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Der Israelit · 1928-05-10 · Heft 19 (10.5.1928) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 19 (10.5.1928)
Date
1928-05-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Der Israelit 10. Mai 1928 Seite 2 Nr. w Die Wirklichkeit der Dinge gibt ihr Unrecht). Wir müssen eben jämmerlich scheitern, wenn wir mit unseren ärmlichen Geistesmitteln (reinem Rationalismus) das Weltbild begründen wollen. Zu eines Höheren, „Geistes Kraft und Mund" nimmt Faust die Zuflucht, um zu erkennen, „was die Welt im Innersten zusammen hält." (Hier wird er jüdisch). Uns ist durch die gütige Vorsehung sicherer Weg gewiesen. Die Frage nach der Art unserer Weltanschauung hat höchstens nurmehr konstatierenden Wert, nicht beeinflussende Kraft. Die Thora ist induktiv. Durch die subtile Paragraphierung in der Halacha erzieht sie uns zwingend zu ihrer Anschauung ^id’zd und läßt dem gerade ihr Folgenden keine Möglichkeit zu irren. Nur unsere heutige Zwiespältigkeit und Zerrissenheit Zwischen zwei Standpunkten bringt uns Wahl und Qual. Keinen, Schuhriemen kann ich richtig binden ohne Leitung des Schulchan Oruch und da sollte ich das Resultat allen Trachtens und Betrachtens, das Mosaik daraus, meine Weltanschauung erst s e l b st suchen müssen? Das n‘?,l?i aai' irant» bei unserem Tun des Tags und unserem Träumen des Nachts von Jugend auf geübt, alles und alles aufriMip nniin zu beziehen, erspart uns die Seelenkämpfe eines Faust. Der größte Feind der Wahrheit nun auch jener nur angenäherten, ist der Götze, dem heute die Kinder ihre Väter opfern, wie einst die Väter dem Moloch ihre Kinder darbrachten. Nach der Erkenntnis unseres Standpunktes stoßen wir auf die erste Schwierigkeit in der Praxis, die Mode. Es gibt eine Mode im Geist wie in den Kleidern. Im Wechsel — dem allein Steten — sind sich wissenschaftliche Blätter und Modejournale sehr ähnlich. Wir wollen — wie wir das als Juden nie anders geübt haben sollten — wieder lernen das Ewige in seinem wahren Lichte anzuschauen. Heute schwächen und fälschen wir, gelehrige Schüler unserer Umwelt, unsere Anschauung durch die rasch wechselnd gefärbte Brille des Zeitgeistes 'im npin- Resultat: Heute häßlich — was gestern schön, heute schlecht, was gestern gut. Das heißt falsche und charakterlose, weil unstete Anschauungen. Die Umwelt — von Bileam bis heute auch von Prophetengeist, wenn auch nicht ungetrübtem, geführt — nennt ihre zeitlosen Schöpfungen „klassisch"*). Es sind das über Moden, erhabene Ewigkeitswerte, ewige Wahrheiten. Unsere Schätzung des nur Zeitlichen, des „Modernen" muß überwunden werden. Kein räumliches Ghetto vermag uns abzuschließen, wo wir *) Uns ist jedes Wort in armw nnn und ns b?3V nun „klassisch". uns geistig panzern müssen. Auch über chinesische Mauern findet die Idee ihren Weg. Der Jude darf nur wie eigentlich der Gebildete überhaupt, das Grau ewiger Wahrheit, das unter dem Schleier des Modernen sich birgt, schätzen. (Unterschied zwischen, Chachomim Israels und denen der Umwelt ist: Hier grundlegende Prim zipien auf vielerlei Um- und Abwegen, dort durch göttliche Offenbarung gegeben.) In Anschauung der Dinge um uns gehört es zu unseren reinsten Freuden, darin die überzeitliche Wahrheit (auch Schönheit) zu erfassen, im Modernen das Alte, im Alten das Moderne zu finden: denn die Dinge haben ob alt oder neu nur soviel Wert, soviel ihre zu Grunde liegende Wahrheit hat. Das lehrte Hirsch unsere, dem Modernen gegenüber so kritiklose Zeit, wie Maimonides 700 Jahre früher seine äußerst kritische. Maimonides mußte seine ohne Prüfung ablehnenden jüdischen Zeitgenossen lehren, ihre Zeit mehr zu schätzen. Hirsch mußte uns, ohne Prüfung Aufnehmende, stärken, unsere Zeit mehr zu verachten. Auch scheinbar dem Jüdischen Ferneliegendes und Geringstes wird wertvoll durch dies „jüdische Verarbeiten", durch diese Prüfung „auf Wahrheiten", sei es ein Drama, das wir sehen, ein Buch, das wir lesen — ein Lied, das wir hören, naxn pxa nax' „auch im Staube ist die Wahrheit zu finden." Wie unsere Weisen über