Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1928-04-04 · Heft 14 (4.4.1928) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 14 (4.4.1928)
Date
1928-04-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2450495-2450508--74847-2532340
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der Israelit Nr. 14 Seite 5 4. April 1928 Gedankenbau in all, seinen Teilen überblicken läßt, , . Rabbi Meir Don Plotzki war auf dem Wege vielleicht zur höchsten Autorität m Ost und West, als die tückische Krankheit ihn überfiel, und sie Hatte es nicht leicht, dieses große Licht zum Verlöschen zu bringen. Nun aber nrr a^rrirr 1NL2 v'pirrvn haben die himmlischen die Irdischen überwunden und die heilige Lade entführt." Wir haben in einer thoraarmen Zeit einen Großen am Steuer verloren. n"axin* Der Jude als Objekt neuerer , Literatur. ~ Von Dir. Dr. Ellas in Fürth. - I. ' - ' Wir sind ein Volk des Buches. Daraus erklärt sich vielleicht, daß sich die neuere Literatur soviel mit uns befaßt. Die Ursache kan nicht in der Bedeutung liegen, die uns in der Gesellschaft, in Wissenschaft und Kunst zuerkannt wird. - Das glauben nicht einmal die Antisemiten, wenn sie auch von der Verjudung sprechen. Und wir, die wir schon so viel Heiligtümer den Notwendigkeiten der Kultur zum Opfer bringen mußten, sind zu skeptisch, um zu glauben, daß die Verwertung jüdischer Motive und die Behandlung jüdischer Probleme einer grundsätzlich neuen Einstellung der Öffentlichkeit zum Juden-, tum entspricht. Ein Hauptgrund ist sicherlich darin zu suchen, daß wir ein großes Kontingent der Bücherleser stellen. So verbinden die Autoren das Angenehme mit dem Nützlichen, indem sie ihre Leser abkonterfeien. Grund genug für uns, in den Spiegel zu sehen, den sie uns Vorhalten und den Spiegel etwas niedriger zu hängen. Jeder öffentliche Vortrag ist weniger öffentlich als das Buch. Nichts wirkt so unberechenbar, wie das Buch, Freunde und Feinde kann es umstimmen, die Juden selbst einseitig und mit der Glaubwürdigkeit, die jedes gedruckte Wort seinem Wesen nach genießt, über Juden und Judentum informieren, und die werdende, suchende und tastende Generation, der für ihr Wollen und Denken das erlösende Wort noch fehlt, tiefgehend beeinflussen. Man braucht nur Wassermann in seinem Buch über sich selbst zu hören, man braucht unr die Riesenziffern zu lesen, die über den Absatz des Feuchtwangerschen Jud Süß in Umlauf sind, dann muß man nachdenklich werden und verflucht fast unsere schon bei den Kindern so stark hervortretende Fähigkeit und Neigung, mit den Gestalten der Dichtung zu leben und eins zu werden. Juden und Nichtjuden beteiligen sich an unsrer Porträtierung, Männer und Frauen, unterletzteren freilich verschwindend wenig Jüdinnen, wenn wir nur solche berücksichtigen, die auch in der nichtjüdischen Welt einen Namen haben. Das kommt wohl daher, daß die jüdischen Frauen, so sie sich eine Stellung im anderen Lager gesichert haben/ kein Interesse mehr am Judentum haben. Nichtjüdische Schriftstellerinnen gehen oft aus religiösem Interesse an die Auseinandersetzung mit, uns heran, während Jüdinnen aus religiöser Indifferenz die Beschäftigung mit Jüdischem tunlichst vermeiden. Sehr zu Unrecht. Denn wir sind ein dankbares Volk, nachsichtig, tolerant und objektiv. Hat ein Schriftsteller und gar ein Dichter, der in der Weltliteratur, einen Namen hat, sich die Mühe genommen, sich mit uns zu befassen, hat er gar jüdische Studien dazu gemacht, so verzeihen wir ihm, sofern der literarische und künstlerische Wert des Buches nur anerkannt wird, die' Verzeichnung des