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Der Israelit · 1928-05-03 · Heft 18 (3.5.1928) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 18 (3.5.1928)
Date
1928-05-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 18 Der Israelit 3. Mai 1628 4 auf, was die drei Wellen ihm bringen, ihre drei Melodien find niedergelegt in den zwei Büchern, die es schreibt, im Alten Testament: die Lehre vom Tun, im Neuen: die vom Verzicht, und in beiden der Grundton: Wille zur Unsterblichkeit. Die Söhne des kleinen Volkes sind zu Hause auf der Brücke zwischen Tun und Verzicht. Und mancher schreitet den Weg ganz aus: Vom rasenden Wirbel des Tuns, über den Trotz gegen die Vernichtung zur Verebbung in Nichtwollen und Verzicht." Das hört sich alles ganz leidlich an und ist sicher eine schöne Ouvertüre zum letzten Kapitel des Jud Süßschen Lebens. Vom Standpunkt der Religionsgeschichte ist es falsch. Das ist Feuchtwangersche, aus indischen, germanischen und ägyptischen Weisheiten zusammengeholte Lebensansicht, mit dem Judentum und seiner Entstehung hat es nichts zu tun. Babel-Assur zum Vertreter weltabgewandter Träumerei zu machen, ist kurios. Aber auch die Syrier in ihrer Lebensform mit den Römern zu identifizieren und dann aktivistische Züge der Thora auf diese syrischen (westlichen?) Einflüsse zurückzuführen, ist phantastisch. Buber hat die indische, persische und chinesische Literatur zum Verständnis jüdischen Geistes heranziehen wollen, aber merkwürdigerweise gerade das Gegenteil darin * gesehen wie Feuchtwanger: Motorisches Verhalten zur Welt. Auch die Hereinbeziehung christlicher Literatur in den Kreis jüdischen Denkens ist nicht neu: dadurch wird sie nicht richtiger. Dadurch wird die Tatsache nicht aus der Welt geschafft, daß ausgerechnet die Juden, die nach Feuchtwanger das Neue wie das Alte Testament geschrieben haben, es abstoßen und verleugnen konnten, ohne sich in den Grundtendenzen ihres Wesens geändert zu haben, während gerade die Okzidentalen, deren Grundwesen im geraden Gegensatz zum Neuen Testament steht, es auf ihren Schild erhoben haben. Das Ganze ist aber eine Probe aufs Exempel, worauf ein ausgezeichneter Schriftsteller verfällt, wenn er als Philosoph, Historiker und Jude zugleich neuartig und alles vom Standpunkt des Aestheten schreiben will. Mittelalterliche Wahnideen. Von A. Mannheimer in Dettelbach. Es gibt Millionen Menschen, die in der heutigen Zeit es nicht fassen können, daß man vor Hunderten von Jahren unschuldige Frauen und Mädchen der Hexerei beschuldigte, Juden der Hostienschändung, der Vrunnenvergiftung anklagte, in religiösem Wahn ganze Gemeinden abschlachtete. Man kann sich kaum vorstellen, wie der menschliche Geist auf solch grauenhafte Jrrewege geraten konnte. Für solch fürchterliche Erkrankungen des gesunden Menschenverstandes hat man die Bezeichnung Wahn und spricht vom dunklen Mittelalter. Uns Juden ist derlei Verirrung des klaren Menschenverstandes auch heute leicht begreiflich. Im Sommer 1928 sind 50 Jahre verflossen, seitdem man das Wort Antisemitismus zum ersten Male vernahm. Deutschland hat die zweifelhafte Ehre, dessen'Geburtsstätte genannt zu werden und kann heuer ein eigenartiges Jubiläum feiern. Wenn wir an all das denken, was seitdem über uns hinweggebraust — man braucht nur die verschiedenen Ritualmordprozesse zu nennen — so muß man sagen, daß die mittelalterliche Ideenwelt uns Juden mit einem plötzlichen Ruck in greifbare Nähe rückte. Auch der unentwegteste Optimist, auch der einfachste Mann des Volkes lernte begreifen, daß die Weltgeschichte sich in ewigen Parallelen wiederholt. Da kam der Weltkrieg. Tausende von Juden eilten begeistert für das Vaterland zu den Waffen. Tausende vergossen freiwillig ihr junges Blut für Deutschlands Ehre und Freiheit. Tausende zeichnete man mit hohen Orden aus und Tausende wandeln heute noch unter uns als Krüppel und Kranke. Es ist begreiflich und verzeihlich, wenn nun auch hartgesonnene Pessimisten glaubten, das rasende eiserne Spiel habe nun auch den Antisemitismus von der Weltenbühne hinweggefegt. Blut ist ja ein ganz besonderer Saft und Kitt. Doch was sehen und erleben wir? Einer der ersten Heerführer aus dem Weltkriege tritt als einer der ersten Heerführer im Antisemitismus auf. Vor wenigen Tagen trat