Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Ar. 9;'* 1928 heit, sich beim Waschen zu erkälten und ^ster- Mir war es nicht;um Lachen. Von S. AzchaKi. Meine erste Predigt. J Es sind wohl, dreißig Jahre her, ich war damals noch ein Jüngling mit oder ohne lockige Haare und „der Herr Lehrer" einer Zehnfamiliengemeinde in einem Dörfchen am linken Rheinufer/ das, nach irgend einer Volkszählung der letzten Jahrzehnte, aus 30 Achsen, 20 Gäulen, einer erklecklichen Anzahl von Borstentieren und Federvieh und ungefähr 300 Bauern sich zusammensetzte. . In meiner Schule führte ich den Kommandostab über. 5'Ä Kinder. Denn der „erste Vorstand" konnte auf Grund seiner hessisch bezirksamtlich festgelegten Autorität als erster Führer der Religionsgemeinschaft verlangen, daß auch sein d reij ä h r i g e s Kind, für das die Mutter daheim bei der vielen Haus- und Stallarbeit keine Zeit hatte, sich in der Unterrichtszeit in der Schule aufhalte. - '; " In der kleinen Synagoge - gab es am Sabbat Minjangottesdienst, auch am Freitag Abend. Aber der Sabbat kam Sommer wie Winter in diese Gemeinde erst um sieben Uhr abends, und zwar mit dem Zuge von W . . . angerückt. In W . . . war Freitag Fruchtmarkt, und die braven fleißigen Leute gehörten dort zum Marktbilde. Glockenschlag sieben, auch im Winter, kamen sie mit dem Nebenbähnchen von O . . . angefahren. Damit zog der Sabbat in der Dorfgemeinde ein. Keiner ging nach. Hause, ohne erst die kleine Synagoge auszusuchen. Und dann begann regelrecht der Freitagabend daheim mit allem, was dazu gehört. Alles gütige Zureden, doch einen früheren Zug für die Heimreise zu benutzen) verhallte. Für energischere Maßnahmen reichte die Autorität der 23 Jahre nicht aus. Aber der Parnes der Zehnfamiliengemeinde hatte doch etwas wie Großmannssucht. Wie wäre er sonst auf die, Idee gekommen, mir so um die Purimzeit etwa folgendes zu eröffnen: „Herr Lehrer, Sie werden uns am Peffach eine Predigt halten." Widerspruch schien bei der hessisch-bezirksamtlich fundierten Entschiedenheit im Tone des Gemeindegewaltigen von vornherein aussichtslos. Ich werde eine Predigt halten. Es war mir, als wäre ich plötzlich auserkoren worden, große Dinge zu vollbringen, Heilesbotschaften zu künden. Einen Glorienschein fühlte ich um meinen Köpf. Ich hätte mich gern im Spiegel besehen) leider besaß meine Amtswohnung, ein Zimmerchen* zwischen Schule und „Schul", ein solches Requisit menschsicher Hochkultur nicht. 5 Noch am gleichen Abend., schrieb ich nach Frankfurt. Alles bezieht man M Frankfurt, auch Heilesbotschaften, die man zu verkünden hat. Zwei Tage später brachte mir der Postbote, der e i n mal tägliche von weither kommend, durch das Dorf stapfte, das sauber verpackte Predigkenbuch von der Frankfurter Buchhandlung. Ich blätterte herum. Da war eine für Peffach, und sie begann mit den schönen Worten: „In herrlichstem Sonnenglanz prangt die Welt, blühende duftende Pracht ringsherum." Herrlich! Sofort setzte ich mich hin und schrieb in einer Tour die ganze Predigt ab. Es war leichter, aus eigenem Manuskripte zu memorieren. Und nun an die eigentliche Arbeit. Ich lernte auswendig, lernte und lernte, und haste ich einen der krausen, bombastischen Sätze glücklich im Kopfe, entschlüpfte der andere, wie ein Ball.