Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Sette 2 Nr. 9 Der Israelit 1 Mürz 1928übten Kindermorden zu erzählen, berichtete allerlei Grauenerregendes über die „Geheimnisse der Juden", und die Folge war, daß sich die Gefängnisse von Witebsk immer mehr füllten. Unter Purim-Maske« aus Toronto«»« in New-Aork. den fragwürdigen Individuen, die Chowanski als Zeugen, herbeiholte, befand sich ein getaufter Jude, namens Grudfinski, der in seiner Geburtsstadt Babowno selbst einem Kindermord beigewohnt zu haben behauptete und dafür die „unwiderleglichsten Beweise" zu erbringen sich erbot. Alle diese Zeugenaussagen steigerten das Gewicht der Anklage. Die Beschuldigten wurden, entgegen der Anordnung aus Petersburg, schwer gefoltert, verharrten aber hartnäckig bei der Beteuerung ihrer Unschuld. Im Jahre 1830 hatte die Kommission ihre Untersuchung beendigt, und Chowanski schickte das Resultat, mit einem entsprechenden Kommentar versehen, nach Petersburg. Hier entdeckte man jedoch Ungehörigkeiten in der Untersuchung; auch die Folterung der Angeklagten blieb nicht unbekannt, und zudem setzte man Zweifel in die Glaubwürdigkeit der Zeugen, zumal der Terutiowa und des Grudfinski. Bei der Verhandlung vor dem Senat, die im Jahre 1831 begann, waren die Meinungen geteilt, und so zog sich die Sache bis 1835 hin, da der ganze Prozeß dem unter Vorsitz des Kaisers amtierenden Staatsrat (Gosudarny Sowjet) unterbreitet wurde. Die Untersuchung wurde von Neuem ausgenommen, und nun kam das ganze Gewebe von Tücken und Lügen an den Tag. Der Staatsrat entschied, daß die Anklage sich auf gänzlich unhaltbarem Grund aufbaüe, daß Untersucher und' Richter auf die Aussage durchaus unglaubwürdiger Personen hin ihr Urteil gefällt hatten, daß somit die ganze Beschuldigung in Nichts zerfalle. Am 18. Januar 1835 wurde das allerhöchste Urteil ausgefertigt, wonach allen Angeklagten, die nahezu neun Jahre unschuldig im Gefängnis geschmachtet hatten — viele waren inzwischen gestorben — sofort die Freiheit wiederzugeben sei. Die Terutiowa und ihre Genossinnen wurden nach Sibirien verschickt. Ueber den Renegaten Grudfinski, der, wie erwähnt, durch eine „selbsterlebte" Geschichte, die sich in seinem Geburtsstädtchen Babowno zugetragen haben sollte, die Beschuldigunggegen die Juden von Welisch bekräftigen wollte, erzählt das amtliche „Protokoll" Folgendes: „Im August 1827 meldete sich der Getaufte Grudfinski bei der Untersüchungskommission , und deponierte, daß ihm, als geborenem Juden, alle „Geheimnisse der Juden" bekannt seien, und daß er auf Tatsachen beru? hende Beweise in Händen habe, wonach die Juden sich des Blutes christlicher Kinder zu ihren Osterfeiertagen bedienen. Er erzählte, daß die Juden ein geheimgehaltenes. Buch haben, welches man „Rambam" nenne, worin genau die Vorschriften beim Kinderschlachten angegeben, alle hierzu nötigen Geräte und Instrumente abgebildet seien. Auch gab er an, daß er in seiner Kindheit die Abschlachtung eines Knaben mit eigenen Augen in dem Hause seiner Pflegeeltern gesehen habe, was er durch gewisse, noch heute m jenem, Hause befindliche Gegenstände beweisenkönne."' Das „Protokoll" erzählt dann kurz, datz Grudfinski in Begleitung'eines Polizeibeamten nach der entlegenen Stadt Babowno geschickt wurde, um die angegebenen Indizien herbeizuschaffen daß sich aber dort nach gründlicher Untersuchung herausstellte, daß die des Renegaten auf Lüge beruh- Grudsinski in seiner Jugend einen Angaben ten, daß Purim-Spieler im polnische« Städtchen. sehr