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Der Israelit · 1928-04-04 · Heft 14 (4.4.1928) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 14 (4.4.1928)
Date
1928-04-04
Page
– (sequence 14)
Language
German
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S-nlt- 14 Nr. 14 Der I s c a - r r l 4. April 1928 Du frei. Bis dahin sollst es nicht schlecht bei uns haben." Wieder überkam Arje Löb die unwiderstehliche Lust, seinen wahren Namen zu nennen und wieder saß der würgende und. zugleich rettende Engel in seiner Kehle, der die Worte nicht über die Lippen ließ. „Willst Du mit uns essen?" fragte er, da sich die Insurgenten schon mit ihren Bechern^ um den Kessel sammelten. „Ich bin Jude und Rabbi," sagte Arje Löb erschrocken. „Schon gut! Wirst dann essen, was Du willst und darfst. Haben schon mehr von der Sorte bei uns gehabt. An Brot und Früchten und Rüben und vielem anderem fehlt es nicht. Trinke!" Er reichte ihm die Feldflasche, und Arje Löb tat einen Schluck vom Branntwein, der ihn bis ins innerste erwärmte. „Und nun suche Dir Deine Lagerstätte für die Nach. Und wenn Du Rabbi bist und für was anderes nicht nütze, so kannst für uns beten." Damit war Arje Löb entlassen. Er hatte alle seine Sachen wieder. Er ging ziellos durchs Lager. Er mußte erst seine Gedanken sammeln, den Traumnebel, der das Ganze umhüllte, abstreifen. Die Todesgefahr war gewichen, aber er war Gefangener, er, der seit Jahren nichts anderes tat, als Gefangene befreien. Hier lag er im fernen polnischen Walde, in der Gewalt von Menschen, ohne Aussicht, ohne Hoffnung, daß sein Schicksal draußen bekannt wurde. Und — er schauderte wie im Schüttelfröste — er war der Mann, den sie suchten. Er wandte sich, nachdenr er sein Morgengebet verrichtet hatte, einer ihm zugewiesenen Arbeit zu. Er hatte Rüben zu schaben und zu schälen, um sie in den großen Kessel zu werfen. Er schnitt sich in den Finger, das Blut rann-in dünnem Strome, er sah es rinnen mit fast wollüstigem Schmerze. (Fortsetzung folgt.) Sind die Juden ein Handelsvolk? Von Heinrich Jork Steiner in Wien. Unter dem Titel: „Die Kunst als Jude zu leben" erscheint demnächst be' M. W. Kaufmann, Leipzig, von Heinrich Jork Steiner, dem Autor des „Talmudbäuer", ein Buch, in dem das Zusammenleben mit der christlichen Mehrheit unter dem neugeprägten Stichwort „Minderheit verpflichtet" erörtert wird. Obgleich das Buch nicht in allen Stücken den Anschauungen des gesetzestreuen Judentums entspricht, enthält es doch vieles Wertvolle. Auf Wunsch des Verfassers und Verlegers drucken wir im folgenden einen Abschnitt des Kapitels: „Sind die Juden ein Handelsvolk?" ab. Unter diesem Titel erscheint demnächst bei M. W. Kaufmann, Leipzig, von Heinrich Pork- Steiner, dem Autor des „Talmudbauer", ein Buch, in dem das Zusammenleben mit der christlichen Mehrheit unter dem neugeprägten Stichwort „Minderheit verpflichtet" erörtert wird. Wir drucken mit Genehmigung des Verlages einen Abschnitt des Kapitels „Sind die Juden ein Handelsvolk" ab. Daß die Juden Handel treiben, daß die Mehrzahl der. Juden von heute führend oder dienend an Handelsunternehmungen beteiligt ist, wäre statistisch leicht nachzuweisen. Dies beweist aber nicht, daß die Juden ein Handelsvolk sind, daß ihre vornehmste Begabung im Kommerz beschlossen ist oder zwingende Vorliebe sie zum kaufmännischen Berufe führt. Seitdem Sombart in seinem Buche „Die Juden und das Wirtschaftsleben", gestützt auf umfassendes Wissen, mit scheinbar unwiderlegbarem historischem Material nachzuweisen versuchte, daß die Juden die Väter der modernen kapitalistischen Wirtschaftsordnung sind, kämpfen interessierte Keise für und gegen diese Ansicht. Am erbittertsten geht der Streit um die These, daß die