Ludendorff in München, in „seinem" München als Redner vor deutsche Volksgenossen hin und kündete laut und eindeutig: Die Sache an der Front stand gar nicht so schlecht. Nur die Juden, Jesuiten und Freimaurer sind schuld an der jetzigen traurigen Lage Deutschlands. Ludendorff folgt der Methode der Kartenspieler: ist eine Partie verloren, so wird „nachgekartet" mit wenn und hätt ich, hättst du usw. Freilich 1918 tat er das noch nicht. Damals fand er es ratsamer hinter zwei blauen Brillengläsern und dem Pseudonym Lindström Schutz zu suchen, ungleich den Millionen Soldaten — auch jüdischen, katholischen, freimaurerischen — die er in die mörderische Schlacht sandte. Es mangelte ihm auch die Zivilcourage jenes Offiziers, der sich in Verzweiflung über Deutschlands Schicksal am Kaiserdenkmal in Hamburg erschoß. Dafür reist er 1928, wo die Geschichte weniger brenzlich ist, in Kollektivverleumdungen gegen' Juden, Jesuiten, und Freimaurer. Die zeitliche Distanz von zehn Jahren ist der kühnen Trübung und frechen Fälschung von Tatsachen dienlich. nptpV, nmT •pirny p’riT« Was bezwecken solche Expektorationen? Denkt Ludendorff etwa, man würde derartigen Blödsinn in das jetzt entstehende Generalstabswerk vom Weltkriege aufnehmen? Es ist natürlich in erster Reihe politische Wahlmache. Aber es ist nebenbei auch mittelalterlicher Wahn. Man wäre versucht, ihn mit verächtlichem Stillschweigen zu übergehen. Da Ludendoff aber immerhin in weiten Kreisen noch ein Name von Gewicht ist und überdies zu erwarten steht, daß der General landauf landab zieht, um vor den Wahlen fein Sprüchlein herzusagen, so finden wir es doch nicht unangebracht, hier Urteile ' von den bedeutendsten Heerführern über die Ursachen des Zusammenbruchs vorzuführen. Die Wucht der Urteile von solcher Seite trifft Ludendorffs Wahngebilde mit vermchtendem Schlage. Beginnen wir mit dem höchsten militärischen Sachverständigen, mit H i n d e n b u r g. Er meinte: „Infolge des Zusammenbruchs der mazedonischen Front, der dadurch notwendig gewordenen Schwächung unserer.Westreserven und infolge der Unmöglichkeit, die sehr erheblichen Verluste zu ergänzen, besteht nach menschlichem Ermessen keine Aussicht mehr, dem Feinde den Frieden aufzuzwingen." Und Ludendorff selbst? S. 586 seiner „Kriegserinnerungen" gibt er glatt und offen zu, daß „der Krieg mit ungenügenden Mitteln vier Jahre geführt wurde". T i r p i tz meint einfach: „Im Erschöpfungskrieg mußte die Uebermacht des Feindes dank feiner Seeherrfchaft immer stärker zutage kommen. Alle Landsiege versickerten in der beispiellos ungünstigen Gesamtlage Deutschlands. (Seite 252 seiner „Erinnerungen".) Und Seite 283: „Einen vollen deutschen Waffensieg im Sinne von 1870 habe ich auch vor der Marneschlacht nicht erwartet." Noch gewichtiger und bedeutsamer ist aber das Urteil Falkenhayns: „Die allgemeineKriegslage war in dem Zeitpunkte der Uebernahme der Geschäfte durch den Generalfeldmarschall von Hindenburg e r n st. Sie ist mit Schwankungen dem Grade nach seit dem 14. September. 1914 nie anders gewesen, bis zum bitteren Ende so geblieben und konnte infolge der vielfachen Ueberlegenheit der Feinde an Kräften und Mitteln nicht anders sein, bevor deren Kriegswille gebrochen war. Nichts hat wahrscheinlich mehr zu dem jammervollen Ausgang des Kriege, beimögen, um sich von der Wahrheit des Gesagten persönlich zu überzeugen. Herrn Dr. Lorje in Frankfurt a. O. bitte ich, da er den schweren Anfang gemacht hat, alles Mögliche beizutragen, daß die 3000 Taler an Konsul Dr. ' Rosen zur wirklichen Realisierung Übermacht wurden, und.' saß er sich mit dem Berliner Komitee vereinige. Möge das Unternehmen unter göttlichem Beistand gelingen!" Es hat den Anschein, daß trotz des vorstehenden hoffnungsvollen Briefes aus den projektierten Kolonien nichts geworden ist. Stimmt diese meine Vermutung, dann wäre es doch geschichtlich interessant, festzustellen, wie lange der Kolonisations-Verein für Palästina bestand — er wurde wohl 1860 gegründet — bis zu welcher Zahl an Mitgliedern er es brachte, wieviel Geld er sammelte und wie das Geld verausgabt wurde. Die Geschäftsleirung lag in der Hand des in dem Briefe erwähnten Dr. Lorje in Frankfurt a. O. Eine Preßpolemik zwischen diesem Dr. Lorje und einem Meier Hamburger zeigt, daß