Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1928)
- Date
- 1928-03-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 12 Wie steht es mit dem neuen Kurse in Sowjetrutzland? Denen, die seit kurzem von einer Kursänderung in Sowjetrußland nach der Richtung der politischen — und religiösen — Toleranz sprechen, haben die letzten Vorgänge im Donezgebiete, wo, wie es scheint, unter kleinlichen Verdächtigungen deutsche Ingenieure verhaftet wurden — Oberingenieur Goldstein ist inzwischen auf energische Intervention der deutschen Instanzen aus der Haft entlassen worden — eine bittere Ernüchterung gebracht. Dieser Zwischenfall, der zur Zeit sogar die deutschrussischen Handelsbeziehungen gefährdet, wird schon irgendwie auf diplomatischem Wege seine Erledigung finden. Wer in der Welt nimmt sich aber derer an, die, russische Staatsbürger, dort unter dem neuen genau so wie unter dem gestrigen Kurse schlimmsten religiösen Verfolgungen ausgesetzt sind? Man kann der allerletzten Wandlung der Dinge in Moskau nicht historische Bedeutung absprechen. T r o tz k i s Verbannung erinnert beinahe an das Schicksal von Robespierre. Nur daß an Stelle der Guillotine eine g e i st i g e Hinrichtung, Verbannung in eine weltentlegene sibirische Steppe nach bekanntem Muster aus zaristischer Zeit tritt. Die Männer, die heute auf diese Weise zum Schweigen gebracht werden, haben kn einem Jahrzehnt so lange Menschen hinter das Licht geschickt, bis sie selber das Schicksal ereilt. Wir haben keinen Grund zur Schadenfreude, wiewohl die russische Judenheit so manche Rechnung mit den Männern des bisherigen Regimes in Rußland zu begleichen hätte. Die Freude wäre um so weniger angebracht, als der schwere Hausstreit unter den russischen Kommunisten nicht auf einem Gebiete liegt, das an die jüdische Lage irgendwie grenzte. Die Reinigung des Kreml von den unbequemen Elementen hat nicht den geringsten Einfluß auf die Stellung der Regierung zum religiösen und Geistesleben der Juden im Lande ausgeübt. Man hat in Rußland im Kampfe gegen die jüdische Seele den Kurs geändert, und die neue Taktik wird um so intensiver fortgesetzt, je stärker sich die Regierung weiß, je geschlossener ihre Politik sich gestaltet und je mehr in der sogenannten Jüdischen Sektion die Geister ihrem strengen Meister folgen werden. Die neue Taktik, die mit der allgemeinen Kursänderung zusammenfällt, sieht auf eine Durchhöhlung von innen heraus. Der Israelit Man hat eingesehen, daß man sich an der Phalanx der jüdischen Religion den Kopf zerschellt, ohne etwas Wesentliches zu erreichen, man hat feststellen müssen, daß auf eine geschlossene Chederschule fünf andere auf Dachböden und in Kellern erblühen, man weiß schließlich aus der eigenen Geschichte der kommunistischen Partei, daß die Schaffung von Märtyrern die Sache, die man bekämpfen mag, erst in die Höhe bringt. Die Prozesse, die man den Melamdim und Jeschiwalehrern gemacht hatte, waren, wie die Kommunisten selber trübselig eingestehen, die beste Propaganda für die jüdische Sache. Vierzig von hundert Kindern konnte die Sektion in ihrer höchsten Blütezeit als Schüler der jüdischkommunistischen Schulen registrieren. Wo blieben die sechzig Prozent? Nicht alle suchten und fanden Unterkunft in jüdischen Lehrhäusern, viele trieben sich geistig schutzlos auf den Straßen herum und bildeten eine Gefahr, nicht zuletzt auch für den kommunistischen Staat. Aber die bittersten Enttäuschungen erlebten die Herren mit den Kindern, die sie bereits in ihre Schulnetze eingefangen hatten. Ein kommunistischer Lehrer an einer jüdisch-kommunistischen Schule schreibt in dem pädagogischen Journal „Wege zur neuen Schule": „Man sieht gebleichte, kluge und sehr ernste Kindergesichter in unseren Schulen, die Kinder debattieren, protokollieren und redigieren, sitzen in allerlei Kommissionen und erfüllen allerlei