Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1928)
- Date
- 1928-03-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 10 wmmmmm Hiermit ist die spezifische Stellung gezeichnet, die grade Deutschlands jüdische Jugend zum Lernen einzunehmen hat. Man hat in letzter Zeit vielfach von einer „Renaissance" des Thoralernens in Deutschland gesprochen, und der Uneingeweihte, insbesondere der Jude im Osten, wird sich hierunter eine starkes imposantes Wiederaufleben des „Lernens" vorstellen wollen, eine von der flammenden Begeisterung der Jugend getragene Bewegung, zurückzukehren zur Tradition der Ahnen, Deutschland wieder zum Thoraland par excellence zu gestalten. Wir in Deutschland verstehen aber etwas ganz anderes unter der sogenannten Thorarenaissance, denn wir sind in Punkto Thoralernen mit der Zeit sehr bescheiden geworden und gar . leicht und einfach zufriedenzustellen. W i r erblicken die Wiedergeburt detz Lernens lediglich darin, daß in den letzten 15 Jahren so und so viel deutsche rnrnna eine deutsche oder ausländische Jeschiwo — für ein bis zwei Jahre — besuchen; eine gewiß sehr anzuerkennende und sehr warm und herzlich zu begrüßende Tatsache, derer wir uns mit Fug und Recht freuen dürfen. Aber eine bescheidene Tatsache. Und solange man aus der erschreckenden Zwiespältigkeit in den Herzen der jüdischen Nachkriegsjugend nicht das Fazit gezogen hat, daß nur jahrelanges, ungestörtes, intensives Lernen der einzigi gangbare Weg ist zur Erlangung der von der! Thora kategorisch geforderten seelischen Ganzheit gegenüber Gott, solange man eben nicht erkannt hat, daß rnrnan. das unumgängliche Kriterium jedes für die jüdischen Ideale schlagenden Herzens ist, solange ist es einfach eine logische und tatsächliche Unmöglichkeit von einer Renaissance des Lernens in Deutschland zu reden. Einzelne, bei denen meist die innere Zwiespältigkeit in eine seelische Zerrissenheit ausgeartet war, haben diesen Weg des weltvergessenden, nvV^-mäßigen Lernens gehen wollen, fanden ihn aber versperrt durch Vorurteile eines von materialistischen Grundsätzen vergifteten Milieus, durch die veränderten Wirtschaftsverhältnisse unserer Zeit, die dem geschäftlich nicht genügend vorgebildeten Kaufmann eine gesicherte Existenz unmöglich machen. Sie fanden die Tore der Jeschiwa verrammelt durch eigene Unentschlossenheit und Willensschwäche, sie verloren schließlich die Lust am Lernen durch fortgesetztes Zureden unberufener, wohlmeinender Ratgeber. Das Lernen ist keineswegs ein Rekrutendienst, in den man sich als „Einjährig-Freiwilliger" einstellen läßt, es ist auch kein Nebenfach, das man in wenigen Semestern durchstudieren kann, sondern Lernen ist — wie dem Fisch das Wasser — Der Israelit der jüdischen nnm Lebenselement, Lebensnotwendigkeit. Der Wille zum Lernen ist die schlechthinnige Aeußerung der urjüdischen Lebensenergie, der Selbsterhaltungstrieb der jüdischen Seele. Der junge Mensch, der noch unbeschwert von den Alltagssorgen des Lebens über ein elastisches Auffassungsvermögen verfügt, hat die Pflicht, dem Lernen seine ganze Zeit, seine ganze jugendliche Energie und seine gesamte Denk- und geistige Schaffenskraft zu widmen. Man gebe somit nicht dem kaufmännischen Leben, dem „Geschäft" die Schuld, aus dem peinlichst bedachten Choschen-Mischpot-Juden den heutigen, gewinnhaschenden, oft rücksichtslosen jüdischen Geschäftsmann gemacht zu haben, man gebe nur dem Geschäft die Schuld, daß es den jüdischen Kaufmann nicht genügend „lernen" ließ, nicht zum arm r>abn heranreifen ließ, so daß er in seinem kommerziellen Handeln und Gebühren in vielen Fällen — unjüdisch werden mußte. Es gibt m. E. nur zwei Wege, die zu einer „Wiederbelebung" des rninn ma’1?" in Deutschland führen könnten. Erstens eine Berufsumschichtung, wie sie die „Aulim" erstreben (man mag die ideologischen Grundlagen der „Aulim" anerkennen oder nicht), und dann eine „L e r n a k t i o n" des Keren Hathora*), die >einer vorerst kleinen Schar von hundert i