Lebenswandel üblen Leumund führte und einen Als des fal- -ME Purim-Feier im Mittelalter (holländische Gravüre^. en Zeugnisses überführt, -wurde er auf direkten Befehl aus Petersburg am 26. lsch I dii März 1836 in die Militär-Straf-Compagnie gesteckt." Diese kurze, trockene Notiz des amtlichen „Protokolls" erfährt eine -intereffanet Beleuchtung und Erweiterung durch ein historisches Dokument, das sich im Besitze des Rabbiners W o lf T u r b o w i tz in Prozy (Gouv. Kowno) befand. Der genannte Rabbiner entstammte der Familie des Sabbath ai Turbowitz, eines der Hauptbeschuldigten im Prozeß von 7 Babowno^ und das mir von ihm zur Verfügung gestellte Dokument ist eine Art Familien-Chronik, die in rabbinischem Hebräisch abgefaßt und nach Art der biblischen Bücher in Verse geteilt, eine genaue, mit historischer Treue wiedergegebene Schilderung des ganzen auf die Verleumdung Grudsinskis hin entstandenen Prozesses enthält. Die merkwürdige Chronik hat folgenden Wortlaut: . Megillath. Sabäthai. 1. Es war in den Zeiten des-Kaisers Nikolaus, der über ganz Rußland/ Polen und andere Länder herrschte. In jenen, Zeiten war Chowanski Befehlshaber (General-Gubernator) in Witebsk. Die Stadt Welisch war ebenfalls Unter Chowanskis Oberhoheit. Da gingen einige gottlose Leute hin und erhoben gegen die Juden von Welisch und gegen alle anderen Juden die Beschuldigung, daß bei ihnen ein Gebot bestehe, in ihre Mazzoth Ehristenblut zu kneten. Und die Leute von Welisch seien die Mörder, die jedes Jahr einen Christen morden, das Blut aüffangen und den übrigen Juden verkaufen. Als diese fürchterliche Beschuldigung Chowanski zu Ohren kam, entflammte er^ in Zorn und Ingrimm gegen das Volk Gottes, am meisten aber zürnte er den Bewohnern von Welisch; er kam wutschnaubend dorthin, nahm die Häupterder Gemeinde gefangen, schlug sie in Fesseln und peinigte sie durch harte und bittere Marter. Unter den Beschuldigten war eine cm* gesehene und reiche Frau namens Rebekka^ die man anklagte,- als die erste an den Gemordeten Hand gelegt zu haben, und man peinigte sie am härtesten. Sogar Braut und' Bräutigam wurden unter dem Traubalda- - chin weggerissen und den Martern unterworfen. Alle ertrugen ihre Qualen mit großem Mut und legten kein falsches -Bekenntnis ab. Diese bittere Peinigung beschwichtigte aber nicht die Wut des grausamen Machthabers; er ließ alle Männer^ /- Frauen und Kinder ergreifen und in die ’ unterirdischen Räume des Gefängnisses wevfen, wo es von Ungeziefer und Ratten wimmelte, die das Fleisch der Gefangenem abfraßen und an ihren Gesichtern nagten; dort blieben sie sieben Jahre. Auch ließ er die Synagogen- und Lehrhäuser schließen und versiegeln volle sieben Jahre. 2. Cm Jehudi lebte in der Stadt Babowno im Gouvernement Minsk, , der hieß Sabbathai ben Jehuda den Meschulam aus der Familie Turbowitz. Sabbathai war angesehen und reich und sein Name iy der ganzen Gegend bekannt. Er war Eigentümer einer Fabrik von Wollstoffen. Einmalr blieb ihm viel von der Ware zurück, da reiste er nach Moskau; um seine Ware zu verkaufen. In seinem Haufe erzog er einen Knaben namens Feiwisch, eine vater- und mutterlose Waise, den er zu. sich nahm und unterrichten ließ; er blieb im Hause viele Jahre. Feiwisch wandelte schlechte Wegs^/da wies ihn Sabbathat zurecht; er gehorchte aber nicht und lieP sich, taufen, dan stahl er und raichte, wo er nur könnte. Erwurde^abgefaßt, in den Kerker zu Witebsk geworfen; dann,, als er herauskam, näherte er sich dem Chowanski: