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Der Israelit · 1928-03-01 · Heft 9 (1.3.1928) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 9 (1.3.1928)
Date
1928-03-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Feuilleton Beilaae 9 Feuerzeichen. Hin HHetto-Iioma« von S. Schachnowitz. (Fortsetzung.) Mosche Meier Kamenker hatte endlich seinen Gnomenbart gereinigt, seine Hände erwärmt. Er saß zusammengekauert am Kamine wie ein Kobold, eben aus dem Schornsteine gekrochen. Sein runzeliges, volles und an einigen Stellen narbiges Gesicht flammte. Er kam jetzt in Bewegung. Seine blecherne Stimme schien Wortbruchstücke, aus verschiedenen Ecken hervorgeholt, zu Sätzen zusammenzulöten. „So ists, Reb Arje Löb, und nicht anders, wir haben Euch gesucht und gefunden. Ihr wäret unser Mann, Ihr könntet uns helfen, wie keiner sonst. Ihr mit Euren.Papieren und Eurem Namen. Alle Türen öffnen sich Euch, alle Ohren und alle Herzen gehen weit auf, wenn Ihr redet. Naftali Hakohen ist hinter Euch. Von Posen und Frankfurt aus wird Euer Kommen gemeldet, wie das eines Boten der Erlösung — Mosche Meier streckte ihm lockend und werbend die Hände entgegen', und seine Augen blitzten — nehmet Euch unserer Sache an. Helfet uns! Erlösung liegt in Euren Händen. Oeffnet sie und reicht sie denen, die darum flehen und zittern . . Mosche Meier wand sich wie im Krampfe. Arje Löb war es bange zu Mute. Was wollte dieser sonderbare Mensch von ihm? Was für ein fremdes kaltes Feuer schlug aus seinen Augen, seiner Seele, die er nicht kannte. Er sah fragend zu Grünhut hin. Dieser hatte die Bartspitze zwischen den Zähnen, und sein Gesicht war steif und stumm, wie versteinert. Einfach und sachlich warf Arje Löb ein: „Ich habe mancherlei Aufträge, von Posen und Frankfurt und habe sie, so weit meine Kraft reicht, mit Hilfe Gottes, der sein Volk nicht verläßt, ausgeführt. Manch wackerer Mann, der feine Tat für seine Brüder mit Kerker büßte, erhielt die Freiheit. In Wilna sind Bethäuser und Friedhof wieder freigegeben. Die. Erlösung kann Gott allein'durch . seine Erkorenen, durch Elijahu und Moschiach, bringen." Mosche Meier hörte und begriff die Worte in ihrem Zusammenhänge kaum. Nur die letzten Namen hörte er und sie entzündeten seine Leidenschaft von neuem. „Elijahu, Moschiach, sie waren da, und sin d da. Wenn w i r wollen. Ihr, Arje Löb, könnt ein Elijahu, Moschiachs Schrittmacher sein, eines Moschiach, der als „Malko kaddischo" schon auf Erden war, auf Geheiß des „Sowo kaddischo" in der Maske eines Jsmyeliten zurücktrat und nun wieder seinem Volke erscheint und seine Boten und Künder sucht." Mosche Meier sprach eingeübte Worte, aber -gleichwohl in Verzückung, das Auge starr ins Leere gerichtet. Arje Löb erschrak. Was wollte er-mit dem Messias, der da war und wieder kommt? Solche Sprache war draußen außerhalb der Judengassen, wo die Kirchen standen und die Glocken zu Prozessionen läuteten, oft zu hören. Aber wohin wollte der kleine bärtige polnische Jude damit; was war das mit dem in der Jsmaelsgestalt? Arje Löb war so viel und so weit vom Zentrum des jüdischen Innenlebens weg und hatte so sehr mit seiner Mission nach außen zu tun, daß ihm die Strömungen, die. die Judenheit bewegten, nicht in allen Teilen bekannt waren. Mosche Meier wartete, hörte keine Abweisung, sah nur Staunen, aber keine, Empörung, und er bekam Mut, wurde offener und deutlicher. Er näselte mit brüchiger Stimme Worte aus dem Hohenlieds