deutschen amm die Möglichkeit geben würde, sechs Jahre lang sorglos zu lernen, und sich dann eine Existenz zu verschaffen, um einen Kerntrupp von rmn ■’sa zu erhalten, die die Pioniere einer Thorazukunft in Deutschland sein würden. — Junge, jüdische Geschäftsleute, die euch der Verhältnisse Ungunst genötigt hat, der Jeschiwa fernzubleiben oder sie nach eins, zwei Jahren zu verlassen, ergreift ihr als erste die Initiative zu einer solchen Lernaktion, helft mit geldlichen und vor allem mit moralischen Mitteln eine Lernbewegung zu schaffen! Die mm verheißt ja nicht nur reichen Lohn den Lernenden, sie beglückt in gleichem Ausmaß die „Stützenden". „Jeden Tag", so lehren b"\n< erschallt die Gottesstimme am Horebberge: Wehe denMenschen, obder Geringschätzung der Thora!" 'onwiv die großen Lehrer der Mischna, zu deren Zeit sich das Lernen zu einer ungeahnten Blüte entfaltet hatte, hatten ein Ohr für diesen göttlichen Warnruf, und wir, die Urenkel, die jüdische Jugend des heutigen Deutschland, sollten ihm kein Gehör schenke n?! — *1 Wie man z. Zt. eine Aktion aller a'Xi' zum ^ckmk d-« N2V v ant 8. März 1928 Was im obigen vom Geschäftsmann gesagt ist, gilt im selben Maße für den jüdischen Akademiker, wenn sein Studium nur dem Zweck dient, sich eine einigermaßen sorgenlose Lebensstellung zu erarbeiten. Wenn jedoch das Studium nicht aus der bangen Sorge um eine gesicherte materielle Zukunft heraus geboren ist, wenn das Studium vielmehr Selbstzweck ist, einem Bildungsdrang und der Freude am Wissen entstammt und dar u m den Willen zum Lernen verdrängt, oder wenigstens kärglich abspeist, dann haben wir diese Zurücksetzung des Lernens von einem neuen Gesichtspunkt aus zu, betrachten, der uns manches Unbegreifliche verstehen, läßt. V e r st e h e n. heißt hier keineswegs verzeihen. Die wesentlichste Grundlage des Lernens ist - rrrmn npvrv die „L i e b e" zur Thora, die innige Verknüpfung des ganzen Gefühlsleb e n s mit dem Lernen, nv» uV ms min ."noYiKö" r^rr n»Tiö x'jpn.bx opsr» n^np nvnva Die Liebe zum Lernen, nicht zu verwechseln mit dem „W i l l e n" zum Lernen oder mit der F r e u d e a n d e n F e i n h e i t e n d e r talmudischen Dialektik, sondern die selbstlose, nicht auf materielle Vorteile^ausschauende mmn mnK' die viele Hunderte fleißiger Jeschiwabachurim hungern. und frieren kehrt, diese heiße hingebungsvolle Thoralieb e, die dem jungeü Menschen den verdienten Schlaf aus den müden Augen jagt und seinen Rücken vorzeitig krümmt, diese alle geistigen Anstrengungen spielend überwindende L ieb e zum Lernen des in bsr lass? rnaa? des lass? Vim m hu, die einen Chöfez Chajim nötigt, nach Mitternacht eigens in die Jeschiwo zu kommen, um die „Lernenden" zum Nachhausegehen und zur Schonung ihrer Gesundheit aufzufordern, ist bedingt von einer nia'an-Größe, von einer seltenen seelischen Ganzheit und entspringt dem urjüdischen Bewußtsein der ewigen Einheit von Gott, Israel und Thora. Schwache Funken dieser großen, heiligen Thoraliebe glimmen auch in unfern Herzen und warten mit Ungeduld auf uns, daß wir sie anfachen, warten auf uns, die jüdische Jugend bis heute noch — meist vergebens. Daß man Z. B. vor ca. drei Jahren auf dem Esratag in Göffenheim, nachdem ein ganzer Vormittag der Aussprache über das Lernen gewidmet war, nicht einmal den Mut oder die Energie aufbringen konnte, die von einigen Esräern vorgeschlagene Lern Pflicht stunde zum .bindenden Beschluß zu erheben, zeugt zur Genüge von dem erschreckenden Mangel an opferbereiter Liebe zum Lernen, auch unter den Vesten und Wertvollsten unsrer jüdischen Jugend. «Alan nehme für dich". Zu den die Satzung der navr« ms einleitender. Worten inp'i bemerken die Weisen im Midrasch: npn Dnmfci cmVa on „Dir seien die Gründe der „roten Kuh"-Satzung mitgeteilt, den Anderen bleibe sie eine dunkle Satzung. Wir erklären uns diese Midraschstelle in folgender Weise: Als Gott Moses nach Aegypten schickte und seinen göttlichen Namen in Hinblick auf spätere Golusleiden und