Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1928-05-03 · Heft 18 (3.5.1928) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 18 (3.5.1928)
Date
1928-05-03
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2450495-2450512--74937-2532434
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Dfäffet* fieeausgegeften non dev Condesoeganifation dep Agudosojitpoef in Deuifeliiand (4. Jahrgang ' Frankfurt a. 2Jt, 3. Mai ,Y28 / 13. 3jar 5688 . Nummer 10 Europa oder Orient? Zur politischen Lage in Palästina. Don Dr. MnPas Kohn in Men. (I. U.) Man kann an die Verhältnisse in Palästina nicht das Maß anleg en, mit dem man sonst die politischen Gefüge der Welt zu messen pflegt. Das liegt zunächst in der Eigenart der Mandatsverhältnisse begründet; denn, völkerrechtlich gesprochen, bedeutet ein Mandat die Aufgabe, die Bevölkerung eines politisch' genau abgegrenzten Bezirkes so zu erziehen; daß diese Bevölkerung in absehbarer Zeit befähigt ist, sich selbst zu regieren. Es ist eigentlich im Sinne der Friedensverträge Aufgabe des Völkerbundes, zu entscheiden, wann dieser Zeitpunkt gekommen ist. Soweit die Theorie. In der Praxis mag die eine oder die andere Mandatarmacht das Bestreben haben, diesen Zeitpunkt möglichst hinauszuschieben oder sein Eintreten möglichst zu beschleunigen. Im Uebrigen bietet die Umwandlung der englischen Kolonien in Dominions in wesentlichen Punkten eine Art Parallele, nur mit dem Unterschiede, daß hier als Produkt einer Entwicklung von selbst eingetreten ist, was im Sinne der Mandatsbegriffe im voraus postuliert wird. Im allgemeinen kann man sagen: Je mehr eine Mandatarmacht das ihr anvertraute Gebiet der Kultur zuführt, desto mehr liegt ihr daran, die oben näher bezeichnete Umstellung in die Tat umgesetzt zu sehen. Es ist allerdings vielleicht eine Lücke darin zu erkennen, daß man, wie es scheint, als Endziel die Fähigkeit erblickt, ein Staatsgebilde zu schaffen, das sich den europäischen Verhältnissen möglichst angleicht. Denkbar wäre natürlich auch, daß im Orient ein geschichtlich in den orientalischen Verhältnissen verankertes Gebilde der Beglückung der Bevölkerung dient. Jedenfalls gewinnt man in Palästina den Eindruck, daß hier das europäische Gepräge erstrebt wird, die Zurückdrängung des Orients zeigt selbst im Privatleben ihre Spuren. Vielleicht liegt hier für den auch im Unterbewußtsein schürfenden Forscher ein Motivenbereich, aus dem heraus sich die Opposition der Araber gegen das Mandat überhaupt erklärt, denn es ist wohl klar, daß die Verquickung des Palästinamandates mit dem Gedankengang der Balfourdeklaration die Schaffung europäischer Verhältnisse als zwangsläufig erscheinen, läßt. Hätten die jüdischen Kreise von vornherein sich mehr in den Orient eingelebt, wie es beispielsweise der alte Jischuw getan hat, so wäre vielleicht manches anders geworden. So aber, wie die Verhältnisse jetzt liegen, bieten sich dem konservativen Araber, selbst in seinem Privatleben, selbst in seine Erziehung hinein-, Reibungsflächen in ziemlicher Anzahl. Doch es mag immerhin ein Trost sein, daß man in den nun einmal vorhandenen Gegensätzen nicht etwa lediglich den Ausdruck eines -Machthungers oder eines Chauvinismus zu erblicken gezwungen ist, sondern daß hier auch die große Linie gewaltiger Weltanschauungsfragen eine Rolle spielt. Es wäre außerordentlich gut, wenn man sich diesen Untergrund der bestehenden und werdenden Tatsachen stets vor Augen