Juden. Joseph Baß hat vor etwa elf Jahren eine ganze Reihe von Büchern moderner Schriftsteller daraufhin untersucht und mit ganz wenigen Ausnahmen gefunden, daß sie ein Schandmal für uns . sind,i diejenigen jüdischer Schriftsteller fast noch mehr als die der .nichtjüdischem Unvoreingenommenheit und Vertrautheit mit dem Judentum, hat er bei den wenigsten feststellen können, dafür aber eine merkwürdige Kritiklosigkeit in der Behauptung jüdischer Merkmale, bei den Juden noch mehr als bei den Nichtjuden. ' Neuerdings pflegt der „Jeschurun" die systematische Besprechung neuerer. Literatur auf dieses Moment hin zu fördern. Was Armin Blau und I. Wohlgemuth dabei "beobachtet haben, deckt sich zum Teil mit den Ergebnissen von Baß. Ein wichtiger Unterschied freilich besteht zwischen der dem ersten Jahrzehnt angehörenden Literatur, die Baß besprochen hat, und der in neuerer Zeit erschienenen und im Jeschurun besprochenen. Während die Früheren über allgemein jüdische Züge nicht hinauskommen und vom Talmud und von jeder selbständigen Wertung des überlieferungstreuen Lebens nichts wissen wollen, ist die neuere Literatur nur so voll davon. Angesichts solcher Stellen erfüllt den überlieferungstreuen Leser, dem die Quellen bekannt sind, aus denen da geschöpft wird, ein zweifaches Gefühl. Die Orthodoxie, das Talmudjudentum wird da gewissermaßen salonfähig gemacht. Die mündliche Lehre ist im Begriff, gleich der Bibel in die Weltliteratur einzutreten. Diese. überraschende Wendung, die in Vubers chassidischen Legenden ihren charakteristischsten Ausdruck gefunden hat, weckt freilich auch wieder ein Gefühl der Sorge. Wir haben zu viel in der Welt gelebt, um nicht höchste Vorsicht gelernt zu haben bei der Hütung unserer Heiligtümer. Der Ausspruch des Talmuds, daß die Tauro wie eine Braut von unberufenen Blicken zu bewahren sei, hat sich im Laufe unseres Golus nur zu sehr bewährt. Die Sorge gerade des deutschen Juden, ja nicht durch Schaustellung jüdischer Sitte und Lehre aufzufallen, ist bis zur Entpersönlichung übertrieben worden, aber in ihrem Kerne sicher ein gutes Erbteil der Ahnen. Die Aufgabe dieser Scheu bedeutet bei manchen modernen Schriftstellern weniger eine Verbundenheit mit jüdischer Art, als vielmehr eine Befreiung von altjüdischen Gefühlswerten, denen gegenüber sie gerne ihre Objektivität zeigen möchten. Wie dem auch sei. Das Kunstwerk, wirkt unabhängig von der Person des Meisters in die Weite. Und manchmal ist das Werk stärker als der Mann, setzt sich der Ewigkeitswert des Gegenstandes über die persönliche Stellung des Autors hinweg und macht jüdische Geschichte lebendig, jüdisches Leben seelisch und entzündet neuen Willen zum Leben, wo alle Hoffnung verloren schien. II. Mit Ausnahme einiger weniger Partieen erscheint die jüdische Geschichte dem oberflächlichen Besucher viel ärmer an Handlung und Spannung als die nichtjüdische. Der Schüler, der in der nichtjüdstchen Geschichte die unterhaltendste und anregendste Beschäftigung sieht, fühlt sich in der jüdischen Geschichtsstunde 'gelangweilt, was nicht an dem Lehrer liegen muß; denn dieser selbst merkt, im tiefsten unbefriedigt, daß er bei der Weltgeschichte oft mühelos alle Quellen der Phantasie und des Lebens springen lassen und die jüdische Geschichte nicht auch nur annähernd so geben kann. Der Buchhändler hat eine ganze Menge jüdischer Geschichtsbücher auf Lager, er bekommt das neue so wenig los wie das alte, durch stets neue Herausgabe von neuen hofft er endlich einmal auf das richtige zu kommen, das der breifen Maste und der Schuljugend ein spontanes Interesse