Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1928)
- Date
- 1928-04-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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26 April 1928 _ ihre Kinder gutjüdisch erziehen wollen. Die Regierung sieht darin. keinen Landesverrat, wie die Herren Liberalen es so gern vorgeben mögen, im Gegenteil, sie weiß, daß die Schüler in den. frommen Schulen geradezu zum Patriotismus und zur Menschenfreundlichkeit angehalten werden in Wort und Tat. Ein Segen für die Orthodoxie ist die Errichtung der „Agudoh", die bereits, verhältnismäßig gesprochen, viele Anhänger zahlt, mindestens soviel wie die Zionisten, was wohl "kaum in einem andren westeuropäis^en Lande der Fall sein dürfte. Als eifrigste Förderer außer den Rabbinern, sind besonders, einige aus Deutschland stammende Herren, bez'w. Familien zu nennen wie Birnbaum, Hausdorff usw. Diese Herren bekleiden sehr höhe Ehrenämter in der Kehilla : und genießen einen ausgezeichneten Ruf. Ich nehme an, daß es nicht die Absicht Ihres Einsenders war, die Zustände schwarz in schwarz zu malen, dazu liegt in Holland heute viel weniger Veranlassung vor als vor zehn, zwanzig Jahren. — Das holländische Judentum muh nur noch sattelfest werden, reiten wird es schon. Auch unter dem „Proletariat" ist ein großer Kern sehr orthodoxer Juden vorhanden. Der Verein „Touroh-Our" hat in Amsterdam allein soviel Mitglieder wie der Zionistenverein in ganz Holland. Und wie besucht sind die Minchavorträge des vortrefflichen Rabbi de Hond (ein Schüler der Hoffmannschen Jeschiwah) am Schabbos, zu denen regelmäßig sich Hunderte dieser „Proletarier" einfinden. Um es kurz zu sagen: Es ist wahr, daß von den etwa 70 000 Juden Amsterdams die Mehrzahl unreligiös ist, jedoch nur aus Unkenntnis. R. de Hond hat gerade vor einiger Zeit einen Kurs für erwachsene Analphabethen im Jüdischen errichtet, der sich eines regen Zuspruchs erfreut. In Holland brechen für die Orthodoxie jetzt bessere Zeiten an. Zum Schwarzsehen ist kein Anlaß. * Ferner wird uns von zuständiger Seite in Amsterdam geschrieben: Da in Holland keinerlei Reform-Gemeinde existiert, und alle Gemeinden und Anstalten sich einheitlich der rituellen Führung der gesetzestreuen Rabbiner unterstellen, entspricht die Behauptung Ihres Korrespondenten nicht der Wahrheit. Ebenso muß man verlangen^ daß der darin vorkommende Ausdruck, nach welchem Amsterdam „sozusagen" orthodox geleitet werden soll, im Einklang mit der Wahrheit geändert wird." Amerika. > Die Kämpfe im amerikanischen Zionismus. Newyork, 15. April. Der Rücktritt von Stephan W i f e und seine scharfe Frontstellung gegen Weizmann bildet das Tagesgespräch in den zionistisch interessierten Kreisen Amerikas. Daß es so kommen würde, war für den kundigen Beurteiler schön seit dem letzten Kongreß .klar, obgleich die zionistische Presse alles aufbot, um den Gegensatz zwischen Wise und Weizmann zu vertuschen. Wise ist eben ein Theoretiker vom Scheitel bis zur Zehe, der gleich den Revisionisten in Europa sich einredet, er könne durch energisches Auftreten und durch radikale Forderungen die errglffche Regierung zu einer Politik zwingen, die sie in die hoffnungslosesten Kämpfe mit dem. ganzen Arabertum verwickeln würde. Wenn Wise Weizmann Absolutismus oorwirft, so ist das ebenso unberechtigt wie seine ganze utopistische Politik. Weizmann ist Realpolitiker und kann sich im Bewußtsein seiner Verantwortlichkeit auf die großspurigen Redensarten, mit denen Wise von der Kanzel herab seine Hörer einmal für den Stifter der christlichen Religion und ein anderes Mal für das unabhängige Palästina begeistert, nicht einlassen. Es kann also keinem Zweifel unterliegen, daß in diesem Duell Weizmann Sieger bleiben wird. Newyork und die Juden. Newyork, 17. April. In der jüdischen Oesfentlichkeit Amerikas wird wiederholt die Frage aufgeworfen, aus welchem Grunde eine genaue Statistik der Juden in der Neuen Welt nicht vorhanden sei. Nicht nur, daß der genaue Anteil der Juden in der Bevölkerungszahl sowohl Nord-A^ -nkas Der Israelit , als auch Newyorks unbekannt ist, es fehlen sogar auch — was noch viel lehrreicher