Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1928)
- Date
- 1928-04-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 6 Nr. 17 Der Israelit versität, Prof. Birschischko, wurden bevollmächtigt, die Vorarbeiten für die Gründung -eines solchen Bundes in Angriff zu nehmen. Auch wurde eine Kommission zur Ausarbeitung der Vundesftatuten eingesetzt. Man hofft in jüdischen Kreisen, daß die neue Organisation viel zu einer gegenseitigen Annäherung und Verständigung zwischen der jüdischen und der litauischen Bevölkerung beitragen wird. Rumänien. Gründung eines Ttationalverbandes für die Bukowinaer Inden. C z e r n o w i tz, 18. April. Am Sonntag den 15. April fand der von der jüdischen Einheitspartei in Czernowitz einberufene Iudentag zur Gründung eines jüdischen Nationalver - ban des für die Bukowinaer Juden statt. Die Tagung war von etwa 200 Delegierten aus allen Schichten der jüdischen Bevölkerung und insbesondere auch aus den kleineren Städten und aus den Dörfern der Bukowina besucht. Den Vorsitz führte der frühere Deputierte Dr. Mayer Ebner, der die Sitzung mit einer feierlichen Ansprache einleitete und ein Treuegelöbnis zum rumänischen Staate ablegte. Der frühere Senator Karl Klüger referierte über die Lag« der Juden in Rumänien, Herr Dr. Markus Krämer sprach über Wesen und Grundsätze einer jüdisch-politischen Betätigung in Rumänien und Dr. Mayer Ebner über das Programm des Nationalverbandes, der die erste Etappe zur Gründung eines Reichsverbandes aller Juden Rumäniens sei. An die Referate knüpfte sich eine lebhafte Debatte, an der auch insbesondere Vertrter aus der Provinz teilnahmen. Vielfach wurde auch die Frage der Taktik bei etwaigen bevorstehenden Parlamentswahlen besprochen. Der Judentag protestierte in einer feierlichen Kundgebung gegen die fortdauernde antisemitische Hetze. In einer Resolution wird die Ergänzung der in der Kammer eingebrachten Gesetzesnovelle betreffend das Staatsbürgerrecht in dem Sinne gefordert, daß das Gesetz über Erwerb und Verlust des Staatsbürgerrechtes mit den Friedensoerträgen in Uebereinstimmung gebracht werde. Ferner wurden Resolutionen für die Lehr- und Lernfreiheit an den Universitäten-,' für die Autonomie der jüdischen Gemeinden sowie für die Schaffung eines jüdischen Reichsverbandes beschlossen. Frankreich. Konstituierung der Liga zur Bekämpfung der Pogrome. Paris, 20. April. Die Liga zur Bekämpfung der Pogrome, die vor einigen Wochen in einer in Paris stattgefundenen Massenversammlung gebildet worden ist und das Z-iel verfolgt, eine internationale Aktion zur Bekämpfung der Pogrome durchzuführen, hat sich soeben konstituiert. Mehrere Universitätsprosessoren, sowie katholische und protestantische Geistliche sind in das Präsidium gewählt worden. Jüdische Kandidaten bei den Parlamentswahlen in Frankreich. Paris, 23. April. Bei den am gestrigen Sonntag in Frankreich stattgefundenen Wahlen zum Parlament standen unter den etwa 4000 Kandidaten auch 67 Juden, unter ihnen Baron Maurice de Rothschild, der Schwarzbart- Berteidiger Henri Torras, zur Wahl. Beim ersten Wahlgang wurden nur 175 Mandate endgültig besetzt, während in 427 Fällen eine Stichwahl die Entscheidung bringen wird. Bon den jüdischen Kandidaten wurden Minister Bakanowski und Baron Maurice de Rothschild, der erste in Paris, der zweite in den Alpen, wiedergewählt. Leon Blum ist in Paris unterlegen. Mehrere jüdische Kandidaten kommen in eine, zum Teil aussichtsreiche, Stichwahl. Abbruch des jüdischen Studentenkongrefses. Paris, 17. April. Der Kongreß jüdischer Studenten in Paris ist wegen Zerwürfnissen in der Frage des Protestes gegen die Zionistenverfolgungen in Rußland vorzeitig abgebrochen worden. Zuerst nahm der Kongreß eine in scharfen Worten abgefaßte Protestresolution gegen die Verfolgung des Zionismus und der Zionisten, in Rußland an. Die in der Minderheit gebliebenen linken Gruppen übten einen Druck auf die Konferenz aus und setzten es durch, daß der Beschluß annulliert wurde. Daraufhin verließen die jüdisch-nationalen Delegierten unter Protestrufen und Absingung des zionistischen Hymnus „Hatikwah" den Konferenzsaal. Die Konferenz löste sich in Unruhe auf. Wie uns nachträglich berichtet wird, kam eine Aus- - föhnung zustande und der Kongreß wurde friedlich geschloffen. Tschechoslowakei. Gemeindewahleu in der Slowakei. B r a t i s l a w a, 19. April. In zahlreichen Gemeinden der Slowakei finden nach alter Tradition die Gemeindewahl-en während der Chol Hamoed-Tage statt. Aus einer Reihe von größeren Gemeinden liegen Nachrichten über die Ergebnisse vor. In B e re g s a s vollzogen sich die Wählen unter starker Bewegung. Der Orthodoxie stand eine vereinigte Partei von zionistischen und liberalen Mitgliedern der orthodoxen Gemeinde, vereinigt mit einer Gruppe von Munkaczer Chassidm gegenüber, der es gelang, die Mehrheit zu erlangen. Die Leitung der Gemeinde geht damit an einen Vorstand über, an dessen Spitze eine Persönlichkeit steht, die leider nicht als orthodox bezeichnet werden kann. — Auch aus Kafchau (Kosice) berichtet man von lebhaften Kämpfen. Hier handelte es sich jedoch lediglich um Nuancierungen innerhalb der Orthodoxie. Das Wahlergebnis bedeutet einen Sieg der strengeren Richtung, die bei der letzten Wahlen vorübergehend unterlegen war, jetzt aber wiederum die Mehrheit erlangt hat. — In Galant« wurde bei reger Beteiligung der Gemeindemitglieder zum achten Mal der alte Präses, ein bewährter orthodoxer Führer, wiedergewählt. — In Se - covec und in P r e f o v brachten die Wahlen keine bedeutungsvollen Aenderungen. In diesem Zusammenhang sei noch berichtet, daß der Chol Hamoed auch in Mu-nkacz, wo es "noch immer brodelt und zischt, Wahlen brachte, zwar nicht in der Gemeinde, wohl aber in der Chewra Kadischa. Während in der Gemeindeleitung die Anhänger des Munkaczer Oberrabbiners fest im Sattel sitzen und die Belzer Opposition in absehbarer Zeit vollständig niederringen werden, wird die Chewra Kadischa gänzlich von Belzer Parteigängern beherrscht. Diese haben auch bei der Neuwahl, trotz starker Gegenagitation, ihre Liste wieder durchgebracht. Man hofft jetzt, daß es endlich gelingen werde, durch ein aus führenden Rabbmen der Slowakei zusammengesetztes Besdin dem Streit in Munkacz ein Ende zu machen. Unter dem starken Drucke der öffentlichen Meinung wird es wohl gelingen, beide Seiten zur Unterwerfung unter den Din Thora zu zwingen. Rußland. Die jüdische Kulturkonferenz und der Ankisemikismus. Moskau, 17. Aprl. Der Sekretär des Zentral-Exekutivkomitees der kommunistischen Partei, Lubtchenko, hielt auf der gegenwärtig in Charkow tagenden jüdischen Kulturkonferenz eine Ansprache, in der -er aussührte: Wir können und dürfen das Bestehen einer antisemitischen Bewegung in-, Rußland nicht wegleugnen; -es wäre beschämend für unsere Revolution, wenn wir einer, offenen Erörterung dieser Frage ausweichen und nur flüsternd über sie sprechen wollten. Wir müssen offen darüber sprechen und ebenso offen und mit aller Strenge den Antisemitismus als eine gegenrevolutionäre Erscheinung bekämpfen. Im Zusammenhang mit dem jüdischen Kolonisationswerk sind unter den Bauern falsche Gerüchte verbreitet, die Sowjetregierung tut ihr Möglichstes, um solchen falschen Gerüchten die Grundlage zu entziehen. Holland. Die Lage iu Holland. Amsterdam, 25. . April. Man schreibt uns: > Mit großem Interesse las ich in letzter Nummer Ihrer Zeitung eine ausführliche Schilderung holländischer Verhältnisse und muß als Eingewechter sagen, daß, was Ihr Gewährsmann vorbrachte, im Allgemeinen timmt; jedoch nur im Allgemeinen. Erstens ist die Zahl der Juden Hollands nicht 120 000, 26. April 1928 sondern 150 000 und" zweitens ist die Zahl der orthodoxen Juden Hollands beileibe nicht 10 Proz., wie der b-erreffende Redner, Dr. van Raalte, sagte, sondern, wenn eine Schätzung überhaupt möglich ist, mindestens 30 ProzU Zugegeben muß werden, -daß die reichen Juden Hollands zum größten Teile «religiös sind; dies kommt auch daher, daß sie nichts vom Jüdischen gelernt und nichts davon vor sich -gesehen, haben.; Wären sie; jüdischer erzogen