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Der Israelit · 1928-04-26 · Heft 17 (26.4.1928) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 17 (26.4.1928)
Date
1928-04-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 1? Der Israelit jener Zeit noch alle Glieder zusammenhielt. Auch sein Streben nach politischer Macht ist ihnen fremd. Denn im Gegensatz zu den in den Städten des Mittelmeeres wohnenden Juden saßen die Brüder in Deutschland unter kleinen, und jämmerlichen Verhältnissen. Feuchtwanger weiß diese Jämmerlichkeit in den primitivsten Lebensbedingungen mit all ihren Folgen für die Charaktere eindrucksvoll zu schildern. Er analysiert und seziert, wobei ein bißchen Wassermann und ein bißchen Sombart mithilft. Er schildert die Juden, die mit ihrer merkwürdig sicheren Witterung für alles Neue, für die äußere Umschichtung der Welt auf das Geld stießen, und auf die Bedeutung, die ihm in der neuen Zeit (16. Jahrh.) zukam. Sofort hätten sie die gewaltige, Welt regierende Macht des Geldes erfaßt. Noch allgemeiner als diese Ueberzeugung, die ja immerhin nicht für alle von Wert sein konnte, sei aber das sichere, geheime und als Geheimnis gewahrte Wissen von der Sinnlosigkeit, der Wandelbarkeit und dem Unwert der Macht gewesen. Von Blut und Gefühls wegen. Das fei auch der Sinn ihres Buches, das sei das einigende Band gewesen. Ohne Staat und ohne Land und ohne gemeinsame Lebensform (?) sie zusammenhaltend durch die Lehre von der Eitelkeit der Welt und von der einzigen Gültigkeit des Gottes Israels, des Seienden, des Ueberwirklichen, des Jh . . . Manchmal freilich hätte das Leben dieses Wort überwuchert, aber im Innern eines jeden Juden steckte es, „und in den Stunden, wo sie sie selber wurden, wenn, sich ihr Leben gipfelte, war es da, und wenn sie starben, war es da, und was vom einen zum andern flutete, war dieses Wort. Sie schnürten es sich mit Gebetriemen um Herz und Hirn, sie hefteten es an ihre Türen, sie eröffneten mit ihm ihren Tag und sie schloffen ihn mit ihm; als erstes den Säugling lehrten sie das Wort, und der Sterbende verröchelte mit dem Wort. Aus dem Wort sogen sie die Kraft, die gehäuften Qualen ihres Weges zu überdauern. Denn es lehrte sie über die Macht Edoms zu lächeln; dies alles verging, was blieb, war das Wort. Sie hatten dieses Büch mit sich geschleppt, 2000 Jahre, hatten es andern Völkern und Ländern vermittelt, während sie selbst in ihm ihren Besitz, Land und Staat ersetzt fanden; jeder dieser 647 319 Buchstaben war mit Blut erkauft, dafür konnten sie alle, die Großen und die Kleinen, überzeugt in ihren Synagogen an ihren großen Feiertagen sagen: „Nichts haben wir, nur dieses Buch." Man sieht, Lion Feuchtwanger hat auch einmal predigen gehört, hat auch einmal gebetet und S'lichaus gesagt. Aus der Stimmung jener Jugendeindrücke war etwas in die Feder geflossen,, während sie ausruhte von den obszönen Kapiteln seiner Rokokogeschichten. Bei näherer Betrachtung zeigt sich freilich, daß auch unserem kritischen Verfasser das Wort das Wichtigste ist, wenngleich kein Sinn in ihm zu finden ist. Denn wenn das richtig ist, was er von der unter den Juden allgemein anerkannten Macht des Geldes sagt, so kann das, was er über unsere Stellung zur Macht sagt, nicht stimmen und umgekehrt. Wer, wie Landauer, das Geld zu seinem Götzen macht, und sich um die Speisegesetze nicht kümmert, der sagt nicht mit einem verächtlichen Seitenblick auf die Macht: „Nichts haben wir als dieses Buch (der Thora)". Wer aber, durchdrungen