Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1928)
- Date
- 1928-02-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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23 Februar 1928 nnsmus,' trotz Wirtschaftskrists und Boykott, nicht in den Tatsachen begründet sei. Deutschland wird beim Aufbau der jüdischen Kräfte nicht entbehren können. Der Jude braucht sich des Handelsberufes nicht zu schämen, der Handel ist nicht im jüdischensondern im deutschen Interesse. Er macht . interessante statistische Angaben. Die-Juden bilden in Deutschland kaum e i n Prozent der allgemeinen Bevölkerung. Der starke Geburtenrückgang bei den Juden ist traurige Tatsache. Ein Drittel aller deutschen Juden wohnt in Berlin, die anderen Großstädte zusammen beherbergen wiederum ein Drittel, sodaß ein Drittel für die Meinst das fläche Land übrig bleibt. Es ist eine stärkere Beteiligung der Juden in der Industrie zu beobachten. Im öffentlichen Dienste snrd sie heute mehr vertreten als vor dem Kriege, in der Armeeverwaltungso gut wie gar nicht. Das Schicksal der Juden steht und fällt mit der deutschen Wirtschaft. Es sei verfehlt, zir Abwehrzwecken, Nachweisen zu wollen, daß der ' jüdische Einfluß unbedeutend fei, man zeige lieber, wie wohltuend und befruchtend der jüdische Einfluß aüft die deutsche Wirtschaft ist. Nach/lebhaften Debatten wurden die Wahlen vorgenoMmen. Es würden Ehrenmitglieder ernannt und die BörstandsMitglieder gewählt, bzw. 'wiedergewählt. . Am letzten Sitzüngstag referierte Dr. Ludwig Ho ll ä n d e r über „Die/innerem jüdischen' Ziele des Zentralvereins". Seme ablehnende Haltung' gegen den Zionismus, führte zu einer lebhaften Auseinandersetzung. Nach dem Korreferate des Herrn Dr. Eduard Strauß- Frankfurt, ä. M. unternimmt Mecklenburg- Chemnitz, einen scharfen Vorstoß gegen die Zionisten und ihre Freunde, im . Zentralverein. Er kritisiert, daß der C.B. «ine zu laue Haltung gegenüber dem Propalästinakomitee einnehme mnd warnt den C. B. vor einer Beteiligung an der Jewish Agency. Andere Redner treten für den Zionismus ein, wieder andere suchen zu vermittlen. Chefredakteur Ber n h a r d - Berlin meint, nur die Religion und Schicksalsgemeinschaft könne dem C.B, die Grundlage zur Sammlung bieten. Am Aufbauen Palästinas müsse der C. B. Mitarbeiten. In ihren Schlußworten stellen. Dr. Alfred. W i en er und. Dr. Ho lländer einiges richtig. Holländer tzefteht nach wie vor auf der Ablehnung des national jüdischen Gedankens. Es soll aber , im C. B. jedem freistehen, nach seinem Gewissen zu handeln, sofern die innere.Geschlossenheit des Programmen des C. B. nicht darunter leidet. Die Abfttmmung ergibt - die Annahme der Thesen Hol l ä n d e r. Die Resolution Mecklenburg gegen den Zionismus wird mit 97 gegen 62 Stimmen angenommen. Als Letzter referiert Dr. Norbert Einstein über „Das Wirtschaftsprogramm des C.B." Mit einem Schlußwort des Vorsitzenden Dr. Julius Brodnitz wird die Tagung , geschlossen. Das erste orthodoxe Oberlyceum in Deutschland. Berlin, 18. Februar. Wie vor kurzem gemeldet, ist der Synagogeng e m e in d e Ä daß I i s r o e l in Berlin vom Ministerium die Genehmigung erteilt worden, ihr Mädchenlyceum zum Oberlyceum auszubauen. Der Gemeindevorstand versendet in dieser Angelegenheit ein Rundschreiben, das wir mit Rücksicht auf die hohe Bedeutung dieses Fortschritts in der Entwicklung des gesetzestreuen jüdischen^ Schulwesens im Wortlaut wiedergeben. Das Rundschreiben lautet: „Unser Lyzeum (Höhere Mädchenschule) erreicht mit dem Ende des laufenden Schuljahres, April 1928, feinen Abschluß. Nach eingehender Revision der Schuleinritchungen und Prüfung der Leistungen hat das Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, unserem Lyzeum die staatliche Anerkennung zugebilligt. Das praktische Ergebnis dieser regierungsseitig erfolgten Anerkennung ist, daß die Absolventinnen, der Oberklasse ohne vorherige Prüfung auf das Oberlyzeum übergehen können. Während noch bis vor -wenigen Jahren die Ellern. iM Sorgfall im Hauptmaße der für eine akademische Wdüng bestimmten männlichen Jugend zuwendeten, geht jetztdas' Bestreben weitester Kreise-dahin, auch für die Mädchen eine wissenschaftliche Vertiefung .und Ausgestaltung des Schulwissens