und kam in die lieblich sehnsuchtsvolle Melodie, die der Osten für dieses heiligste der Lieder hat: „Es gleicht mein Geliebter einem Zewi oder der Hindin — — Meine Seele ging aus, da ich redete, Ich suchte ihn und fand ihn nicht, Ich rief ihn an, er antwortete nicht — — —" Aber, siehe, er steht hinter der Mauer, Schaut durch die Fenster, guckt durch die Ritzen"> ' Er, der Zewi Israels . . ." Verständnislos stand Arje- Löb eine Weile da, wie betäubt. Grünhut tat nicht den Bart aus dem Munde, als fürchtete er, dem Worte freien Lauf zu lassen. Dann griff, sich Arje . Löb an den Kopf, er entsann sich auf etwas und wußte nun alles. Er trat ein paar^Schritte zurück und spie aus. „Ein Ketzer! Der Verführer! Sabbatäer. Und ich dachte, der Spuk sei längst gewichen!" Er wandte sich ab, um dem kleinen zappeligen Mann am Kamin nicht ins Gesicht zu sehen. Dieser, gewöhnt an solche Ausbrüche, gewissermaßen in Erwartung derselben, blieb, ruhig, unberührt. Er sprach, wie aus einem Rausche erwachend, trocken, nüchtern, ein wenig väterlich zurechtweisend: - „Was Euch ein Spuk erscheint, junger Freund, ist himmlische Wahrheit und verschwindet so wenig, wie die Sonne, die von Wolken bedeckt ist. Die Wolken vergehen, die Sonne bleibt — und leuchtet. Kommt zu uns mit der Kraft, die Euch Gott und Menschen gegeben, und Ihr vollbringt ganze Arbeit. Was nutzt die Arbeit da und dort,' wenn das Ganze krank, das Herz siech ist? Ihr bringt Hilfeden Beinen, den Händenden Augen und wißt nicht, daß die Krankheit im Herzen sitzt. Die Erlösung ist nahe,, sie ruft auch Euch! . Und ist sie da, dann ist aller Not ein Ende bereitet und Eure Hilfsarbeit da und dort von Ueberfluß."; „Ein Ketzer, ein jüdischer Ketzer, und ich mag nicht mit Euch ferner verhandeln, mag euch nicht mit Euch zusammenhausen, nicht eine einzige Nacht." Arje Löb stürzte an die Türe, doch ttat chm Mosche Meier behende in den Weg. „Nein, nicht Ihrich will für heute hinaus und in-der Schankstube nächtigen, und morgen reden wir wieder. Ist schon so manches Saatkorn in harten schwarzen Boden gefallen, dys. erst später ans Licht kam.. Scheint die Morgensonne, dann sieht die Welt anders aus." Erst-jetzt, nachdem Mosche Meiergegangen war, nahm Grünhut die Barthaare '-aus dem Munde und sein Gesicht erwachte aus der Versteinerung, bekam Leben, aber noch schwieg der Mund. „Und Ihr", fragte Arje Löb, »reiset zusammen mit diesem Ketzer und Verführer! Ihr seid wohl eines Sinnes mit ihm?" Grünhut schüttelte stark verneinend den Kopf. „Nicht im geringsten, aber ich kenne diese N a r r e n und nehme sie als das, was sie sind, darum vermögen sie Mich nicht zu erregen." „Aber Ihr habt doch den gleichen7Weg!" „Nicht ganz", erwiderte Grünhut bedeutsam, „es hat seine Gründe, daß ich mit diesem Manne, zusammentraf und ein Wegestück mit ihm zusammen gehe. Meine Ziele-sind andere, g a nz ander e." Und Grünhut hielt einen reichlich verworrenen Vortrag über weitgehende Pläne, die ihn in die Welt hinausführten. Alle, Rabbi Naftali, Schotten und viele andere, in Frankfurt, Berlin und Posen, billigten seine Pläne, unterstützten und förderten sie. — Schade nur, daß er die Papiere gerade nicht hatte. Und auch Arje Löb würde sich seinem Werke nicht verschließen. Was Mosche Meier Kamenker und Freunde wollten, urteilte Grünhutwar frömmer Schwindel, wenn nicht Schlimmeres, und die Empörung Arje Löbs war schon recht und am Platze. Aber er, Düwid Grünhut, wollte was anderes, eine