hält. So läßt sich vieles, wenn nicht gar alles erklären. — Es ist Zwar noch kein Schulzwang, aber die Erziehung in den vorhandenen Schulen hat europäischen Schnitt und Inhalt. Alle Richtlinien für die öffentliche Ordnung sind nach europäischem Muster ausgearbeitet. Die Verfassung für die jüdischen Gemeinden ist ein Schulbeispiel. Hier müßte man eigentlich einsetzen, wenn man die innerjüdischen Verhältnisse einer Betrachtung unterziehen will, hier ist, wie vielleicht nirgends der Platz gewesen, die Eigenart der jüdischen Kultur zum Ausdruck zu bringen. Es war sicher ein Sprung ins Dunkle, von dem keiner eine Freude hatte, da man die Gemeinde- und Organisationslosigkeit der früheren Periode nun plötzlich in den spanischen Stiefel eines vormärzlichen Organisationsstatuts zwingen wollte. Dieselbe Mandatarmacht, der es niemals einfallen würde, die Verhältnisse des Islam oder des Christentums derartig zu beeinflussen, hat den Juden dieses Danaer-Geschenk gegeben. Auch in diesem Punkte eröffnet sich dem tieferen Beobachter eine neue Perspektive. Tatsächlich obwaltet hier die Frage, ob auch nichtpalästinensischen Juden eine Jngerenz auf die Gestaltung der Verhältnisse eingeräumt werden solle, oder um korrekter zu sprechen, ob nicht die Kompetenzen der Jewish Agency auf die Vertretung der palästinensischen Judenheit als solcher übergehen solle; denn es unterliegt keinem Zweifel, daß dann, wenn die palästinensische Judenheit sich mit voller Einmütigkeit hinter die Gemeindeverfassung hätte stellen können, das Schwergewicht des Einflusses auf ihre Vertretung gefallen wäre. Es ist ja dem Eingeweihten kein Geheimnis, daß Waad Leumi und Zionistische Exekutive nicht immer parallel gehen, allein man weiß, daß moralische und finanzielle Einflußsphären nicht ganz voneinander zu trennen sind. Und so ist denn in einer Ergänzung der Verfassung glücklich auch wieder die Jewish Agency in Erscheinung getreten. Das Protokoll des Bundes- und " ' / _ der AgudasJisroel Jugend-Organisation ist erschienen und zum Preise von Mk. 2.50 (bei größererBestellungErmäßigung)vomBüro des Orts-Vereins Langestraße 8 zu beziehen. Einzahlungen auf Postscheckkonto. 68 285. Ein literarisches Dokument von bleibendem Werte. Auch für Geschenkzwecke geeignet. Man darf jedoch nicht außer Acht lassen, daß es sich tatsächlich bei den Kämpfen gar nicht um Zionisten und Nichtzionisten handelt, sondern, daß dort der alte Kampf zwischen Orthodoxie und Reform wieder entbranntM. Hier ist.festzustellen, daß in Palästina der Autoritätsgedanke immerhin noch stark genug gewesen wäre, um einer einmütigen Front der Thorakenner vollen Einfluß zu gewähren. Diese Einmütigkeit ist nicht vorhanden. Das mag auch daran liegen, daß eben die ganze Struktur nicht vorhanden ist, welche dem Träger der Autorität eine historisch gegründete Stellung verleihen könne. Hierin liegt vielleicht das tragische Verhältnis des Oberrabbinats — als Institution, nicht als Person aufgesaßt —, welches die Reform auf Grund ihrer absoluten demokratischen Einstellung nur unwillig schaffen half und dessen Bedeutung sie auf ein Minimum herabzudrücken versuchte, während wiederum das Oberrabbinat selbst nicht gewillt war, den Autoritätsgedanken im kritischen Augenblick zum Kampf und zum Sieg gegen die demokratischen Angriffe zu führen. Es muß leider festgestellt werden, daß der ganze Gedankenkreis, der eigentlich naturnotwendig mit dem Begriff eines Oberrabbinats