Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1928-04-19 · Heft 16 (19.4.1928) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 16 (19.4.1928)
Date
1928-04-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450495-2450510--74889-2532384
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Feuerzeichen. Hi« KheLto-Iloma« von S. Schachnorvitz. (Fortsetzung^ Ueberlegung folgte der ersten Bestürzung. Sagte er ihnen jetzt, wer er sei, was dann? Sie würden auch ihn umbringen, und sein Blut würde Grünhut njcht retten. War er schuld an Grünhuts hartem Schicksal? Dieser hatte den Weg zum Tode wie zwangsläufig selbst gesucht. Selbst wenn er, Arje Löb, vorgestern bei der Gefangennahme seinen richtigen Namen verraten hätte, es Hätte dieses am Schicksale dessen, der drüben mit den Wilnaer Papieren angetroffen wurde, nichts geändert. Es hätte zwei Opfer gekostet. Hart, zu hart, so dünkte ihm, mußte. Grünhut seine Verfehlung büßen. E r trug keine Schuld. Aber das Herz war ihrn schwer, zentnerschwer lastete auf ihm der Gedanke, daß unter seinem Namen ein Mensch ausgelitten hatte, von Menschenhand getötet wurde, indes er, der richtige —- Er sah sich ängstlich um, als könnten die Polen, die ihn interessiert musterten, seine Gedanken erraten. Mit fast wohltuendem Schmerze nahm er die Gefangenschaft auf sich — als Buße für eine Schuld, die er nicht begangen hatte, die sich aber an seinen Namen heftete. Gefangen! — dem Heime, dem Glücke, dem Weibe auf unabsehbare Zeit entrückt. Aber nach der Schreckensnacht im Verließ, in Erwartung des sicheren Todes, war die Gefangenschaft eine Befreiung, eine Erlösung. Er lebte, er atmete, konnte sich innerhalb eines Umkreises frei bewegen. Einem Lebenden konnten Wunder begegnen. Hatte er nicht heute morgen ein Wunder erlebt! — — — Da siel ihm beim Gedanken an sein Weib der Zettel ein, den er in der Nacht der Schrecknisse an Elsbe geschrieben hatte. Der Konowoi, der der Wächter seiner Schreckensnacht war, hatte ihn. Er mußte ihn suchen, daß er den Brief nicht weiter gebe. Er wußte seinen Namen nicht mehr, hatte sich in der schwarzen Nacht des Grauens kaum fein Aussehen gemerkt. „Wenn alles vorüber sei," hatte er, erinnerte er sich deutlich, dem Soldaten, gesagt. .Aber man konnte nicht wissen, ob ihm' die -Wandlung der Dinge gleich bekannt wurde. Man rstußte ihm den Zettel gleich abnehmen. '; o- Aber er war nirgends zu finden, keiner hatte ihn gesehen. Vielleicht war er) anderswohin beordert, vielleicht lag er irgendwo betrunken. Einer, der -den Wächter der Nacht in der Mühle gut kannte, sagte: „Barka Nomünek? Ein sonderbarer Geselle. Rauh und struppig und widerhaarig wie ein Stachelschwein, und weich wie in der Sonne geschmolzene Bütter. War in letzterer. Zeit wie ein Schulbub vöst Heimweh geplagt nach Weib und Kind und sagte, sobald er die ersten zwei Thaler füt die Post von der nächsten Station aus bekomme:" laufe er auf und davon. Vielleicht hat er heute das Geld in die Finger bekommen und -ist'' dÄbon gerannt.. M' will nichts gesagt haben." '" ' ■ r . ■;*i! -. . : ' . ' ArjeHLob dachteberutzM: „Wenn dem Bur-, schen stu^ ^tMs - Geld und',Uni die Flucht zu . tun war, hänn'ihat'er sich ailH üch den Brief nicht weiter gekümmert ünd ihn 'vernichtet — —-—" . 