Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1928)
- Date
- 1928-03-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Der Israelit Nr. 12 Seite 3 22. mm 1928 Wochenrundschau.! Wie die Sonntagsreform betet. Noch rechtzeitig zu Purim wurde uns das Geb etbuch der Iüd i fchen Reformg e m e i n d e i n B e r.l i n auf den Tisch gelegt. Es ist aber den Herren und den Damen (im gleichen Raume, in dem es sehr viel Plag geben soll) sehr ernst um ihre Gebeteordnung, und auch für uns ist die Sache zu ernst, um sie zum Gegenstände eines verspäteten Purimwitzes zu machen, so sehr die Aufmachung und die einzelnen Nummern dazu reizen. Wir wollen nicht einmal scherzen über den „ S o n n t a g s gölte s d i e n st ", der mit „Stiller Andacht" (was wird da gebetet?) beginnt Und neben deutschen Bruchstücken aus Kedufchah 'und Kadisch, „jahrzeitlichem Gedenken" und Predigt im Mittelpunkte u. a. folgendes „Gemeindelied" zu Ehren des Sabbat (nach welcher Melodie zu fingen?) anstrmmen läßt: „Als die Schöpfung war vollendet, Rings das All in Frieden lag. Da hast Du der Welt gesendet Deinen Sabbatsegenstag, Gnadenreicher Schöpfer Du, Spender heiliger Sabbatruh. Licht und Freud' und Sabbatfrieden Zieh' in alle Herzen ein. Allen Wesen sei beschieden Deines Sabbats Himmelsschein. Liebevoller Vater Du, Segne unsere Sabbatruh." " Das reimt sich auf alle Fälle, die Endsilben Wenigstens tun es. Wie reimt es sich aber, daß diese Apotheose auf den Sabbat von einer Ge-' meinde, die den Sabbat nicht kennt und ihm gar keinen Platz in ihrem Programme und Buche Der Erbauung anweist, am Sonntag gesungen wird? Es ist gewiß nicht die einzige Disharmonie. Das Ganze mutet so seltsam, so gewollt und gezwungen und kindisch naiv an, daß man sich wundert, wie Menschen von hoher Bildung und im Leben vermutlich klarem Denken auf die Idee kommen können, daß sich durch solche wie für das erste beste Vereinsfest willkürlich zusammengestellten Festordnurkgen; mit von keiner Tradition geheiligten menschlichen Worten und schlechten Versen, die nicht einmal der Harfe tiefen religiösen Empfindens entsprungen und erklungen .sind, sich Menschen, die Gott suchen, in Tempel locken lassen, um, gleich den Nachbarn m der Kirche — deren Liturgie immerhin eine Geschichte und Tradition hat — sich am hellen Sonntag von Orgel und Chor und „Prediger" und „Jahrzetter" einen Sabbatvormachen zu lassen. Würden die ersten Schöpfer der Sonntags^ reform, die Holdheims und die Jakobsons, auferstehen, sie würden in diesem Gebetbuche das „Jahrzeiter-Kadisch", das matte Sterbegebet für ihre unglückselige Schöpfung erkennen. Not lehrt beten! Die geistige Not des auf widerlicher Nachäffung fremder Kulte beruhenden unnatürlichen Gebilde in der Johannisstraße hat die „Sonntagsjäger vor. dem Herrn" in einer Art beten gelehrt, die unser Mitleid erweckt. Und die große Berliner Jüdische Gemeinde, die auch den Sonntags-Sabbat in der Johannisstraße schützt und mit ihren Subventionen indirekt finanziert, sollte einige Erbauung und Belehrung aus dieser neuen Gebetmaschine gewinnen. Das Gebetbuch zeigt auf der Rückseite einen Stadtplan mit Verbindungen nach der Johannisstraße. Er ist auch benutzbar für die Ab- ' f a h r t, für das Abrücken und die Trennung auf Nimmerwiedersehen . . . Freilich bliebe. noch des Unnatürlichen und Inkonsequenten innerhalb des großen Berliner Gemeindeverbands genug, auch wenn das neue Gebetbuch Vorstand und Repräsentant endgültig aus der Johännisstraße.hinausgebetet haben sollte. Boykott. Eine Massenversammlung, einberusen vom „Zentralverein", protestierte in Berlin gegen die Boykottierung jüdischer Ängeste H t e r in Handel und Industrie. Zurücksetzungen von Juden "waren auch rsonst bei deutschen Firmen keine Seltenheit, aber jetzt wirkt dieser Boykott um so schmerzlicher, als die Wirtschaftsentwickelung der letzten Jahre den Kreis der aus» selbständigen Berufen in abhängige Stellung gedrängten Juden ungemein vergrößert hat. Die großen, zumeist nichtjüdischen Konzerne schalten den Handel, der den kleinen jüdischen