und aufschlußreicher wäre — alle.genauen statistischen Angaben über die Rolle, die sie wirtschaftlich und gesellschaftlich auf der anderen Halbkugel spielen. Diese Angaben sind nicht nur für uns wichtig, sondern auch die übrige Welt verlangt gleich uns Aufschluß darüber, was die jüdische Bevölkerung „dort" treibt, wie sie lebt und welchen Einfluß sie auf die amerikanijche Umwelt ausübt. Aus den statistischen Angaben könnte man dann ebenfalls genau ersehen, woher diese jüdischen Massen kamen, die im Laufe von dreihundert Jahren dieses Land betreten haben. Das Fehlen einer wissenschaftlich-objektiven Statistik ist im Lande ebenfalls äußerst spürbar geworden und .Versuche, diesem Zustand ein Ende zu machen, haben verschiedene Juden und jüdische Gesellschasten Amerikas veranlaßt, dieser Frage ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Bis vor Ausbruch des Krieges wurde die jüdische Bevölkerung in Amerika nicht systematisch und wissenschaftlich erfaßt, sondern jede jüdische Gemeinde zählte ihre Mitglieder, die zusammengerechnet den jüdischen Anteil an der Bevölkerung Amerikas ergaben. Jedoch feit 1915 wurden zuerst ernsthafte Anstrengungen von jüdischer Seite gemacht, methodisch und wissenschaftlich sich der Aufgabe der „Judenzählung" zu unterziehen. Dr. H. S. Linfield (Bureau os Jewifh Social Research) hat als Erster den jüdischen Anteil an der Bevölkerung der Stadt Newyork sestgestellt. Ist seine Schätzung auch nur mutmaßlich und nicht endgültig, so gibt sie doch ein zuverlässiges Bild wieder. Nach seinen Angaben lebten in der Stadt Newyork im Jahre 1925 1.728.000 Juden; das sind ca. 30 Proz. der damaligen städtischen Bevölkerung. Die Anzahl der Juden in den Bereinigten Staaten von Nord-Amerika nach der gleichen Quelle ist ca. 4 Millionen. Die Judenheit Amerikas fft rapid gewachsen. Die erste jüdische Niederlassung in der Stadt Newyork und wohl Amerikas datiert aus dem Jahre 1664, als die Holländer die Gewalt über Newyork hatten. Diese Juden waren hauptsächlich Sephardim, die teils aus Holland und teils auch von Brasilien und West-Indien nach dort aüswanderten. Am Anfänge des neunzehnten Jahrhunderts zählten die Juden Newyorks schon über dreitausend; in den fünfziger Jahren setzte die jüdische Einwanderung von Deutschland ein und am Ende desselben Jahrhunderts von 1880 bis zum Aushruch des Weltkrieges wunderten Hunderttausende von Juden, speziell aus dem östlichen Europa nach Amerika aus. Interessant ist es, aus der Statistik Dr. Linfields zu ersehen, wie die Verschiebungen der Juden von Bezirk zu Bezirk in der Stadt Newyork Rückschlüsse aus deren wirtschaftliche Verhältnisse ergeben. Es ist bekannt, daß die Eisten (und nicht nur die jüdischen) Einwanderer wenn sie die Neue Welt betreten und in Newyork an Land gehen, in der East Side Newyorks zuerst untertauchen und von dort versuchen, festen Fuß im neuen Lande zu fassen. Dieser Teil Newyorks ist dem jüdischen Einwanderer vertraut, gleicht dieser Stadtteil doch akkurat der eben verlassenen Umgebung im fernen Polen, Litauen oder Galizien. Hier lebt er wie zu Hause, hier ist das Leben und Treiben in den schmalen Gassen und Gäßchen genau so wie es bis jetzt in der Heimat war. Er findet sein Ghetto hier wieder, seine Verwandten und Freunde grüßen ihn hier nach jahrzehntelanger Trennung in der alten jiddischen Muttersprache. Sofort sieht er sich nach Geschäfts- und Verdienstmöglichkeiten um und versucht langsam Boden und mehr Boden zur fassen und Cent nach Eent zurückzulegen. Und mefftens hat er Glück, denn wir sehen aus der Statistik Dr. Linfields, daß die jüdische Bevölkerung langsam, abe»' stetig die East Side verläßt und in die besseren Gegenden, nach Brooklyn und nach der Bronx, zieht Waren z. B. 1916 bald 696 000 Juden in der Ea^ Side und Manhattan (der eigentlichen Stadt), so wnr-.n zehn Jahre später nur noch 500 000 Juden in dieser- Gegend; das ist also eine Verminderung von 28 Proz. innerhalb 10 Jahren. Nach dem Jahre 1925 '.st nrch seine neue Statistik veröffentlicht worden, wenigstens ist eine solche noch nicht erschienen. Es wäre zu --offen, daß bald endgültige Schritte unternommen