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Der Israelit · 1928-03-08 · Heft 10 (8.3.1928) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 10 (8.3.1928)
Date
1928-03-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 10 Sette 3 8 März 1928 . '; . ' iDiesem Mangel an imnn npwn ist. man aber, Iwarum sollten wirs verhehlen, bisher w e n i g le n t g e g e n g e k o m m e n. Und dieses Nichtlentgegenkommen, das vor allem in der etwas lunlebendigen, trockenen Art und Weise des »Lernens und vor allem in der ermüdenden »Methode des Talmudunterrichts besteht, hat den »allergrößten Teil der deutschen v'iina frühzeitig „satt" gemacht,'ihren geistigen „Heißhunger" ge-! stillt. Sie wandten sich selbstbefriedigt vom Lernen ab, dem '.irnp'-fremden Leben zu, sie hatten ja „ausreichend" gelernt und waren um ein weiten Schritt ihren Freunden und Kameraden, die der Jeschiwo immer fern blieben, in jüdischem Wissen voraus. Es darf und kann hier kein Werturteil über die verschiedenen Lernmethoden ausgesprochen werden; es soll nur zur «Erwägung gestellt werden, ob es richtig ist, I junge Menschen, denen es an jeglichem niv'vn' mangelt, einen iiQ'^niii zu führen, der eine kindlich-reine seelische Ganz- und Geschlossenheit erfordert oder ob es nicht geratener wäre, sich nach anderen Methoden umzuschauen, die vielleicht eher der Zwiespältigkeit des deutschen Jeschirvobochurs Rechnung tragen und in ihn allmählich eine heiße, unbegrenzte Thoraliebe einzupflanzen im stände find. ' ' ■ Des Lernens Blüte ist das Wissen: niinnrivan und h fix njn- Jedoch, bleibendes Thorawissen ist ohne KorrrikT schlechthin undenkbar*). „Sündenfurcht" verhält sich zu Thorakenntnis, wie Thoraliebe zum Lernen; und beide erst schaffen den harmonischen Typ des oan na^n n Dir d’öhv (Mit Nichten ist aber rrvn nxndas, was man landläufig unter der Furcht vor der Sünde versteht, denn rrsteht auf der Midosstufenleiter des R. Pinchas den Joir**) an zweithöchster Stelle. rrvn"nnm erblüht aus nvron und rmy und führt geradewegs hinauf zu .iwiip' zur absoluten, kampflosen Gottgehörigkeit des Menschen, ri" ist somit die durch zähe Selbsterziehung zu erringende -Befähigung, ist das tiefe Wissen um die Aufgabe des jüdischen Menschen, das Erkennen des Wesenskerns des Judentums. -— Der Wegweiser zu einer solchen „Sündenfurcht", die W i s s e n - schuft der rrvn nx-p ist der Mussar. Mussar ist nicht etwa eine jüdische Morallehre, sondern Mussar ist —* jüdische Lebenskunst, ein Bekenntnis zu der unbedingt verpflichtenden Anerkennung des nii'a-Systems der Thora, ein immerwährendes Aufwärts- 's rvax (* o «p nir »map (** Der Israeli! schreiten zur sittlichen Vervollkommnung. * Wenn wir die Heilmittel suchen, an denen unsre an der inneren Zwiespältigkeit krankenden jüdischen Jugend gesunden könnte, so ist dies nicht nur ein von hingebungsvoller Liebe und begeisternder Lebendigkeit getragenes Lernen, sondern auch die Schaffung einer Mussaratmosphäre, nach bewährtem litauischen Muster. Mussar ist auch unsrer m e i b l i ch e n Jugend, der das Talmu.dstudium verwehrt ist und die ja auch, dank ihrer Mentalität einen Großteil ihres m»'»n sich meist noch unversehrt erhalten hat, eine Notwendigkeit zur Erstarkung ihres jüdischen Denkens und Fühlens. Esist ungemein schwierig, begrifflich die Idee des ivi» zu analysieren, denn Mussar ist, wenn es ja auch eine streng logische Verstandesnüchternheit voraussetzt, ein individuelles Erlebnis jedes MusiarlerneNden und mag dem Außenstehenden vielleicht oft nur als ein moralisierendes Phrasengedrefche Vorkommen. — . Liebe zum Lernen und Mussarst u d i u m sind die Bausteine zu einer hoffentlich baldigen Thora-Renaissance in Deutschland, und legen das Fundament zu einer seelischen Gesundung der jüdischen Jugend, der Träger der jüdischen Zukunft. irrni - *]rnina iraV pan — -prmaa iraaV in'i!?