Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14 Nr. 9 sagte ich zur größten Bestürzung aller und nicht zuletzt meiner eigenen Person: „Und in diesem Sinne ziehe in Frieden, teuere Mitschwester, Du bist erlöst!" Auch ich war erlöst, auch die „hochgeachtete Trauergemeinde". . Ein Lernkaddisch. Es war Schemini Azereth und die Herbstsonne schien so hell und so warm, daß wir den Gottesdienst in der Zehnfamiliengemeinde bei offenem Fenster abhielten. Die Andacht war zu Ende. Ich nahm mir, wie üblich, eine Mischna aus dem Perek vor, um zum Schluffe noch etwas vorzMren. Menkes Gabriel war Owel und wartete auf das Lernkäddifch. Ich fing an: Akabia, der Sohn Mahalales spricht: Schaue auf drei Dinge ——-" Da schellt es wütend vor dem offenen Fenster, und unmittelbar darauf die stoßenden Rufe des Gemeindedieners in feinem dröhnenden Baß: „Heute nachmittag! Drei Uhr! Versteigerung! Bei Christian Kaspar! Im Gasthaus zur Krone! Drei Kälber! Fünf Sch ... .! Eine Fuhre Heu! Einige Morgen Land! Verschiedener Hausrat!" Mit dem Lernen war es aus. Alle Ohren waren gespitzt und zum Fenster hinaus gerichtet. Nicht mehr Akabia, der Sohn Mahalales mit seinen „drei Dingen" hatte das Wort, sondern der Polizeidiener mit seinen Kälbern, Ziegen usw. Und wie der Polizeidiener mit seiner Litanei fertig ist und klingelnd die Straße weiterschreitet, setzt Menkes Gabriel ein: „Jisgadal Wejiskaddasch!" Jüdischer Mh. Der jüdische Witz ist scharf und beißend, verschont keinen Stand und keine Schicht, vom Handwerker, Fuhrmann bis zum ersten Rabbiner. Der Jude lacht auch aus der Armut heraus über feine Armut, er spottet seiner Leiden und findet darin den schönsten Trost. Einige Beispiele, ältere und neuere, werden am Tage, da der jüdische Frohsinn sein Fest feiert, willkommen sein. I. NotundArmut. Man fragt einen Juden, welche Sidrah gehe. „Viele", lautet die Antwort. „Gehe ich morgens auf den Handel, dann habe ich die Sidra „Ki seze lamilchomoh". Im Geschäfte selbst ist „Nizowim", alles steht. Meine Frau lernt „Eleh Tauldaus", meine Gläubiger lernen mit mir „Mischpotim" und wenn es so weiter geht, bin ich bald an „Wajeschew" ... Man fragt einen Wanderarmen, wo er her sei. „Aus Gauslau", lautet feine Antwort. „Wo liegt das?" „In Nifchmas". Da heißt es nämlich: „Oni weewjaun migauslau." * * „Mit meinen Geschäften", klagt ein anderer lachend, „geht es genau wie mit dem Ome.r- Zählen. Je mehr ich zähle, um so weniger bleibt mir." * * „Habt ihr unseren Chasen gehört? Wenn der am heiligen Tage, sein „Hineni heoni!" hinaussingt, dann dröhnt, die ganze Schul." „Kunststück" erwidert der andere, „wenn ich morgen mein „H i n n e n i h e o n i!" Hinausruse, dann erzittern die Banken auf weite Meilen hinaus." Beim Chasfidimrabbi beklagt sich ein armer Mann, daß er, der. Rabbi, den reichen Besuchern viel mehr Zeit widme,' als den armen. .. „Unsinn", sagt der Rabbi, „der „reiche Mann" muß eine Stunde lang reden, bis ich erfahre, daß er ein Schnorrer ist wie du; von dir weiß ich es, sobald ich dich nur sehr und du den Mund auftust." * * Der 3« toeli t Schmaje, der Melamed, sieht mit schweren Sorgen den