Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1928)
- Date
- 1928-04-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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f.« r< -o-ttfXty* < « «CV* ^<T* 'v** <• «~f .' WT"»" -V'“1,'r"VV Seite 10 Nr. 16 Der I s r a ei r r 19. April 1928 Irrlicht aus dem türkischen Sumpfboden in die Lande am Rhein und Main leitet. Ein- Irrlicht kann man nicht zum Verlöschen bringen, es sei denn, daß man den Sumpfboden, der es erzeugt, austrocknet. Wer schafft aber diese Sümpfe? Wer ist schuld? Keiner, Herr der Welt. Auch die Jrreführer sind irregeleitet. Nicht sie schaffen sie. Das Golusleid schafft sie. Der Weg ist so weit und so leidvoll. Und es kommt der Amalek in jeder Gestalt, um abzuschneiden all die Schwachen, Nach hinkenden, allzumal das Volk so matt und müde ist . . . Warum wußten die berufenen Wächter nichts besseres zu sagen, als: Nacht und wieder Nacht? Warum taten sie nichts, um den Morgen zu wecken und künden zu können? Klein und schwach sah der Rabbi in die nachtschwarze Gasse hinaus. Er wachte, aber nur um zu wissen und zu fühlen, daß er nicht besser und stärker war, als sie alle, die da draußen in der Enge schlummerten, von Mühen ausruhe-nd und neuen Mühen entgegenträumten. Von seinem Urvater, dem „hohen Rabbi Löw" in Prag, erzählte man, daß er einem toten Lehmklumpen Leben eingehaucht hatte, weil er im Besitze des „Schein", des Wissens um alle Geheimnisse des göttlichen Namens war, mit dem alle Schranken eingerissen, alle Gesetze von Tod und Leben, Blühen und Vergehen aufgehoben, ja Moschiachs Schranken hätten gesprengt werden können. Seine, Naftalis, Kindheit wurde genährt mit den Wundergeschichten des Rabbi Löws und man sagte ihm später unverhohlen, es wachse in ihm die Kraft des Urvaters groß, daß er dessen Werk vollende. Was wußte er in Wahrheit davon? Er hatte mancherlei Papiere, Bücher, rätselhafte Gegenstände, auch geheimnisvolle Wässerlein und Phiolen aus dessen Nachlaß erhalten. Ex hatte sie alle wie seinen Augapfel gehütet und sie waren ihm, ba ihm vieles genommen! ward, wie ein Wunder erhalten geblieben. Er hatte sie am ersten Abend seines Einzuges in Frankfurt in der anderen Kammer ausgepackt und aufbewahrt und dann gleich von außen die Türe wieder zumauern lasten. Hinter einem Schranke im Schlafgemach war aber in der dünnen Wand ein breiter geheimer Spalt, durch den er hineingelangen konnte. Er war noch nicht drini, hatte noch nicht die Kraft und den Mut, an diese Dinge heran zu gehen. Heute Nacht sollte es geschehen. Er hatte den ganzen Tag gefastet, mit Nachtanbruch ein Tauchbad genommen und sich geweiht und gefeit für die heilige Arbeit. Nun wurde es später und später. Die Beine wollten nicht, die Hände waren schlaff, der Geist verworren, in trüben Gedanken haftend. Die Augen hingen am Stoße der neuen Briefe auf dem Tische, die heute angelangt waren. Es war ihm jetzt klar, der Brief war es, der in dieser Nacht all seine Trübsal verursacht hatte, der, wie ein herber Windstoß, das Licht in seiner Seele ausgelöscht hatte. Der Brief aus Posen. „Die Schechina weilt nicht, wo Trägheit und Traurigkeit Platz gegriffen". Er sah scheu' zur Wand hin, die ihn vom Gemache seiner Geheimnisse trennte. Nein, nicht heute . . . Was hatte fein Urvater, der hohe Rabbi Löw vollbracht? War treuer Wächter in der Nacht und konnte doch den Morgen nicht