abnötigte. Wir sind eben zu leicht geneigt, die jüdische Geschichte als eine lange, lange Kette von Geschlechtern und Leiden und geistigen Kulturströmungen darzustellen (und was für ein Entsetzen packt den Schüler vor den Abschnitten über die Kulturgeschichte!); das Leben und die Menschen mit ihren Wünschen und Hoffnungen, die nie aussetzten, verlieren wir aus dem Auge und sehen das Dramatische nicht mehr, das gerade tn: unserer Geschichte mit ihren göttlichen Ha- Qualitäts- Zigarren Moritz Wolf Zeil 49 Telefon Römer 930 daher größte Auswahl, vorteilhafte Preise! BIEBERGASSE 13 an der HauDtwache zolaus und Horwochaus zu entscheidenden Lösungen drängte. Und mit diesem Blick für die Spannungen und das dramatische Leben ist uns auch das wahre geschichtliche Verständnis und der Sinn für die entscheidenden Momente abhanden gekommen, daß wir nicht mehr sehen, wo die eigentlichen Abschnitte und Wendepunkte sind, daß wir uns nicht mehr fühlend und denkend in die vergangenen Zeiten und Zustände und Menschen hineinversetzen und uns nicht mehr mit den damaligen Menschen eines fühlen oder in Gegensatz stellen können. Historische Erzählungen, die das im Leben fremd Gewordene, das in der Wissenschaft grau Gewordene unter den Händen des Juden und Dichters und Psychologen vor unseren Augen neu erstehen und in unserer Sprache zu uns reden lassen, können viel zur Erneuerung des historischen Sinnes tun, auch wenn nicht alles historisch und nicht alles ganz in unserem Sine ist. Noch weit mehr vermag aber das Drama die jüdische Geschichte anschaulich zu machen. Nicht in dem kindlichen Sine des Wortes, in dem wir unsere Kinder das Gelesene darstellen lassen, sondern in der Weise, daß die dramatischen Konflikte, der Kampf der Zeitalter und Geschlechter als Träger der Ideen und Weltanschauungen vor unseren Augen sich abspielen. ’ . t III. i Nach diesen allgemeinen Bemerkungen sei es uns gestattet, in folgendem einige Beispiele zu bringen. Zu den modernen Schriftstellern gehört Wasserman. Seine Bücher, in denen er über Juden und Judentum spricht, sind älteren Datums. Da er aber in seinem Buch „Mein Weg als Deutscher und als Jude" vorwurfsvoll andeutet, daß er wegen seiner „Juden von Zirndorf" angegriffen worden sei, und jüdische Zeitungen ihn auch hin und wieder'auffordern, ihnen seine „sachkundige" Meinung.über die oder jene jüdische Frage zu äußern, so erscheint es doch nötig, gegen die Legitimierung Wassermanns als Jude auf Grund seiner Bücher Protest einzulegen. In dem Buch von Krojanker über die Juden in der deutschen Literatur hat Erwin Pöschel zwar über die Fäden schreiben wollen, die von Wassermanns Schaffen zu seinem Judentum gehen und umgekehrt. Aber hier ist der Wunsch der Vater des Gedankens. Mit Hilfe von Buberschen Begriffsbestimmungen über das Jüdische wird hier das Krumme zum Geraden. So schreibt er über die Jud>en von Zirndorf, das die Urzelle für das Wastermannsche Werk sei: „Dies Buch betont mit vollme Akkord die Tradition, und die tiefe Ehrfurcht des Juden vor den Blutsbanden, die Schicksal sind." Herr Erwin Poeschel könnte dasselbe mit genau demselben Recht über den Stürmer gesagt haben: „Er betone die jüdische Tradition und die Ehrfurcht vor den jüdischen Blutsbanden." (Fortsetzung folgt.) Wochenkalender. v. bis 7. - 14. April 1838. / v. 17. - 24. Nissan 8888. Samstag 7 sv'i 17 \ ö"nin na» naipn '»n t» Sonntag 8 18 > nyian hn Montag 9 19 Dienstag L 10 20 ] Mittwoch tzr 11 21 noo bv 't Donnerstag 12 22 nos bv jnns Freitag 13 23 an nos Samstag 14 24 iznnn pna» j?ns

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.