Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 14 (4.4.1928)
- Date
- 1928-04-04
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Dr. 14 142$ Feuerzeichen. Kin GHetto-Ztoman von S. Schachuorvitz. (Fortsetzung.) Arje Löb betete: „Elokai, mein Gott und Gott meiner Väter> Reschornoh, die Seele, die Du mir gegeben, sie war rein und lauter, ich habe sie mit Sünd und Fehl getrübt, Oschamnu-—" Wort für A^ort sprach er das Sündenbekenntnis, das kleine des „Oschamnu" und das große des „Al chet", besinnlich verharrend bei dem einen oder anderen Punkte. Darauf schloß er mit dem Gebete des Rabbi Ascher: . „Und nun ist die Stunde gekommen. Dir meine Seele in die Hand zugegen zur Heiligung Deines Namens, der einzigeinig ist. Wihi rozon, so sei es darum, und Dein Wille geschehe, mein Gott und Gott meiner Väter. Dü bist der Gerechte bei allem, das über uns kommt — —" Segenssprüche und „Schma", das Gelöbnis, Gott zu lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele beschlossen dieses alte Märtyrergebet. Und je mehr er sich in die Worte hineinbetete, um so größer war die Ruhe, die sich über ihn legte. Mit trockenen Augen und klarer Stimme sprach er die 'Gebetworte. Ein Gefühl wie am Versöhnungstage kam über ihn, in Ehrfurcht vor der Größe der Stunde und zugleich in der Gewißheit, daß Gott ein Richter der Gerechtigkeit in Liebe und Gnade sei. Er war gerüstet für alles, was der graue Morgen bringen mochte. Der Konowoi, vielleicht geweckt durch die lauten Gebeworte, kam herein. Sein Laternenlicht fiel in den Raum und zeigte die ganze nackte Traurigkei der Umgebung. Aergerlich, aber nicht gar so barsch, sagte er: „Du kannst nicht schlafen, Jude, begreife es wohl. Du wirst bald lange schlafen." Arje Löb kramte in seiner Tasche. Da tagen noch einige Geldstücke, die ihm dke Häschere belassen hatten. Er nahm sie heraus und reichte sie dem Soldaten. Der Soldat zögerte. „Willst Du mich bestechen, damit ich morgen mit Dir hänge?" „Rein, nur Dich um eine Gefälligkeit bitten, die gegen Deine Vorschrift gewiß nicht verstößt." „Was soll es sein? Man pflegte letzte Wünsche eines Menschen.-in Deiner Lage nicht abzuschlagen". Damit steckte er auch das ihm dargebotene Geldstück än sich. „Dann bitte ich um einen Fetzen Papier und einen Federkiel mit Tinte, und daß Du mit Deiner Laterne da bleibst, damit ich ein paar Worte niederschreiben kann." „Schreiben?" Der Soldat überlegte. „Schreiben ist hier verboten. Das kann mich den. Kopf kosten. An wen willst Du schreiben? An die Schweden oder sonst jemand, der uns auf der Spur ist?" „Nein, nur zwei Abschiedszeilen an meine Frau daheim." Frau! Daheim! Das schien in der Brust des Soldaten eine verwandte Saite anzuschlagen. Auch er hatte Weib und Kind daheim, die er, wenn die Sache »schief ausging, nie mehr sehen würde. Er wurde etwas weicher. „Ist. es - weiter nichts als Abschiedsworte an Dein Weib?" , * „Ich werde sie in /Deiner Gegenwart schreiben und Dir Wort für Wort vorlesen." „Und wenn Du mir unwahre Worte vorlesest? Ich kann nicht lesen." „Ich schwöre bei Gott, daß alles wahr ist, was ich vorlese." „Und wer soll den Brief weiter geben?" „Du, aber erst, wenn alles vorbei ist. Dafür das Geld als Botenlohn." Der Soldat überlegte. Nichts sprach