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Der Israelit · 1928-03-15 · Heft 11 (15.3.1928) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 11 (15.3.1928)
Date
1928-03-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 11 @5eft<* 5 15 März 1928 Adoplionsvermittlung und Pflegestellenwesen. ' . Elberfeld, 29. Februar. Die „Zentralstelle für jüdische Adoptionsvermittlung und Pflegestellenwesen", die vom Jüdischen Frauenbund gegründet worden ist, hielt am 5. Februar eine Dorstandssitzung ab, an der Vertreter des Frauenbundes, des Lehreroerbandes und der Frankfurter Sammelvormundschaft teilnahmen. Auch die Zentralwohlfahrhsstelle hatte einen Vertreter entsandt.. Aus dem erstatteten Bericht ergibt sich, daß die. Bemühungen der Zentralstelle, jüdische Kinder, die sich in christlicher Pflege befinden, in jüdischen Familien unterzubringen, oft daran scheitern, daß sie zu spät einsetzen. . Wenn die christlichen Pslegeeltern sich einmal in jahrelanger Fürsorge an die Kinder gewöhnt haben, widersetzen sie sich der Wegnahme, und es entstehen oft Widerstände, die nicht zu überwinden sind. . Es ist.daher, darauf zu halten, daß in möglichst frühem Alter die Unterbringung solcher Säuglinge rider Kinder in jüdische Pflegestellen erfolgt. Die Zentralstelle hat mit Hilfe einer Subvention des Preußischen Landesverbandes einen Fonds geschaffen, aus dem die Differenz, zwischen den Pensionssätzen gedeckt werden soll. Zur Besprechung gelangte außerdem eine Reihe besonderer Fragen des Pflegestellenwesens und der Adoptionsvxrmittlung.. Oesterreich. Die Schächtgegner. 'Wien, 1. März, Die Bezirkshauptmannschaft Bregenz. (Vorarlberg) hat. dem Anträge des Tierschutzvereins für Vorarlberg, den jüdischen Lehrer, der im Bregenzer Schlachthause die Schlachtungen vornimmt, wegen Tierquälerei zu bestrafen und ihm das Schächten für die Zukunft zu verbieten, keine Folge gegeben. Die Landesregierung hat die seitens dieses Vereins gegen den Bescheid der Bezirkshauptmannschaft eingebrachte Berufung abgewiesen und dies wie folgt begründet: „Wer ein. Tier aus Bosheit mißhandelt, quält oder rücksichtslos anstrengt, begeht eine Verwaltungsübertretung. Diese gesetzmäßigen Merkmale der Tierquälerei , treffen bei dem rituellen Schächten nicht zu. Das rituelle Schächten stellt sich sohin nicht als Tierquälerei im Sinne des Gesetzes dar." Angarn. Die Wahlen zur Repräsentanz der Vudapesier neologen Gemeinde. Budapest, 28. Februar. Am Sonntag, den 26. Februar, haben in der Pester Israelitischen neologen Religionsgemeinde die RePräsentant enwah len stattgefunden. Von der 280 Mitglieder zählenden Gemeindevertretung waren 140 Repräsentanten neu zu wählen. Im Wahlkampfe, der seit Wochen mit bisher nie beobachteter Heftigkeit geführt wurde, standen einander zwei Parteien gegenüber: die alte GeMeindepartei, deren Führer der bisherige stellvertretende Gemeindepräsident Gustav G. Ehrlich ist, und die neue Partei, die von Paul Sandor und den übrigen jüdischen Abgeordneten der demokratischen Partei geführt wird. Beide Parteien, die der neologen Richtung angehören, bezeichneten sich als „traditionstreu". Von beiden Parteien wurde Hofrat Aladar Kassab als Präsident nominiert.. Der Kampf ging um die Stelle des Vizepräsidenten; die alte Partei plädierte für Gustav Ehrlich, der seit Jahrzehnten diese Würde bekleidet, während die neue Partei das Mitglied des Magnatenhauses Dr. Samuel G l ü ck s t h a l aufstellte. Die Chancen der alten Partei wurden durch die eben beendete Numerus Clausus-Debatte im Parlament stark beeinflußt. Ein führendes Mitglied dieser Partei, Abg. Dr. Desy Geza, der einzige jüdische Abgeordnete der „Christlichen Einheitspartei", hat in der^ Debatte nicht das Wort ergriffen und fehlte bei der Abstimmung. Dies stimmte die Wählerschaft gegen ihn. Der Andrang der Wähler zu den Wahlurnen war gewaltig. Das Ergebnis war, daß von 7007 abgegebenen Stimmen 6669 für die neue Partei und 338 für die alte Partei abgegeben worden sind. _ polen. Die Sejmwahlen in Polen. ' Warschau, 6. März.. Nach dem bisherigen Ergebnis' der Wahlen werden _ De r 3 * r o