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Der Israelit · 1928-03-29 · Heft 13 (29.3.1928) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 13 (29.3.1928)
Date
1928-03-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 13 solchem Wahlausgänge mutet mehr als grotesk an. Möglicherweise hatte die Feier nur den Zweck, in gehobener Stimmung und Stunde die Absage an die orthodoxen Deputierten aud) über die Wahle n h in - aus zu verkünden, dem Akte der inneren Zerreißung des der jüdischen Bevölkerung noch übrig gebliebenen kleinen Restes eine gewisse feierliche Form zu verleihen. Das würde dem Gefühl der zionistischen Regisseure der Minderheitspolitik für Stil und Form alle Ehre machen. Dann aber sollten sie nicht jahrein, jahraus die Gesetzestteuen als die Störenfriede und die Sprenger der Einheitsfront nach außen verleumden. Auch die polnische Judenheit hat ihre „Dolchstoßlegende", die nunmehr ihre Väter selbst aufs Gründlichste zerstört haben. .'airr »-dp Die Situation. ...... . . Von Sali) Geis in Tel-Awiw. Erst der Weltkrieg hat dem letzten Ghetto ein Ende bereitet. Dieses letzte Ghetto war auch das größte, das es je gab. Es pferchte fünf Millionen Juden in eine Fülle armseliger, verwahrloster Städtchen und in eine Anzahl nicht minder ttüber Städte. In dem großen russischen Reiche hatte die Regierungsweisheit eine der gewaltigen Ausdehnung des Landes entprechende Form des Ghetto, nämlich statt der Judengasse das Ansiedlungsrayon, geschaffen. Rur die Form hatte eine Aenderung erfahren, die Tendenz der Politik war die gleiche geblieben. Diese Politik kannte nur das eine Ziel, den Juden gerade so viel Lebensmöglichkeit zu geben, daß es sich von Zeit zu Zeit lohnte, sie zu brandschatzen. Die Infamie der Einkerkerung in den Ansiedlungsrayon hatte aber eine ideell-jüdische und eine wirtschaftliche Wirkung, aus der aufbauende jüdische Geschichte erwuchs. Die geschloffenen Grenzen des Anstedlungsrayons verursachten Erhaltung des jüdischen Lebens und schützten vor den Gefahren der Assimilation. Es war ein Glück, daß auf Alexander H. mit seinen liberalisierenden Allüren der unter dem Einfluß des Generalgouverneurs des Heiligen Synods Pobjedonofzew regierende finstere Alexander Ul. folgte. Er hat die schon gelockerten Ghettomauern wieder verbarrikadiert und hat durch die wirtschaftliche Einschnürung in den achtziger und neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts VA Millionen Juden zur Auswanderung nach den Vereinigten Staaten von Amerika gezwungen. So wurde denn, als der Weltkrieg mit der russischen Judenheit das Zentrum des jüdischen Volkes zerstörte und die deutsche Judenheit als die organisatorische Führerschaft ausschaltete, die amerikanische Judenheit befähigt, Zentrum und organisatorische Führerschaft zu werden. Das Brudergefühl für die Leiden der Juden Osteuropas in dem furchtbaren Krieg brachte die Juden Amerikas in ihre neue Stellung innerhalb der jüdischen Gesamtheit. Es verdient, festgehalten zu werden, daß eine führende Persönlichkeit der orthodoxen deutschen Judenheit die zukünftige Aufgabe der amerikanischen Juden vorausgesehen hat. Kommerzienrat Louis Feist gesegneten Andenkens, der Mitschöpfer der Agudas Jisroel, hatte diesen weiten Blick. Sein Tod im März 1913 machte jedoch seinem Plane, sein Leben der Mobilisierung der amerikanischen Judenheit für die Agudas Jisroel als die Organisation aller die Verbindlichkeit der Der Israeli t Thora anerkennenden Juden der Welt zu widmen, vor der Ausführung ein Ende. Die Judenheit Europas erkennt heute die soziale Führerschaft der reichen amerikanischest Judenheit an, denn sie selber ist zu schwach für die gewaltigen sozialen Aufgaben im Chaos Osteuropas. "Doch das ideell-jüdische Problem ist noch wichtiger als das soziale. Auf ideell-jüdischem Gebiete kann jeder Jude auf dem Erdenrund von Bedeutung sein. Hier gilt es, der Veränderungen sich klar bewußt zu werden und seine Schlüffe zu ziehen, — und das ist bisher nicht geschehen. Die auffallendste und schwerwiegendste Veränderung betrifft die den Juden gemeinsame Sprache, die Vorbedingung für die geistige Verständigung untereinander. Diese Sprache war bisher in Form des sogenannten Jargon die deutsche Sprache.. Nur die an Zahl geringen orientalischen Juden hatten statt des Deutschen das Spanische, da der einstmalige Weg ihrer Vorfahren von Palästina über Spanien ging. Aber aller anderen Juden Weg ist einmal über Deutschland gegangen, und sie haben, wohin sie auch kamen, die deutsche Sprache auf Kinder und Kindeskinder vererbt. Hebräisch war für die Masse die Sprache des Gebets und der religiösen Unterweisung, Deutsch aber die Umgangssprache. Seitdem vor einem Jahrzehnt-der Friedenskongreß zu Versailles das Weltbild radikal änderte und von den besiegten Reichen die kleinen Nationen abriß und selbständig machte, ist eine Entwicklung