Firmen den Existenzboden gab, aus, stellen aber Juden selten an. Schuld an der Ausschließung jüdischer 'Arbeitskräfte sind, nach der Meinung eines Eingeweihten, die aus Offizierskreisen kommenden Personalchefs, die durchwegs antisemitisch eingestellt sind, weniger die Gesellschaftsleitungen selbst. Aus dem Munde des Leiters des jüdischen Arbeitsnachweises erfahren wir, daß dieser im Jahre 1927 in Berlin ca. 6000 Arbeitsstellen für Juden besorgt hat. Es ist soweit gekommen, daß der nichtjüdische Arbeitgeber für den jüdischen Arbeitnehmer so gut wie gar nicht mehr in Betracht komm t. Um wieviel mehr obliegt den jüdischen Arbeitgebern die Pflicht, jüdische Angestellte und Arbeiter bei gleichwertiger Leistung zu berücksichtigen. Für uns kommt hinzu, daß die Chancen für einen gesetzestreuen Juden wegen des Sabbatpunktes noch weit ungünstiger liegen. Die Fälle, in denen es Juden, dank besonders glücklichen Umständen, gelingt, bei Nichtjuden oder bei unfrommen Juden sabbatfreie Stellen zu erhalten, sind gezählt, und in jüdischen Geschäften mit Sabbatruhe findet der gesetztreue Angestellte leider auch nicht immer die ihm gebührende Berücksichtigung. Hier von einem Boykott zu reden, wäre übertrieben,. und zu einem Proteste liegt noch kein Grund vor, aber der Appell an die sabbathaltenden Arbeitgeber sollte nicht verhallen, den doppelt unter ihrem Judentum leidenden und ihrem Judentum Opfer bringenden gesetzestreuen Stellungsuchenden erhöhtes Augenmerk zuzuwenden, im ureigensten Interesse schon, in Würdigung der Tatsache nämlich, daß Treue zur Religion den Menschen Hu Treue und Zuverlässigkeit auch in all seinen äußeren Lebensbelcmgen erzieht. Wir nehmen die Protestversammlung in Berlin erneut zum Anlaß, unsere Ausführungen und Anregungen zu diesem aktuellsten aller Probleme in einer Reihe von Artikeln unseres Blattes, die im Sprechsaal laufend ihre Fortsetzung finden, der Beachtung aller Instanzen und in Betracht kommenden Faktoren wärmstens zu empfehlen. Es darf nicht all dieses Wort bleiben. Aus der Auseinandersetzung muß ein Werk sozialer Hilfe hervorgehen, das uns eine Summe unfruchtbarer sozialer Hilfskleinarbeit für die Zukunft ersparen kann. ♦ Die Stellung des orthodoxen Gemeindeverbandes in der amerikanischen Zudenheit. Don Rabbi Dr. Leo Jung in Wem-Mork. (Schluß.) Wir wollen keine insulare Orthodoxie, wir wollen uns nicht scheiden von dem jüdischen G e - s e tz und vom jüdischen Leben und dürfen nicht geschieden sein vom jüdischen Volk. Laßt dies unseren Ehrgeiz sein: aus der Union ein starkes, männliches. (Echt fowjekrufsijch.) Die Moskauer jiddisch« Tages- .zeitung „Cmes" berichtet über eine eigenartige Gerichtsverhandlung, die sich vor einem Gericht in der Krim abgespielt hat. Ein alter Jude, Jizchak Ginsburg, verklagte seine Söhne, die über ihn hergefallen sind und ihn geschlagen haben, weil er die Abendandacht (Maariw) verrichtet hat. Vor Gericht erzählte er, daß seine Gattin Rahel, sowie seine Söhne, von denen der eine ein Arbeiter, der zweite ein Angehöriger der Miliz ist, ihn mißhandeln, weil er die jüdischen religiösen Gesetze beobachtet. Die Söhne und seine Gattin gaben zu ihrer Verteidigung cm, daß der Kläger Versuche macht, sie ebenfalls zur Beobachtung der religiösen Vorschriften zu zwingen und daß er z. B. seine älteste Tochter, die mit einem nichtjüdischen Kommunisten verheiratet ist, aus dem Haufe gewiesen hat. Als Zeugin erschien eine Enkelin des Klägers, die erzählte, ihr Großvater habe ihr verboten, an Sonnabenden die Schule zu besuchen und habe sie in die Synagoge mitgenommen. (Entsetzlich!) Das Gericht wies die Klage des alten Jizchak Ginsburg ab und begründete dies damit, er habe seine Kinder provoziert. Das Gericht hat die Trennung, der Ehe des Jizchak Ginsburg ausgesprochen, der aber gegen die Entscheidung protestierte und erklärte, die Scheidung einer .Mischen Ehe könne nur «in Rabbiner aussprechen. (Statistik der Juden in Württemberg in den letzten 30 Jahren.) Unter der Überschrift „Ernste Zahlen" veröffentlicht die „Gemeindezeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs" einen Rückblick auf die Statistik der Juden in Württemberg in den letzten 30 Jahren. Ihr ist zu entnehmen: In Württemberg sind von 1898 bis 1926 4522 eheliche jüdische Kinder geboren worden, also im Durchschnitt alljährlich 156, zu denen noch 73 außereheliche Geburten, also 2,5 in jedem Jahre lamen. In dreißig Jahren wurdenhier 2461 rein jüdische und 247 Mischehen geschlossen, das sind 82 jüdische Eheschließungen und 8,2 Mischehen (also genau 10 Prozent) im Jahresdurchschnitt. 