e 11 t jüdische Abgeordnete nur in reduzierter Zahl in das neue Parlament einziehen. Auf den Listen des Blocks der natiolen Minderheiten sind in ganz Polen, soweit bis jetzt bekannt ist, 13 Juden, darunter Grün bäum, gewählt worden. Die Mische Arbeiterpartei „Bund" geht ohne Mandat aus. In Galizien wurden drei zionistische Kandidaten gewählt. Man erwartet, daß bei Verteilung der Reststimmen auf die Reichslisten sich ein weiteres jüdisches Mandat ergeben Pie Woche. Berlin. Herr Dr. Jsmar F r e u n d hat das Amt. eines Sachverständigen beim Kultusministerium abgelehnt. Der Preußische . Landesverband wird im Einvernehmen mit allen anderen Faktoren Herrn Rabbiner Dr. Baeck dem Ministerium in Vorschlag bringen. — Die fünf, Burschen, die Mitte November in Lüneburg im jüdischen Gotteshaus« nächtlicherweise arg gehaust hatten, erhielten vom Schöffengericht zu Lüneburg Gefängnisstrafen B von einer Woche bis zu 6 Monaten. — Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden hat auch in seinem diesjährigen Etat eine Position zur U n t e r st ü tz u n g des PortugresischenMarrannenkomitees eingestellt. Das Komitee unterstützt die Bestre bungen der Marrannen in Portugal, zum Judentum zurückzukehren. — Mit Hinblick auf die Vorgänge bei den letzten Repräsentantenwahlen, erläßt der Vorstand der Jüdischen Gemeinde einen Aufruf für die Wiederherstel- . lung und Aufrechterhaltung des inneren Friedens in der Gemeinde. Landau. Zwei junge Burschen haben, wie bereits bekannt, auf dem jüdischen Friedhofe in Essin gen 36 Grabsteine umgeworfen und eine Reihe Grabmäler beschädigt. Einer, 19 Jahre alt, erhielt 10 und sein - Mithelfer, 17 Jahre alt. 6 Wochen Gefängnis. Brüssel. Die Mitte März hier beginnende Jahreskonferenz der Jüdischen Völkerbundsligen wird eine internationale Untersuchung der rumänisch e n P ö g r o m e fordern. Wien. Von einem Wiener Gericht wurde eine Mieterin, die ihrem Hauswirt das Wort „Jud" zugerufen hatte, zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die in eine Geldstrafe um- . zuwandeln fei. ' In der Mottvierung heißt es: „Wir sind in der österreichischen Republik noch nicht so weit, daß Mitbürgern jüdischer Konfession ungestraft das Wort „Jud" in herabsetzendem Sinne aefa-gt werden darf." Jeru- . salem. Die Palästinaregierung hat das Ansuchen Schalom Schwarzbarts, ihm ein Visum für die Einreise in Palästina zu geben, nach vorausgegangener Verständigung mit dem Kolonialamt in London abschlägig befchreden. Schwarzbart war, in Erwartung der Einreiseerlaubnis, bereits nach Syrien gereist, wo er als französischer Bürger volle Bewegungsfreiheit genießt. Üewyork. Charles A. L ev i ne, der voriges Jahr mit seinem Ozeanflug so viel von sich reden gemacht hat, schlug einen neuen Rekord, indem er die Strecke Newyork — Havanna. 2250 km, in etwa 14 Stunden zurücklegte. Man darf gespannt sein, welche neue Judenhetze sich aus dieser „jüdischen Kühnheit" entwickelt. Charbin. Die Synagoge von T s i.t s i k a r, unweit von ■ Charbin, ist durch eine unaufgeklärt gebliebene Explosion vollkommen zerstört worden; der Hausmeister, eist Nichtjude, fand dabei den Tod. Man spricht von einem antisemitischen Attentat russischer Monarchisten. Davos. Am 18. März werden in Davos die Kurse, die den in diesem schweizerischen Höhenkurorte Genesung suchenden Studenten, eine Fortführung ihrer Studien ermöglichen sollen, von Prof. Albert Einstein mit einer Vorlesung über „Grundbegriffe der Physik und ihre Entwicklung" eingeleitet werden. Die Kurse werden bis zum 14. April fortgelekt und erstrecken sich auf literarische, phliosophische, juristische und sozialwissenschaftliche Gebiete, kowno. Der akademische Antisemitismus hat auch in der litauischen Universität .Platz gegriffen. In Aufrufen wird der Numerus clausus verlangt, Plakate fordern zu Mißhandlungen jüdischer Studenten auf, was auch schon zu kleinennZu-? sammenstößen führte. Vom Rektorat ist bis; jetzt zur Eindämmung der Bewegung nichts geschehen. - . wird. Statt der bisherigen 33 jüdischen Sejmabgeordneten werden im neuen Parlament kaum 14 oder 15 Abgeordnete sitzen, die