worden, so wäre der Zustand um ein bedeutendes besser. Gerade dies haben jetzt die Kreise , -eingesehen, die das segensreiche Wirken S. R. Hirfchs anderswo erleben. In der Orthodoxie regt es sich denn auch mächtig und das ist es, was die Liberalen mit , Schmerzen sehen. Die Orthodoxie wünscht» jüdische Schulen, jüdische Lehrer und jüdisches Mlieu, die Libe- - ralen wünschen ein Aufgehen im Wirtsvolk. Nun wird es den Liberalen so leicht nicht gelingen, ihren Willen durchzusetzen. - Die Sache verhält sich so: Holland ist ein sehr religiöses Land. Seit Jahren regieren christliche' Regierungen. Die absolute Mehrheit der Wähler stimmt positiv religiös. Die holländischen Christen sind absolute Freunde des orthodoxen Judentums, sie sind tatsächlich „Auhawe Jisroel", sie sind (der calvinistifch-puritanische Teil besonders) große Verehrer des Alten Testamentes, haben eine große Abneigung gegen den Liberalismus als Staatsgedanken und bejahen dagegen den auf Religion ausgebauten Staat. Selbst, wenn die liberalen Juden es schon möchten, sie werden kein Glück haben, denn die Regierung weiß jüdische Frömmigkeit zu schätzen. Für getaufte Juden findet man in Holland nichts als Verachtung, ' weil man nur zu gut weiß,. daß es sich lediglich um eine materielle Besserstellung handelt. Deshalb ist die Taufe in Holland äußerst selten. Wie schon gesagt, sind die liberalen Juden stritte Gegner einer gutjüdischen Erziehung und geben vor, daß der Jude sich dadurch zuviel von der Landbevölkerung entferne. Dagegen aber ist zu sagen, daß in Holland gerade die Christen, also die übergroße Mehrheit der Bevölkerung, die. Kinder in positiv christliche Schulen sendet, die vom Staat überwacht werden, aber sonst in ihren Disziplinen völlig frei sind. Nur die nicht-christlich orientierte Bevölkerung sendet die Kinder in die sogenannten „neutralen öffentlichen Schulen". — Schreiber dieses hat solche Schule besucht, es wurde da die größte Rücksicht auf jüdische Lebensart und Empfindung geübt. Da die meisten Schüler Juden waren, war die Schule an Sabbat und Feiertagen geschlossen, im Winter sagte der Klassenlehrer an, wann Schabbos fei und wurde der Unterricht am Freitag früher beendet. — Von „Rifchus" im deutschen Sinne war keine Spur zu sehen. Aber es fehlte da doch der jüdische Geist, und da in Holland die Schulzeiten von 9—12 und von 2—4 Uhr sind,, so fand der jüdische Unterricht von 12.30 bis 1,30 und von 5—7 Uhr statt. Also, nachdem die Kinder schon ermüdet und ermattet waren. Man kann sich denken, daß dieser Unterricht wenig, oder besser gesagt, nichts gefruchtet hat, ja, daß dadurch die jüdischen Schulen aus viele Kinder geradezu abstoßend gewirkt haben. Ganze Generationen sind dadurch dem Judentum in Holland verloren gegangen. Der Schaden ist unwiderbringlich. Jetzt hat man gesehen, daß es jo, selbst beim größten Entgegenkommen der Behörden, nicht mehr geht. Die Orthodoxie will, und es ist ihr durch die holländische Gesetzgebung, gestattet, ja geradezu -empfohlen, eigene Schulen errichten. Hiervon hat sie bislang -einen sehr bescheidenen Gebrauch gemacht. Ätzer sei der Anfang auch'klein, wir sind auf dem guten Weg. Ich schätze, daß in Amsterdam etwa 6—800 Kinder die zwei großen reinjüdischen Schulen besuchen und die Nachfrage um Aufnahme ist größer, als man erwartete. Jetzt -ist geplant — und bereits so gut wie sichergestellt — die Errichtung einer höheren Schule aus orthodoxer Basis mit den Disziplinen eines deutschen Gymnasiums. Es hängt nur von den Anmeldungender Schüler ab, daß der Plan verwirklicht wird und daß die Regierung die nötigen Fonds dazu hergibt. Sind -die Liberalen bereits erbost, daß überhaupt jüdische Schulen errichtet werden, so sind sie geradezu wütend, daß die Orthodoxie es wagt, ein Gymnasium zu gründen. Diese Herren zetern, ureil die Orchvdoxie jetzt erkannt hat, was dem Judentum nottut. Aber es hilft nichts; die Regierung ist, vorbehaltlich einer genügenden Schülerzahl, gewillt, dem Plan ihre Zustimmung zu geben und versteht es sehr wohl, daß fromme Juden