18.;.. .''y'V - ' In Frankfurt nahmen die Dinge ihren Lauf nicht.ttn vex von jedermann .gewünschtenund erwarteten Richtung. Es gab Nörgler und ewig Unzufriedene, Enttäuschte und Fatalisten, Resignierte, aber auch Mutige, die der Situation alles für sich abzugewinnen. wußten, wasihr abzugewinnen war. Die Stättigkeit wirkte sich in einer größeren Bewegungsfreiheit aus, mit der viele, in Enge geboren und an Schranken gewohnt, nichts anzufangen wußten. Perez Murren, Mordche Beer und viele andere boten ihre Ellewaren nach wie vor aus dem Hausierkasten in Höfen und Hausfluren feil, obwohl sie längst die Möglichkeit gehabt hätten, vor der Türe eines offenen Ladens auf hohe-Kundschaft zu warten. Keiner aus-der Gaffe spürte das Bedürfnis, sich an Sonn- und Feiertagen in der Nahe vom Römer und Rathaus sehen zu lassen, wenn die Glocken läuteten und sich die hohen Herren im roten Fracke zur Paulskirche begaben oder sich in der Nähe des Doms die Geistlichkeit mit der Monstranz bewegte. Die Heiraten häuften sich, die Haushaltungen vermehrten sich. Oefters denn früher rief Pfeifer in der Morgenfrühe zum „Mahne" und spielte die Ghettokapelle aus zum werdenden Tage. Das Ghetto wurde dichter, kinderreicher, enger, die Tore erweiterten sich nicht. Auf dem Friedhofe am Osttore mußte das Gräbergelände eine neue Aufschicht bekommen, um die Toten aufzunehmen. Nach außen war von der Stadt — da half alles Parlamentieren Ahron Oppenheims nicht — kein neues Terrain zu erhalten, und nach innen zu hatten die Lebenden keinen Fußbreit Platz an die Toten abzugeben. Die Grabsteine nahm man von unten mit herauf und stellte sie neben die neuen. Am Tage der Aufschüttung fastete die Gemeinde und sang Slichausgebete, die Rabbi Naftali verfaßte. Die Bürgerschaft sah die unmittelbare Wirkung der neuen Judengefetze nicht und beruhigte sich, bis auf einige Hetzer und Raufbolde, die gelegentlich in der „Großen Kanne" vor vem Ghettotore skandalierten. Rehbock wurde nach jenem nächtlichen Vorfall seines Amtes als Stadt- Schornsteinfegermeister entsetzt und schwor den Juden Rache. Das Innenleben der Gaffe war von der festen Hand Rabbi Naftalis zusammengehalten. Unter dem Spiegel brodelte es aber unaufhörlich. Unzufriedenheit und Kritiksucht suchten und fanden im Stillen ihre Nahrung. Nach oben und außen brachen sich all diese Strömungen an der granitenen Mauer, die Rabbinat und Vorstand zum Schutze der Gemeinde und ihrer Anliegen, bildeten. * . Irgendwo in der Peripherie saß noch Löbele Proßnitz, warf trotz Fluch, Aechtung und Bannstrahl feine Fangnetze nach jungen Seelen aus. Er hatte jetzt nichts mehr zu verbergen und "predigte offen für. den „wiedergeborenen Messias von Smyrna". Und es gab der irrenden Seelen und verworrenen Köpfe genug, die in seine Schlinge gingen. Rabbi Naftali tat, was er Schlinge gingen. Rabbi Naftali tat, was er konnte, warnte und mahnte. Aber der Wohnsitz des meile. Dem Rabbi blieb als Abwehrwaffe nur das belehrende warnende Wort.. Es wog nicht überall gleich schwer. Im übrigen wollte man das Grüppchen der irrenden Seelen nicht gar zu ernst nehmen, ihm nicht durch scharfen Kampf allzugroße Bedeutung verleihen. In Proßnitz' Nähe, sagte man sich, wevden sie am ehesten von ihrem Wahne geheilt. Manchen Vater trieb in diesen Tagen die Sorge mit tränenden Augen zu Rabbi Naftali. „Rabbi, helfet, auch mein Sohn! . . ." „Bringt ihn mir", befahl der Rabbi in der Regel. Die meisten kamen nicht. Kam aber der Jüngling und stand er gesenkten Hauptes vor dem Rabbi, so sprach er gütig, heilend, väterlich, ließ 1 auch i h n reden und gab Antwort und leitete so viel Sonne in das junge Herz, daß zumeist schon nach der ersten Aussprache der. Wurm, der darin fraß und zu Proßnitz trieb, versengte. Im Stillen dachte Rabbi Naftali über all die Dinge nach. Das Licht, das