Erlösungen mit " s bezeichnete, wandte Moses, nach bekannter Midrascherklärung, ein: rn-wa m ruiyen „Warum soll ich jetzt schon von späterem Leide sprechen? Lassen wir es vorerst genug sein mit der Not der Stunde in Mizrajim"; damit war 'n einverstanden. Moses sagt auch, da er Israel zukommt, nur 02'^rr 'ürt»» '•»ns- Nun liegt aber, nach talmudifcher Erklärung, im Kapitel der „roten Kuh" ebenfalls ein Hinweis auf alle späteren Golusz eiten bis zur Stunde der Erlösung. Nämlich: D-nxa v ms „die Kuh, es ist Aegypten" (Aegypten sah in Stier und Kuh Gottheiten), i>aa n nan* „die rote es ist Babel" (rot, blutfarben), n» y no’a;i „fehlerlos ist Medien" (vielleicht ein Kompliment für Persien-Medien, das uns den Tempel wiedergegeben hat), v' n m na p« „ohne Fehl, es ist Jawan" (wohl eine Bewertung des hellenischen Schönheitssinnes) rrb» rHs ab nws „die kein Joch trug, es ist Edom" (es ist damit die weltbezwingend römische Weltmacht gezeichnet, die alle Völker unterjocht, selber aber kein Joch duldet). Ist aber dem so, daß Moses mit den tieferen Gründen der „roten Kuh" ein Blick in die Leiden und die Erlösung der Zukunft gewährt ist, so muß dieses Wissen um die letzten Dinge, im Sinne der erstangeführten Midraschstelle, sein Geheimnis bleiben. Die Anderen erfahren zunächst nichts davon, ihnen bleibe das Wissen um spätere Leiden für Kinder und Kindeskinder erspart. Darum T»uw «für dich". Dir sei alles offenbart. d on den Anderen bleibe das Kapitel eine dunkle Satzung np-n Damit ließe sich auch eine Talmudstelle im Traktat „Rosch haschana" erklären: p ra rsr> nwaa niwirhnp wpa ' na» -i-T -wy> ainai mnxi „Koheleth wollte sich Moses gleichstellen, da rief die Gottesstimme: „Und geschrieben sind gerade die Worte der Wahrheit!" Wie soll denn, mit diesem Satze dem Ehrgeiz des Kohelets-Salomo, sich Moses gleichzustellen, entgegengewirkt, werden? Salomo wollte insofern zur Moseshöhe hinaufsteigen, als er gedachte, die tieferen Gründe der „Poro adumo" zu erfassen,, mußte aber zu seinem Schmerze erfahren,^ wie weit dieses Ziel seinem Blicke entrückt war ünd enttäuscht zugeben:'wo npim «'w naan«'m-ia«. Die Worte mum ns'iw mya ergeben in ihren Anfangsbuchstaben den Namen nwa- Nimmt man aber das vorhergehende Wort rr»v^ dazu, dann gewinnen wir ebenso die vier Buchstaben des Namens mbv. Vielleicht wollte nun Salomo, daraus gestützt, sich das Vorrecht des ersten Propheten bezüglich der Geheimnisse der „roten Kuh" anmaßen. Die Gottesstimme belehrt« ihn aber: ->wv>' na« 'iai- Nur in grober Richtung Owi?), d. h. in der gegebenen Reihenfolge gelten die Worte der Wahrheit. In der gegebenen Reihenfolge haben wir aber nur den Namen nvn, nicht den von nato- Kleines Feuilleton Zeitschriften. I. Das erste Doppelheft des fünfzehnten Jahrgangs von Wohlgemuths Jeschurun (Verlag des Jeschurun, Berlin N. 24, Preis 6 Mk. halbjährlich) zeichnet sich durch eine wohltuende Verbindung von Aktualität und wissenschaftlicher Zeitentrücktheit aus; neben gelehrten Historischen Aufsätzen (Fortsetzung der G r ü n b e r g - schen Arbeit über Ab wr ban e l als Exeget, Dr. S. I. Schulsohn über die Vertreibung der Juden aus der Bukowina 1774, Komposition der Responfen der Gaonen von Dr. E. Hildesheimer), wird dem literarischen Interesse durch eine Studie von Blau: „Aus Israel Zangwills letzter Schaffensperiode" und eine Reihe von Bücherbesprechungen Rechnung getragen. Eine wertvolle Ergänzung zu den auch im „Israelit" abgedrückten Ausführungen Joseph Earlebachs über den Synagogenchor bietet I. Jacobfens Abhandlung: „Musikalisches und religiöses Erlebnis". Carlebach selbst reitet in seiner temperamentvollen, oft geistsprühenden Art ein« scharfe Attacke gegen die Zersplitterung der jüdischen Großstadtbeoölkerung in kleine und kleinste Minjonim und tritt für die. das mm ny avu verwirklichende große ZmträlsynützoM die übrigens zu allen Tätzes-und Abendstunden für jedermann geöffnet sein Müßte, ein. Für Juristen und Talmudkenner bietet eine Studie von