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Der Israelit · 1928-02-23 · Heft 8 (23.2.1928) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 8 (23.2.1928)
Date
1928-02-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Nr. 8 Der Is ra e l i t 23. Februar 1928 Die Erhaltung des Jüdischen Lehrerfemi n a r s, eines Institutes, das ja fiir ganz Preu ß e n lebenswichtig ist, die Errichtung und Weiterentwicklung der höheren Schule „ I a w n e ", das Volks schulwesen, das den Unterbau dieser Schöpfungen bildete, das alles bedingte eine finanzielle Anspannung und Verantwortlichkeit, die auf natiirkichem Wege von dem kleinen Kreis der Treugebliebenen allein gar nicht auf die Dauer getragen werden konnte. Dazu kommt, daß die Kölner „Adaß Jeschurun", obgleich.sie gemäß den Bestimmungen des Preußischen Austrittsgefetzes von 1876 konstituiert war und daher nur denjenigen Mitgliedern alle Rechte verlieh, die aus der Grohge meinde ausgetreten waren, de facto zu zwei Dritteln aus Persönlichkeiten besteht, die nicht nur äußerlich der Großgemeinde auch einen Steuerkreuzer zuwenden,' sondern die mit ihrer ganzen Seele dem Austrittsgedanken mehr oder minder fremd oder gar feind sind. Grade die größeren Steuerzahler gehören zu dieser Gruppe. Aus dem Zusammenwirken der hier kurz angedeuteten materiellen und psychischen Faktoren sind die Ereignisse zu erklären, die sich in den letzten Monaten abgespielt haben und deren Konsequenzen noch zu erwarten sind. Die Gemeindeverfassung der „Adaß Je schurun" ist dahin abgeändert worden, daß den nichtausgetretenen Mitglieder grundsätzlich aktives und passives^ Wahlrecht zugestanden wird, wobei allerdings durch einige statutarische Bestimmungen, wie z. B. diejenige, daß die Vorsitzenden des Vorstands und der Repräsentantenversammmng ausschließliche Mitglieder der orthodoxen Gemeinde sein müssen, gewisse Sicherungen für den Charakter der „Adaß Jeschurun" getroffen worden sind. Immerhin bieten diese Sicherungen keine absolute Garantie dafür, daß die Einheitstendenzen nicht eines Tages eine wesentliche Abschwächung des Selbst ständigkeitsprinzips herbeiführen werden. Das Jüdische Lehrerseminar, das bisher bekanntlich von einem vollkommen selbständigen, aus streng orthodoxen Persönlichkeiten bestehenden Kuratorium verwaltet worden ist, und dessen Direktor der Rabbiner der „Adaß Jeschurun" war, dürfte in Kürze eine stark vergrößerte Jahressubvention von dem Berliner Landesverband erlangen, wobei allerdings zu hoffen ist, daß nicht dieser als solcher, sondern die Konservative Vereinigung des Preußischen Landesverbandes den tatsächlichen Einfluß auf das Seminar gewinnen wird. Immerhin ist nicht abzusehen, inwieweit es auf die Dauer gelingt, die moralischen Konsequenzen der Subventionierung abzuwenden. Mel schlimmer ist das Schicksal, das die höhere Schule „Ja w n« " zu ereilen scheint. Hier handelt es sich nicht mehr um das Selbständigkeitsprinzip und um mehr oder minder hypothetische Folgen in einer fernen Zukunft, sondern unmittelbar um das Problem der religiösen Erziehung selber und um die Würde der Thora. Die Repräsentantenversammlung der Großgemeinde hat in ihrer letzten Sitzung der Jawne-Schute eine Subvention von Mk. 20.000 bewilligt unter W Bedingung, daß der künftige Direktor der Schule unter allen Umständen Mitglied der Kölner Großgemeinde samt ihren Reforminstitutionen sein muß, und unter der weiteren kaum glaublichen Auflage, daß nur die Gesinnungssöcher (Religion, Deutsch, Geschichte) von orthodoxen Lehrpersonen unterrichtet werden müssen, während für alle anderen Fächer neologe Lehrer angestellt werden können. Es wird von diesen neologen Lehrern nur.erwartet, daß Abhängigkeit von außenstehenden. Instanzen begeben Da wäre es denn doch besser und würdiger, eine An statt Iie b er ganz ein geh en zu lassen , die man unter dem Drucke des wirtschaftlichen Niedergangs beim besten Willen nicht mehr aufrecht zu erhalten vermag Unmögliches verlangt die Thora nicht vom Juden, und wenn irgendwo, so gilt hier das Wort, daß rwvrb na*mn sp*in Ift, ab er d i e Preis gäbe von Prinzipien um des Geldes willen kann gewiß nicht zum Segen führen. Gründung des Nordwestdeutschen Rabbinerverbandes. Bremen, 