die Geschäftsführung des Dr. Lorje angegriffen wurde. (Der italienische König im jüdischen Viertel von Tripolis.) Die 15 000 Seelen zählende jüdische Gemeinde der Stadt Tripolis hat dem italienischen König und seiner Familie bei ihrem Besuch des jüdischen Viertels „El Hara" einen begeisterten Empfang bereitet. Beim Eingang zu „El Hara" traten ihnen der Präsident der tripolitanifchen jüdischen Gemeinde, Simoene Hagiag, die Mitglieder des jüdischen Gemeinderates, der Vorsitzende der zionistischen Organisation von Tripolis, Raffael« Habib, und der Erbauer der neuen großen tripolitanischen Synagoge, der Architekt Di Segni, entgegen. Die Mitglieder des Sportklubs Maccabi stellten die Ehrenwache. Die jüdische Bevölkerung bildete auf toem ganzen Weg« bis zur neuen Synagoge ein dichtes Spalier. Balkon« und Dächer waren besetzt. Die Einwohnerschaft bereitete, der königlichen Familien begeisterte Ovationen. Vor dem Eingang zur prächtigen neuen Synagoge war ein großer Siegesbogen mit der Aufschrift: „Beruchim habaim" aufgestellt. In der Synagoge wurde die königliche Familie vonden Mitgliedern des tripolitanischen rabbinischen Beth-Din (Collegio Rabbimco Tripolino) mit Segenssprüchen empfangen. An der offenen Thoralade wurde das „Mi scheberach"-Gebet gesprochen. Hierauf hieß der Gemeindevorsitzende' Hagiag im Namen des gesamten jüdischen Volkes Tripolitaniens und der Cirenaica den König und seine Familie willkommen. Zum Schluß wurde eine Gedenktafel, die den königlichen Besuch verewigt, enthüllt. Der König erkundigte sich im Gespräch mit den jüdischen Vertretern nach der Lage der jüdischen Bevölkerugn Tripolitaniens und der Cirenaica. Er sagte, er sei sehr gerührt durch den spontanen und herzlichen Empfang. Beim Abschied drückte der König allen jüdischen Vertretern die Hand. Die italienische Königin und die Prinzessinen besuchten in Tripolis die jüdischen allgemeinen Schulen und die Talmud Thora-Schulen und sprachen sich über den Unterrichtserfolg, die geistige Entwicklung und den Gesundheitszustand der Kinder sehr befriedigt aus. (Bibel-Haus in Jerusalem.) Das mit einem Kostenaufwand« von 17.000 Pfund in Jerusalem .errichtete Bibel-Haus wurde am 10. April feierlich eröffnet. Der anglikanische Bischof von Jerusalem, R-ennie Mc. Jnnes, leitete die Weihezeremonie. Reo. Ritson, der Sekretär der Britischen und Auswärtigen Bibel-Gesellschaft, teilte mit, daß die Bibel gegenwärtig in 605 Sprachen von der Gesellschaft verbreitet wird. Es sprachen noch Lady Plumer für den wegen Krankheit abwesenden Lord Plumer und der Präsident des Internationalen Missionsrates Dr. Mott. (Amerikanische Anden ermöglichen die KMenz der „Deutschen Korschungsanstatt für Psychiatrie".) Die „Deutsche Forschungsanstalt für Psychiatrie" in München veröffentlicht eine Kundgebung des Dankes an das gegenwärtig in Murnau lebende frühere Mitglied des New-Vorker Bankhauses Kuhn, Loeb & Co., Herrn Dr. h. c. James Loeb und Alfred Heinsheimer in San Francisco, die durch ihre Geldoser die Cxistens der Anstalt ermöglichten. In der Kundgebung heißt es: „Bei dem Förderer von Kunst und Wissenschaft, dem Amerikaner Dr. h. c. James Loeb in Murnau, fand Kraepelin weitestgehendes Verständnis, und an seinem 60. Geburtstage erhielt er von Dr. Loeb dte erste sts Million zur Verwirklichung dieses Projektes. Die weitere Werbetätigkeit Dr. Loebs bei seinen Verwandten, besonders bei Herrn Alfred Heinsheimer in San Francisco, brachte eine zweite Million. Damit konnte die Forfchungs anstatt für Psychiatrie im April 1918 eröffnet werden, und zwar in den Räumen der Münchener psychiatrischen Klinik, da natürlich während des Krieges nicht gebaut werden konnte. Vom Jahre 1920 ab ermöglichte Dr. James Loeb während der Inflationszeit durch jährliche Geldspenden die Fortführung des wissenschaftlichen Betriebes, und die Abwanderung der Abteilungsleiter verhinderte er durch eine neue Stiftung, die in erster Linie diesen zugute kommen sollte. Zu dem Gesamtprojekt, das 1.650.000 Mark betrug. nutzten noch 300.000 Mark aufgebracht werden; das geschah durch eine Zusttftung von Alfred Heinsheimer, durch größere Beiträge der Kaiser-Wilhelm- Gesellschast, der Stadt München und durch Erübrigungen aus Betriebsmitteln".

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