jüdische Religion diese Entwicklung begünstigt, ja gerade bedingt. Nach Sombart gehören die Ju- > den zu den Wüsten- oder Beduinenvölkern, zu den nicht seßhaften Nationen, die zum Handel prädestiniert sind. Man vermag aus der Geschichte des jüdischen Volkes ohne Mühe nachzuweisen, daß es eine ackerbautreibende Nation war, ein Volk, dessen Ideal in der festen Wohnstätte kulminierte: Acker und Weinberg. Auch aus der Gesetzgebung, aus der Geschichte, der Legende, aus Parabeln und Sprichwörtern, die bis zur Entwicklung des Talmuds entstanden sind, wäre dies zu erweisen. Im Talmud selbst wird immer wieder aus den Wert des Bodens hingewiesen, z. B. „Wenn einer nach Geld und Gut jagt und hat nicht Grund und Boden, was hat er dann für einen Vorteil?" (Midrasch koheleth). Die Armseligkeit derjenigen wird hervorgehoben, die aus dem Markte ihr Brot kaufen müssen. Aus solchen und ähnlichen Beweisen könnte man ein dickes Buch zusammenstellen, ein Buch, das viel umfangreicher wäre als Sombarts Gesamtwerk. Wir wollen jedoch als Eingang nur kurz feststellen: Es gibt überhaupt kein Handelsvolk, denn weder in Deutschland noch in England oder Amerika, den größten Handelsstaaten, treibt die gesamte Nation Handel,- die großen Bevölkerungsteile, die sich dem Handel widmen, sind Entwicklungsprodukte. Die Völker beginnen als Herdenbesitzer, Viehzüchter, werden dann Ackerbauer und stoßen jene Teile, die keinen Ackerboden mehr finden, in die Fremde ab, wo sie vielfach Händler, zumeist Wanderhändler werden. Als die Juden nach Palästina kamen, war der große Warenverkehr in der Hand der Phönizier, dem Volke der Küste, die Palästina vorgelagert ist. Der örtliche Handel wurde von den Kanaanitern, den Städtebewohnern besorgt, die noch lange nach. Eroberung des Kulturbodens durch die Hebräer in den festen Plätzen saßen. Denn den Juden war es nur um den Acker und Weinberg zu tun, um die Oel- und Feigenbäume. Sie entwickeln sich zum Bauernvolk, das ein zum Teil felsiges, zum Teil sandiges Land in ein landwirtschaftliches Paradies verwandelte. In einer geschichtlich nicht sestgestellten Frühzeit zogen Juden auch als Söldner in die Fremde. So berichten die Tonzylinder von Teil Amarna, daß sie auf der Nilinsel Elefantine als militärische Besatzung hausten. Die Bibel kennt keine hebräische Bezeichnung für 'Kaufmann, er wird Kenani-Kananiter genannt, aber selbst im Talmud, der den Kaufmannsstand kennt und ihn vielfach behandelt, finden wir für die meisten technischen Ausdrücke als Lehnworte, darunter viele griechischen Ursprungs, wie Pragmatika für Handel, Tympan für Schuldschein usw. Schon Josephus erklärt in seiner Schrift gegen Apion: „Wir Juden finden keine Freude am Handel". Im Talmud heißt es: „Lege dir zum Studium ein Handwerk zu." „JedesThorastudium ohne Handwerk ist wertlos und bereits Sünde." „Liebe das Handwerk und haste das Rabbinat." (Pirke Abboth.) Die Schöpfer des Talmuds, vielfach Handwerker, empfahlen den Eltern wiederholt, ihre Kinder im Handwerk zu unterrichten. „Wer einen Sohn erzieht, ohne ihm ein Handwerk beigebracht zu haben, erzieht ihn zum Raube" (Kidn. 30b). „Der Mensch lerne ein Handwerk, und Gott wird ihn ernähren" (Koh. 6). Rabbi Chia sagte: „Größer ist der, welcher von seiner Hände Werk sich nährt, als der Gottesfürchtige." Bis zum babylonischen Exil tauschten sie durch die Phönizier und die in Palästina lebenden fremden Händler ihre Bodenprodukte, Getreide, Oel, Honig, Vieh, Wolle und den köstlichen Wein gegen gewerbliche Produkte und Spezereien. Auch der transjordanische Handel, die Pässe ' von Judäa entlang, in die Hafenstädte des Mittelmeeres wurde durch fremden Zwischenhandel entwickelt. Die Juden beteiligten sich nicht an diesen Geschäften, denn wir