aus seiner Lernstube noch spät in die Ghettonacht leuchtete, strebte weit hinaus in die weite, tiefe Golusnacht ... Er zählte zu den Wächtern in der Nacht, deren Augen und Sinne wach bleiben mußten, indes die anderen schliefen... Weit über anderthalb Jahrtausende dauerte schon die Golusnacht im „vierten Reiche", die letzte. Wellenartig kam die Flut, einmal da, einmal dort und der Schrei drang einmal von dieser, einmal von jener Ecke. Rabbi Naftali sah aus dem Soharbuche zu dem Stoße von Briefen auf, die in letzterer Zeit aus Prag, aus Wien, aus Bayern und den Rheinstädten, aus Posen und Wilna eingelangt waren. E i n Brief starrte ihn wie das Schicksal an. Frohe und bittere Kunde brachte jede Post. Hier ein neues Recht, dort ein neues beengendes Gesetz. Wie eine Flamme, die an einer Seite versickert, um an einem anderen Ende von neuem aufzulodern. Er fühlte, wenn er so die ganze Golusnot übersah, so.tief und innig Jakobs Gebet, da er seine Schar in zwei Gruppen teilte: „Und sei es so, daß er kommt und das eine Lager schlägt, so bleibe das andere Lager zur Errettung!" Ja, zur Errettung, so übersetzte und verstand er. das Wort. Das Andere, verschonte Lager war deshalb verschont, damit es helfend und rettend dem anderen Teile beispringen konnte. Wenn er geschlossenen Auges zurücksah, in eine ernsttrübe Kindheit, eine grbeitsschwere Jugend, in die wilden Steppen seiner langjährigen Gefangenschaft, in die plötzlich Licht hineinflutete für ihn und Freiheit, Ehre und Anerkennung brachte; wenn er das alles im Geiste noch einmal sah und überdachte, so war er selbst ein Symbol der Golusvielfalt seines Volkes, über Höhen und Tiefen, finstere Oeden und an sonnigen Getänden vorbeiziehend, wie ein Fluß, der überall die Farbe des Geländes annimmt. Was hatte sich an und in chm geändert? Es waren stets die gleichen Gedanken, die fein Gehirn zermarterten, die gleichen Worte, die aus Herz und Hirn über seine Lippen drangen. Er hatte im Lehrhause seiner Jugend das in den Büchern gesucht, was er später in der endlosen Wette unter freiem Himmel suchte und zu finden glaubte. Und wenn er sich jetzt in die heiligen Schriften vertiefte, so stand darin nichts anderes, als was er in den Sternen las, wenn er in lauen Somyrernächten, ein Krieger unter Kriegern, die Flinte schräg auf dem Rücken, ein Wort der Lehre oder des Gebetes im Munde, dem Morgen entgegenritt. „Wächter, wie steht es um die Nacht, Wächter, wie wett ist die Nacht?" Es sprach der Wächter: „Schon ist der Morgen gekommen und es ist doch wieder Nacht. Wollt Ihr kommen, so kommet, kehret zurück ünd kommt herbei!" Nie ging ihm dieser Prophetensatz aus dem Sinne, wenn.' er einsam durch die Nacht ritt. Und immer waren es heute Noch die gleichen Worte, die sich über all sein Sinnen und Forschen legten, wenn er durch das kleine Fensterchen den Blick in die finstere, schlafende Gasse hinausschweifen ließ. Die Wächter! Wer sind heute die Wächter? Die Lehrer, zu denen das Volk in der Zerstreuung mit seinem Leid und Hoffen empörschaüt. Warum können sie auf die bange Frage, wie es um die Nacht stehe, keine andere Antwortegeben als: „Wieder Nacht, wieder Nacht!? . .• Was Wunder, wenn die Harrenden Mut und Kraft verlieren, wenn wie aus pesttragenden Sümpfen Irrlichter aufleuchten, und viele, viele, die auf halbem Wege die Kraft verlieren, ihnen, als wären sie das Licht der Erlösung, nachtaumeln? Sabbatai Zwi. Und nun da draußen bei Isenburg oder Offenbach Löbele Proßnitz, der das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.