Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 14 (4.4.1928)
- Date
- 1928-04-04
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450495-2450508--74857-2532350- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Isaiah 2× ep/1005097
- Cicero 1× ep/1024888
OCR text
L er I s«r a e l i t Nr. 14 Seite 18 4. April 1928 _, Welt hinaus. Tiroler als Teppich- und Schuh- Händler, solange, bis der Fremdenverkehr Gold aus den Felsen schlagen ließ, Slovaken aus Gegenden mit Sandboden durchwanderten weite Länderstrecken als Hausierer mit Leinwänden; den Gemüsehändel in Wien haben sie fast vollständig mondpolisiert. Aus dem Trencziner Gebirge wanderten die Bauern als Drahtbinder in die weite Welt, aus dem Erzgebirge als Spitzenhändler. Dieser Nachweis könnte ins Unendliche festgesetzt werden, es gilt aber nur festzustellen, daß die späte Abwanderung der Juden aus Palästina nicht der Unstetigkeit, nicht der Lust am Handel entspricht, sondern der Tatsache, daß der Boden die aufkeimende Bevölkerung nicht zu ernähren vermochte. Dazu kommt, daß trotz der biblischen Gesetze die Reichen nach und nach Boden aufkauften und Latifundien gründeten, was Jesaja beklagt. Wir wissen aus Beispielen der modernen Länder, wie z. B. Italien, daß der Latifundienbesitz die Bauernmasse zur Auswanderung zwingt. Wir sehen, daß dieselben ökonomischen Grundgesetze zu allen Zeiten gleich wirksam sind, und doch finden wir einen Unterschied. Der Prophet, Wortführer der Nation, das verkörperte Gewissen des jüdischen Volkes, will die Auswanderung hindern, indem er die Gründung von Latifundien verdammt (Jesaja), Micha ruft zur Sammlung in Juda, während in unserer Zeit alles geschieht, um die Auswanderung zu entwickeln, einerseits damit in der Heimat durch. Anhäufung Arbeitsloser keine Mißstände entstehen und andererseits, weil die Emigranten aus dem Auslande reichlich Geld in die Heimat senden und die Zahlungsbilanz verbessern. Auch die Juden steuern viel Geld, Gold und Silber nach Jerusalem, so viel, daß in Rom Maßregeln gegen diese Abwanderung von Barmitteln empfohlen wurden. (Siehe Cicero, pro Flaco.) In Rom besaßen die Juden sieben Synagogen, eigene Katakomben, und ihre Zahl scheint nicht gering gewesen zu sein, denn es heißt, daß die Gesandtschaft des Herodes an Augustus von achttausend römischen Juden begleitet war, um Einfluß auf die Volksversammlung zu üben. Aus römischen und griechischen Quellen kennen wir 52 Städte, in denen Juden lebten. Von diesen waren 39 große Handelszentren, wie Am tiochien, Damaskus, Alexandrien: dort erst erlernten sie den Handel. Die Auswanderer, wahrscheinlich wie bei uns, schiffbrüchige Existenzen oder jüngere Bauernsöhne, sie vermochten nur selten Grund und Boden zu kaufen, sie begannen mit dem Straßenhandel oder Trödel wie die heutigen Auswanderer in Amerika, und in dieser Tätigkeit werden die römischen Juden auch von Martial in seinen Satiren verspottet. In Aegypten, wohin sie von jeher emigriert sein müssen, war ihre Stellung eine bessere. Sie zählten nach dem Zeugnis von Zeitgenossen etwa eine Million Seelen. Alexandrien war zur Zeit Philos nicht nur ein Mittelpunkt der Gelehrsamkeit, auch im Welthandel und in der Industrie war diese Stadt von allergrößter Bedeutung. Ihre Bevölkerung war zu zwei Fünfteln jüdisch und deren Stellung im Handel eine hervorragende. Die Regierung hatte den Juden die Verwaltung der Nilschiffahrt übergehen, was sowohl für