Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1928-04-04 · Heft 14 (4.4.1928) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 14 (4.4.1928)
Date
1928-04-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450495-2450508--74845-2532338
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

4 April 1928 D er I s rarl l r Nr. 14 Seite 3 Eine Autonomie zur allaufdringlichen Betonung des e igen e n n a t i o n a l e n Chara k t e r s im zionistisch-politischen Sinne könnte sich in gegebenen Fällen in den noch auf lange Zeit hmaus der stützenden Regierungshand bedürfenden Kolonien noch mehr rächen, als dies bereits in anderen Ostländern und Randstaaten der Fall war. Die Sabbat-Bewegung. .. Wir möchten unserer Genugtuung darüber Ausdruck verleihen, daß die von den verschiedensten Seiten, insbesondere aber aus der organisierter.' Orthodoxie heraus gegebenen und eine Reihe von Wochen hindurch in unserem Blatte stark diskutierten Anregungen zu einer energischen und wohldurchdachten Aktion für die gefährdete Sabbatheiligung nunmehr greifbare Formen a n z u n e h m e n b e g i n n t. Bereits in der vorigen Nummer haben wir die Bildung des neuen Sabbatverbandes in Berlin gemeldet, der die bestehenden gesetzestreuen Stellenvermittlungen zusämmenfaßt; wir hoffen, daß sich um diesen Organisationskern alle diejenigen Gruppen, Vereine, Verbände und Einzelpersonen scharen werden, die sich all dessen bewußt find,, was auf dem Spiel steht. Keinerlei Parteirücksichten oder besondere Liebhabereien für die eine oder andere Richtung der Arbeit dürfen dabei eine Rolle spielen. Es ist selbstverständlich, daß diejenigen, die praktisch den Sabbat beobachten und ihm nicht nur mit platonischer Liebe gegenüberstehen, sich der Verpflichtung nicht entziehen können, die ganze Bewegung mit allen nur denkbaren Opfern an Kraft und materiellen Mitteln zu tragen. Daß aber darüber hinaus in den weitesten Kreisen der deutschen Judenheit heute wachsendes Verständnis für die lebenrettende Bedeutung des Sabbats vorhanden ist, dafür legt ein Aufruf Zeugnis ab, der uns von der Frankfurter Ortsgruppe des Jüdischen Frauenbundes zur Veröffentlichung zugeht und den wir gerne im Wortlaut .wiedergeben. Der Aufruf lautet: „Die Zeit bedroht einen der wichtigsten Grundgedanken des jüdischen Lebens: Die Sabbat-Idee. Einerlei, wie sich ein Individuum in seinem Privatleben heute zu derselben stellen mag: Ob en sie als bindend betrachtet, ob er sie nur noch als Ausgangspunkt eines sozialen Rhythmus auffassen will, ob er sie historisch als überwunden ansehen mag, — nie kann ein Kulturmensch dariiber Weggehen,' daß das Judentum der Welt durch die Sabbat-Idee schöpferisch einen Aufschwung gebracht hat, der das Leben der Völker in irgend > einer Form heute noch durchringt. Wenn es auch nur noch ein relaw kleiner Kreis von Menschen und von Juden ist, die dem Sabbatgedanken treu und opferbereit anhängen und ihn ehrlich und lebendig leben, so scheint es dem Jüdischen Frauenbund doch gerade wichtig, dieser von religiösem Geiste durchdrungenen Minorität verständnisvoll und dankbar dadurch , zu begegnen, daß er alles tut, um die ursprünglichste Form des Sabbatgedankens zu erhalten. Der Jüdische Frauenbund möchte darum nachdrücklichst darauf Hinweisen, daß