*iaw rnrpVi nam6 Wochenrundschau. Die Wahlen in Polen. Zur Stunde, da wir dieses schreiben, liegt das Resultat der Parlaments wählen in Polen in genauen Zahlen noch nicht vor. Das Gesamtbild, an dem Einzelheiten nicht mehr viel ändern können, ist folgendes: Die von Pilsud s ky vertretene Regierungspartei hat auf der ganzen Linie gesiegt, sie verfügt über mehr als ein Drittel aller Mandate und wird zusammen mit den anderen ihr freundlichen oder mit ihr in wichtigen Fragen zusammengehenden Parteien die ü b e r,w i e g e n d e Majorität im neuen Parlamente bilden. Soweit die Wahlen die polnischen Juden angehen — in Warschau machen die Juden 40 Prozent der Gesamtbevölkerung aus — bedeutet dieser Ausgang-, obwohl sich die Zahl der jüdischen Mandate wesentlich vermindert hat, einen Sieg der Vernunft und der Gerechtigkeit, an dem auch die in der Aguda organisierte Orthodoxie zu einem guten Teile mitgearbeitet hat. Man kann füglich nicht allein von einem Siege Dr. R e i ch s gegen G r ü n b a u m, wie die Spitzenkandidaten der beiden widerstreitenden jüdischen Wahlgruppen heißen, sprechen. Die Wahltaktik, wie sie Dr. Reich für Ostgalizien für gut befand und mit aller Entschiedenheit verfolgte, machten sich auch viele in Kongreßpolen, vorab die Gesetzestreuen, wenn auch aus anderen Gründen, zu eigen. Wir haben die Motive, von denen unsere Gesinnungsgenossen in Warschau bei ihrer Wahlpolitik geleitet wurden, zur Genüge an dieser Stelle besprochen. Der Erfolg hat ihnen recht gegeben und die mühevolle Arbeit ist reichlich belohnt. Ob Pilsudsky, dessen Namen heute Symbol ist für die polnische Nation, der M u s s o l i n i ist, als welcher er von seinen Gegnern bezeichnet wird, wissen wir nicht, interessiert uns auch nicht. Was wir wissen, ist, daß Pilsudsky, obwohl vom Hause aus Militarist, mit demokratischem Oele bester Sorte reichlich gesalbt ist. Er hat seinem Volke nicht allein eine Staatsordnung gegeben, sondern de facto im Lande Ordnung geschaffen, die. den Juden sehr zugute kam. Wenn man heute in Polen so gut wie gar nichts mehr von Judenexzessen hört, wenn es heute keinem einfallen würde, Polen in einem Atem mit Rumänien zu nennen, wenn heute in Warschau eine Regierung sich alle erdenkliche Mühe gibt, die seinerzeit den Juden gemachten Versprechungen einzulösen und sie nach und nach vE der Zwangsjacke der russischen Gesetze zu befreien, so ist das alles das Verdienst Pilfudskys. Seine große Partei wird in ihrem Bemühen, dem Rechtsgedanken in Polen noch weiteren Boden zu schaffen und das Land auf ein noch höheres Kulturniveau zu bringen, an den Juden die größte Stütze finden. Wir dürfen mit den besten Hoffnungen für Polen und die politische Lage der Juden dem neuen Sejm entgegensehen. Noch wissen wir nicht, wieviele Juden in den Sejm einziehen, wer und wieviele dort die Interessen der gesetzestreuen jüdischen Massen, die den jüdischen Mittelstand Polens ausmachen, vertreten werden. Es werden, dank der Minderheitsblockpolllik der Zionisten nur wenige sein. Aber Namen und Zahlen verlieren ihre Bedeutung angesichts des Gesamtbildes, das, wie eben geschildert, durchaus günstig und erfreulich ist. Dr. S. Kaatz über die Beweiswürdigung im jüdischen Recht mancherlei Anregung. Aktuell und dabei wissenschaftlich und politisch gleich bedeutsam ist der einleitende Aussatz des Herausgebers: „Von der Wurzel der jüdischen Religion". Er bringt im Anschluß an die lehrreiche Entwicklung des Protestantismus zur „freien phantasiemäßigen Beweglichkeit" dogmenloser Erlebnisreligion einerseits, an die in Branns Monatsschrift seit zwei Jahren geführte Diskussion über die Dogmenfrage im Judentum andrerseits und mit einem milden Seitenblick auf die „orthopraxen" Tendenzen eines kleinen Teiles der gesetzestreuen Jugend die alte Wahrheit in Erinnerung/daß das Judentum im Grunde auf^ einem einzigen, dafür aber in die Tiefe und Weite reichenden dogmatischen Satz beruht: v'vvn ] min — wissenschaftlich ausgedrückt: auf dem Dogma der supranaturalistischen Offenbarung. .Wird dieser Satz ernst genommen, wie es seit drei Jahrtausenden, _ bis zum Auftreten Holdheims und Abr. Geigers, der Fall war, dann hat der Jude in seiner Thora mit jedem Tage die liebeerfüllte, ewig junge Schöpfung