profane Wahrheitssuche dachten, zeigt ihr Ausspruch in r>3V: 3^n^ snivi ^srs nxi iaix ainan nenn ipxi rn^Tai msipna irri xb rr> newai iv'3' xV i „Wer der Gestirne Bahn zu berechnen weiß und unterläßt, vom dem sagt die Schrift: Gott Gewirktes schauen sie nicht, und seiner Hände Werk sehen sie nicht." Gründliche Prüfung jeder an uns herantretenden Idee auf Wahrheitsgefühl, an Gottes Wort ermessen, ist unsere erste Forderung. Dem Oberflächlichen unterläuft hier mancher Irrtum. Die gröbste Art dieses Irrtums möchte ich charakterisieren mit dem Titel: 3. Die Idee und das jüdische Mäntelchen. Dadurch, daß ich einer Idee, die aus der Umgebung übernommen ist, ein jüdisches Mäntelchen umhänge, wird sie nicht jüdisch. Im Gegenteil, Unrechtes im heiligen Gewände ist geradezu Blasphemie. Maimonides, Kommentar zu Spr. d. V. Kap. 1, Mischna 15. Es wird davon gesprochen, ob jede arabische oder hebräische Sprache ohne Rücksicht auf den Inhalt die Singbarkeit eines Liedes in jüdischer Gesellschaft bestimmt. . . „Aber das ist eine vollkommene Torheit, denn die Sprache macht ein Lied nicht bester und nicht schlechter. Wenn der Inhalt ein guter ist, kann man es in jeder Sprache sprechen und wenn der Inhalt ein schlechter ist, dann ist er verboten in jeder Sprache. Ich habe sogar noch hinzuzufügen: Wenn zwei Lieder da sind, die denselben, Inhalt haben, etwa von Sinnlichkeit und Leidenschaft sprechen und unsere Seele ihr zugänglich machen, und eines dieser Lieder ist hebräisch und das andere arabisch oder in sonst einer fremden Sprache, dann ist das Hören und Sprechen des Liedes nach der Thora verächtlicher in der hebräischen Sprache als in« der fremden. Der Nationalismus des Deutschen, des Franzosen, des Engländres, des Jvri unterscheidet sich in nichts als eben in der Farbe, im Anstrich. Der „Germinal" Zolas, obwohl voll Armeleutegeruch ist ins Hebräische übersetzt noch lange kein Ghettoroman. Der orientalische Schleiertanz der Salome ist in nichts jüdischer als der europäische Tango. Die des Zinius bare jüdische Frau ist, selbst Talmud und Midrasch zitierend, so unjüdisch wie ihre nichtjüdische Schwester mit dem Corpus juris. Und endlich Jugend, die gegen das Alter Sturm läuft, handelt unjüdisch, ob sie das tut mit „Hurrah" oder — „Hedad und Chafak". Durch die Schale hindurch wollen wir den Kern erkennen. Nicht die Einkleidung einer Idee, die Idee selbst sei jüdisch. Doch wie wissen wir, was „echt jüdisch" ist und was uns nur im Lichte der Umwelt als wahr scheint? „Wo 'Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein." Mir gellt heute das Ohr vom Worte „Gefühl". Auf zweierlei Art kann das Gefühl, das letzten Endes doch immer den Antrieb unserer Handlungen abgibt, zu stände kommen. Die erste hat ihren Ursprung im Triebleben, also im animalischen Geistesbezirk des Menschen. Jezer ist das zum Schutze des reinen animalischen Bestandes des Individuums und der Art in den Menschen gelegte Triebleben. Seme Aufgabe ist es, ihm das körperliche Dasein lebenswert und erstrebenswert zu machen. Es darf aber, soll es seine Aufgabe am Menschen treu erfüllen, nicht überwuchern. Im Menschen, dem Gemisch aus Körper und Geist wirkt es nur Gutes, wenn es dem Bewußten, rein geistigen Seelischen völlig untergeordnet ist. Im Tier wird es vom unbewußten Instinkt geleitet. Die Stellung, die wir dem Jezer, dem Triebleben, dem Gefühle also in uns anweisen, macht einen, der großen grundlegenden Gegensätze zwischen uns und unserer heutigen Umwelt aus. Auch das Sinnliche in uns (in der weitesten Auffassung) hat seine Geistigkeit, ist in seinem Urwesen nicht rein körperlich, materiell. Ein Bezirk unseres rein geistigen Lebens ist an die Bedürfnisse des And dennoch. Don Rabbiner Dr. W. Lervirr in Kamburg. .. . an^ix pxn anvna nxr aa nxi »Und dennoch!