Pflichten. Selten aber huscht ein kindliches- Lachen über diese bleichen Gesichter. Sie sind allesamt entkindet, bar allen natürlichen kindlichen Frohsinns, aller Reinheit und Munterkeit. Nichts wird für das kindliche Gemüt geboten, man überfüttert sie mit Sarkasmus, Klassenkampf, politischen Ideen. Sie sehnen sich aus der Schule heraus, wie aus einer Hölle. Die Intelligenteren protestieren offen: Wir wissen schon gerade genug von-den Arbeitern, Bauern und den Bourgois!" Ein Chederfchüler, berichtete der Referent, gab auf die Frage, warum er nicht in die Schule gehe, die kurze Und bezeichnende Antwort: „Im Cheder bekommen wir die schönsten Geschichten erzählt! ..." Das ist die niederschmetterndste Kritik gegön die Staatsschulen. Die kindliche Seele lechzt nach den Schätzen in Thora und Talmud, und lehnt die Auseinandersetzungen über Kapital und Arbeit und ähnliches Zeug, das ihr nicht eingeht, ab. Das Kind will lernen, aber nicht Agitationsreden Hören. In Massen flüchten die kleinen Juden im Einvernehmen mit den großen aus der Schule ins Cheder zurück. So wurde denn auf der allgemeinen Lehrerkonferenz erklärt, daß man den Kampf gegen 22. März 1928 Väter und Kinder aufgeben müsse und wolle, da: die Staatsschulen trotz ihrer staatlichen Autorität mit d em Cheder nicht konkurrieren können, daß man mit dem Zwang höchstens erreichedaß die Juden ihre Kinder in die echt-russischen oder ukrainischen Volksschulen schicken,, keineswegs aber in die jüdisch-kommunistischen. Jene Schulen, so sagen die Väter, sind nichtj üd i s ch, aber nicht un- oder antijüdisch; sind nicht religiös, aber keinesfalls Kadettenanstalten für den Kampf gegen Gott. Die Religion wird dort ignoriert, und die Lücke läßt sich daheim durch privaten Religionsunterricht ausfüllen. In den jüdisch-kommunistischen Schulen dagegen wird den Kindern das religiöse Gefühl mit Gewalt aus dem Herzen gerissen. Zum Glücke gelingt es in den meisten Fällen nicht. Aber wer vermag die Wirkung und die weiteren Auswirkungen des Giftes zu erforschen und festzustellen? Die Erziehungsmethoden der Jüdischen Sektion sind mithin eingestandenermaßen bankrott. Nun versucht man sie auf Umwegen zu stützen. Man gibt die Gründung v o n P r i v a t s ch u len frei, und diese werden unter der Hand auch reichlich unter st ü tz t, sofern sie im Ganzen Geist vom Geiste des Kommunismus sind. Auf diese Weise glaubt man mehr zu erreichen; durch Freiwilligkeit an Stelle des Zwanges gesetzt, hofft man Väter und Kinder eher anzulocken. Möglicherweise ist diese Kalkulation auch nicht ganz falsch, und die geistigen Führer (der größte von ihnen, Rabbi Schneiersohn aus Lubawitsch, sitzt in Riga und hat seiner Brüder jenseits der Ostgrenze sicherlich nicht vergessen), werden sich auf die neue Situation einstellen müssen. Es ist letzten Endes auch eine Frage d e s st ä r k e r e n G e l d b e u t e l s. Gelingt es der Orthodoxie, ihrerseits aufgrund der neuen Verordnung so viele Chedarim und Jeschiwaus zu gründen, sie geistig und materiell auf der Höhe zu erhalten, wie es die andere Seite offiziell und unter der Maske der Privatschulen zu tun imstande ist, dann ist die Sache für unsgewonnen. Wir zweifeln nicht, daß die russische Judenheit mit Hilfe der Judenheit in den Nachbarländern wie überhaupt in Europa und Amerika dieses große Werk für die Rettung ihrer Zukunftfertig bringt. Vom Heiligtum und Opferaltar. Der Anteil der Frauen. An der Erlösung aus ägyptischer Knechtschaft hatten -die Frauen eminenten Anteil, irmax i^>r»a n-papix D'parnara mir»2, indem sie durch all die leidvollen Zeiten das jüdische Haus aufrecht erhielten und das heilige Licht des Gottesglaubens darin treulich für eine kommende Generation hüteten, indem sie so das Mischkan auf den Grundpfeilern von Liebe und Treue schon lange bevor die Vorschriften zur Stiftshütte gegeben waren, den,. Geiste nach errichteten. am i/n’sa tjoa rwy THiay juaVn ’x$?a na!