werden, uns über die tatsächliche wirtfchaf^.che und ku(mrelle Lage der jüdischen Bevölkerung Nervyorks tr:D Nord-Umerikatz aufzuklären. Nr. 17 Sette 7 Palästina. Vom Misrachi. Jerusalem, 10. April. Das Hauptbüro des Misrachi hielt eine Konferenz mir den Vertretern der Presse ab, in der die Rabbiner Meir Berlin und Fijhman, die als Misrachi- Delegation in Amerika geweilt haben, Mitteilungen über aktuelle Fragen des Misrachi gaben. Rabbi Meir Berlin betonte die Notwendigkeit des Bestehens eines besonderen Palästina-Fonds des Misrachi, nachdem der letzte Baseler Kongreß das Misrachi- Budget stark heruntergesetzt hat. Die Leiter des Misrachi-Fonds beabsichtigen keineswegs, mit anderen zionistischen Fonds zu konkurrieren. In Amerika wird auf Grund eines Abkommens mit der Leitung des United Palestine Appeal keine besondere Propaganda zugunsten des Misrachi-Fonds betrieben, dafür erhält der Misrachi-Fonds 10 Proz. des Einkommens des Appeal. Rabbi Fff-Hmcm referierte über die Fragen der Jewish Agency und die Lage des Zionismus in der Welt. Ueberall, sagte er, bestehe für Misrachi ein reiches Betätigungsfeld. Er trat entschieden den Gerüchten entgegen, daß Oberrabbiner A. I. Kuk die Gründung orthodoxer Sondergemeinden begünstige. Obwohl sich Oberrabbiner Kuk dem Frauenwahlrecht widersetzt, habe er niemand aufgefordert, die „Knesset Israel" zu verlassen. Rabbi M. Berlin stellte zum Schluß noch fest, daß sich die Misrachi-Bank gut entwickele und in diesem Jahre eine Dividende aussetzen wird. Berufungsverhandlung im Sabbat-Prozeß. Jerusalem, 17. April. Das oberste Gericht verhandelte über die "Berufung des Generalstaatsanwalts gegen das Urteil des Jaffaer Gerichtes, durch das bekanntlich das Sabbat-Gesetz von Tel-Awiw als ungültig erklärt worden w a r. Die Berufungsklage wurde von Justizsekretär Norman B e nt wi ch vertreten. Unter den drei Richtern befand sich auch der jüdische Richter, Gad Frumkin. Der Vertreter des Beklagten, Altschüler, führte aus, daß er keinerlei Einwendungen gegen die Gültigkeit des Sabbatgefetzes von Tel-Awiw erhoben habe oder erhebe, sondern lediglich für die Unschuld seines Klienten im konkreten Falle plädiere. Er beantrage nicht die Aufhebung des Gesetzes, sondern der Strafe. Der Gerichtshof erklärte hierauf, daß er nach diesen Ausführungen gar nicht zuständig zu sein scheine, stellte jedoch die endgültige Entscheidung für einen späteren Termin in Aussicht. Die Austrittsbewegung. Jerusalem, 17. April. Bisher sind dem Waad leumi von Agudas Jisroel 11000 Austrittserklärungen übermittelt worden. Personalien. Sara Stern geb. Larlebach Berlin, 24. April. Es wird so oft gesagt, doch selten nur tief empfunden, daß das Frauentum unserer Zeit ganz neue Bahr en zu schreiten beginnt, auch das jüdisch Frauentum Man rechnet nach Vorbildern Attjüdischen, die oer Verselbständigung der Frau die Wege weisen. Und in der Tat findet man neb^n den Fra:?n, die in ihrem Haus« ihre Welt sahen, auch solche, in oie Arena des Draußen tva^n, dem Ruf der Stund», wlgten, um ihrem Volke Helferinnen worden. Neben Sara — Debora, neben Hcmua — Judith. Aber was diese verschiedenen Typen eint, was ihrem Frauentum den jüdischen Charakter verleiht, ist der Opfer dienst, fft im Gegensatz zum modernen, individualistischen Rechte-Heischen— das Sich-Bescheiden. Wenn man dies bedenkt, wenn man die Kluft sich auftun sieht und die Brücken, die vom alten Fels ins neue Feld hinüberführen sollen, als schwanke Stege zu leicht, zu schwach befindet, dann sucht man nach den Wenigen, die das milde Licht jüdischen- Frauentums in unserer Mitte noch bewahrend Und wenn es erlischt, ein Feuer, wie es Sara Stern n-s ihrer Umgebung vvvangetragen, urplötzlich schwindet, dann ist es ein Schmerz allgemeiner Geltung, -ein tran jm! Denn das war das Größe an dieser Sara — das Sich-Bescheiden. Nicht, daß sie nicht im Hause ihres Vaters des Lübecker Raw, im Kreise ihrer Brüder und an der Seite ihres Mannes, die alle zu den Führern des zeitgenössischen Judentums zählen, genug gesehen und gelernt hätte, ihre geistigen und seelischen Gaben in der Deffentlichkeit zu nutzen und sich dort „einen Namen zu