bringen, nicht, künden. Und ist -hie Mär wahr, so hatte er Messias und Elijahu, wie sie, vom Volk in Not gebieterisch gerufen, gekommen waren, nicht erkannt, sie aus der Gaste gejagt . . . Wahnsinnige und Narren erkannten ihn, den Erlöser, er aber, der Wächter in der Nacht, nicht. Dagegen ver-! kannte und überschritt er die den Menschen vom Schöpfer gesetzten Grenzen, wollte selber Schöpfer fein und schuf sich Geister, die er nicht zu bannen vermochte und die sich zum Unheile für ihn! und sein Volk auswuchsen ... Was wollte er, der kleine schwache Naftalh tzäkohen, im geheimen Gemache, mit den geheimen Dingen des großen Kabbalisten? Konnte er, Tote lebendig machen, konnte er Nacht in Tagwandeln, könnte er Unheil, -das schon geschehen/ abwendig machen, konnte er Len Tränen, die sich Morgen, wenn der Brief bekannt werden würde, in Strömen ergießen würden, Einhalt gebieten? Wie sollte er, der kleine, schwache Nastali, Trost leiten in Herzen, aus denen das Glück gerissen wurde? Was ist Trost? Worte. Was war all seine Kunst, all seine Gelehrsamkeit? Der Brief, der Brief! . . . Er öffnete das kleine Fensterchen und weinte, weinte wie ein hilfloses Kind in die nachtfinstere stille Gasse hinaus. (Fortsetzung folgt.) Ainderecke. „Sie solle« sich Zizis machen" Von Heinrich Einstädter. Als E m a n u e I R e i n b o l d noch ein kleiner Junge war, da lebte in seinem Elternhause auch die Mutter seines Vaters, eine Frau in hohen Jahren. Sie bewohnte ein Zimmer im ersten Stocke, in dem sie sich meistens aushielt; nur die Mahlzeiten nahm sie am Familientisch. Nie war sie müßig. Nachdem sie morgens gebetet hatte, ging sie in die Küche und holte sich Gemüse oder Salat, um sie zu „belesen", oder sie ließ sich von der Mutter Kleider zum Ausbessern und Strümpfe zum Stricken oder Stopfen geben. Nach dem Mittagessen las sie wohl eine Stunde und nahm dann eine feinere Handarbeit vor; das war ihre Erholung. Dabei leistete ihr der Enkel nicht selten Gesellschaft. Er sah gerne zu, wie sich in dem mit Pflöckchen gespannten Rahmen unter den geschickten Händen der Großmutter die schönsten Figuren formten und hörte aufmerksam die Belehrungen und Erzählungen, die die kluge Frau stets bereithielt. Am liebsten schaute er der Großmutter beim Spinnen zu. Die Zeit, in der allgemein die Hausfrauen ihre Wolle selbst spannen, war wohl bereits vorüber. Nur die Zizis spann die Großmutter noch und zwar nicht allein für die engere Familie, sondern auch für mehrere auswärtige Anverwandte, die darauf Wert legten, versichert zu sein, daß ihre Schaufäden „lischm o n", d. h. ausdrücklich für ihren Zweck schon von vornherein bestimmt waren. Da wurde das Spinnrad aus der Ecke cherbeigeholt, und bald schnurrte und surrte es, von dem Fuße der fleißigen Frau in Bewegung erhalten, und unter chren flinken Fingern entstanden die Fäden, die auch der kleine Emanuel schon seit seiner frühen Kindheit an einem „Arba Kanfaus" trüg und jeden Morgen beim Gebete andächtig küßte. Der Knabe war nicht wenig stolz darauf, besonders gegenüber seinen Schwestern, die keine zis besaßen. Aber der guten . Großmutter hätte er sie schon gegönnt! Und als er darüber nachdachte, fand er es schließlich gar nicht recht in Ordnung, daß die Verfertigerin der Zizis sie nicht einmal bensch e n dürfe. Als er einst diesen Gedanken der Großmutter gegenüber äußerte, da lächelte sie und; sprach: „Haben wir