Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1928)
- Date
- 1928-05-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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3. Mai 1928 Nr. 18 Seite 3 übersehen, bedeutet doch nichts anderes, als eine Negierung der ganzen Richtung, eine Mißachtung und Zurücksetzung, die keine Fraktion in keinem Parlamente der Welt stillschweigend hinnehmen würde, ohne sich in aller Form aufzugeben. Die nach der Sitzung erschienene Nummer des „Hathor" liegt nun vor. Kein Wort von den Forderungen des Misrachi und deren Ehrenplatz im Papierkorb. Der Waad Leumi wird in üblicher Weise umschmeichelt und sogar gelobt -- ob seines weitgehenden Entgegenkommens in vielen Belangen. Das K i k a j o n des misrachistischen Wunschzettels, über Nacht entstanden und über Nacht verweht, ist gänzlich vergessen. Abzuwarten ist noch die Stellung der S e - f a r d i m, die ebenfalls ihre Wünsche in Sackten des Frauenrechtes äußerten und in. einem Kommentar dazu in der Presse erklärt haben, sich nicht eher am Waad Leumi zu beteiligen, als bis das Frauenwahlrecht beseitigt sei. Zunächst schweigen auch sie zu der feierlichen Ablehnung ihrer Wünsche; nur, daß die Sesardim noch Rückgrat genug besitzen, nicht gleich dem Misrachi die Hand zu drücken und zu küssen, die ihnen den Schlag versetzt hat. Es ist denkbar, daß die Sefardim, bleiben ihre Wünsche unerfüllt, es besser wissen werden, ihren Stolz zu wahren und aus ihrer ausgesprochenen und von den zuständigen Stellen überhörten Erkenntnis die nötigen Konsequenzen zu ziehen. Die «Freunde Israels". Vor zwei Jahren wurde in Rom ein Verein unter dem Namen „Amici di Israel" gegründet, dem sich die Spitzen der Gesellschaft in Italien anschlosfen und der in einer feierlichen Audienz im Vatikan auch den Segen des „Heiligen Stuhles" erhalten hatte. Papst Pius XI. sprach dabei das vielbeachtete Wort aus: „Es ist gegen das katholische Prinzip, die Juden zu verfolgen." Nunmehr wird in der dem Vatikan nahestehenden Presse offiziell bekanntgegeben, daß der „Verein der Freunde Israels" vom Papst aufgelöst sei. Es ist nicht die Auflösung an sich, die uns bange machte. Wir haben es in der langen Geschichte gelernt, kirchlichen Verbindungen, die die „Judenfreundschaft" sich zur Ausgabe machen, mit einigem Mißtrauen zu begegnen. Vielleicht verdienten die „Amici di Israel" in Rom dieses Mißtrauen nicht. Geistig hochstehende Männer, die sich im Vereine betätigten, ließen auf ehrliche Absichten und Bestrebungen schließen. Die Auflösung kam plötzlich, überraschend und gab in der Oeffentlichkeit Anlaß zu Vermutungen, daß das Verbot mit einem Wandel der Gesinnung im Vatikan gegen Der Israelit die Juden irgendwie Zusammenhänge. Es ist demgegenüber ein Gebot der Gerechtigkeit, zu konftatieren>, daß nach dem in Nr. 4 der „Acta Apostolicae" veröffentlichten Auflösungsdekret die Auflösung aus rein innerorganisatorischen Gründen der Kirche erfolgt ist, mit denen uns zu befassen, es uns nicht ansteht. Um darüber nicht den geringsten Zweifel zu lassen, betont das Dekret in. Bezug auf die Juden: „Die katholische Kirche war dem jüdischen Volke immer günstig gesinnt . . . Im Geiste dieser Liebe zu Israel hat der Apostolische Stuhl das jüdische Volk gegen ungerechte Bedrückung geschützt, und ebenso sehr wie er jeden Haß und jede Feindschaft unter den Völkern verwirft, so verwirft der Heilige Stuhl dies aufs schärfste gegen das erkorene Volk Gottes, jenen Haß, der im Antisemitismus in Erscheinung tritt." Man darf hoffen, daß diese strikte und klare Absage des Vatikans an den Antisemitismus seine Wirkung auf die katholischen Bürger Deutschlands nicht verfehlen und auch auf die Wahlpolitik des Zentrums nicht ohne Einfluß bleiben wird. Der Jude als Objekt neuerer Literatur. Von Dir. Dr. Ellas in Fürlh. (Schluß.) Wie hat Wassermann gesagt? „Ein Schauspieler oder ein wahrer Mensch, der Schönheit fähig und doch häßlich." So läßt Feuchtwanger einen edlen Nichtjuden sagen: die Natur hätte