wissen, daß die Religion, der Ritus, festliches und arbeitstägliches Gebrauchs- )Rossmarkt'l Hauptw Kaiserst-M SSHßfflW JUWELIER mm tum mit Ackerbau und Viehzucht verknüpft sind und vom Handel nichts wissen. Viele meinen, daß die zwangsweise Wanderung rach Babylon, der Verlust von Acker und Weinberg zum Handel überleitete. Nun ist es ferner nachweisbar, daß einzelne Juden sich dort dem Handel zuwandten; fand man doch in Babylon auf 3000 Tontafeln Geschäftsdokumente des jüdischen Bankhauses Beth Egibi; es muß aber viel mehr jüdische Handwerker gegeben Haber und auch jüdische Landwirte. Das ersehen wir aus den Beschäftigungen der Talmudgrößen, von denen mancher hinter dem Pflug ging, die meisten Gewerbe ausübten, während nur von einigen nachweisbar ist, daß sie Händler waren, z. B. Rabbi Kaphara (der Asphalthändler). Der Haß der Juden gegen die Römer galt nicht bloß den politischen Unterdrückern, sondern noch viel mehr den Händlern, den Großkapitalisten, den gewandten Spekulanten, denn auch jene Zeit kannte alle Künste der kaufmännischen Blague. Immer sind es die alten Völker, die den Handel verstehen, die ihn in, die Staaten der jungen Nationen tragen. Erst als die Juden alt geworden waren, entwurzelt, vom Mutterboden entfernt, ergaben sie sich dem Handel so intensiv, wie wir das z. B. im Mittelalter feststellen. Aber all die großen Mißbräuche, die man unserer Zeit ankreidet, und als deren Urheber vielfach die Juden angesehen, werden, waren schon den Römern bekannt. Julius Cäsar hat erst Geld angesammelt und dann seine politischen Pläne durchgeführt. Hinter all dem, was uns als geschichtliche Größe Roms überliefert wurde, steckt das Geld. 87 v. Eh. verbindet Marius die Massen mit der Hochfinanz, Sulla vernichtet den Stand der großen Geldleute, der Equites, durch die Conskription. In hellenistisch-römischer Zeit war es Sitte, aus Verabredung den Anbau zu beschränken, die Einfuhr zu Unterbinden, um die Preise zu erhöhen, In Aegypten machte das Girowesen die Wirtschaftsentwicklung der unserer Banken vollkommen ähnlich. .Getreidecorner im Stile der Amerikaner, die der Finanzverwalter Alexander des Großen durchführte, brachten durch Buchkäufe den gesäurten Getreidevorrat in seinen Besitz, was in der Folge eine Hungersnot in Griechenland hervorrief und dem spekulierenden Herrscher ungeheure Gewinne abwarf. Das jüdische Volk war in all diesen Künsten gänzlich unbewandert, wenngleich feststeht, daß einzelne Juden- und auch Händlerkolonien im Auslande bestanden, zur Zeit als noch der Tempel aufrecht war. Denn einzelne Juden waren immer ausgewandert. Die Propheten; das lebendige Gewissen der Nation, sie mahnten seit Jahrhunderten zur Abwehr, und aus ihren Aufrufen erfahren wir, daß es in Jonien, in Aegypten, Phönizien, Aethiopien, dem Pontus und in Spanien (Tarschifch) Juden gab. Unter diesen Auswanderern waren sicherlich auch Händler. Wir wissen, daß aus allen Ländern mit reichem Kindersegen und beschränkter Ackerkrume oder teilweise sterilem Boden ein Teil der Bevölkerung auswandern muß. Die Griechen erfüllten den ganzen Orient, und sie emigrieren noch immer weiter. In Konstantinopel der Vorkriegszeit war der Kleinhandel fast durchaus in griechischen Händen, ebenso in Aegypten, wo vom Straßenhändler bis zum Bankier der gesamte Handel von Griechenland beherrscht wurde. Auch in Nord- und Südamerika leben zahllose Griechen, zumeist vom Ertrag kleiner Läden, hie und da vom Import orientalischer Waren. Die Araber verlassen ihre felsige Heimat und beherrschen den Handel Jnnerafrikas, ähnlich wie die Hindu den der Ostküste. Aber auch aus Mitteleuropa wandern zeitweise Landbewohner als ambulante Händler in die

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