geschaffen worden, durch die allmählich die Juden des ehemaligen Rußlands und des ehemaligen Oesterreich-Ungarn, die bereits die Hälfte der Gesamtjudenheit ausmachen, statt des Deutschen die Sprachen der neuen Staaten sprechen werden. Dann werden z. B. der Jude Litauens, der Jude Polens und der Jude Rußlands sich nicht mehr verstehen. Auch die Juden Amerikas vererben den Gebrauch der deutschen Sprache nicht mehr ihren Kindern. Wohl gibt es noch in Osteuropa und in Amerika eine große Jargonpreffe, sie wird aber in wenigen Jahrzehnten dahinschwinden. Bei den Juden der außereuropäischen Länder tritt überall'die englische Sprache die Erbschaft der deutschen atu In Europa werden die Juden bald mindestens in zwanzig verschiedene Sprachgebiete zerstückelt und so gleichfalls der Assimilation preisgegeben sein. Der hebräische Unterricht muß von Grund auf umgestaltet werden. Es genügt nicht, daß er dazu bestimmt ist, die Kenntnis des religiösen Schrifttums zu vermitteln; das Kind muß lernen, in.hebräischer Sprache seine Gedanken auszudrücken und auch befähigt werden, sie niederzuchreiben. Vor allen Dingen ist es erst einmal nötig, )en jüdischen Üehrerstand zur Beherrschung des Hebräischen in Wort und Schrift zu führen. Das i!ann nur, durch großzügige Organisierung von Ferienkursen für Lehrer geschehen. Geeignete Dozenten wären gerade jetzt aus den Reihen der infolge der Krise in Palästina gekündigten Lehrer zur Verfügung. Es wären nur die Kosten für den Dozenten aufzubringen, denn die Lehrer von auswärts ließen sich als Gäste bei orthodoxen jüdischen Bürgerfamilien unterbringen. Es bedarf eines Anfanges in irgend einer Stadt mtt einer großen Zahl Juden, die den Mittelpunkt für Mische Kleinstädte und Dorfgemeinden darstellt, — und der Anfang wird den Stein ins Rollen bringen. Was nun die Kinder betrifft, so besuchen sie meist allgemeine Schulen. Aber auch die jüdi- _ 29. März 1928 scheu Volksschulen stehen, unter Aussicht des Staates und sind in ihren jüdischen Fächern eingeengt. Hier ist es' notwendig, daß das Jahr vor der schulpflichtigen Zeit, das heute meist in Kindergärten zugebracht wird,, die jüdischen Kinder zu einem umfassendex\. Unterricht - im Hebräischen führt. Sobald die offizielle Schulzeit beginnt, ist nie mehr Gelegenheit zu solch intensivem Unterricht->alses in-dieser Vorschulzeit sein würde. '' v ' > Was wäre mit einem Vorschulunterricht, der ausschließlich der hebräischen Sprache gilt, erreicht? Zunächst ließe sich im Schulplan das quantitative Ziel der jüdischen> Religionsfächer beträchtlich weiter stecken. Aber auch der qualitative Erfolg dieser Fächer würde ungemein gewinnen. Wenn die Klasse nicht mehr mit dem Verständnis jeden hebräischen Wortes ringen muß, dann läßt sich das Stoffpensum einer jeden Unterrichtsstunde sehr erweitern, wodurch das Interesse und das Verständnis gewinnen. In keinem Unterrichtsfache ist die Langeweile verhängnisvoller als in der Religion. Interesse für das Judentum ist aber ein Bollwerk gegen die Assimilation. Wer in der hebräischen Sprache bewandert ist, wird auch als Erwachsener zu der Literatur in dieser Sprache greifen. Heute ist die Herausgabe von Büchern in der hebräischen Sprache unrentabel. Gäbe es nicht einige Mäcene der hebräischen Literatur — so Frau Susann« Persitz, die in ihren Verlag „Omonuth" ca. 40 000 Pfund investiert hat —, dann wären die Zustände auf dem hebräischen Büchermärkte noch schlimmer. Eine Verbreitung der Kenntnis "der hebräischen Sprache würde ein Aufblühen der Literatur in dieser Sprache zur Folge haben und dadurch manche Begabung für das Judentum fruchtbar machen, die ihm unter den gegenwärtigen Verhältnissen verloren gehen würde. Eine weitere bedeutsame Wirkung des Hebräischen als den jüdischen Massen vertraute Verständigungssprache wäre die Erhaltung und die Stärkung des jüdischen Gemeinschaftsbewußtseins auch zwischen den Juden verschiedensprachiger Länder, während im anderen Falle die Verschiedenartigkeit der Sprachen eine fortschreitende Entfremdung der-Juden verschiedener Länder nach sich ziehen wird. Die Bedeutung des Hebräischen alslebende Sprache ist immer noch nicht erschöpft. Wenn, heute das jüdische Palästina klagt, daß die Juden der Diasporaländer ihm nur ungenügend zur Seite stehen, so wird diese Anklage dann unnötig geworden sei, — und das wird die hebräische Sprache bewirkt haben. (Der vorstehende Aufsatz wird vielleicht keine allgemeine Zustimmung finden, das darin angeschnittene Problem verdient jedoch jedenfalls ernste Erörterung. Red.) Wochenkalender. v. 31. März bis 7. April 1938. , v. 10. - 17. Nissan 5688. *o' Samstag I 31 sv'2 10 IS nav Sonntag 1 11 Montag 2 12 Dienstag £ 3 13 f»nn pxnia Mittwoch 4 14 p’pan ans nos a~iy Donnerstag 5 15 - nos V» 'K - Freitag 6 16 " "'s Samstag 7 171 ijnnn Vin na» nsipn '»n h’» »#*

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