scheinbar an diesem Stamme demonstrieren wollen, wie bis zu den Sternen hoch ein Mensch sich heben kann, wie tief in Schlamm er einsinken kann. Und so wie Wassermann ihre offenen Augen und spähenden Blicke bemerkt, um die Geheimnisse des Herrn zti erraten und in der Maschinerie der Völker ihre Hände zu regen, so läßt auch Feuchtwanger in ihnen „nagende Würmer" erkennen, Angelpunkt und ersten Hebel der Maschinerie, im ganzen eine ziemlich unerfreuliche Gesellschaft für die Umgebung. Im ganzen 610 Seiten starken Buch ist nicht ein Satz zu finden, der den durch die Kulturgeschichte bezeugten Willen der Juden, mit andern, für andere zu wirken, würdigte oder auch nur an- BiOX-ULTBA Die sfarkschäumende Sauerstoff-Zahnpasta wird von vielen Zahnärzten als beste Zahnvatta bezeichnet und selbst benutzt. Kleine Tube 50 Pf. BIOX-MUNDWASSER Flasche 1.— und 2.— Mk. Gegen lockere Zähne. Probe-Flasche gratis. Max Elb A. Q., Dresden beutete. Sie wirken, ringen, raffen, doch für sich: ein bißchen Sombart und ein bißchen Spengler. Was aber hält diese Juden nur zusammen? „Das gemeinsame Blut? Dummes Zeug. Der gemeinsame Glaube? Schwatz. Nichts war gemeinsam zwischen dem hohen und dem niedrigen Juden, nur der Haß, der anbrandete gegen den großen Juden wie gegen den kleinen." Freilich ist damit die Frage nicht beantwortet, wieso auch diejenigen, die dem Haß nicht ausgesetzt waren, wieso auch diejenigen, die sich dem Haß durch Aufgabe ihres Judentums entziehen konnten, wieso die polnischen Juden, die dadurch den Adel erlangen konnten, sich nicht taufen ließen. Warum verschmähten sie, diese schlauen Geschäftsleute, so leichten Gewinn? Liehen sich totschlagen, ehe daß sie ihn nahmen? Zur Erklärung dieses Phänomens wird man doch wohl auf Frömmigkeit, Glaube, Ueberzeugung schließen müssen, so wenig das auch Feuchtwanger — Süß einleuchten mag. Daß Feuchtwanger nicht daran glauben mag, liegt an der Theorie, die er sich in der Denkweise Spenglers von der Entstehung des Buches der Bücher zurechtgemacht hat. Das folgende Stück ist gekürzt die fast wortgetreue Wiedergabe eines Abschnittes aus Jud Süß. „Wo Morgenland und Abendland ineinar.dergehen, winzig klein, liegt das Land Kenaan. Und Mittagland, das uralte Mizraim streckt seine Zunge vor, leckt hinein in die Bindung. Vom Abendland her schlägt eine wilde Welle nach dem Ländchen: Durst nach Leben, Wille zum Tun, zur Lust, zur Macht. Und von Mittag her schlägt eine wilde Welle hin: Haften am Sein, schwelende Begier, nicht zu vergehen. Aber von Osten her tönt sanfte Weisheit: einströmen ins Nichts, nicht tun, verzichten. Ewig fluten die drei Wellen üb er" das kleine Land: die rauschende vom Wollen und Tun, die glühende von der Erhaltung des Körpers, die milde vom Entsagen und Verzicht. Dazwischen liegt das kleine Ländchen, es ist zu klug, um sich dem Einfluß der drei Kolosse: Babel-Assur, Mizraim, Syrien-Rom entgegenzustellen. Es gibt sich allen drei Wellen hin, doch keiner ganz. Nimmt sich aus drei Strömungen, was ihm tauglich erscheint, paßt sich an. Die ständige Gefährdung zwingt das kleine Volk, keine Bewegung der gigantischen Nachbarn zu übersehen. Dazu bedarf es der Erkenntnis der Welt, die ihm von da ab zur Natur wird, und als Mittel dazu des Wortes, des geschrie-! benen und gelesenen. Kenntnis der Schrift wird göttliches Gebot. Mittels derselben zeichnet es sprechen, die Distanz zwischen Verlobung und Vermählung der Jsraelbraut mit ihrem göttlichen Gemahl. Mit jedem Tage, da wir dem Sinaitag näher kommen, sind wir um einen Schritt weiter. Es schmückt und reinigt sich Braut Israel für den Ehrentag, der sie mit Gott und seinem Gesetze unter dem Trauhimmel des Sinai vereinigt, vom ersten Tage an. da ihr Gott die Hand zum llebergang aus der nrwlv in die Sphären der Reinheit gereicht, gleich nawn mn»»« , . ' All dieses zusammensaffend, versehen die weisen Lehrer die letzten Worte des Sefiroh- Satzes mzron mit der Bemerkung: nswn ma’an rn mvrr mpa 7V 1212N PVIVV. „Wann sind die Tage vollkommen, wenn