dagegen, Botenlohn für geleistete Dienste zu empfangen. Es war auch eine letzte Liebestat, die man einem Verurteilten nicht versagen dürste. Er war somit für die Annahme des Geldes vollauf gerechtfertigt. Der Soldat ging, und kam bald wieder mit Papier und Feder. Er gab sogar seinen breiten Rücken her, damit Arje Löb, das Papier darauf gespannt, schreiben konnte. Die Laterne stellte er auf die Pritsche, daß sie ihm in die Hand leuchtete. „Vorlesen!" bat und befahl er, als die Niederschrift nach einigen Minuten beendet war. Arje Löb hielt ihm die Zeilen in jüdischdeutschen Lettern vor die Augen und las Wort für Wort vor: „Ich schreibe, geliebte Elsbe, in den letzten Stunden meines Lebens. Gott hat es so gewollt, nachdem ich mein Werk vollführt habe. Ich bin vollkommen ruhig, sei es auch Du und bitte Deinen Vater und den Rabbi, daß sie beim Lernen und Beten meiner Seele, die des weiteren Heiles bedarf, gedenken. Wenn Du den Brief in die Hände bekommst, ist es seit Monaten vollbracht, und Du bist frei von allen .Fesseln der Ehe.' Hast Du Tränen genug um mich geweint, so gib Dich nicht ganz der Trauer hin und laß Deine Jugend wieder zu.ihrem Rechte kommen. Gott zum Gruß. Gsechrieben in der Nacht vom sechsten Schwat des Jahres 5470, in Gegenwart des polnischen Soldaten Barka Romunek, der den Brief in Empfang nimmt und erst nach Vollstreckung des Urteils ihn nach Posen befördert, damit er von dort aus nach Frankfurt gelangt." „Ist das alles genau so, wie es da steht?" fragte der Soldat. Seine Stimme klang fo merkwürdig. Dann drehte er sich um, so daß er das Laternenlicht im Rücken hatte und putzte mit einem Zipfel seiner Joppe so umständlich die Nase, daß das Gewand so von ungefähr auch an die Augen kam. Er wandte sich wieder um, stand stramm, nahm den zusammengefalteten Brief in den Aermelüberschlag seiner Joppe und ging wortlos von dannen. An der Türe wandte er sich noch einmal um. Ob 'er,, der Gefangene, das Licht dabehalten möchte, fragte er. „Nein," wehrte Arje Löb ab, „es kommt schon allmählich der Tag durch das obere Gitterfenster." Der Soldat ging. Arje Löb war allein. Eine fast glückhafte Ruhe kam über ihn, wie er sie nie im Leben empfunden hatte. So hätte er dem Tode ins Gesicht geschaut, wenn er ihm damals auf dem Wege zur heiligen Pflicht begegnet wäre. Er hatte alles getan, seinem Weibe geschrieben, sein Haus bestellt, und in seinem Herzen erklangen goldene Worte aus Gebeten und Psalmen, aus geheimen Welten, umflossen von Licht und Liebe. Märtyrerkraft ergoß sich aus allen Organen in sein Herz. Er war so ruhig, daß er'in aller Sachlichkeit über die Dinge nach seinem Tode Nachdenken konnte. Es würde für Elsbe gesorgt werden. Sie war nicht allein. Bei ihrer Jugend würde auch ihr Glück leicht wieder hergestellt sein. Ein Name kam ihm in den Sinn, er verdrängte ihn wieder, denn noch siebte er, atmete und dachte er, stand er da mit/Manen im Kopf und Empfindungen im Herzen, er, der Gatte. Die Talnmdausgabs 'würde^üuch ohne ihn in allen Einzelheiten' durchgeführt werden. Alle Pläne und Vorarbeiten lagen in. Frankfurt unter sicherem Schutz seines Schwiegervaters. Der volle Tag, der von oben durch die kleinen Scheiben in die Zelle drang, verfing sich in den trüben Wänden und