seines persönlich zu ihm sprechenden Gottes in der Hand, wird er irgendwie umgedeutet und seiner schlichten Wahrhaftigkeit beraubt, so hat das Judentum keine Zukunft mehr. Hier liegt das Prinzip der unlösbaren Zusammengehörigkeit aller orpaxa -»aa wa'arw, über die „politischen" Gegensätze, hinaus, liegt die Abgrenzung gegen Liberalismus und! Zionismus und zugleich der Urteilsmaßstab gegenüber, der Orthopraxie. Diesen letzten, die Konsequenzen ziehenden Satz spricht Wohlgemuth in feiner vornehmen Art nicht mit ausdrücklichen Worten aus, aber er ist das Fazit und für den, der -zwischen den Zeilen lesen kann, auch das eigentlich bewegende Motiv seiner programmatischen Ausführungen., Damit hat Wohlgemuth wieder einmal das rechte Wort zur rechten Stunde gesprochen. . n. Dier Vierteljahrsschrift „Die Kreatur" (Herausgegeben von Martin Buber, Victor von Weizsäcker und Joseph Wittig) bringt in ihrem dritten Heft einen an Tiefe und Klarheit außergewöhnlich wertvollen Ausiatz von Georg Koch (Gießen) über die Einfalt. Da werden in allgemeiner, an Pestalozzi orientierter Form urjüdische Gedanken ausgesprochen; es ist der Weg aus der ganz dem Schöpfer willenlos hingegebenen Kindesdemut über das Weltwissen und Ringen hinweg zur Keduscha des mit dem Schöpferwillen einsgewordenen Manneswillens. Koch weiß hinreißende Worte zu finden für das Gut aller Güter, die „Eindeutigkeit und Sicherheit des sittlichen Willens", die nur auf religiösem Grunde erwachsen kann. Ueber den „A n f a n g" weih Wittig Nachdenkliches zu sagen, das an das smnn iiv anklingt. Stücke einer Hölderlin- Biographie gibt Ludwig Strauß. Die Karneval- Studie aus dem Nachlaß Florens Christian Rangs werden wohl wenig« Leser länger als zwei Seiten über sich ergehen lasten — hier dient die Sprache zur vollendeten Unkenntlichmachung des Gedankens. Dagegen bietet Edgar Daques fesselnde Studie: „Die Urs i n n e s s p h ä r e" trotz ihres stark hypothetischen Charakters einen anregenden Beitrag zur Erneuerung unsres tieferen Verständnisses für die Urwelt. Jedes Vierteljahrsheft kostet 3 Mk. im Abonnement; Verlag Lambert Schneider in Berlin. Rabbiustche Geschichten. Aus bem Stammbüche meines Vaters waan ^ivb Von Iäkob LupoNansy in Karlsruhe Der ©«ton Rabbi Jakob List« war einmal bei Rabbi Leib Katzenellenbogen in Brisk^ zu -.Gast. I Rabbi Leib Katzenellenbogen war der Ansicht, daß | die körperlichen Bedürfnisse des Menschen etwas ganz Nebensächliches feien, er nahm daher seine Mahlzeiten 'immer ganz unregelmäßig und unpünktlich ein; Rabbi Jakob Lissa war anderer Meinung! und legte auf geregeltes, pünktliches Esten Wert. Beim Abschied sagte R. I. Lissa zu R. L. Katzenellenbogen unter anderem die Worte: "cmabna v'i'vn ■upi». R. L. Katzenellenbogen verstand nicht den Sinn dieser Worte und bat um eine nähere Erklärung. Da sagte ihm R. I. Lissa: „Der Schnlchan Aruch, Orech Chajim beginnt mit den Worten: ivsn -»-mV 'n m'iv und endigt mit: »van nn»a ab aiv uns Menschen obliegt es mun diese beiden rnvan — das sind die wv nrn obw einerseits und die «an abiy ’a^ay andererseits — harmonisch zu vereinigen und jedem seine bestimmte Zeit zuzuweisen. Dies meinte ich: „ona-na v'van 'an"- * * Rabbi Eisik Charif aus Stamm kam einst zu einem reichen, aber wegen seines Geizes bekannten Juden, um ihn um eine Spende für Wohlfahrtszwecke anzugehen. ,>Rabbi", sagte der Reiche zu Rabbi Eisik, „Euch ist doch., wohl bekannt, daß ich ein nä p bin (so nennt man einen Geizhals wegen bv jnna na p :a"v raivy) nuns mra mns warum habt Ihr Euch also umsonst zu mir bemüht?" „Wohl wußte ich, daß Du ein na p bist", antwortete ihm R. Eisik, „doch eines wundert mich, na hatte drei Söhne, warum erwähltest Du Dir gerade nri? * ■ * ■ * Man frag Rabbi Eisik Charif: „Wieso kommt es, daß reiche Leute gewöhnlich mit armen Krüppeln eher Mitleid haben und ihnen helfen, als mit armen Thoragelehrten?" ' ' „Ganz einfach", sagte R. Eisik Charif, reiche Leute fürchten wohl, daß auch sie einmal arme Krüppel werden

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