es eine das gesamte Judentum angehende Ausgabe ist, denjenigen Individuen, die persönlich in der Hast und in dem Materialismus unserer. Zeit sich die innere Energie erhalten haben, ein Gebot zu erfüllen, das durch die Jahrtausende dem jüdischen Leben edelste Gestaltung gegeben hat, in ihrer Treue dazu zu unterstützen. Es ist ein relativ kleines Opfer, aber sozial-jüdisch von höchster. Bedeutung, wenn wir Juden und Jüdinnen auffordern, je in ihrem Kreise der Ausktzchterhaltung des Sabbatgedankens als einer ethischen Idee vollbewüßt zur Erhaltung zu verhelfen und sie als Wurzel der modernen sozialen Gesetzgebung'in der Sonntagsruhe nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, sondern sie zu stärken, zu erhalten und ihr die Weihe zu lassen, die ihr als Gebot zukommt. Wir möchten dem Wunsch und der Erwartung Ausdruck geben, daß Firmen und Unternehmer jeglicher Kategorie, Büros, Warenhäuser, Fabrikenj gewerbliche Betriebe (größere und kleinere) den moralischen Mut finden, wenn auch in kleiner Anzahl, so doch Lehrlinge, Arbeiter, Angestellte und Beamte in ihren Betrieben zu beschäftigen, die den Sabbat h a l te n , s i e um ihres Mutes und ihrer UÜberzeugung willen, der Majorität gegenüber zu schützen und damit ein e in der heutigen Zeit zu verlangende., aber auch a n z ü e r k e n n e n d e Tat jüdischen Gemeinsinns, über das Maß konventioneller. Versicherungen hinaus, praktisch zu bekunden. Die Ortsgruppe Frankfurt a. M. des. Jüdischen Frauenbundes bittet um Meldung solcher Stellen an ihre Geschäftsstelle Langestr. 30, 2., die sie dann bereit ist, an Arbeitsnachweise usw. wMerzugeben. Der Jüdische Frauenbund hofft, diesen Appell nicht vergebens in die Welt hinauszusenden und glaubt seinerseits, auch damit in derselben Richtung seine Schuldigkeit zu tun." Die Gesinnung, aus der diese warmen Worte fließen, verdient aufrichtige Anerkennung. Allerdings möchten wir. dabei nicht unterlassen, zu betonen, daß nur solche sabbattreuen jungen Leute und insbesondere junge Lehrlinge ohne Gefahr in einem dem Sabbat fremden Milieu untergebracht werden sollten, die die genügende innere Festigkeit besitzen, um den mancherlei Einflüssen von andersdenkenden Kollegen zu widerstehen und auch gegebenenfalls die Versuchungen zu überwinden, die im Laufe ihrer Geschäftstätigkeit unter Umständen, wenn es sich um wirtschaftlichen Aufstieg handelt, ihnen entgegentreten können. Immerhin ist die Not heute so groß, daß alles geschehen muß, um den sabbattreuem Angestellten und Arbeitern vor allen Dingen einmal die nackte wirtschaftliche Existenzmöglichkeit zu schaffen. Zum Seder. Von Rabbiner- PH. Fischer in Sarospaiak, Ungarn. . 227 nrn wann „Dieser Neumond sei Euch!" erbiu: ans nrn viril' „In diesem Monate werdet Ihr erlöst werden!" Und so geschah es auch. In dem Frühlmgsmonate Nissan fielen endlich die Sklavenfesseln, von Israels Händen und Israel zog mit Gottes gnadenreiche Wallung lobpreisenden Hymnen in die Freiheit hinaus. Nach talmudischem Berichte hätte einst - ein Meister die Worte 02b nm wann merkwürdigerweise irrtümlich wie folgt gelesen: aa°? n\a vnna „Verstockt war ihr Herz!" — Nun möge uns die Erklärung dieses rätselhaften Irrtums, wonach ein talmudischer Weise sich schlimmer als ein Schulknabe geirrt hätte, zum