur Heiligkeit auf den Stufen des »miMT ,nit'il 'ni'pi 'niv'is '.ii.ivnii'vn ',iiiV und xvn-nxi'' „Aufstieg durch Jnsichgehen", Gottinnigkeit durch zähe Selbsterziehung, das ist der „ C h a ff i d ismus " des Muffar, die schöpferisch-neue, ewig junge Ethik des Judentums, die — lautlos, bescheiden — Charaktere formt, hohen jüdischen Seelenadel, und die die Fäden zieht vom jüdischen Menschen zum jüdischen Menschen, vom Einzelindividuum zur jüdischen Gesamtheit und von dieser wiederum hinauf zu Gottes Weltenthron:. Jeschajoh, der große Mussarprediger, hat es vor Jahrtausenden schon verkündet: Bahnet in der Ebene den Höhen weg zu Gott! Das Gemeinsame der verschiedenen Mussarschulen ist die Tendenz, das Unterscheidende — die Methode. Wir unterscheiden heute: die Kelmer Schule des Rabbi Simcho Süffel, die Slobodkaer Richtung des „Alten", R. Zwi Finkel, die Novogrudoker mehr asketische Mussarlehre von nii»n nTaiP' das Telscher philosophische System des 'i rix nsn und endlich die nxi'-Erziehung des Chofez Chajim. „Getrennt marschieren und vereint schlagen" ist> das strategische Prinzip des kleinen Häufleins, das sich um das stolze Banner Rabbi Israels schart. Bezeichnend für den „Mussarnik" ist sein / psychologisches Einfühlungsverständnis in das Wesen, des Andern, sein induktives Schließen vom Gebühren und Reden auf feinste, seelische Regungen, auf unbewußte Middosauswüchse, die seiner fast unfehlbaren Menschenkenntnis selten entgehen. Seine Frömmigkeit zeitigt Thoraliebe, sein Thorawissen — Mizwohachtsamkeit. Der ivi» ^va^indet in jedem Satz des *pn*: in jedem agadischen Ausspruch derrn»an die Bestätigung und Bekräftigung seiner Lebens- und Weltanschauung und er ist es, der jeder seichten Homilie abholden, einer wort- und sinngetreuen Midraschauslegung das Wort redet. Muffar und Ehassidus. Beide wollen die Entmechanisierung der „Jüdischkeit", beide das jüi/i pgr.TM'.it gY'-ry-/

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