Israel Gottes Willen erfüllt". Kleines Feuilleton. Zur Geschichte der Palästina-Kolonisation. Von Zofe al Zion. Cs ist wichtig, immer wieder sestzustellen, daß die orthodoxe Judenheit nie aufgehört hat, für Palästina zu arbeiten. Wenn es >erst einer abseits der orthodoxen Judenheit entstandenen, den Ausweg der Assimilation als würdelos ablehnenden Strömung gelang, der Kolonisierung Palästnas einen. größeren Rahmen zn geben, fo ist das nicht verwunderlich. Denn diese Strömung hat von den vielen Pflichten des Judentums nur ein Gebiet herausgegriffen, das für sie das Judentum umfaßt.' Die moderne zionistische Bewegung, die zur Balfour- Deklaration führte, hatte ihre' Geburtsstunde im Jahr* 1895 mit dem. Erscheinen der von Theodor Herzl verfaßten Schrift: „Der Judenstaat". Lange vor ihr hatte aber schon Baron Edmund von Rothschild still und unauffällig eine großzügige, vor keinem Mißerfolg zurückschreckende praktische Tätigkeit in Palästina zu seiner Lebensaufgabe gemacht, und Rothschild steht in seiner Gesinnung zum Judentum der Thora. Vor Rothschild glänzen aber schon die Namen Sir Moses Montefiore und Rabbiner Hirsch Kalischer. Ein Brief an letzteren aus dem Jahre 1864 sei hier mitgeteilt. Der Schreiber ist Selig Hausdorsi, Direktor des Baron Frankeschen Handwerkervereins, Vorsteher der Deutsch-Israelitischen Gemeinde und Bauleiter der Armen- und Pilgerhäuser auf Zion. Er schreibt: „In der heiligen Natronal-Angelegenheit des Kolonisations-Vereins für Palästina erkläre ich hiermit nach einer achtzehnjährigen Erfahrung im heiligen Lande, daß ich die jetzigen Zeit- und Sicherheitszustände für die geeignetsten erachte, um mit israelitischen Kolonien den Anfang und zwar nach nachstehendem Maßstabe zu beginnen: Die erste Kolonie ist zu bilden aus 10 israelitischen Kolonisten, welchen der Montefiore'sche große Garten und die David Elassen'schen Aecker bei Jaffe zu übergeben wären. Jeder Kolonist müßte einen einmaligen Vorschuß in der Höhe von 100 Talern Pr. Couv. (— 2700 Piaster) gegen Bürgschaft zur Anschaffung der nötigsten Gerätschaften, Aussaat, Vieh usw. vorgestreckt erhalten, was ungefähr die erwähnte Summe ausmachen würde. Die Aufsicht könnte dem Herrn David Elasteni übergeben werden. In Kolonie, VA Stunden von Jerusalem entfernt, wäre die große Landecke und die Gärten des Herrn Jofua Jelin von hier und des Herrn M. Klinsky aus Lamze zu pachten. Jeder der 10 Kolonisten müßte ebenfalls 100 Taler Vorschuß zu den oben genanten Zwecken erhalten; ich selbst würde die Aufficht übernehmen. 10 Kolonisten in Pekien bei Zofet könnten sich bei den dort schon etablierten israelitischen Kolonisten ansiedeln. Die Aufficht könnte einem der dortigen Kolonisten übergeben werden. Diese verhältnismäßig geringe Summe für die 30 Kolonisten sollte von dem in Frankfurt a. O. bei Herrn Bankier Mende disponibel liegenden Kapital dem hiesigen Kgl. Preuß. Konsul Dr. Rosen übermittelt werden. Derselbe würde die Güte haben, ein Komitee zu bilden, bestehend aus den Herren: Rabbiner David ben Schimon, Bankier Fischet Lappin, Selig Hausdorff und Moses Sachs. Nach aufgenommenem Protokoll und vorgenommener Wahl der 30 Kolonisten, welche nur aus den erst jüngst hier angesiedelten, keine Arbeit scheuenden Marokkanern bestehen sollen, verpflichte ich mich auch, mich nach Kolonie, Jafse und Pekien eigens zu begeben und die Installierung der Kolonisten und die Sicherhertsmaßregeln bei den dortigen Lokalbehörden zu bewerkstelligen. Wir haben zu erwarten, daß bei Erfüllung der Ge- und Verbote, die sich an das heilige Land knüpfen, wie Terumma, Maafer, Leket nfw., das Unternehmen sich später in einem größeren Maßstabe wird ausführen lasten. Dem ehrwürdigen Herrn Rabbiner Kalischer rufe ich m -iv" zu, ebenso dem löbl. Kolonisations-Komitee in Berlin,*) und wünsche ich, baß einige Mitglieder desselben, wie beabsichtigt, wirklich im Februar hier erntreffen *) Zu diesem Komitee gehörten Dr. Vadt, I. Bamberger. I. T. Goldberger, A. H. Heymann, B. Lieb ermann.