willkommenen Rahmen für die Auseinandersetzung dessen dienen, worin eigentlich die große welthistorische Bedeutung des Auszuges aus Mizraim, und der denselben begleitenden mxasn aw2 Wunder besteht. Für das klare Erfassen ist es aber vor allem nötig, daß wir die welthistorische Bedeutung und Sendung des Judentums uns vergegenwärtigen. aa°? mn wann „Dieser Neumond gehört Euch!" Zweierlei Lichtgrößen gibt es. Das strahlende, blendende Tageslicht der Sonne und das milde silberne Licht des Mondes. Nach zweierlei Größen vermag ein Volk oder ein Einzelner zu streben. Nach dem strahlenden Sonnenlichte irdischer Größe, materieller Machtfülle, die aber jmit dem Hinschwinden des Tagesglanzes irdischer! Machthoheit, da die Abendschatlen aus dem Grabe emporsteigen, allen Wert verliert oder laber nach dem milden Mondeslichte geistig-sittlicher Größe, die auch das Hinschwinden des j Tagesglanzes überdauert und ihren Wert in aller Ewigkeit behauptet, i Deine Aufgabe Israel besteht im Streben und Ringen nach dem milden M^ndeslicht ewiger, unverwelklicher geistig-sittlicher Größe: wann jaab ,at,a „Dieser Neumond gehört Euch!" — -Mögen wohl andere Nationen nach dem blendenden Sonnenstrahle irdisch-materieller Machthoheit und Größe streben und ringen, du Israel strebe und ringe nach der Fülle sittlich-geistiger Güter!. wv ib pia ,a"ix s'xi ib pi» arm aa*7 m.a wann japn xi.aw apsn n^m x'nw nanb ,ana bia^.a xmw •map '’.aw rnabb mia Mag auch Esau seinen Lebenslauf nach dem Sonnenjahre einrichten, Jakob richtet sich nach dem Mondjahre. Mögen auch die anderen Nationen in der durch blutige Lorbeeren errungenen irdischen Machthoheit ihren Daseinszweck er- Zeit, der wie aus alten Zeiten zu uns hinüberjagt, berichten. Rabbi Rostn ist 1858 im Städtchen Rogotschow geboren, daher der Name „der RogotschowerV Sein Vater war ein gelehrter Kaufmann, sein Lehrer von frühester Kindheit aus Rabbi Josef BaerBrisker, der das Kind als Jlui erkannte, es gleich unter seinen Schutz nahm und es mit feinem eigenen Sohne, dem späteren Rabbi Chaim Brisker unterrichtet und erzogen. Mit 20 Jahren heiratete er die Tochter eines reichen Mannes in Warschau, der ihn aller materiellen Sorgen enthob. Nach acht Jahren hatte er bereits den Ruf eines Gaons und wurde so. mit 28 Jahren, als Rabbiner der chassidischen Grmeinde nach Dünaburg berufen, neben Rabbi Meier Simcho, der als Rabbiner der anderen Gemeinde in gleicher Stadt wirkte. Die beiden Größen, obwohl grundverschieden in Art und Wesen voneinander, kamen recht gut aus. Dünaburg hatte das große Glück, die zwei größten Meister im Reiche des Geistes, von dem der Eine noch wirkt, ihre Führer zu nennen. Der „Rogotfchomer". obwohl chassidisch eingestellt, hat nur ein Ziel: Lernen, und nichts wie Lernen! Jede Minute des Tages gehört der Thora. Er setzt sich an Wochentagen nie an den Tisch zum Essen, nimmt etwas zu'sich, was ihm die „Redbezin" reicht, bei der offenen Gemoro, um sich für das weitere Lernen zu stärken. Der „Rogotschower" gilt als der größte Kenner des I er u s ch a l m i, den es seit Generationen gegeben hat. Im Gegensatz zu Rabbi Meier Simcho. der durch seine große Leutseligkeit bekannt war, gilt der ..Rogotschower" als verschlossen, abweisend und unzugänglich. Er kommt leicht in Erregung, wenn