- Eine Härte Arbeit begann. In den nächsten Tagen und Wochen ging ich ganz iiM-mich versunken dahersah nichts und hörte nichts, In meinem Köpfe rumorte es nur: „Im herrlichen Sönnenglanz prangt' die Welt, blühende duftende Pracht"- Hali nein,>--duftende blühende Pracht überall rings umher", oder warte, „überall" stand, glaube ich, nicht drin. Ich merkte nicht, daß einige Leute 'mir sorgenvoll und bedenklich nachsahen. Der Schlaf war meinen Augen gewichen. Misten' aus derst Schlummer erwachte ich unter schwerem Albdruck und schrie in die Nacht: „Im herrlichen Sonnenglanz usw." Nachbaren beschwerten sich. Aber ich sah und hörte, nichts. Mem väterlicher Freund, der „erste Vorstand", meinte nur so von ungefähr: „Herr Lehrer, der Doktor von O . . ist heute gerade hier, wie wäre es, wenn ." Meine Antwort lautete: „Im herrlichsten Sonnenglanz erstrahlt die Welt usw." Da kam das Unheil, plötzlich unvermittelt, von oben. Etwa acht Tage vor dem Feste, ich hatte endlich die fürchterlichen Sätze im Kopfe beisammen und so festgenagelt, daß sie nicht mehr rutschen und durcheinanderkommen konnten, da setzten Regenschauer und Gestöber und Schneewirbel, verbunden mit Hagel, ein. Die Winde, heulten, als hätte sich der Winter noch einmal auf die Hinterfüße gestemmt. Es war gräßlich, mitten in den Schneesturm Tag und Nacht, hineinzudenken und zu reden: „Im herrlichsten Sönnenglanz erstrahlt die Welt, blühende, duftende Pracht rings umher!" Ich ging versunken,, verzweifelt umher, erkundigte mich bei den Bauern über die Wetteraussichten. Sie spotteten: ..Haben Sie ihren Sommerweizen schon gesät, Herr Lehrer?" Ich ging zu Jochem, dem Schäfer, der alles wußte, und in Wettersachen ein wahrer Prophet war, hinaus. „Höret Jochem," sagte, ja flehte ich, ..wie wird wohl am nächsten Dienstag früh das Wetter sein?" Jochem nahm eine Prise, hob den Arm aus dem uralten zerfetzten Havelock zur Hohe, sah sehr bedeutungsvoll zum Himmel hinauf, suchte prüfenden Auges den Horizont ab und .sprach endlich die weisetz Worte: „Jo, Herr Lehrer, am künftige Dienstag. Kann ich Ihn scho sage. Wenns do n i ch t regnet^ dann gibts schönsten Sonnenschei ..." Nun kam der Vorabend der großen Ereignisse. Regen und Schnee hatten nachgelassen, aber der Himmel sah nicht geheuer aus. Ich verbrachte eine schlaflose Nacht und meine Augen hingen an den verdächtigen Wolkenrissen. Ein trüber Morgen kam, aber es regnete nicht. Dem Himmel sei es gedankt. . Die Gemeinde ist versammelt. Der Gottes-. “ geht ordnungsmäßig vor.sich. Die Thora Weingehoben. Ich stebe mit dem- Gesichtestzur Gemeinde gewendet und denke mst die 'KaDel) die hje'Synagoge nicht besitzt, hinzu. Würste KanM mssiN es Leb ens. Ein Erkoren er. 5 Ich steh e noch Einmal-: verdächtig und mißtrauisch! müdest schlechtgeputzten Fensterscheiben hinckus. 'Di^ Gemeinde räuspert sich, setzt sich, ist gespannt. Einer hustet. Todesstille. Ich schieße los: ..Im herrlichsten Sönnenglanz prangt die Welt, blühende, duftende Pracht. . ." , t Da prasselt es urplötzlich von oben herab.daß unsere ganze Schul zu wackeln beginnt, Schnee und Sturm und Hagel schlägt an die Fenster. In diesem Getöse der Elemente gehen meine weiteren Worte unter. ■ vr Im Heulen des Windes und den Geräuschen des Schneegestöbers geht auck das laute Lachen aller zehn Mitglieder unter. Es scheint tftft aussichtslos, noch weiter gegen das böse Element zu kämvfen. , v Die weitere Stimmung in der Schul-kann ich nicht beobachten, denn ich stehe nun, den Rücken der Gemeinde zugekehrt, und trage kleinlaut: düs Muffafgebet vor. And dann Re erste Leichenrede. Nach einem halben Jahre begeht die 87jährige Mutter, unseres ^ersten Vorstandes die Durstmben. Herr H ... ist sehr gerührt und eröffnet mir, daß man nicht den Herrn Rabbiner von der entfernten Stadt