Peßachtagen entgegen. Er hat zwar fast reinen Bissen Chomez mehr im Hause, aber leider auch kein Stückchen Mazzo und was sonst noch zu den Festtagen gehört. In seiner Verzweiflung schreibt er seine Rot auf einen Zettel, den er, an „Ribbaunau schel Äulom" (Herrn, der Welt) adressiert, in die Luft hinaüsschickt. Ein glücklicher Wind trägt den Zettel ins Bankhaus des Baron Rothschild. Ihm gefällt die Sache und er überweist Schmaje, dem Melamed 50 Gulden, „im Aufträge des Ribaunau schel Aulom", an den er sich gewendet hätte. „Wir wollen uns doch bei Rothschild bedanken", meinte der Melamed. Sie aber, die Gattin, nicht von der besten Art, zetert: „Was, noch bedanken? Weißt du denn, was die Rothschilds bei diesem Vermittlungsgeschäft für sich eingesteckt haben?" * * * Der schönbärtige Wanderarme wird von dem reichsten Mann im Städtchen am Freitag abend Mit zu Tisch genommen. Nach dem Essen bittet der Hausherr den Gast, doch etwas aus der Thora zu erklären. „Ich kann nicht lernen", gesteht er bescheiden ein. „Aber Sie haben doch einen so wunderschönen Bart." „Ist kein Lernbart, es ist nur ein Schnorrbart." * * . . * Die jüdische Armut, von fröhlichem Humor überstrahlt, hat ihre Schrecken verloren. Not lehrt nicht nur beten, sondern auch lachen.. Und Lachen ist nicht Leichtsinn, sondern Geringschätzung von Dingen, die andere allzu ernst nehmen, es führt zu Vertrauen. Man fragte einen gelehrten, stets heiteren Mann, wovon er lebe, da er doch so wenig verdiene. „Von den zwei K i h e n", gab er zurück. „Kühe? Ihr habt ja gar reinen Stall." „Meine Kühe stehen nicht im Stall, sondern in T i l l i m , nämlich „K i wau jismach libenu", „k i wefchem kodfchau botochnu". II. Von Händlern und Handwerkern. Jankel kaufte sich eine Taschenuhr bei Schemuel, dem Uhrmacher. Kaum war er mit seinem Schatz auf der Straße, da stand schon die Uhr still. Er bringt sie dem Uhrmacher wieder. Dieser schüttelt sie ein wenig und sie geht. Nach einer Stunde kommt Jankel wieder. Sie steht. Der Uhrmacher schüttelt, die Rädchen arbeiten wieder. Wie nun Jankel zum dritten Male nach einer Stunde mit der Uhr kommt und Schmuel sich wieder ans Schütteln macht, da reißt Jankel der Geduldfaden und er schreit: „Hab ich denn eigentlich ein Lulow gekauft oder eine Uhr?" * Sehr schlimm geht der jüdische Witz mit den Baal Hoagolaus, den Fuhrleuten, um. Eisik, der Fuhrmann, pflegte seinen Passagieren einzuschärfen: „Geht der Wagen bergauf, so ist es eine Tierquälerei, auf dem Wagen zu sitzen, geht er aber b e r g a b, so ist es schon direkt lebensgefährlich. Ist der Weg eben, dann ist es wahrlich ein Vergnügen, spazieren zu gehen. . - ... . „Und wann _ sollen wir auf dem Wagen bleiben?" „Wenn die. Pferde futtern!" "* * . Eisik ist auch ein Thoragelehrter. Bricht ihm mitten auf dem Wege ein Rad, dan lernt ex ein „Kalwechomer". Fährt doch ein S ch l i.t t e n ganz ohne Räder, um wieviel mehr müßte der Wagen mit d r e i Rädern fahren." __ 1 März 1928 Von seinen beiden Kleppern, deren einer nicht vom Fleck kommt, indes der andere die Gewohnheit hat, sich mitten auf der Landstraße zur Ruhe auszustrecken, sagt er: Der