Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1928)
- Date
- 1928-04-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Rr. 17 iws Feuerzeichen. Gin HHetto-Woman von S. Schachuswitz. (Fortsetzung.) 19. Einen schweren Gang hatte Löb Schnapper. So gedrückt und gebeugt wie heute sah man, ihn höchstens am neunten Aw durch die Gasse schlurfen. Schwere Botschaft trug er ins Haus seines Freundes, des von ihm seit Jugend her viel verehrten und viel geliebten Rabbi Schmuel Schotten. Ein schlimmes Wort saß ihm in der Kehle. Wenn es über die Lippen aus dem Munde rollt, würde es zwei Menschen wie spitze Pfeile ins Herz treffen. Fast schien es ihm, als sei er schuld. Da fiel ihm aber ein, daß er es abgelehnt hatte, die Botschaft zu überbringen, daß er nur die Ausgabe hatte, Rabbi Schmuel zum Oberrabbiner zu bitten. Das erleichterte ihni ein wenig den Gang, aber das Herz blieb gleich schwer bedrückt. Rabbi Schmuel Schotten war gerade aus der Klaus gekommen, wo er nach dem Morgengebete das Talmudpensum vorgetragen hatte. Es ging dort sehr lebhaft zu, da viele von den gelehrten Hörern stürmisch eingriffen und sich mit den von ihm gegebenen-^ Erklärungen nicht abfinden mochten. Die Sache klärte sich erst, als er auf Grund der richtiggestellten Lesart in der Zusammenstellung von Kaidnower und Krakauer einen kleinen zu falschen Schlußfolgerungen führenden Irrtum im Amsterdamer Texte Nachweisen konnte. In seiner Gelehrtenseele zitterte noch das Glück dieses Erfolges nach. War doch damit ihm und allen die Notwendigkeit des neuen Frankfurter Talmuddruckes mit den richtigstellenden Randglossen so deutlich vor Augen geführt worden. Wie abwesend aß er sein Frühmahl und dachte an den bevorstehenden Druck, für den alle Vorbereitungen getroffen waren und der nur noch der Rückkehr seines Schwiegersohnes, der das Ganze leiten sollte, bedurfte. Da ging die Türe schwer aus. Löb Schnapper stand im Gemach unweit der Türe und kam nicht weiter. In seiner Kehle würgte etwas. Endlich brachte ers heraus: „Rabbi Schmuel wird vom Oberrabbi Naftali zu sich gebeten." Das war nichts Auffälliges. Oefters gab es morgens in der Besdin-Stube des Oberrabbiners allerhand Dinge zu besprechen/wie Prozesse, Ehescheidungen, Chalizaakte und dergleichen mehr, wobei die Mitwirkung Schottens vonnöten war. Aber Aussehen und Sprache Schnappers erschreckten ihn. ' „Hat sich etwas Besonderes ereignet? Vielleicht Botschaften über neue Verhängnisse in Israel? Ihr habt die Einladung so merkwürdig vorgebracht, daß man beinah an das Nahen einer Gefahr glauben möchte." Schnapper rang mit abgewandtem Gesicht nach Worten: „Briefe, Botschaften, ich glaube, etwas Aehnliches. Rabbi Naftali wird schon alles wissen." Er wandte sich zum Gehen. Aber schon die Türklinke in der Hand, blieb er noch eine Weile unschlüssig stehen. „Ihr seid so kurz und merkwürdig, Rabbi Löb. Habt Jhr-mirnochetwas zu sagen?" „Ja, ich wollte ■ nur gebeten haben — — — Ich habe noch leinen wichtigen Botengang für das Rabbinat zu machen, und kann Euch nicht wie sonst begleiten.. Möchte bitten, daß Eure Tochter Msbe cheüte MitMk / ■ „Ich danke für die Vorsorge, aber es ist Heller Tag, der Weg durch die Gaffe isb sicher und eben, ich finde mich schon allein hin." „Aber," beharrte Schnapper, „ich möchte doch sehr bitten. Vielleicht wird Eure Tochter dort nötig sein. Man könnte es mir zum Vorwurf machen, wenn ich Euch allein gehen lasse." Die