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Der Israelit · 1928-03-01 · Heft 9 (1.3.1928) · page 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 9 (1.3.1928)
Date
1928-03-01
Page
– (sequence 17)
Language
German
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? P) /”/ / =A z' US c an eben {Illustrierte Beilage zum „ 0 sraetif : A Düs Purim von Babowno. (Hundert Jahve nach seiner Einsetzung.) Von Simon Dubnow. Der Ritualmord Prozeß von W e l i s ch (Gouvern. Witebsk), der sich von 1823 bis 1835, also nahezu zwölf Jahre, hinzog, gehört zu den fürchterlichsten und folgenschwersten seiner Art. Alte Leute aus den nördlichen Gegenden des „Ansiedelungsrayons" erinnnerten sich noch in den 90 er fahren der Einzelheiten dieser Gerichtsprozedur, die selbst in jener Schreckenszeit, da man an allerlei Verfolgungen und Bedrückungen härtester Art gewöhnt war, unter den Juden Rußlands Furcht und Aufregung hervorrief. Neun Jahre hindurch waren in der genannten Stadt über fünfzig Familien unter der Anklage wegen Kindermord im Gefängnisse. Linen ausführlichen Bericht über diese Vorgänge findet man in dem amtlichen „Protokoll über die Blutbeschuldigüng von Welisch", das auf Veranlassung der Regierung in wenigen Exemplaren gedruckt und den höchsten Staatsbeamten sowie den Mitgliedern bes Senats zugestellt wurde/ Dieses umfangreiche Buch enthält alle Verhandlungen, Zeugenaussagen, Dokumente und Untersuchungen; die Judenfeinde, die an der Aufrechterhaltung der Anklage großes Interesse hatten, schürten nach Kräften das Feuer und trachteten, von allen Seiten „Beweismaterial" herbeizuschaffen. Auch die Blutbeschuldigung von B a b o w n o (Gouv. Minsk) sollte eine willkommene Handhabe zur Bekräftigung der erhobenen Anschuldigung bieten. Diese Episode aus dem großen Welischer Prozesse, die gerade an einem Purim vor 100 Jahren glücklich endete und den Ausgang des Hauptprozesses beschleunigte, mag hier nach zeitgemäßen Dokumenten erzählt werden; zum richtigen Verständnis ist es jedoch nötige in kurzen Zügen den Verlauf des Hauptprozeffes zu schildern. Am, ersten griechischen Osterfeiertage wurde in Welisch ein kleiner Ehristenknabe, Sohn eines ausgedienten Soldaten namens Iwanow, vermißt. Sofort wurde das Gerücht geschäftig verbreitet, daß die Juden das Kind „zu rituellen Zwecken" gestohlen haben. Ein verrufenes Weib aus den niedrigsten Schichten der Landbevölkerung namens Terutiowa, sagte aus, daß der Knab im Keller eines gewissen Juden versteckt liege und bald geschlachtet werden würde. Ein „Zauberweib" aus der Umgegend „weissagte" in demselben Sinne. Zehn Tage später fand man die Leiche des Knaben in einem Sumpf außerhalb der Stadt; der Arzt konstatierte an den zahlreichen Wunden, daß das Kind nach schrecklichen Martern und Qualen getötet worden sei. Run wurden einige der ältesten Mitglieder der jüdischen Gemeinde unter der Bezichtigung, den „Ritualmord" ausgeführt oder veranlaßt zu haben, mitsamt ihren Familien in den Kerker geworfen. Die' genannten Weiber hielten nicht nur ihr „Zeugnis" aufrecht, sondern schmückten es noch mit allerlei gruseligen Erdichtungen aus. im, ’;Jr" / f Barmizrvoh-Knabe (nach einem Oelgemälde von Isidor Kaufmann) 1823 Der Haß des Pöbels wider die Juden nahm in bedrohlicher Weise zu; Streitigkeiten zwischen Juden und Christen hatte es dort stets gegeben, und einigen Rädelsführern, schien die Gelegenheit günstig, den Juden den Garaus zu machen. Im Verlauf der Untersuchung stellte sich heraus, daß jene Rädelsführer die Terutiowa Nn ddie „Zauberin" zur Ablegung ihrer Zeugenaussage bewogen hatten, daß die ganze Angelegenheit eine von langer Hand vorbereitete teuflische Machiyation war. Das Bezirksgericht fällte ein freisprechendes Urteil, das auch von der zweiten Instanz, dem Gerichtshof von Witebsk, im Jahr 1824 bestätigt wurde. Aber während die Juden sich rüsteten, Gott für dieses neue Wunder zu danken, waren ihre Feinde nicht müßig, und als im Winter 1825 Kaiser Alexander I. auf einer Reise nach Taganrog in Welisch Halt machte, veranlaßten sie die genannte Terutiow, dem Kaiser einen Protest gegen das freisprechende Urteil beider Instanzen zu überreichen, „da, wie doch allgemein bekannt sei, niemand anders als die Juden den Mord ausgeführt haben." Im Jahre 1826 wurde von Kaiser Nikolaus, der inzwischen den Thron bestiegen hatte, eine eigene Kommission unter dem Vorsitze des bekannten Judenhassers, General- Gouverneurs C h o w a n s k i, in Witebsk mit der Untersuchung der Angelegenheit betraut. Diese Untersuchungs- Kommission ging nun von der als sicher angenommenen Voraussetzung aus, daß die Juden schuldig seien, und sah ihre einzige Aufgabe darin, belastendes „Beweismaterial" herbeizuschaffen. Der ersten „Kronzeugin", schlossen sich noch zwei andere Weiber, namens Marinowa und Koslowskaja an, die die ungeheuerlichsten Dinge zusammenlogen und in ihrer teuflischen Gier, die Juden zu verderben, sich sogar zu dem „Geständnis" verstiegen, daß sie an der Mordtat, die auf Geheiß der Gemeindevorsteher in der Synagoge ausgesührt worden, selbst beteiligt gewesen, ferner daß sie von den Juden beredet worden seien, die jüdische Religion anzunehmen. Die Kommission nahm diese Aussagen für bare Münze und verordnete darauf, daß siebzig jüdische Familien von Welisch und Witebsk in den Kerker geworfen wurden. Von Petersburg kam der Befehl, alle Synagogen in Welisch zu schließen, die Juden zu überwachen, ihnen jede Zusammenkunft zu verbieten, und zu verhindern, daß sie sich mit den Inhaftierten ins Einvernehmen setzten. Im Jahre 1827 wurde der General-Gouverneur Chowanski beauftragt, die Untersuchung mit Strenge fortzusetzen und genauen Bericht nach Petersburg zu senden, die Angeklagten jedoch beim Verhör nicht durch Mittel der Gewalt zur Aussage zu zwingen- Die Kommission wurde durch neue, aus Petersburg und Witebsk beorderte Mitglieder verstärkt, und die Untersuchung nahm ungeheure Dimensionen an. Chowanski hatte sich verbürgt, den Wahrheitsbeweis für die Anschuldigung zu erbringen, und Lügen, welche seine Hnadlanger lieferten, als Aussagen „glaubwürdiger Personen" zu sammeln. Die Terutiowa wußte von immer neuen durch die Juden veraller

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