wahrhaft g e i st i g e Erlösung und die Welt würde aufhorchen und aufatmen. . . Eine spätere Geschichte würde an seinen Namen, an den des Dawid ben Mosche Grünhut, anknüpfen... Was wollte er? Darüber ließe sich viel viel reden, und eine Nacht würde nicht ausreichen. Einig beit und V er einigüng aller G egen sä tze wollte er. Darüber hatte er ein großes Buch geschrieben und nunmehr mußten die Ideen ins Werk gesetzt werden. „Welche Einigkeit, welche Gegensätze?" Viel zu sagen darüber. Erst die Gegensätze zwischen unten-und oben, rechts und links, den oberen und niederen Sphären und allen Teilen im Weltenraum, Harmonie zwischen Kabbalah und Wortsinn in der Lehre. Auch der Wahnwitz der Sabbatäer kann in dieses große Einheitsbild eingereiht werden und findet dort seinen Platz. Ist dies geglückt, dann geht es weiter. Er hatte die große Synthese gefunden zwischen Religionen und Völkern, zwischen Gott und Mensch. Sein Werk darüber müßte er, Arje Löb, sehen — schade, daß das Manuskript ebenfalls tief zu unterst im Ranzen lag. — Und die Approbationen von Rabbi Naftali Hakohen und Schmuel Schotten. Und erst die Nichtjuden! Leibnitz, Wägenseil! Die machten Augen. Sein engster Freund,. Johann Jakob Schudt, Der? sicherte, die Namen aller Religionsstifter Mit Buddha und dem Nazarener, würden vor dMm seinigen verblassen! Er redete und redete, wie aus einer losgelassenen Schleuse ergoß sich der Redestrom aus seinm Munde. Die Harmonisierung) der Welt und der Ideen hatte er von Leibnitz, der Redeschwall war s e i n Eigentum. Er redete noch als die Schlafbänke schon aufgeklappt Maren-und Arje Löb die Augenlider zugingen. Dieser stand zu fern all diesen Dingen, um sie geordnet aufzünehmen oder wirksam abzuwehren. — Es war schon Heller Tag, als Arje *ööb erwachte. Die 'Schlafbank gegenüber war l e e r. Er zog sich an, griff an die Brieftasche im Rock und tat einen gellenden Schrei. Die Tasche war leer, alles Geld und sämtliche Papiere, Pässe, Empfehlungen und Legitimationen waren weg. Er suchte im Bette, im Zimmers Herum; nirgends eine Spur von alldem. Er. ging an seinen Ranzen, obwohl er sicher Äsißte,' die Papiere bei sich gehabt zu haben,;PaÄhbeutel und einige alte Bücher lagen darin, alle Dinge von Wert und auch bessere Kleider waren fort. Er schlug Lärm. Benze Leib kam. Auch seine Frau und Nöchum Berke, der Sohn. Alle Schlafenden in der großen Schankstube würden aus dem Schlafe gescheucht. Auch Mosche Meier Kamenker war fort. Keiner hatte ihn gesehen, keiner wußte, wann und wohin er gegangen war. - Benze Leib und Sohn schrien und ballten die Fäuste. Die ^Menschen in der Gaststube schworen alle, nichts gesehen noch gehört zu haben. Trostlos und zerschlagen.stand Arje Löb da, ohne. Geld und ohne Papiere. Noch konnte er es nicht fassen, .keine-Pläne machen. Eines stand mit unerbittlicher grausamer Klarheit fest: Etwas Ungeheuerliches war eingetreten, um ihm den süßen Löhn schwerer Arbeit im letzten Augenblicke zu entwinden, etwas Dämonisches war ihm in den Weg gehuscht. und das heimische Glück, das schon sö greifbar mähe schien,^ in unbestimmte Ferne gerückt. Das Mißgeschick war so groß Und betäubend, daß er im Momente an die Menschen, die es herbeigeführt,' gär,nicht klar ZU denken vermochte. Grünhüt, Mosche Meier. Die Namen woben sich unbestimmt in seine verworrenen Gedankenrisse ein, ohne daß sie sie beherrschen konnten. (Fortsetzung folgt.)

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