auf einer Vollgnstalt zü suchen. Diese Erfahrungstatsache . hat uns bewogen, dem' Wünsche zahlreicher Eltern Folge ■ zu leisten und unser Lyzeum durchÄufstockung von drei Oberklassen zu einer Vollanstält zu -entwickeln. ' ' Für: Der Je r a e l i t __ den Aufbau dieses Oberlyzeums ist uns ebenfalls die staatliche Genehmigung erteilt worden. Maßgebend war der Gesichtspunkt, daß gerade in den Jahren des seelischen Reiswerdens der - Mädchen daswertvolle jüdische Saatgut, das unser Lyzeum so erfolgreich angepflanzt hat, durch den Weiterbesuch einer nrchtjüdischen Schulanstalt der Gefahr der' Verkümmerung und Zerstörung ausgesetzt ist. Das Hauptziel unserer Schule, die Mische Formgebung des gesamten modernen Kulturgutes, soll auf der Oberstufe unserer Mädchenschule seine Vollendung erleben und in dem. jüdisch empfundenen Zusammen- Berlin. Entgegen vielfachen Zeitungsmeldungen der letzten Tage, erklärt Professor E i nste i n einem Vertreter der ITA., daß gar keine Rede davon sein könne, daß er nach Jerusalem übersiedele, um dort an der. Universität zü wirken. Es bestehen übrigens Meinungsverschiedenheiten prinzipieller Natur zwischen Ernstem. und dem Jerusalemer Universitätskomitee. Justizrat Dr. Bernhard B r e slauer, eine -bekannte. Persönlichkeit im Berliner liberaler» ' Judentum und Mitglied in der Führung vieler . Organisationenist-ckm Alter von 77 Jahren, infolge eines. Unfalles im eigenen Haufe, verstorben. Lemberg. Am Sonntag starb der frühere Abgeordnete des polnischen Sejm und Herausgeber der Lemberger jiddischen Tageszeitung „Der Morgen", Moses F r o st i g, im Alter von .erst 40 Jahren. Budapest. Angesichts der bevorstehenden Annahme der neuen Bestimmungen über den Numerus clausus veranstalteten die Studenten Lärmszenen, die zur vorläufigen S ch li'e ß un g de r H o chs ch u len geführt haben.~ Als in der Sitzung des Abgeordnetenhauses am 19. Februar ein christlich-sozialer Redner bei Behandlung des Numerus clausus sich abfällig Met den Nap sencharakter des Judentums äußerte, machte von der Journalistentribüne der Redakteur des jüdischen Wochenblattes „Egyenlözeg",... Ludwig S z a b o l ck i, einen Zwischenruf, der große Aufregung verursachte, da es den Journalistennicht gestattet ist,' in Verhandlungen einzugreifen. Szabolcki »wurde vom Präsidenten, obwohl er sich schriftlich entschuldigte, für sechs Monate aus dem Parlamente verwiesen. Jerusalem. In Tel-Awiw. haben 4942 Familien mit ründ 16.000 Seelen ihre palästinensische Staatsbürgerschaft angemeldet. Andere 9000'Personen, die türkische Bürger waren, haben automatisch die Naturalisation erhalten. —' Das Oberrabbinat in Jerusalem unter Leitung von Oberrabbiner Kuck hat in , einer Sondersitzung einen Protest gegen das Treiben der Sch a chtg egner in Warschau beschlossen. Warschau. Der Lubaw i t s ch e r Rebbe folgt einer Einladung der' polnischen Anhänger nach Warschau uno wird von hier aus auch Wilna besuchen und Lubäwitsch, wo sich noch seine Jeschiwoh befindet. Kiew. In der ukrainischen Akademie der Wissenschaft wurde ein jiddischer Lehrstuhl eingeweiht. Leiter der' Fakultät ist Prof. Liebenberg aus Kiew. Moskau. Auch in Rußland wird nun eine eifrige Propaganda für ein Schächtverbot eingelei- - tet. Das traurigste, dabei ist, daß die Bewegung von der jiddisch-kommunistischen Tageszeitung „Oktiabr" in Minsk ausgeht. Montreal. Offiziell wird bekannt gegeben, daß im Jahre 1927 4819 jüdische Einwanderer nach Kanada gekommen sind, die alle von der J üd i s ch en I M m igrantenhilfsgesell - f ch a f t in Kanada in Schutz.genommen wurden, bis sie einer ihrer beruflichen Eignung entsprechenden Existenz zugeführt werden konnten. wirken der Einzelfächer seelisches Eigentum der Heranwachsenden Mädchen-Persönlichkeiten werden. Für den zu errichtenden Oberbau ist die-Schulgattung des Oberlyzeums gewählt worden. Es empfahl sich diese Wahl durch den Unterbau des vorhandenen Lyzeums, dessen Lehrplan lückenlos in das Oberlyzeum überleitet. Das Oberlyzeum , gewährt außerdem die breiteste Basis zur Vorbereitung auf die späteren Fachberufe. Da die Einrichtung fakultativen Lateinunterrichtes vorgesehen ist, wird nach den geltenden Gesetzesvorschriften unseren Schülerinnen nach erfolgreichem Besuch unesres Oberlyzeums das Studium in allen Fakultäten der deutschen Universitäten und^.technischen Hochschulen offen stehen. Das. erste und/einzige auf thora.