Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1928)
- Date
- 1928-04-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. i? Der Israelit tung trügen . . . Der Versuch, den Groll der Landbevölkerung auf die Juden abzulenken, wird auf dem Lande, wo man die Dinge genau kennt, wenig Eindruck machen. Auf die antisemitisch verseuchten Wählermassen in, den Industriestädten, aber noch mehr in den Kreisen der Großgrundbesitzer, wo heute nichts willkommener wäre, als ein guter Ablenkungskanal für die Erbitterung auf dem Lande, wird diese fingerdicke Lüge im Zusammenhang mit vielen anderen ihre Wirkung gewiß nicht verfehlen. Vielleicht würde sich aber gerade hier für die Abwehrvereine eine feste Basis ergeben, aufklärend auf dem Lande unter der Dorfbevölkerung zu wirken. Am Beispiel dieser Behauptung, die für jedermann auf dem Dorfe auf ihre Haltlosigkeit zu prüfen ist, sollten die einfachen Leute d i e ganze Kampfesweise derer, die den Antisemitismus als Sprungbrett für ihre ehrgeizigen Ziele benutzen, erkennen. Allem, täuschen wir uns bei der nötigen Abwehrarbeit nicht über die Gefahren von anderer Seite hinweg. Auch die ausgesprochenen Linksparteien werden uns nicht immer zu Hilfe kommen, wenn es um Dinge geht, die tief ins religiöse Leben einschneiden (siehe Schulreform), für das sie eben ihrer ganzen Einstellung nach gar kein Verständnis haben können. Es wird zur rechten Stunde darüber noch ein Wort zu sagen sein. Jetzt aber sei schon vorweggenommen, daß die Wahlhilfe der Juden nicht allein unter dem Gesichtspunkte der Demokratisierung geboten werden kann. Die Demokratie, der wir viel Dank schulden, wird gewißlich jüdische Unterstützung im weitgehenden Maße bekommen, aber darüber hinaus werden wir doch nach den Parteien ausschauen müssen, bei denen entschiedenes Eintreten für die vitalen, geistig - religiösen Interessen der deutschen Juden ein Gebot der Toleranz und Traditio n und der eigenen religiösen Weltanschauung ist. lVochenrundschau. Vom Tanzen. In den Blättern des „Jüdischen Frauenbundes" wird zur Zeit in Fortsetzungen ein längeres Referat veröffentlicht, das Fr. Dr. jur. Rebecca Zadik in Hamburg auf einer Konferenz des Frauenbundes über die Gefährdung der jüdischen Jugend gehalten hat, und das sich durch ein hohes Maß von Ehrlichkeit und nüchterner Sachlichkeit auszeichnet. Wir werden, vielleicht noch Gelegenheit haben, auf das Referat in größerem Zusammenhänge einzugehen. Für heute sei uns gestattet, eine Stelle herauszugreifen, die für gesetzestreue Eltern mit „liberalen" Ansichten auf gesellschaftlichem Gebiete von besonderem Interesse scheint. Es heißt da: „Vergleichen Sie doch einmal die Jugend von heute mit uns, als wir noch die Generation waren, sahen unsere Konflikte mit unseren Eltern auch so aus? Waren wir auch so bewußt durchdrungen von unserem Anrecht auf Lebensfreude? Und selbst gesetzt den Fall, wir würden mit unseren Eltern in solche Konflikte, wie die heutige Jugend sie durchmacht, geraten, was würde es für weitere, unsere ganze Person ergreifende Gefahr haben? Heute ist es anders, denn heute hat die Jugend in der äußeren Umwelt der Großstadt einen gefährlichen Bundesgenossen gefunden. Was tritt heute an die Stelle des Elternhauses, wenn das Mädchen oder der Junge am Abend zu der Mutter sagen: „Ich gehe aus" und die Mutter sie nicht im Haufe halten kann? Im herrlichsten Falle der Jugendoerein, im häufigsten Falle die Tanzdiele. Haben Sie schon einmal Gelegenheit gehabt, zu beobachten, wie in den Tanzdielen unter den Klängen des Jazz unsere Mädchen und Jungen tanzen? Waren Sie n i ch t e r s ch ü t t e r r z u s e h e n , welch völ - lige Losgelösthett der Sinne sie beherrscht, diese Tanzdielen der Großstadt! Wahre Brutstätten der Verderbnis sind sie! Kannten wir sie auch? Waren sie auch zu unserer Zeit der gewohnte Zeitvertreib? Ich spreche wahrhaftig nicht das Wort der Konvention und der Ansbandsdame und kenne sehr wohl den Wert der echten Jugendfreuden und weine wirklich keine Träne der guten alten Zeit nach, die für unser junges, jüdisches Mädchen als alleiniges