herbemühen könnte. Es sei auch vonwegen der Kosten. I ch hätte die Leichenrede zu halten. Ich nehme mir fest vor, unter k e i n e n U mst ä n d e n v 0 m W etter zu sprechen. Aber man sieht, nicht allein der Himmel, auch die Erde und besonders so ein Bauernhof hat seine Tücken. Der kleine Friedhof liegt auf einem Hügel weit vom Dorfe entfernt, so wird die Trauerfeier im Hofe des Sterbehauses Unter freiem Himmel abgehalten. Sämtliche Bauern des Dorfes ohne Unterschied der Konfession sind mit ihren Frauen versammelt. Die Bauerncchaben Röcke und Zilinder auf in allen Variationen, wie sie die Welt seit Ludwig XIV. kannte, hohe, langgezogene, mit und ohne Band. Manche sehen aus wie die schwarzen Haare einer entrüsteten Katze und alle sind sie stark zerbeult. Die Bauernfrauen haben schwarze Tücher um die Schultern. Alle Männer wie Frauen haben, obwohl jetzt, wo sie es nicht nötig hätte, wie zum Trotze gerade „die Welt im herrlichsten Sonnenschein prangt", ihre großen dickbauchig gerollten Schirme in der Hand, den Griff nach unten, die Spitze nach oben. Es herrscht ungeheure Feierlichkeit im Hofe. Ich stehe im viel zu weiten und zu langen Talar (der Herr Vorstand war der Meinung, daß man für diesen Anlaß, an dem das ganze Dorf teilnahm, einen Talar nötig hätte, und so borgte ich mir ihn von dem viel größer gewachsenen Kollegen in der Nachbargemeinde) vor der Bahre, die mit schwarzem Tuch bedeckt ist. .Es war eine brave fleißige Fraü, und ich fange an, in wohlgesetzten Worten ihre Tugenden Zupreisen. Einige Bauersfrauen halten mit der Rechten ihre Schürze bereit, für den Fall, daß es zu Tränen kommen sollte. Ich bin überwältigt von der Situation und meinen eigenen Worten. Da . . . das Unheil schreitet schnell. Im Hühnerstall direkt neben der Bahre regt sich etwas mit großem Getöse. Ein ganz und gar pietätsloser Gockelhahn mit wunderschöner Schwanzfeder (nicht einmal schwarz trägt sich der Kerl für diesen traurigen Anlaß) flattert mit großem Gegacker und Geknatter heraus, fliegt, verwundert über das ungewohnte schwarze Massenbild im Hof, ein paarmal in geringer Höhe herum, schlägt ein elegantes Rad und setzt sich mitten auf die Bahre. Just im Momente, da ich von der ungeheuren Frömmigkeit und; Wohltätigkeit dieses Biederweibes in bewegtest Worten rede. Die Situation wird kritisch. Auf leise Winke geht Herr Hahn nicht ein. Er hebt den spitzen Schnabel, schließt die Augen und flattert mit den Flügeln. Ich . bin vollkommen verwirrt, gerate aus dem Konzepte, sehe zum frechen Eindringling hin und stottere unzusammenhängende Myrte. Ein leises unterdrücktes Kichern macht sich in einer Ecke bemerkbar. Ein älterer Bauer sucht leise und vorsichtig seine Fühler auszustrecken und giekst so ein wenig Mit der Schirmspitze nach der prachtvollen Schwanzfeder. Alles Interesse.ist jetzt auf dieser einen Punkt konzentriert. Er scheint es zu wissen, denn nun schlägt er selbstbewußt noch einmal mit den Flügeln, öffnet das Auge, um es gleich wieder zu schließen und gibt einen Ton von sich, der sich wie ein dreifaches donnerndes Kikiriki anhört. Mein Konzept ist kreuz und quer und mittendrin durchschnitten.; Mit dem Humor und -der Geistesgegenwart, die man später im Lebest leMen mußte und die ich damals noch nicht besaEhätte ich vielleicht an diesen Zwischenfall anknüpfen können, etwa von „der trauernden Kreatur um die gute Frau, die eine liebevolle Hühnermutter war", . gesprochen. Was ich d amals tat, war aber möglicherweise Noch richtiger: Unmittelbar nach dem K i k i r i k i MiZSi