>tp ^an rwy jrnsx •Di>pvr» nnaa nanx ->i2i iaw pan« laaaa „Einen Schmuckbau führte König Salomo auf aus Libanonholz, die Säulen aus Silber, die Fliesen aus Gold, den Sitz aus Purpur. Darin gebettet war aber die Liebe der Töchter Jerusalems." (Hoheslied.) Darum durfte ihr Anteil auch an der richtigen Stiftshütte sehr groß sein dto by D-uwxn ixum „Und es kamen die Männer nach den Frauen", um mit ihnen in ihrer Gebefreudigkeit zu wetteifern. viü.rpra a^> naari ne?x!>ai „Und jedwede Frau weisen Herzens spann mit ihren Händen." Mit den Worten aus Mischlei sagt Midrasch über die Mitarbeit der Frau am Bau des Mischkan: nma nma o->tw maan „Die Weisheit der Frau hat das Haus mit erbaut". Das Heiligtum des Lebens. Das Heiligtum der Wüste, und so auch später der Tempel in Jerusalem, bestand aus drei Räumen, einem Vorhof, einem inneren Heiligenraume und einem Allerheiligsten. Im Vorhofe standen die Altäre, auf denen das Volk in Liebe seinem Gotte opferte, in» inneren H e i l i g t u m e leuchtete der heilige Leuchter und stand in dessen Strahlenglanz der goldene Tisch mit den Schaubroden darauf, das A l le r h e i l i gste war dem Auge des Volkes entrückt, war nur^für den heiligsten aller Menschen, den Hohenpriester, und den heiligsten aller Tage, Jom Kippur, bestimmt. Unser Leben, so sagen die allegorischen Morallehrer, ist ein dreiteiliges Heiligtum. Unser Außenleben, d. h. unser Handel und Wandel, unser Verkehr mit den Menschen, unsere Beziehungen zur Umwelt, sie sind der Vorhof. Und hier stehen die Opferaltäre, hier gilt es, zu opfern, in Liebe und Hingabe den Menschen zu dienen. Das Heiligtum, das ist das Innere unseres Hauses, die Familie. Darin leuchtet aus der Menorah das Licht des Glaubens und steht der Tisch, die Tafel, an der sich die Familie in Sabbat- und Festesfreude vereinigt. Vom Allerheiligsten wissen wir wenig, es ist uns für den letzten und heiligsten Gang Vorbehalten, da unsere Seele zu Gott, der Quelle des Lichtes, zurückkehrt. O, daß wir dann Sühne und Segen um uns verbreiten, wie es der Hohepriester am Tage der Versöhnung tat! ' Die drei Gaben. Von den Gaben für den heiligen Tempel heißt es in der Schrift: wnan nxi epan rxi amn nx w~> am' „Und sie werden entgegennehmen das Gold, das Silber und Kupfer".- Ein tiefes Midraschwort sagt: Was der Mensch in der frühen, frischen Jugend seines Lebens der Allgemeinheit gibt, das ist reines Gold, später, im vorgerückten Alter, ist es nur noch eine Silbergab«, zu allerletzt, wenn die Kräfte gewichen, bedeutet die Gabe im schwachen Greisenalter nur noch eine Kupferm ü n z e. Möge uns aus goldener Jugendzeit di« Kraft erwachsen, später die Silberkrone des Alter» in Ehren zu tragen. Aber die letzten Kupfer^ gaben unseres Geistes seien noch von gutem Klange, daß sie nachklingen Kindern und Kindeskindern, auf ihrem ferneren Lebensweg, schöne harmonische Klänge eine» gesegneten Lebens. kleines Feuilleton. Neue Peffach-Hagadas. Der rührige Verlag A. M. Grub.ft ein in Lodz (Verlag „Massora") bringt eine stattliche, gut gebundene Hagada von 186 Seiten groß Oktav auf den Markt, die als Hauptkommentar den-ios nai pv-pb von Abarb a n e l, daneben die Erklärungen -Hav von xcnn pnx’ tn-v des Wilnaer Gaon und des R. Jakob Emden enthält. Druck und Papier sind tadellos, so daß der Verkaufspreis von 3 Mark recht billig zu nennen ist. Eine Freude für unsre Jugend ist die in prächtiger, humorvoll charakteristischer Schwarz-weiß-Manier gezeichnete Hagada von Otto Geismar (Verlag B. Kahan in Berlin), die in zweiter Auflage, diesmal jedoch mit schöner deutscher Uebersetzung von Sonja Grone mann vorliegt. Text und Bildfchmuck, deutsch« und hebräische Typenbilder sind zu harmonischer künstlerischer Einheit verschmolzen, jedes Stück dabei individuell herausgehoben — das Ganze eine Augenweide-