Ziel die Ehe und die Vorbereitung auf den zukünftigen Mann ansah, die das Mädchen verurteilte, all das angesammelte Liebesbedürfnis aufzuspeichern und auf den einen Augenblick zu konzentrieren, wo dieses Wunder in ihr Leben eintrat, und derweilen dem jungen Manne alle Möglichkeiten frei ließ, sich anderwärts schadlos zu Haltens Wenn ich aber sehe, wie allabendlich Hunderte von unseren Mädchen und Jungens die Tanzkaffees und Dielen füllen, so weiß ich, daß sie in höchster Gefahr sind. Hier könnten Sie sich fragen, was ich eigentlich befürchte und warum mich dieses Treiben so beunruhigt? Lediglich darum, weil ich leider oft genug beobachten konnte, wie der angeklagte Portokassenjunge als Tanzbodenheld, das sich herumtreibende Mädchen als zunächst harmlose Besucherin des Tanzbodens sich erwiesen haben. Die Uebergänge von der latenten Gefährdung zur manifesten Verwahrlosung sind flüssig, und die äußere Gestalt, in der unsere manifest gewordene Verwahrlosung auftritt, ist nämlich mit einigen Modifikationen bei der jüdischen und nichtjüdischen Jugend dieselbe." Wir hätten zu diesem Gedankengang mancherlei Kritisches zu sagen, insbesondere über die gänzlich unrichtige Vorstellung, die die Referentin von der „guten alten Zeit" hat. Eine 26. April 1828 „gute alte Zeit", die das Mädchen zur Aufspeicherung ihres „Liebesbedürfniffes" zwang, dem Jüngling aber „alle Möglichkeiten freilich, sich anderwärts schadlos zu halten" kennt das Judentum nicht. Wohl aber eine gut,e alte Zeit, in der Mädchen und Jungen in gleicher Entschiedenheit für den Gedanken begeistert wurden, um ihres eigenen Lebensherles willen die strengen und doch so liebreichen Gesetze des jiijpax durch Aufrechterhaltung der die Geschlechter trennenden Schranken zu wahren und den zum Beherrschtwerden erschaffenen vin “ixt nicht durch eine künstliche, raffiniert erdachte Methode von Geselligkeit zu reizen. Das mächtigste, mit der gleichzeitigen Auspeitschung aller fünf Sinne arbeitende Reizmittel zur Weckung und Hochzüchtung der sexuellen Triebe aber ist in der modernen Gesellschaft der T a n z. Die „Losgelöstheit der Sinne", von der die Refcrentin des Frauenbundes spricht, wohnt nicht nur auf den „Tanzdielen" und in den Tanzkaffees der Großstadt und in der Haschisch-Musik des Jazz, sondern sie lauert auch hinter den etwas mehr temperierten und „zunächst harmlosen!" Walzern des Salon-Parketts. Jeder weiß es und keiner, gibt es zu; die Auguren lächeln, und Mangel an Mut täuscht erträumte oder zeitgeborene ö’Trpn vor, die vor dem prüfenden Blicke der Wahrhaftigkeit nicht standhalten. Es ist ein wahres Glück, daß wir immerhin in der deutschen Orthodoxie schon so weit gekommen sind, daß eine wachsende Zahl von jungen Mädchen und jungen Männern in A g u d a und E s r a den gesellschaftlichen „Tanz" grundsätzlich perhorreszieren und sich ob dieser „Rückständigkeit" ihr Selbstgefühl als durchaus vollwertige Kulturmenschen in keiner Weise trüben lassen. Aber das find bis jetzt immerhin erst einige Auserwählte. Der großen gesetzestreuen Öffentlichkeit in Deutschland aber sollten die Sätze des Frauenbund-Referats in weit tieferem Sinne zu denken geben, als sie vielleiiU gemeint sind und ihr, der nach jüdischer Selbstvollendung strebenden Jugend insbesondere, darf man unsres Erachtens das schroffe, jedem Wenn und Aber ein Ende machende Wort des Midrasch rabbo nicht vorenthalten: lass; bv nir>a 1^82 ■frw na’Nip mzwi man *?2 •('2 'T"V ,N2-I NM) Wer aber wahrhaftes Leben begehrt, der kläre seinen Blick an der reifen Einsickst unsrer Väter, die weit ° bessere Pshchologen waren als sie die Modeweisheit unsrer Tage erstehen läßt. Gottesfurcht und Elternliebe. Eine rabbinifche Fabel für Alt und Jung. n ’ik iniarrm ■»mm# nrri irrim rato i»8 r>8* »Ein jedermann, Vater und Mutter sollt Ihr ehrsürchten und meine Sabbate hüten, denn Ich bin Gott." Die Talmudweisen bemerken zu diesem Satz, der den Gehorsam gegen das Gottesgesetz über die Elternautorität stellt: rrnpn rn82 penw iöki Drei Instanzen teilen sich in das Recht auf den Menschen: Gott. Vater und Mutter