verknüpft ist, im Geist, Herzen und Willen der palästinensischen Bevölkerung sehr wenig verankert ist. Auch diejenigen, welche von dem Rechte Gebrauch gemacht haben, sich in das Gewebe der , neuen Gemeindeverfassung nicht einfügen zu lassen, haben zum Teil erst noch den Beweis zu erbringen, daß sie gewillt sind, ihr Bekenntnis zur Souveränität der Thora auch zur Unterordnung unter die Lebensform des Autoritätsgedankens zu verdichten. Hierbei ist eine lockende Aufgabe, zu beobachten, wie stark die verschiedenen Heimatsländer der Einwanderer ihren Einfluß ausüben. Tatsächlich ist es durchaus verfrüht, von einem nationalen Einheitsgebilde der in Palästina wohnenden Juden zu sprechen. Das liegt nicht nur daran, daß durch die getrennte, Verwaltung der Kolalim, also ein rein materielles Moment, die Auswirkungen der Abstammungsländer sich immer wieder und wieder aufs Reue sich geltend machen: denn Waad kol Hakolalim stellt nicht etwa eine Dachorganisation aller Kolalim dar, sondern ist vielmehr eine Parallele zu den Kolalim, die nicht einmal als eine Art Clearinghoufe zwischen den sehr schwankenden Einnahmen der einzelnen Kolalim dient. Vielleicht jedoch ist die historisch gewordene und materiell begründete Sonderexistenz der einzelnen Kolalim ein gewaltiges Motiv gewesen, um die Eigenheiten der Abstammungsländer sorgfältigst zu konservieren. Aber selbst wenn es gelänge, die aschkenasischen Juden zu einer Front zu vereinigen, so wäre damit einer der gewaltigsten Aufgaben, einer Verschmelzung zwischen sephardischen und aschkenasischen Juden ziemlich wenig gedient. Diese Unterscheidung wirkt sich fast gefühlsmäßig aus, so daß Ehen zwischen sephardischen und aschkenasischen Kreisen noch immer eine Seltenheit sind. Es ist allerdings möglich, daß die Gemeinsamkeit der Stellungnahme zur Gemeindeverfassung eine Annäherung erzeugt. Soviel über die innere Lage. Wenn wir zur äußeren Lage zurückkehren, so drängt sich jedem unwillkürlich die Frage auf, wie denn nun eigentlich das Verhältnis der Mandatarmacht zu den einzelnen Bevölkerungsschichten gelagert ist. Die große politische Linie, d. h. also eine Erörterung darüber, wieweit die Mandatarmacht ihre weltpolitischen Interessen mit Ausübung des Mandates gewährleistet sieht, bedarf wahrlich hier nicht einer genauen Zeichnung. Ein Blick auf die Karte, eine auch nur oberflächliche Kenntnis der Verhältnisse in Aegypten, Mesopotamien und Kleinasien überhaupt läßt die Bedeutung Palästinas klar erkennen. Auch die Erstellung eines gesicherten Landwegs vom nördlichen Europa zum südlichen Asien wird eine Verminderung dieser Bedeutung nicht herbeiführen: es liegt aber im Wesen dieser Bedeutung — und damit kehren wir zum Anfang unserer Ausführungen zurück — daß in Palästina eine Art Europäisierung Platz greift. Das führt zur innerpolitischen Forderung, daß die orientalisch orientierten Kreise mit dem Versuch der Curopäisierung versöhnt werden, d. h. daß ihnen die klare Erkenntnis beigebracht wird, daß ihre nationalistischen Wünsche auch bei einer Europäisierung einer Erfüllung teilhaftig werden können. Man sieht, daß die Mandatarmacht hier vor ein außerordentlich schweres Problem gestellt ist. Eine Radikalisierung der Bevölkerung würde störend in diesen Entwicklungsgang eingreifen; so erklärt sich auch aus weltpolitischen Gründen die scharfe Sichtung der Einwanderung, für die na-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.