-, 7t r e ü e r G r u n d l a g e stehe n d e Oberlyzeum Nr. 8 Seite 9 i n Deutschland wird nun m. G. H. zum Frühjahr seine Pforten öffnen. Dieses Stadium in der Entwicklung unseres Schulwesens wird einen Markstein im Leben unserer Gemeinde bilden und berech- - tigt zu der Hoffnung, daß ein Geschlecht geistig hochentwickelter Frauen, welche-jüdische Traditionsbejahung mit zeigemäher Kultur zu vereinen wissen, in ihr erstehen wird. Der Entschluß zur Schaffung des Realgymnasiums und Lyzeums mit Oberlyzeum ist von den Gemeindekörperschaften in vollem Bewußtsein der damit übernommenen Zurunftsverantwortung gefaßt worden. Er stützte sich auf die jedes überzeugüngstreue jüdische Herz glutvoll durchsttömende Bereitschaft und Hin- - gebefreudigkeit für die Erhaltung .und Stählung unseres Nachwuchses im Geiste der Ahnen. Von der Bürgschaftspflicht der Geschlechter für einander durchdrungen, ergeht unser Aufruf an Alle, die mit uns in dieser Erkenntnis sich eins fühlen, ihre Mitarbeit, Förderung und finanzielle Hilfe uns nicht zu versagen. Vorstand der Israelitischen Gemeinde (Adaß Jisroel) zu Berlin." Es ist zu hoffen, daß der Entschluß des Vorstandes, der sicherlich bei der heutigen wirtschaftlichen Lage einen wirklichen, von wahrhaftem Gottvertrauen getragenen Wagemut bedeutet, in allen in Betracht kommenden Kreisen gewürdigt wird und der neuen Anstalt die reiche Förderung zuteil wird, die sie verdient. Line stürmische Repräsenlüntensihung. Berlin, 17. Februar. In der gestrigen Sitzung der Repräsentanten, die durch, einen Nachruf des Vorsitzenden auf den im hohen Gveisenalter Heimgegangenen liberalen Führer Justizrat Dr. B r e s l a u e r eingeleitet wurde, fand die Amtseinführung des neuen konservativen Vorstandsmitgliedes, Dr. Jsi Kahn, statt. Herr Moritz Ä. Loeb brachte die bedauerliche Tatsache zur Sprache, daß in weiten Kreisen des Handels und des Gewerbes ein Boykott gegen die Anstellung jüdischer Bewerber bestehe. Dem müsse entgegengetreten werden. Dr. Oskar Cohn wies darauf hin, daß das angeregte Problem an Bedeutung zurückstehe hinter der allgemeinen jüdischen Arbeitsnot. Cs soll eine Wirtschaftszentrale eingerichtet werden, um hier eine gewisse Abhilfe zu schaffen. Nach einer ziemlich eingehenden Diskussion über den Gegenstand wurde beschlossen, eine S p e z i a l k o m m i s s.i o n zur weiteren Behandlung der gegebenen Anregungen zu bilden. - Alsdann kam der bereits angekündigte Zusammenstoß zwischen den Liberalen und dem Gemeindevorstand wegen des eigenmächtigen Vorschlages Dr. Jsmar Freunds als Sachverständigen beim Kultusministerium. Rechtsanwalt Stern, Professor Türk und Dr. Seligsohn hielten überaus scharfe Anklagereden, denen vom Vorstand die. Herren Dr. Köllen sch er und Dr. Klee entgegentraten. Der Vorstand habe nicht warten können, bis der Landesverband seine Beratungen über den Vorschlag eines geeigneten Kandidaten beendet habe und außerdem sei außer'Herrn Dr. Freund niemand vorhanden, der das Kirchenrecht genügend kenne. Inzwischen hat jedoch der Vorstand seinen Antrag beim Kultusministerium zurückgezogen. Die neue Besoldungsvorläge für die Beamten verursacht eine Mehrausgabe in Höhe von etwa einer halben Million. Die Besoldungsordnung wurde angenommen. Kölner Brief. Köln, 17. Febr. Es sind vom Standpunkt des feiner historischen Eigenart bewußten Judentums keine erfreulichen-Entwicklungen, über die der Chronist aus dem hiesigen jüdischen Leben zu berichten hat. , Mehr vielleicht als meiner andern Mettopole jüdischen Lebens in Deutschland hatte hier der kleine Kreis der in der „ Adaß IefchnMn " uM den Selbständigkeitsgevanten gescharten orthoHxen Brüder über die Sicherung der. PrinzipienreiNheit^ hinaus sich auf das Gebiet der ^praktisch en Aufbauarbeit in großem S t i l e, hinausgewagt und auf diese Weise zwar gewaltige Schöpfungen.ins Leben gerufen, gleichzeitig aber auch die eigene wirtschaftliche Leistungsfähigkeit in einer Weife überschätzt, .wie sie bei dem.Heraufziehen schlechter Zeiten sich notwendig katastrophal auswirken mußte.