von der alle irdische Größe negierenden Wahrheit des Sch'ma über die Wertlosigkeit der Macht altklug lächelt, der erkennt auch das Geld nicht an!. Die Macht und das Geld, beides ist nach jenem Buche gleich hinfällig, denn „Jowesch Ehozir, nowel ziz, udwar elaukeinu jokum l'aulom. Verdorrt das Gras, verwelkt die Blume, Das Wort unseres Gottes besteht für immer." Freilich nur als Wort unseres Gottes, nicht als mystisches Geklingel und ästhetische Schwärmerei, wie es Feuchtwanger erscheint. Umso unparteiischer kctnn er seine Juden beobachten: wie die lahmende Angst sie bei der Nachricht von dem Ritualmordmärchen packt, (die lächelnde Kenntnis von der Ohnmacht der Macht scheint doch nicht sicher zu sein!) „Schwarzgeflügelt, geierschnäbelig und herzlähmend" dringt sie von Polen bis ins Elsaß. Da zieht der Autor einen Trennungsstrich zwischen sich und die Leiden seiner Väter. Er schildert*): „wie sie vergebens um Atem japsten, wie sie rufen: Aai ,ai, soll Helsen der allgewaltige Gott, wie zu Hause mit törichten Augen ihre schönen geschmückten Frauen warten, wie die Männer in ihren übelgelüfteten Betsälen stehen, den Leib fanatisch schaukelnd und werfend, wie sie mit gellen verzweifelten Stimmen schreien, die an die mißtönigen Widderhörner erinnern, wie sie schachern und zetern mit Gott, wie sie noch abends dastehen und schreien mit ihren häßlichen, ausgeschrieenen Stimmen, wie die Frauen leis und fromm und töricht aus ihren Gebetbüchern plappern": das alles sieht kein Jude an seinen von Fieberangst geschüttelten Geschwistern, das sieht auch kein Dichter, der mit seinen Helden in solchen Stunden lebt und leidet, das beobachtet man nur, wenn das ganze Judenschicksal nur den Rahmen abgeben soll. Ein Kunstgriff, weiter nichts. (Schluß folgt.) *) Dieses Stück ist wortgetreu, aber aus verschiedenen Stellen zusammengetragen. Korrespondenzen « naebriebten. Deutsches Reich. Die Neutralität des „Schild". Berlin, 21. April. Das von uns vor kurzem besprochene neue Gebetbuch der Reformgemeinde in der Johannisstraße ist bei der Geschäftsstelle des „Schild", dem Organ des „Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten", als Beilage zu diesem Blatte in vielen Tausenden von Exemplaren verbreitet worden. Auf Protest konservativer Mitglieder des Frontbundes — wie wir hören, hat insbesondere die Frankfurter Ortsgruppe Front gegen diese Propagierung der radikalen Reform gemacht — erläßt die Bundesleitung folgende Erklärung: ’ „Auf verschiedene Anfragen weisen wir ausdrücklich darauf hin, daß die Beilage der Jüdischen Reformgemeinde im „Schild" Nr. 13! rein sachlich und nicht anders aufzufassen ist als ein Inserat. Beilagen zu Zeitungen sind eine andere Form für Inserate. Es steht selbstverständlich nichts im Wege, daß Beilagen oder Inserate, von der Vertretungen anderer Richtungen im jüdischen Leben ebenfalls im „Schild" gebracht werden, soweit sich diese Inserate oder Beilagen jeglicher Stellungnahme gegen andere Auffassungen enthalten. Sobald diese Zurückhaltung geübt und beobachtet wird, können und müssen wir solche Inserate und Beilagen ausnehmen, weil wir es vermeiden wollen und müssen, etwa durch Ablehnung zu verletzen und andererseits eine nicht neutrale Stellung einzunehmen." Eine ganz merkwürdige Auffassung der Neutralität! Sie wird wenig zur Beruhigung beitragen. 1 __26. April 1928 Rabbiner-Seminar zu Berlin. Berlin, 24. April. . Das Sommersemester 1928 wurde im Rabbin e rsemi nar am Montag, 23. April, nachm. 