“ Das ist de freundlichere Nüance, in die das io furchtbar ernste Schicksalskapitel der nnain ausklingt. Das ist der milde Lichtstrahl, der schließlich das finstere Gewölk der Zurechtweisung und Drohung zerteilt. Das ist die Heilsbotschaft, die unser Golusleid verklärt und ihm einen tieferen Sinn, einen Ewigkeit-wert verleiht. — „Und dennoch!" Das Gesetz der Kausalität, das in der natürlichen, notwendigen Folge von Ursache und Wirkung allenthalben waltet, bei Israel hat es die Liebe Gottes aufgehoben. Was gedrückt und niedergetreten wird, das wird in seiner Entfaltung gehemmt — und fällt schließlich der Vernichtung anheim. Nur Israel trotzet diesem Gesetz, nicht Druck und nicht Verfolgung, nicht daß so oft der Himmel ihm wie Eisen und die Erde nffnia kupfern schien, daß eine grausame, aller Liebe und Teilnahme bare Umgebung ihm Licht nnd Lust entzog, hat es in den Grundlagen und Bedingungen seines Seins dauernd zu erschüttern vermocht. An ihm hat sich vielmehr jenes andere Gesetz in seiner vollen Kraft bewährt: n'bva rix marca niirin Die Lehre steht schützend über ihrem Träger. Das Leid hat Israel zur Selbstbesinnung und Einkehr geweckt, so daß der äußere Druck zur inneren Erhebung und Festigung geleitet. So steht es auf jedem Blatte unserer Geschichte mit deutlichen Buchstaben verzeichnet —, wir müssen die Zeichen nur richtig lesen und deuten. Was von wildemFanatismus und roher Glaubenswut die Menschen und die Völker an Israel zu Schuldigen gemacht, das möchten die anderen so gerne fortwischen aus dem Schuldkonto der Menschheit und sie reden von Israel als von dem Volke, das das Kainsreichen des göttlichen Zornes an feiner Stirne träot. Sie lesen und verstehen es nicht das: »Und dennoch!" Uns aber besagt es. daß es der Sinaibund ist, den Gott mit Israel geschloffen, der über uns treue Wacht hält, daß wir uns erheben, wenn wir gesunken, und darum allen Anfeindungen und Verfolgungen zum Trotz von der Bühne der Geschickte nicht verschwinden. Uns gibt jene«? Wort das Verständnis für die Deutung unserer Weisen. Im Midrasch nainan finden wir folgenden scheinbar rätselhaften Aussvruch. Der Prophet Hosea kündet von Gott: 'vipa ^x nsiiPX *]bx Ich werde gehen, ich will zurückkehren an meinen Ort." 3VD iTH iVXtf N31VX *^X X*?X 3TD PX N31VX1 N3^X lax X^X nipri ^X1V'> anV nrrn xV nniwxi ns^x *]3^? *1tin '1X1 N312M WJP *]^W '1XV S"§x nwapn a,T^$? nxan ms *jina 'aipa Vx naivx *]*?x 3'ria' •nnn ’ixi nnwn iwsr Hier heißt es nicht, bemerkt der Midrasch, ich will gehen und mich zurückziehen, g'Lcklicherweise. — denn da gäbe es keine Hoffnung für Israel, der Prophet aber verkündet: »aipa *?x nawx ^x Ick gehe (jetzt), ich will aber an meinen Ort"(in das Heiligtum) zurückkehren. Wenn ich jetzt meinen Tempel preisgeben werde, so ist das nur zeitweilig» Israel soll nur naitpn fromme Einkehr üben, und ich werde zu der erwählten Stätte zurückkehren. . - Das Leid, das über sie im Golus kommt, wird ste zur rechten Umkehr führen, dann aber bin Ich auf dem Wege zum Heiligtum". lDgl. die Kommentatoren zur Stelle .(a 'a 'npm). - naiwxi ns^x werden nämlich bedeuten können entweder: Ich will mich aüfmachen nnd mich zurückziehen oder ich will gehen und (dann) zurückkehren. So verkündet es der Prophet nicht, das ließe einen Zweifel. Klar^ und eindeutig bestimmt rufet vielmehr Gott: nnitfx "»Vx Ich werde nun gehen (die heilige Stätte verlassen), — das ist eure Schuld — Ich will aber zurückkehren — darum müßt ihr durch Reue und Rückkehr euch dessen würdig machen. — Was uns hier der Midrasch deutet, das ist uns bereits in dem Schlußwort der NN31N verheißen. Nicht um uns zu verwerfen, nickt um den mit uns geschloffenen Bund auszuheben, hat uns Gott so < oft in eine feindliche Umgebung hineingestellt. Hier sollten wir uns bewähren und die guten in uns schlummernden Keime entfesseln — in der Not und Trübsal unseres Seins das Himmelslicht der Thora in unseren Herzen und Häusern entzünden, damit wir trotz der unsäglichen Entbehrungen und Drangsale nicht verkümmerten . . . „Und dennnch!" Das bleibt unser Hoffnungsanker für alle Zeit. Unsere Vergangenheit zeugt für unsere Zukunft. Wir sind bisher unüberwindlich gewesen als Volk der Thora, wir bleiben es, solange wir. der Lehre Träger, für Gott und seine Wahrheit werbend^wirken. -_... J '.'r. ..

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