erreichte nur in dünnen abgerissenen Fäden den Boden. >Sie hatten ihm bei der Einlieferung auch das Säckchen abgenommen mit Gebetmantel und Gebetriemen. Er hoffte, sie nachher als letzte Vergünstigung für das letzte Gebet zu erhalten. Um neune, es war noch nicht zu spät, dachte er. Aber jetzt schon begann er mit den. Vorgebeten, mit dem Liede vom „Herrn der Welt, der schon regiert hat, bevor noch ein Gebilde erschaffen war, der i st und sein wird in Herrlichkeit, der einzig und allein ist, ohne daß etwas mit ihm vergleichbar wäre, ohne Anfang und ohne Ende-" „Und Er ist mein Gott und mein lebendiger Erlöser, und der Fels meiner Zuversicht in der Stunde der Not. In seine Hand bewahreich nre i n e n G e i st, wenn ich mich niederlege und wiedererwache. Und mit meinem Geiste, meinen Körper. Gott mit mir, ich fürchte nichts! . . ." Wie dieses letzte Wort in den ersten Spruch des Morgensegens überging, wurde rasch die Türe ausgerissen. Zwei bewaffnete Männer holten Arje Löb zur Stätte des Gerichtes ab. „ In der Lichtung, wo auf dem großen Baumstämme mit dem Gezweige Pan Kosminski vor dem offenen Reiserfeuer Kriegsrat abhielt, waren die Insurgenten um ihren Hauptmann zum Appell versammelt. Als Arje Löb vorgeführt wurde, stand ein Reiter, eben vom Pferde abgestiegen, vor dem Hauptmann und erstattete Rapport: Auf der anderen Seite, iw der Abteilung des Hauptmanns Pan Uginski, berichtete der Soldat, hatten sie ihn gestern gefaßt und gleich kurzen Prozeß mit ihm gemacht. Ihn. Man wußte schon, wer gemeint sei. Aber der Bote beschrieb die Sache genauer. „Ein Jude, konnte kaum ein Wort polnisch, war also aus Deutschland. Und er war es. Man nahm ihm die Papiere ab, und es waren lauter Empfehlungen nach Wilna. Auch Quittungen der Schweden über empfangene Gelder waren dabei. Das war der Hund, der^mit den Schweden in Wilna gegen uns verhandelte. Auf die von Uginski an ihn gestellten Fragen, konnte oder wollte er keine Auskunft geben. Er verlegte sich dann aufs Leugnen, stotterte auf deutsch, die Papiere gehörten gar nicht ihm und ähnlich faules Zeug mehr, womit man keinen Polen hinters Licht führt. Nach zehn Minuten baumelte er mit heraushängender Zunge-" Arje Löb erblaßte trotz dem Feuerscheine, der ihm aufs Gesicht fiel. Er mußte sich an einen Baum festhalten, daß er nicht kopfüber auf den Boden stürzte. Wie eine wilde Lust wandelte ihn an, in den Häufen hineinuzschreien: „Sie haben dort einen Unschuldigen gemordet, ich bin es, zwar ebenfalls unschuldig, aber der, den Ihr sucht". Er mußte mit Gewalt dagegen ankämpfen, daß ihm die selbstverräterischen Worte nicht über die Lippen kamen. Auf ein Zeichen des Hauptmanns wurde Arje Löb sofort entfesselt. Er konnte die Hände frei bewegen. Ein schwerer Stein rollte ihm vom Herzen weg, ein anderer rollte cm und legte sich ihm wieder schwer auf die Seele. Pan Kosminski klopfte ihm wohlwollend auf die Schulter und sagte kurz: „Beweis bestens erbracht. Alles weitere Gerede überflüssig. Der Schuldige hängt und Du Er überlegte. , „Du wirst schon noch eine Zeitlang bei uns bleiben müssen," fuhr er fast kameradschaftlich wohlwollend fort, „weißt schon viel von uns und wir müsien uns vor Verrat schützen. Ist Wilna befreit — kannst für uns beten — dann bist auch