Gibt Gott dem Kinde den Geist, so obliegt den Eltern die Oborge um sein körperliches Gedeihen. Pflegen die Eltern den Gottesteil in ihrem Kinde. Geist und Seele, so erhält Gott den Körper des Kindes frisch und gesund. Auf dieser Basis regelt sich das Verhältnis zwischen Gottesfurcht und Elternliebe beim werdenden Menschen. Ueber der Elternliebe steht der Gehorsam gegen Gott, dem ja Kind und Eltern in gleichem Maße unterworfen sind. In einem populären Kommentar wird dieser Gedanke durch ein volkstümliches Gleichnis veranschaulicht, das stch wie eine Fabel für kleine Kinder liest, aber doch tieferen Sinn in sich birgt: Ein Vater schickte seine drei Söhne nach verschiedenen Richtungen in die Welt hinaus, auf daß sie etwas Tüchttges fürs Leben lernen sollten. Nach langer Zeit kamen sie in die Heimat zurück, und jeder hatte etwas Besonderes erlernt oder erfunden, das ihn leicht durchs Leben bringen konnte. "Der eine hatte ein Fernglas sich zurechtgeschliffen, eine Art Zauberspiegel, mit dem er in entfernteste Lande schauen konnte. Der andere hatte stch ein Flugzeug konstruiert, mit dem er ohne Schwierigkeit in kürzester Zeit die weitesten Strecken zurücklegen, alle Entfernungen Überwinden konnte. Der dritte hatte ein Wunder kr aut gesunden, mit dem er die schwersten Krankheiten, auch da, wo alle ärztliche Kunst schon versagt hatte, heilen konnte. ..Recht so!- sagte der Vater zufrieden, »nun geht in die Welt hinaus, aus daß euch eure Kunst ernähre." Da aber die Brüder gerne beisammen geblieben wären, dachten sie über einen gemeinsamen Plan nach, bei dem all die drei Künste in gleichem Maße Mitwirken konnten. Der älteste der Brüder schaute mit seinem Wunderglase aus und entdeckte in einem fernen Lande erregte Menschenmaffen in den Straßen. Sogleich machte der zweite seinen Apparat flugbereit, nahm die zwei Brüder mit hinein und nach wenigen Stunden waren sie an Ort und Stelle, im fernen Lande, mitten in der erregten Menge. Aus Befragen erfuhren sie den Grund der Erregung: Die.Königstochter, das einzige Kind und Thronerbin, schön und klug, wie eben Prinzessinnen im Märcken nur sein können. war aus den Tod erkrankt. Alle erreichbaren Heilkünstler im Lande waren zu Rate gezogen, aber hre Kunst versagte. Man fürchtete um das kostbare Leben und damit um den Fortbestand der Dynaftte. Da sagte der dritte: «Wie gut, daß ich das Heilkraut bei mir habe." Sofort begab er sich in den Königspalast. Man wollte ihn nicht vorlaffen. Da aber nichts mehr zu verlieren war, glaubte der König, es auch auf diesen letzten wenig versprechenden Versuch ankommen lassen zu können. Der Jüngling kam mit seinem Heilmittel. Und stehe da! Die Kranke öffnete die Augen, ihre Lebensgeister wurden zusehends geweckt, sie nahm Speis und Trank zu sich und schon nach kurzer Zeit konnte sie, vollkommen genesen, dem Bette entsteigen. Die Freude im Königshause und im Volke war unbeschreiblich. Als Lohn sollte der Helfer und Retter, so bestimmte der König, die Königstochter zur Frau bekommen. Aber wer war der eigentliche Helfer? Darüber brach Stteit unter den Brüdern aus. »Wäre ich nicht mit meinem Fernglase gewesen", sagte der ältere, »Ihr hättet nichts gesehen und wir wären nicht hergekommen." ..Nein", sagte der zweite, „nur meinem Fahrzeuge habt Ihr es zu danken, daß wir zur richtigen Stunde hier zur Stelle waren. Was hätte unser Fernsehen und Wissen aenützt, ohne die Möglichkeit, die Kranke noch am Leben anzutreffen?" „Aber nicht Glas und auch nicht Eure Flügel haben die Heilung gebracht, mein Kraut war es. und so bin ich der Helfer, der allein Anspruch auf den hohen Lohn hat", beteuerte der Dritte. Es war schwer für die königlichen Richter zu entscheiden. auf welcher Seite in diesem Falle das Recht war und der König meinte, feine Tochter selber möge entscheiden. Die aber sprach: ..Verfahren wir nicht nach dem, was war, sondern was ist und fei n w itd. Was nützt uns jetzt noch das Wunderglas? Es steht uns nicht der Sinn danach, in fremde Welten zu schauen. Was frommt uns die Flugmaschine? Sein Besitzer möge damit schleunigst nach Hause zu-