5 Uhrmit einem Vortrag des Herrn Dozenten Dr. M. A u e rbach über: „Die chronologischen Daten des zweiten Tempels nach Seder Olam", eröffnet. Am Dienstag, 24. April, norm. 9 Uhr fand der h a l a ch i f ch e E r ö ffnu n g s - vortrag des Herrn Dozenten- Dr. I. W e i n b e r g statt. Neubefih-Anleihen der jüdischen Gemeinden. Halberstadt, 15. April. Der Kultusminister hat den P r e u ß i s ch en Landesverband gesetzestreuer Synagogengemeinden mit Verfügung vom 3. April aufgefordert, die ihm angehörigen Gemeinden zur. Gewährung einer Nachfrist für die Anmeldung von gemeindlichen Neubesitzanleihen zum Umtausch oder zur Barablösung zu veranlassen. Die Nachfrist soll einen Monat nach der allgemeinen Frist umfassen. Israelitisches Schüler- und Lehrlingsheim. Marburg, 23. April. Am 11. März ds. Js. tagte zu Marburg a. L. unter dem Vorsitz des Provinzialrabbiners Dr. Cohn das vorbereitende Komitee für die Gründung eines israelitischen Erziehungsheimes für schwer -erziehbare Kinder. Zu der Sitzung waren außer dem Vorstandexund einigen Kuratoren des bisherigen Israelitischen Schüler- und Lehrlingsheimes zu Marburg a. L. Vertreter von Landesverbänden der israelitischen Gemeinden, des Hessischen Logenverbandes und der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden erschienen. Der Vorsitzende verlas die eingegangenen Begrüßungsschreiben und konnte feststellen, daß die Landesverbände der Synagogengemeinden sämtlicher deutschen Länder sowie die Wohlfahrtsverbände die beabsichtigte Neugrllndung erfreut begrüßen und sich mit namhaften Beträgen an den Kosten beteiligen wollen. Das Kuratorium des Israelitischen Schüler- und Lehrlingsheimes, das einst von den Herren Provinzialrabbiner Dr. Leo Munk f. A. und Geheimrat Professor Dr. Hermann Cohen s. A. sowie Bankier Hermann Eichelberg begründet worden ist, will sein Haus, dad infolge der inzwischen erfolgten Gründung von höheren Schulen an vielen kleinen Plätzen für seinen ursprünglichen Zweck nicht mehr gebraucht wird, für das neue Erziehungsheim zur Verfügung stellen. Der Vorsitzende dankte allen denen, die sich schon vor dem genannten Tage um die Sache bemüht hatten und unter ihnen ganz besonders Herrn Rabbiner Dr. Horovitz in Frankfurt a. M., der die Gründung eines solchen Heimes schon seit vielen Jahren anstrebt und mit Eifer verfolgt. Ihm war es in erster Reihe gelungen, den Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden in Berlin für die Sache zu interessieren und zur Bewilligung von 10.009 Mark zu den Kosten des Umbaues und 5000 Mk. für den Haushalt des ersten Jahres zu bestimmen. Inzwischen haben auch der Preußsche Landesverband gesetzestreuer Synagogengemeinden in Halberstadt und andere Landesverbände größere Summen bewilligt, so daß die Versammlung der Ansicht ist, daß die Anstalt nunmehr gesichert ist und mit dem Umbau, alsbald nach den Feiertagen begonnen werden kann, zumgl nicht daran zu zweifeln ist, daß die Anstalt, mit deren Gründung eine seit langem schwer empfundene Lücke in der Reihe der jüdischen sozialen Einrichtungen' der deutschen Judenausgesüllt werden wird, sehr bald eine große Zahl von Gönnern auch aus den Kreisen unferr privaten oft bewährten Wohltäter finden wird. Endlich sei noch erwähnt, daß auch der Direktor der psychiatrischen Universitätsklinik dem Plane seine volle Sympathie entgegenbringt und der neu zu gründenden Erziehungsanstalt seine Unterstützung zugesagt hat. So wünschen wir dem Unternehmen ein volles Gelingen.

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