4610 Sterbefälle ergeben eine Durchschnittszahl von 164 im Jahre. 248 Austritten, durchschnittlich 10 im Jahre, stehen 53 Eintritte ins Judentum, also 1,8 im Jahre gegenüber. — Der höchsten Geburtenzahl in diesm Zeiträume von 198 im Jahre 1898 steht die niedrigste Geburtenzahl von 78 Geburten in den Jahren 1917 und 18 gegenüber. Die Eheschließungen fielen von 191 im Jahre 1920 auf 12 im Jahre 1926. Der niedrigsten Sterbezahl von 133 im Jahre 1906 steht die Höchstzahl von 236 Todesfällen im Jahre 1918 gegenüber. Die Zahl der Austritte aus dem Judentum war im Jahre 1919 mit 33 am höchsten, im Jahre 1898 trat nur ein Jude in Württemberg aus dem Judentum aus. Uebergetreten zum Judentum sind 1920 7 Personen, während in 11 Jahren der Berichtszeit kein Uebertritt zum Judentum stattfand. — Die Zeitung kommt zu dem Schlüsse, daß, so ernst die niedrige Geburtenzahl erscheint, ihre Bedeutung doch dadurch gemildert wird, daß auch die Sterbeziffer im Sinken begriffen ist. Die Zahlen der Statistik der Juden in Württemberg seien wohl ernste Mahnungen, aber keine Schreckgespenster. (Die Juden in Ostasien.) Ueber die Juden in Ostasien sprach am 27. Februar Landgerichtsrat Dr. Stern in Berlin auf Grund seiner Reiseeindrücke an . der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. Nach einer kurzen Uebersicht über die chinesische Kulturrevolution, die durch sie bedingte große Auseinandersetzung zwischen Ost und West führte der Vortragende aus, daß es feit den letzten 60 Jahren keine chinesischen Juden in dem Sinne wie früher gäbe, als sie noch nach Aussehn und«» Lebensweise den Chinesen glichen. Ihr Mittelpunkt war die Gemeinde in Kai-fung-fu am gelben Fluß. Schon zu Beginn unserer Zeitrechnung waren Juden, wahrscheinlich auf den großen Karawanenstrühen über Persien und Indien, nach China gekommen. Es gibt Berichte über sie von mittelalterlichen Reisenden und von Jesuitenmissionaren. Nach diesen glichen die Juden in Kai-fong-fum dem Aussehen und der Kleidung nach völlig den Chinesen. Japanische Juden hat es wohl niemals gegeben. Die Juden, die jetzt in diesen Ländern leben, müssen wie die übrigen fremden Ansiedler betrachtet werden. Ihre Zahl beläuft sich gegenwärtig auf höchstens 2000—3000, ihr- Wohnsitz sind die Städte Nagasaki, Tokio, Dokohama. In China gibt es erheblich.mehr, in Charbin allein leben wohl 10.000; sie sind dorthin meist infolge der politischen Umwälzungen in Rußland verschlagen worden. In Shanghai und Hongkong haben es namentlich die aus England und aus Indien stammenden Juden zu hohen Staatsstellungen gebracht, wie es beim Gouverneur Nathan der Fall war. Die übrigen sind zum großen Teile Kaufleute, auch Handwerker, sie leben häufig, besonders in Japan, in dürftigen Verhältnissen. Beide Länder kennen ursprünglich keinen Antisemitismus, wenn neuerdings Strömungen dieser Art vorhanden sind, so sind sie aus über Sibirien eingeführte Hetzschriften zurückzuführen, die den Bolschewismus als jüdisches Geistesprodukt hinstellen. (Ueber die Juden Bucharas.) Vor kurzem berichtete die ITA über einen Vortrag des Petersburger Anthropologen Wischnewsky über einen neuentdeckten jüdischen Volksstamm in Mittelasien, den Wischnewsky auf Veranlassung von Dr. Mark Wifchnitzer in Berlin gehalten hat. Wischnewsky berichtete auch über die segensreiche kulturelle Tätigkeit des von Petersburg nach Samarkand übergesiedelten jüdischen Gelehrten Dr. Lurie. Dr. Wischnitzer wandte sich direkt an Dr. Lurie mit der Bitte, ihm einiges über feine Arbeit mitzuteilen und erhielt von