16. Februar. Am 12. Februar wurde in Bremen die Gründung des Nordwestdeutschen Räbbinerverbandes vollzogen der im Rahmen des Deutschen Allgemeinen Rabbiner verbandes die in den Provinzen Hannover und Schles wig-Holstein.und in den Freistaaten Oldenburg, Bremen und Hamburg amtierenden Rabbiner umfaßt. Die Gründungsoersammlung fand im Lehrsaal der Israelitischen Gemeinde statt und wurde von Rabbiner Dr Bamberger- Wandsbek . geleitet. Auf die Begrüßungsansprachen, die außer dem Vorsitzenden- und Rabbiner Dr. Aber-Bremen auch Hetr Markreich für den Vorstand und Rat der Israelitischen Gemeinde Herr Apotheker Tichauer für di« Kaiser Friedrich-Loge, Land rabbiner Dr. Freund-Hannover für den Vorstand des Allgemeinen Rabbinerverbandes, Dr. Steinthal-Münster für den rheinisch-westfälischen Rabbinerverband hielten, folgte der wissenschaftliche Teil, der einen talmudischen Lehrvortrag von Landrabbiner Dr. Blum-Emden und ein haggadistisches Referat von Rabbiner Dr. Aber- Bremen über das Thema „Vorstellungen über unverdiente Gnade im Midrasch" umfaßte. In dem darauffolgenden geschäftlichen Teil wurde der Verband unter dem Vorsitz von Dr. Bamberger konstituiert. Nach der Mittagstafel, zu der die Teilnehmer vom Vorstand der Israelitischen Gemeinde eingeladen waren, wurde in Bremerhaven der Dampfer „Berlin", insbesondere seine koschere Küche besichtigt. Im Anschluß daran nahmen die Teilnehmer als Gäste des Norddeutschen Lloyd den Tee. Landesversammlung der israelilischen Religionsgemeinden Württembergs. Stuttgart, 7. Februar. Die Landesverfammkung der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs für das Jahr 1927 hat am und 6. Februar getagt. Der Präsident des Oberrats, Regierungsrat Dr. Nördlinger, erstattete zuerst den Bericht über die Tätigkeit des Jsr. Oberrats vom 1. April 1926 bis zum 31. Dezember 1927 und schilderte die Bemühungen, das religiöse Leben im Lande auf dem Gebiete des Gottesdienstes, der Seelsorge und des Religionsunterrichts zu fördern. Der neue Lehrplan für den Religionsunterricht in den Volks- und Mittelschulen ist veröffentlicht. Der Lehrplan für den Unterricht an den höheren Schulen liegt zurzeit dem Kultusministerium zur'endgültigen Genehmigung vor. Der Religionsunterricht für die Zöglinge des Lehrerseminars Ehlingen wurde wesentlich erweitert. Besondere Borbeterkurse zur Ausbildung von Laien in Gemeinden, die keinen Vorbeter haben, wurden mit gutem Erfolg eingerichtet. Den Rabbinern wurde aufgegeben, in Öen Gemeinden, die sie anläßlich der Turnusreifen besuchen, einen Gemeindeabend mit geeigneten Vorträgen zu veranstalten Im April 1926 und 1927 wurden Fortbildungskurse für sie alles vermeiden, was in religiöser Beziehung Anstoß er- Rabbiner und Lehrer veranstaltet. Die Wanderbibliothek regen könnte. Durch diesen letzteren Zusatz ist das System für die Lehrer und die Bibliothek des Oberrats wurden das zur Auferlegung einer solchen Bedingung geführt wesentlich erweitert. Die Vorbereitungen für die Ueberhat, nur noch umso schärfer gebrandmarkt. In wessen Herzen noch ein Funke von jüdischer Treue wohntz muß das Haupt verhüllen ob der Schmach, die in dieser Zumutung an eine orthodoxe Schule liegt, und es bedeutet eine von Pädagogen gewiß nicht zu erwartende Unterschätzung des kindlichen Scharfblicks, wenn man etwa annimmt, daß die künftigen Schüler und Schülerinnen der Jawne-Schule sich nicht sehr rasch herüber klar sein werden, daß ihre jüdischen Erzieher zw erheblichem Teile das Gesetz Gottes mit Füßen treten dürfen, ohne dadurch der Würde des erzieherischen Vorbildes verlustig zu gehen. Der Beschluß der Grotzgemeinde läßt einen Blick in den Abgrund tun, der sich öffnet, wenn orthodoxe Institutionen sich in finanzielle führung der Lehramtszöglinge an das staatliche Seminar in Heilbronn wurden getroffen, so daß vom Frühjahr 1928 cm ihre Ausbildung dort erfolgen wird. Mehrere Synagogen wurden restauriert und einige Friedhöfe wieder instandgesetzt. Das Steuerergebnis des Rechnungsjahres war wenig günstig. Doch wurden den Beamten die gleichen Notstandsbeihilfe gewährt wie den Staatsbeamten. Ebenso wurden die Vorauszahlungen auf die Gehaltserhöhung feit dem 1. Oktober 1927 geleistet. Die Versuche