Worte waren so merkwürdig, wie der Ton, in dem sie hervorgebracht wurden. Was sollte seine Tochter Elsbe dabei? Aber schon war Löb Schnapper draußen und mit seinem großen Stecken wie fluchtartig um die Ecke verschwunden. In der Lernstube Rabbi Naftalis traf Rabbi Schmuel neben dem Oberrabbi noch einige Rabbiner des Besdin. Auch Ahron Oppenheim war dabei und neben ihm der alte Nathan Maß, der seit vielen Monaten sein Haus nicht mehr verlassen hatte. Pfeifer, der Schulklopfer, der im Vorzimmer Dienst tat, bat Elsbe, draußen im Vorraume doch ein wenig zu warten, der Rabbi wünschte es. Rabbi Naftali, blaß und abgehärmt, mit kleinen, stark geröteten Augen, wie nach einer durchwachten Nacht, sah auf. Alle hatten sich aufgestellt, wie Rabbi Schmuel ins Gemach trat. Der alte Maß stützte sich mit beiden Händen auf die Sessellehne, um leichtes Aufstehen, so gut er konnte, zu markieren. Sie setzten sich erst, als Rabbi Schmuel Rabbi Naftali gegenüber Platz genommen hatte. Die Feierlichkeit des Empfanges ließ Rabbi Schmuel erbleichen. „Es ist Botschaft gekommen, aus Posen", sagte Rabbi Naftali endlich, mit einer ihm sonst nicht eigenen Unsicherheit im Tone, „und wir glaubten, Euch deswegen hierherbitten zu müssen." „Neue Verhängnisse?" „Ja, böse Botschaften, und eine, die Euch und Eure Tochter angeht." Rabbi Schmuel griff mit beiden Händen nach dem ihm gereichten Briefe und stieß einen Schrei aus, daß vom Vorzimmer ungebeten und unangemeldet Elsbe hineinstürzte und auf den Vater zulief. Rabbi Naftali bat sie gleich, dazubleiben, sich zu ihrem Vater zu setzen und, so schwer es für alle Teile fei, hier in Gegenwart der Männer, die alle zutiefst und zuirmigst mit ihnen fühlen und tragen, die Kunde entgegenzunehmen. Noch ahnte Elsbe nichts, wo das alles hinaussollte, sie sorgte sich nur um den Vater, und strich ihm beruhigend die Hand. Er schloß sie in die Arme. „Mein armes, armes Kind. Du bist Witwe, um deines Glücks beraubt, ehe es noch richtig begonnen hatte-" Er schluchzte. > < (Slsbe schien im ersten Momente nichts begreifen zu können. Rabbi Naftali berichtete mit leiser,. stockender Stimme den kurzen Sachverhalt: In.einem Städtchen auf dem Wege nach Wilna erhielten sie die Meldung, daß im Walde eine jüdische Leiche lag (der Rabbi verschwieg, daß die Leiche an einem Baume hing). Sofort machte sich der „Heilige Verein" des Städtchens auf den Weg dahin, um den jüdischen Bruder zur letzten Ruhe zu bringen. In seinen Kleidern fanden sie Pässe, Passierscheine, Briefe und Empfehlungen. Aus all diesen Papieren ging klar hervor, daß der Verstorbene mit Namen Arje Löb Krakauer hieß. Nach allen Begleitumständen war er von polnischen Insurgenten abgefaßt und ermordet worden. Im Städtchen kannten sie den Namen kaum, bestatteten aber die Leiche mit aller-. Ehre und Liebe, die einem jüdischen Bruder auf dem letzten Gange zukam. Wie es aber die Wilnaer erfuhren, brach dort großes Wehktätzen aus um? den seltenen Mann, der ihnen vielfach Leben und' Eigentum gerettet/ Man erwäge m Wilna, den Verstorbenen dorthin zu überführen, um ihn in der Reihe der heimischen Märtyrergräber zu betten. All dieses wurde von Wilna nach Posen berichtet und von Posen kam der Brief nach Frankfurt zu Rabbi Naftali. Stieren Auges sah Elsbe in den Raum. Keine Träne entrang sich ihr. Die Männer nahmen diese kühle Ruhe als Zweifel, und der Rabbi fügte hinzu: „Es ist, so weh es uns ums Herz ist, an