Frauen nicht die erste Mizwo davon?" Und nach einer Pause, in der sie überlegt haben mochte, ab ihr Enkel auch schon verständig genug;fet, die Bedeutung der Zizis zu erfassen,; begann sie in gemütlichem.Erzählerton: „Weißt Du eigentlich, wer die ersten Zizis gemacht hat? — Als die Menschen noch imGan; Eden (Paradies) lebten, da waren.sie nackt, und- Häkodausch baruch hu,(der Heilige, gelobt sei er),, machte ihnen Schürzen, um,sie zu kleiden. Das! war das erste Gemilus chesed (Wohltun). Aksj dann. Adam, begann, die Erde zu.bebauen, mutztesich fern Gewand .ab. Eva -fühlte .Mitleid mit! ihm uM. ferUMühmmusM des- Schaff! ein neues, und''sie brächte an dsnEcken Fäden! cß Samstag 21 1"« 1 f F «nn 'n '2 pns Sonntag 22 2 Montag 23 3 Dienstag L 24 4 Mittwoch 8s 25 5 Donnerstag 26 6 Freitag 27 7 Samstao 28 8 'A pnö ,2"N2 P212V Izur Ausschmückung an. Als Adam einmal müde und frierend nach Hause kam, legte ihm Eva das neue Kleid um die Schultern. Bald ward es dem Manne warm, und ex fühlte mit großem Behagen, daß fein Weib so treu für ihn sorgte. Er nahm die Fäden in die Hand und , küßte sie. Und da ging ihm auch ein Licht auf über Gottes Wort, daß der Mann über die Frau „herrschen" werde. Nicht b e h e r r sch e n sollte er sie, sondern beschützen und betreuen. Und wenn er später häufig die Fäden an den Ecken, seines Kleides betrachtete, da kamen ihm noch mancherlei gute Gedanken. Er sah, wie die Fäden zur Erde zeigten, und dachte daran, daß er aus Erde gemacht war und einst zur Erde wieder zurückkehren sollte. Da verging ihm sein Stolz, und er bestrebte sich, weniger auf seinen irdischen Körper als auf feine göttliche'Seele zu achten. Wie viele Frauen mögen seitdem ihren Männern Zizis gesponnen und sie dadurch auf güte Gedanken gebracht haben, damit sie nicht ihren Begierden folgen, sondern an Gottes Gebote denken! Denn gar zu leicht läßt sich der Mann von der Selbstsucht leiten; das Weib aber ist. aufopfernd und sorgt gern für andre." Tief berührt stand Emanuel vor seiner Großmutter und schaute ihr wie fragend in die Augen. Manches mochte er damals noch nicht begriffen haben. Aber später, als er ein reifer Mensch geworden war, dachte er oft über jene Warte nach, und daß er sich nie gegenüber den Nöten der Umwelt abschloß und seinen körperlichen Trieben nicht Gewalt über seine Seele einräumte, das verdankte er nicht zuletzt jener großmütterlichen Belehrung. Er sah in den Zizis das Sinnbild für die Ausstrahlung seines gesamten Könnens zugunsten der Mitmenschen, und wenn er je in einer schwachen Stunde versucht war, sich gegenüber den göttlichen Pflichten in sein Gewand zu hüllen, da fühlte er, wie es an den Zizis gleichsam von seinem Gesichte weggezogen wurde, so daß er am Ende ein Mann wurde, an dem Gott und die Menschen Gefallen fanden. Wochenkalender. v. 21. - 28. April 1928. , v. 1. - 8. Ijar 8888. ArnrnKBELmUTUNGSKÖRP* Kt7xso M.7J, mit & Arm** H7*r- , Qualitäts- Moritz Wolf Zeit 49 Telefon Römer -903 OeMKIHQ Nirgends bessere Herde Nirgends,größere Auswahl und doch. billigste >f?reise bei AM ESCHENHEIMER TOR 3 T! Verantwortlich für den allgemeine« ’ Teil ü«d da» Ientlleto» 8. Schachnowttz, Frankfurtn.iM.; Inserate i. B.: ».Schach« nowttz, ebenda. — Mir die pAdagogische Beilage: Lehrer L. iKa.chfm.nnnin HprendltngM ^Wr-ÖffenbachN Merlag .JsraeUt".' (B; mlb-«..Mä»riurt; O/M. — Stritt Sermon Berlaa ieqgefellschaft; Mankfmt m.