ihre kommerzielle Tüchtigkeit, als für ihre Zuverlässigkeit spricht. Nach der Zerstörung des Tempels stieg die Auswanderung^ obwohl nur ein Zehntel der palästinensischen Juden den furchtbaren Vernichtungskrieg der Römer überlebte. Wir hören von ihnen in der Zeit der Partherkriege, in denen sie mit ihren Volksnachbarn hartnäckig gegen Rom kämpften, wir erfahren aber auch, daß'sie dort vor dem Kriege Geld nach Kos in Sicherheit brachten. Dieses kriegerische Agrarvolk entwickelt sich von nun ab immer mehr zum Handelsvolk. Sicherlich haben ihre.Familienbeziehungen, der völkische Zusammenhang, auch vorher den Juden, die in Aegypten die Girooperation, in Hellas die Getreidespekulation, in Rom das Finanzgeschäft des Welthandels, in Alexandrien den Vermehr einer Welthafenstadt kennen lernten, manchmal Gelegenheit geboten, Geschäfte zu organisieren. Aber das war kolonialer Gelegenheitskommerz. Des Volkes Ideal galt der gottgeweihten Heimaterde. Losgerissen vom Ackerboden mußte nach und nach fast die gesamte Nation, insofern nicht einzelne ein Gewerbe verstanden, sich dem Handel in irgend einer Form widmen. Und doch wissen wir, daß die wenigen, in Palästina verbleibenden Juden und die jüdischen Bewohner Babylons ihre Lebensaufgabe darin erblicken, das jüdische Gebrauchstum zu retten, Gesetze und Sagen, Vorschriften und Parabeln, Gebote und Sprüche zu sammeln, d. h. die Verbindung mit dem Gotte Israels nicht zu verlieren. Die Mischna entsteht, der die Gemara folgt, der Riesenbau des Talmud wird fundiert, und Jahrhundertelang wird Stück um Stück das Material zu diesem einzigartigen Kulturdokument Zusammengetragen. Diese Tatsachen können gar nicht stark genug betont werden, denn sie-widersprechen der vielseitig mit großem Geschick und wertvollem Material gestützten Behauptung, daß die Juden ein Handelsvolk oder gar das Handelsvolk kat exochen sind. Wahr ist, daß sie am Welthandel, M der Entwicklung des Kapitalismus starken Anteil haben, aber es läßt sich absolut nicht Nachweisen, daß sie ihn begründet haben. Es zog sie dorthin, wo der Handel blühte, nachdem sie durch wirtschaftliche Katastrophen heimatlos gemacht wurden. Wie sehr sie an der einmal gewählten Wohnstelle, ich sage absichtlich nicht Heimat, festhielten, sehen wir aus ihrem Verbleiben im Osten Europas, wo sie unter geradezu unmenschlichen Bedingungen durch Jahrhunderte fortvegetierten. Sie trieben dort Handel aus Not und dieser, ihr Betrieb, verlor immer mehr an wirtschaftlicher Bedeutung für das Einzelindividuum. Hie und da gab es auch landwirtschaftliche Betätigung. Diese können wir zurückverfolgen bis in die ersten Zeiten der jüdischen Emigration und durch das ganze Mittelalter. Aber hauptsächlich wandten sich die ausgewanderten Juden dem Handel zu, aus denselben wirtschaftlichen Gründen, wie dies bei anderen eingewanderten Völkern der Fall ist. Ainöerecke. Das Sederkiffen. Von Gdily Levr, München. (Schluß.) „Wo ist euer Kind?" schrien sie und stürzten in das Schlafzimmer, wo sie alles wild durcheinander wühlten. Leichen, die chre Fassung trotz allem nicht verloren hatte, stand bleich wie eine Marmorfigur hochaufgerichtet am Sofa, bereit ihr Kind mit ihrem Leben zu verteidigen. Das Sederkiffen hakte sie, sobald sie die ersten Schritte auf der Stiege vernommen hatte, mit einer raschen, fast unwillkürlichen' Bewegung über David gezogen, der nun ganz unter ihm verborgen lag. „Euer Kind!" brüllten sie