auf ein jüdisches-Programm hin" gewählt worden sind. Auf den Listen der Sozialdemokraten sind ebenfalls einige Juden gewählt worden. Der von der Aguda mit den Volkisten (Prilutzki) gebildete nattonale Block hat kein Mandat errungen; in Warschau blieb der Spitzenkandidat, Kirsch braun, um 200 Stimmen hinter der erforderlichen Ziffer zurück. Doch dürste Kirschbraun einen Sitz aus der Regierungsliste erhalten. Von der.im Block befindlichen Partei der Kaufleüte würde W i sch li tz kt gewählt. Die zahlenmäßige Niederlage der jüdischen Parteien wird hinsichtlich der äußeren Lage wettgemacht durch den Sieg der Sozialisten und der linken Demokraten und durch den Zusammenbruch des polnischen Nationalismus, dessen Programm die wirtschaftliche Vernichtung des polnischen Judentums ist. Die Sozialisten haben 69 (früher 41), die demokratischen Kleinbauern 38 (26), der Pilsudski-Block 128, die nattonalen Minderheiten 90 (80). Mandate errungen. Dagegen haben die antisemitischen Nationaldemokraten und Christlichsozialen von ihren früheren 120 nur 40, die Witos-Großbauern und christlichen Demokraten von 94 bloß 35 Mandate retten können. Aus der Liste des Blocks der nationalen Minderheiten wurden die folgenden sieben jüdischen Kandidaten in Warschau, Lodz, Wilna und anderen Städten gewählt, di« schon in den früheren Parlamenten Polens als die Repräsentanten der national-jüdischen Bewegung eine Rolle gespielt haben: I. Grünbaum, Dr. M. A. H a r t g l a s,' Dr. I. Rosenblatt, H. Färbst ei n, Dr. & Wygods f t, Rabbiner Brodt und Chajim Raßner. Im gaznen wurden auf der Liste des Blocks der nattonalen Minderheiten 56 Abgeordnete gewählt. Die Jüdisch-Nationalen in Galizien, die sich dem Block der nattonalen Minderheiten nicht angeschlossen und eine eigene Liste aufgestellt haben, konnten 6 Mandate, davon zwei in Lemberg, durchbringen. Gewählt wurden Dr. I. T h o n in Krakau und Dr. Reich, Dr. Le se r, Dr. Rosmarien, Dr. Eisenstein und Heller in Ostgalizien. - Inden im polnischen Senat. Warschau, 12. März. Bis heute mittag war das Resultat der am gestrigen Sonntag in ganz Polen durchgeführten Wahlen zum Senat der polnischen Republik nur zum Teil bekannt. Die Linksparteien haben auch bei diesen Wahlen einen durchschlagenden Erfolg zu verzeichnen, es ergibt sich dasselbe Bild wie vor acht Tagen bei den Sejmwahlen. Der Minderheitenblock hat bei den Senatswahlen anscheinend besser abgeschnitten als bei den Sejmwahlen, so daß «ine Mindestzahl von auf der Liste des Blocks gewählten jüdischen Senatoren gesichert ist. Bis jetzt ist die Wahl von Ing. Moses Körner in Warschau und Rabbiner I. Rubinstein in Wilna bekannt geworden. Auch in Kiele« soll ein jüdisches Mandat gesichert sein. Agunokh. Warschau, 7. März. In Warschau ist unter dem Namen „Agunoth" eine Vereinigung zur Wahrung der Interessen der jüdischen Kriegerwitwen gebildet worden. Es handelt sich darum, Nachforschungen über den -Verbleib im Krieg vermißter Ehegatten anzustellen. . Vor allen Dingen wäre es Aufgabe sämtlicher Synagogengemeinden, auch in Deutschland, über die auf den Friedhöfen der Gemeinden oder auf den Friedhöfen der ehemaligen Gefangenenlager bestatteten russischen Kriegsgefangenen genaue Nachrichten mit Angabe der bürgerlichen und hebräischen Namen zu sammeln und soweit wie möglich besondere Kennzeichen der Verstorbenen, sowie Umstände, die mit dem Tod in Zusammenhang stehen, zu erkunden. Sowohl der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden in Berlin (Oranienburger Straße 69), als der Preußische Landesverband gesetzestreuer Synagogengemeinden in H a l b e r st a d t sind bereit,, diese Nachrichten an die zuständige Stelle in Warschau weiterzugeben. Antisemitische Kundgebungen in Lemb-rg. Lemberg, 6. März. Am Montag morgen waren in Lemberg von Studenten massenhaft antisemitische Aufrufe verbreitet worden, in denen Drohungen gegen die Juden, die in der Landeshauptstadt zwei Mandate errungen haben, enthalten waren. Am Montag abend versammelten sich vor dem Mickiewicz-Denkmal etwa 600 Studenten. Cs wurden

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