man es wagt, ihn unnütz im Lernen zu stören. Nur in schwerwiegenden Angelegenheiten läßt er sich herab, sein entscheidendes Wort zu sprechen. Dann schlichtet er die Sache und behebt die Schwierigkeit mit einem Jeruschalmi, auch wenn es sich um politische und gesellschaftliche Dinge handelt. So geschah es auch vor zwei Jahren, als bei den Parlamentswahlen zwei Wahlkreise sich um den Deputierten Mordechai Du bin stritten. Beide hatten ihn gewählt, und da man nach lettischem Gesetz nur ein Mandat annehmen kann, bestand jeder der beiden Kreise darauf, daß er sein Mandat behalte und das andere niederlege. Der „Rogotschower" lernte aus dem Jeruschalmi heraus, wie es in diesem Falle rechtens sei, und alle Welt, auch die lettische Presse, staunte über^ die Logik und Richtigkeit der Entscheidung. Spaßvögel heißen den ^Rogotschower" — im Anklang an den „Wilner Gaon" — der „wilder Gaon". Aber es gibt keinen in der östlichen Welt, der seine Autorität nicht anerkennen, sich vor seiner Entscheidung auch in weltlichen und politischen Angelegenheit nicht beugen würde. Der „Rogotschower" will um keinen Preis Wunderrabbi sein. Er kommt in größte Erregung, wenn man es nur leise wagt, ihm Wundertaten zuzuschreiben. Er konnte es trotzdem nicht vermeiden, daß schon zu Lebzeiten ein ganzer Legendenkranz um sein Haupt gewunden wurde. So erzählt man sich, daß ein Kaufmann, der fremdes, bei ihm deponiertes Geld veruntreut hatte und einer Vorladung des Rogotfchower nicht Folge leistete, von diesem mit dem Fluch belegt wurde und seit dem verschwunden und verschollen sei, daß kein Mensch von seinem Schicksal etwas weiß. In der Kriegszeit mußte der Gaon in die Verbannung gehen und neun Jahre iin „roten Rußland" verleben. Sei drei Jahren lebt und lehrt er wieder in Dünaburg. Die neun Jahre Bolsche wismus sind vollkommen spurlos an ihm vorüber* gegangen. Er hatte von der „roten Flut" einfach gar keine Notiz genommen. Er ist zur Zeit beschäftigt mit der Zusammenstellung und Herausgabe seiner Werke, die die rabbinische Literatur mit unermeßlichen Schätzen bereichern werden. Geschichten vom Baal Hafloo. Rabbi Pinchas, der Oberrabbiner von Frankfurt, genannt Baal Hafloo, saß in später Nachtstunde über seine Folianten gebeugt, als es draußen heftig klopfte. ..Habt Erbarmen mit einem Juden und lasset ihn ins Haus", flehte draußen eine Stimme. Rabdi Pinchas öffnete sofort, und herein kam ein Mann, ganz in Schnee gehüllt, halb erfroren. Der Rabbi hals ihm aus dem Mantel, wies ihm einen Platz an dem warmen Ofen an und ließ ihm Tee und Erfrischungen reichen. Der Mann erholte sich sichtlich. „Ich bitte vielmals um Verzeihung",, entschuldigte sich der Fremde, „ich bin Kaufmann und wollte zur Messe, haben uns aus der Fahrt im Walde verirrt und sind schier erfrören. Auf Umwegen kam ich jetzt in die Stadt, und da nirgendwo im Judenviertel mehr Licht zu sehen war. als beim Rabbi, so klopfte ich hier an". Rabbi Pinchas tröstete ihn und wehrte jeden Dank ab. Ermutigt und erwärmt, fragte nun der fremde Kaufmann: „Es sage mir der Rabbi, wie wird es mit meinem Anteil an der zukünftigen Welt beschaffen sein? Hietz von dieser Welt, habe ich so gut wie nichts. Ich plage mich Tag und Nacht bei

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.