der Sache nicht mehr zu zweifeln. All die Papiere, Pässe und Briefe, auch andere Gegenstände haben sie uns hierhergeschickt, es sind die Pässe und Empfehlungsschreiben, die wir Arje Löb mitgegeben haben. Auch die sonstige Beschreibung der Leiche trifft zu. Es sind jüdische Zeugen, eine ganze Gemeinde, die es bekundet. Da kann ein Zweifel nicht mehr obwalten." In der Besdin-Stube gegenüber drängte sich viel Volk, Parteien, die zum Gerichte erschienen, Bittsteller, Leute, die um Rat und Auskunft kamen, oder vor Besdin geladen waren. Löb Pfeifer trat in die Stube und rief: „Der Rabbi läßt sagen, die Gerichtsverhandlungen fallen heute zum Zeichen der Trauer aus. Wer es dringend und eilig hat, kann morgen kommen, die anderen Fälle kommen am nächsten Gerichtstage zur Verhandlung." Keiner fragte, was passiert sei. Man hatte es sich längst zugeflüstert. Als Rabbi Schmuel mit seiner Tochter das Rabbinerhaus verließ, Hand in Hand, daß man nicht wußte, ob der Vater die Tochter, oder umgekehrt, sie den Vater stützte, erhoben sich auch die Rabbiner mit Rabbi Naftali an der Spitze und folgten ihm auf die Straße. Draußen hatte sich inzwischen eine große Menschenmenge angesammelt. Alles, was in der Gaffe abkommen konnte, war da, um Rabbi Schmuel und seiner Tochter stumme Teilnahme zu zeigen. Frauen wischten sich die Augen, di"? Männer standen still und starr zu beiden Seiten, eine Gasse für die Trauernden bildend, wie auf dem Friedhofe nach der Bestattung eines Toten. Alle folgten sie jetzt in einiger Entfernung Vater und Tochter. Keiner wagte zunächst, sich ihnen zu nähern, oder sie anzusprechen. Nur Löb Schnapper, der es vorher so eilig hatte, war plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, da und, wie sonst, an der linken Seite Rabbi Schmuels. Vor dem Hause Schottens blieben die Menschen stehen. Nur wenige der dem Rabbi Nächststehenden gingen mit hinein, unter ihnen Rabbi Naftali und Ahron Oppenheim, auch dessen Sohn Nathan, den bisher noch keiner so bestürzt und geknickt sah. Neben Elsbe fühlte er sich als der Hauptleidtragende, er, den von Kindheit auf innige Liebe mit Arje Löb verband, die den beiden die Bezeichnung „David und Jonathan, die Unzertrennlichen", eintrug. In der Stube fanden sie bereits Malchen Reiß, Glücket, Gedula, die Hofjüdin, und alle anderen Frauen, die vor zwei Jahren im gleichen Raume die Braut schmückten. Glückels rundes, rotes Gesicht war ein Tnänenquell. Gedula umarmte Elsbe und weinte lautlos, dann drückte sie sie auf einen Schemel und zog ihr die Schuhe aus. Für eine Stunde nur, denn die Nachricht war bereits Monate alt. In dieser Stunde der niederdrückenden Trauer erlebte Elsbe, ohne daß ein Wort über ihre Lippen, eine Träne aus den Augen kam, ihre Kindheit noch einmal, ihre erste Jugend im mutterlosen Hause, all die Stunden der Sehnsucht, des Schmerzes und des Glückes, die sich an den Namen ihres Auserwählten knüpften. Und sie vermochte die Lage nicht zu erfassen, einfach nicht zu erfassen. Es war nicht wahr ... Je mehr sie die Augen schloß, um zur Besinnung zu kommen, um so klarer zeichnete sich ihr die große Welt draußen ab, sah sie die Länder und die Städte, den weiten Kreis, in dem Arje Löb groß, stark, aufrecht und sicher, ohne zu straucheln, gute Worte, Worte der Erlösung nach beiden Seiten wie Blumen .ausstreute •. . . - - Was wollten die Menschen mit ihren Tränen und ihrer Trauer? Was war ein Stück Papier