zur Begründung einer Reichsorganifation der deutschen Juden hatten im^Berichts-. sichre keinen Erfolg gehabt. Dagegen habe die Süddeutsch« Arbeitsgemeinschaft, welche die Gemeinden Bayerns, Badens, Württembergs und Hessens umfaßt, erfolgreich gearbeitet. Die GeschAftsführung liegt, zurzeit in den Händen des Württembergifchen Oberrats. Es würde ü. a. ein Antrag des Lehrervereins, den in' Gruppe 8 eingestuften Lehrern die Amtsbezeichnung eines R e l i g i o n s o b e r l e h r e r s zu . erteilen, angenommen. Die ausführliche Beratung des Haushaltsplans ergab die Annahme des Antrages des Oberrates, 4% ^Prozent aus der Reichseinkpmmensteuer für das Kalenderjahr 1926 und aus der dreifachen auf den 1. Januar 1925 veranlagten Vermögenssteuer als Landesumlage zur Deckung der Bedürfnisse der Religionsgesellschaft zu' erheben. Die Danziger Gemelndewahlen. Danzig, 20. Febr. Die am Sonntag den 19. Februar bei einer Beteiligung bis zu 80 Proz. der 'Wählerschaft staMefundenen Wahlen zur Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde — von den 15 Repräsentanten waren 8 neu zu wählen — ergaben die Wahl eines Orchodoxen, dreier Vertreter der Jüdischen Volkspartei und vier Liberaler. Liberale und Volkspartei erhielten außerdem je zwei Stellvertreter. Von volksparteilicher Sette find gewählt R. A. Levy, Dr. Segall und der Vorsitzende der Zionistischen Organisation des Freistaates Dr.- Landau. Listenführer der Liberalen war Herr Becker, Molen. Me Wahlkämpfe in Warschau.^ Warschau, 19. Februar. Die Wahlkampagne ist m vollem Gange. Die Propaganda für den Minderheitsblock arbeitet mit allen Mitteln. Diesem gegenüber tritt ein Al l g eg e m e in e r j ü d i s ch - n a tionaler B l o ck in den Wahlkampf, an dem auch die Orthdoxie mitarbeitet. Er wird insbesondere von Lemberg nnd Ostgalizien aus unterstützt, wo man den Minderheitsblock ablehnt. Auf einer großen^ Versammlung, die von vielen Tausenden besucht war, hielten ausgedehnte Referate ü. a. die Herren I. M. Le w i n und N. Prilutzkt. Herr Lewin war Gegenstand lebhafter Ooatzonen. In Lodz haben die Zionisten auf ihrer Liste keinen Vertreter des Misrachi aufgestellt. Auf der Lifte der Aguda und Poale Emune Jisroel figuriert auch ein Volkist. Mit getrennten Wahllisten kommen noch die Unparteiischen, der „Bund" und die „Poale Zion". Wahlversammlungen in Lodz - endeten mit Tumulten und ernsten Schlägereien. - Auf Lemberg sucht G r ü n b a u m in Warschau einen Druck dahin auszuüben, daß die Nationalen, die dort bekanntlich von einem Minderheitsblock nichts wissen wallen, sich wenigstens mit Warschau im ämpf gegen Aguda und Orthodoxie vereinen. Er scheint einiges Verständnis bei seinem Gegenpart, Herrn Dr. Reich, zu finden. Die Versuche Reichs, als Kandidaten der Kleinhändler und der Handwerker Männer aufzustellen, die jenseits des praktischen Judentums stehen, scheiterten an dem einstimmigen Widerstand der genannten Gruppen. Die vereinigten orthodoxen Listen in Ostgalizien haben gute Chancen, die gewünschte Anzahl von Kandidaten zu erhalten. Von der Warschauer kehilla. Warschau, 19. Februar. In einem Kommunique der orchodoxen Fraktion wird genaue Aufklärung über die Schuld an der Krisis in der Gemeindeverwaltung gegeben. Von orthodoxer Seite heißt es darin, habe man sich alle Mühe gegeben, in Sachen des Budgets eine Einigung zu erzielen. Die Zionisten kamen aber im letzten Augenblick mit neuen Forderungen und erklärten wenige Minuten vor der Abstimmung alte. Abmachungen für annulliert. Trotzdem ließen die orchodoxen Ratmänner bei der Abstimmung die ersten Positionen zugunsten der zionistischen Institutionen passieren. Als Gegenlohn lehnten aber Zionisten und Misrachisten die Subventionen ü r die religiös en und Thor a instit u ti o n e n ab. Es blieb der , Orthodoxie nichts -anderes übrig, als nunmehr auch gegen die Tarbuth-Schulen zu stimmen, und damit war-die Krisis da. Bei alldem verhandelten die orthodoxen Ratmämier mitdem Präsidium über die- Mittel, die Geschäfte, fortzuführen. Auch diese Verhandlungen scheiterten am Eigenwillen der zionistisch-misrachisttschen Partei. Das Kommunique führt noch eine große Reihe mit Einzel-

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