eine lernt „Jehoreg weal jawaur", der andere ist der Meinung: „Schew weal taffe odif". Man bestellt Eisik, daß er am Sonntag mit seinem Wagen erscheine, und er kommt glücklich am. Donnerstag früh. Auf Vorhaltungen-sagt er seelenruhig: „Wenn Ihr Sonntag sagt, so meint ihr doch sicherlich nicht Montag, sondern erst Dienstag", nun bin ich statt Mittwoch Donnerstag gekommen. Muß man wegen der Verspätung von einem Tage soviel Geschrei machen!" ' * Eisik> der Fuhrmann, fragt den Rabbi, den er fahren darf, wozu man eitzentlich^z w e i Erlöser brauche, einen Moschiach ben Jossef und einen Moschiach ben Dowid. Darauf der Rabbi prompt: „Der eine erlöst uns vom Goles, der andere von den Baaleagoles (Fuhrleuten)." * " Eisik weiß sich auch sonst zu helfen und nimmt es oft in der gelehrten Diskussion mit Rabbinern auf. Einmal wurde er vom Kaufmann im Städtchen zu kalter Winterzeit bei sehr schlechten Wegen für einen Warentransport nach Kowno gemietet. Der Kaufmann selbst machte den beschwerlichen Weg, eine ganze Tagesreise, mit. Schon bei der ersten Station macht Eisik halt. Er fahre für den Preis nicht weiter. Der Kaufmann Muß nachgeben und den Preis erhöhen, um vorwärts zu kommen. Auf der zweiten und dritten Station die gleiche Geschichte, und der Kaufmann muß immer klein beigeben. In einem Städtchen, so um die Mitte des Weges, verlangt Eisik weiteren Aufschlag, der Kaufmann weigert sich, der Konflikt verschärft sich und beide erscheinen vor dem Ortsrabbiner, daß er den Streit entscheide. Der Rabbi untersucht die Angelegenheit und entscheidet zu Gunsten des Kaufmannes. Der Fuhrmann fei an seine Abmachung gebunden, um so mehr als er bereits wiederholt kleine Zulagen erhalten hatte. Eisik, der Fuhrmann wagt nicht, dem Rabbi zu widersprechen, aber eine kleine bescheidene Frage möchte er sich doch gestatten. Der Rabbi möchte es ihm doch nicht verübeln und ihm sagen, wo er diese Entscheidung her hätte. „Hier aus dem Schulchan Oruch", wies der Rabbi auf den Folianten. „Und der Schulchan Oruch, wer hat es ihm gesagt?" Etwas gekränkt und gereizt belehrte ihn der Rabbi, daß sich der Schulchan Oruch auf frühere Dezisoren und auf den Talmud gründe. „Und der Talmud?" Betroffen sieht der Rabbi dem Fuhrmann.ins Gesicht und sagt verweisend: „Der Talmud ist die mündliche Lehre, und diese ist die Fortsetzung der schriftlichen Lehre, die Erklärung des Poffuk in der Thora." Und der Rabbi liest ihm die Sätze aus „Mischpotim" und anderen Teilen der Schrift vor, die gemahnen, sich an die Wahrheit zu halten, Abkommen einzuhalten usw. Eisik, der Fuhrmann ist jetzt scheinbar vollkommen befriedigt, aber noch eine kleine Frage drückt ihn, sie muß heraus: „Verzeihet Rebbe, wann ist die heilige Thora gegeben worden?" „Wann? Das sollte auch ein Fuhrmann wissen, am sechsten Siwan." „Da haben wir es doch, guter Rabbi," platzt Eisik. triumphierend heraus. „Am sechsten Siwan, am Schwuaus, mitten im schönsten Sommer„.dü alle Wege eben und trocken sind. Aber nun ist Win t e r, die Wege sind verschneit und vereist, daß man nicht vom Flecke kommt. Im Winter fahre ich um den Preis nicht." Und dabei blieb es.