wieder, „es hilft euch nichts, wir werden es schon finden!" In demselben Augenblick gewahrte die Rädelsführerin das Kissen, Kreischend stürzte sie auf es zu und wollte eben die Mutter zur Seite stoßen. Da fuhr ein Windstoß durch die offene Tür und verlöschte die Kerzen bis auf eine einzige, deren Flamme in der bewegten Luft hin- und hertanzte. Ein unheimliches Düster legte sich auf den Raum. Die Fenster klirrten im Wind und seltsam bewegten sich, im flackernden Kerzenschein geisterhaft aufleuchtend, die geheimnisvollen Zeichen auf der Fläche des Kiffens;.und plötzlich, wie von einer Geisterhand berührt, blieb die Unsried auf der Stelle gebannt, mit wachsbleichem Gesicht nach dem Kissen starrend. Ein Schrei des Entsetzens entrang sich ihren Lippen, dann stürzten sie alle eilends zur Tür und verschwanden im Dunkel der Nacht- War es das gespenstische Leuchten des Kissens, das im Zwielicht mit seinen fremdartigen Rätselzeichen auf die sinnlos aufgeregten Menschen so lähmend gewirkt; waren es die Tränen und Gebete, die guten Wünsche und Segnungen, die mit jedem Faden dieses kostbaren Talismans verwoben waren; war es ein Peßachwunder? — Am andern Tage erzählte man, daß dort, wo das Kissen lag. plötzlich aus der Dämmerung eine geisterhafte Gestalt sich erhob, die drohend auf Unfried sich zuzubewegen schien; alle hätten es ganz deutlich gesehen und nun gewußt, wer der Täter war. Noch während der Nacht hatten sie dann auch das verbrecherische Weib ins Stadthaus geschleppt, wo sie eingestand, daß sie das Kind an herumziehende Zigeuner verkauft hatte. Am nächsten Tag suchte man die Gegend mit Soldaten ab und es dauerte wirklich nicht lange, hatte man das Kind gefunden. Man setzte sich eben zum zweiten Sederabend. Da klopfte es leise und bescheiden an die Tür und es trat eine junge bleiche Frau in die Stube. Es war die Kammerfrau. Kurz blickte sie umher, als ob sie etwas suchen wollte; dann schritt sie rasch aus das Sofa zu und, während sie auf die Knie sank, verbarg sie ihr Gesicht in dem Kissen, das zum Retter ihres Kindes geworden war, und bedeckte es mit Küssen und Tränen. Dann erhob sie sich, fiel schluchzend der Mutter um den Hals, bat sie um Verzeihung und entfernte sich mit den Worten: „Das werde ich euch nie vergessen." — Man hat seitdem niemals wieder von einer Anfeindung der Juden in dieser Gegend gehört. Das Haus aber, in dem das Kissen sich befand,' galt noch lange nachher als em Ort des Wunders. — In unsrer Familie aber ist von da ab das Sederkiffen in hohen Ehren gehalten worden. Wir alle können uns keinen Peßach denken ohne es. Es birgt aber auch wirklich wunderbare Kräfte in sich. Und man braucht es gar nicht erst mit der Hand zu berühren. Es genügt schon, recht aus vollem Herzen an seine goldenen Buchstaben zu denken, mit denen es uns so gütig und freundlich anblickt: Lei schimurim hu laschem. Hine 16 junum, velö ji’schön schomer jisroel. — — AmmEBElRIOmjNGSKÖRPB N*7xso mb & Arm*n 'UCHTuKRAFT-ANLAGEN StNKJNfc Nirgends bessere Herde Nirgends gröDere Auswahl Nirgends billigere Preise als bei E.HA6ESC0. Nm Eschenheimertor 3 (Stadtgarten) Verantwortlich für den allgemeinen Teil und dar Feuilleton S. Schachnowttz, Frankfurt «.SW.; Inserate i.B.: S. Schach» nowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann in Sprendlingen (ßtv. Offenbach). — Verlag »Israelit". G.m.b.H.. Fraukfurt a. M. — Druck Sermon Verlag»' Attiengefellschaft, Frankfurt a. M.