Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1928)
- Date
- 1928-02-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 8 Seile 3 I 23 Februar 1928 _, Inö Schmerzen nicht mehr empfindet. Um ihn Kerum die närrischen Aerzte, die miteinander verhandeln, ob man denr Patienten die Augen oder hie Beine zuerst heile. Und sie wissen nicht, daß hie Krankheit im Herzen liegt. Ist dieses gewesen, dann sehen die Augen und bewegen sich hie Beine und sind alle Glieder des Organismus hesund. I Die mit Orgelklang und Chorgesang geweckte »lndacht der Liberalen tut es in diesem Falle so hoenig wie das hebräische Buch oder die hebräi- Ische Bühne der Nationalen. Die Krankheit sitzt Kiefer, sie sitzt im Herzen. | Zudem fehlen Herrn Dr. Radisch alle Grundgesetze geschichtlichen und logischen Denkens. Walrum haben die Großgemeinden, hat Wien in seinen Institutionen einen „konservativen Anstrich?" . Weil man damit die erschreckenden Folgen des reinen Liberalismus vor einem halben Jahrhundert bannen zu können glaubte. Wenn sie es nicht vermocht haben, weil sie eben nur Formen ohne lebendigen Inhalt blieben, wie sollte nun die Alut zurücktreten, wenn auch diese letzten Dämme eingerissen sind? Lebendiges jüdisches Leben tut not, am Herzpunkt des jüdischen Organismus, wie dies das gesetzestreue Judentum allüberall — und gerade zurzeit seine Vertreter in der Wiener Kultusstube — unter den schwierigsten Umständen mit einer Opferlast ohnegleichen zu fördern und zu stärken sucht. Alle anderen Mittelchen werden versagen. r Levantinischer Geist. Ein bißchen Moral predigt Abibr im „Doar Hajom" den Rabbinern Palästinas — weil sie ihre im neuen Gememdegesetz fundierte Autorität nicht genügend auf dem Gebiete der Erziehung ausnutzen. Rühmend hervorgehoben wird von ihm einzig Herr Rabbiner A r o n s o h n, der als Mitglied des Waad Hachinuch sich für die Wünsche des Baron Rot h[ ch i ld nach Stärkung des religiösen Momentes in der Schule einsetze. Niederschmetternd ist das Urteil, das hier, in einem nationalen' Blatte, über die junge Generation, das Produkt der neuen nationalen Schulen, gefällt wird. „Nichts als marktschreierische nationale Phrase, ohne inneren Wert und Inhalt, ohne Verbundensein mit den früheren Generationen." „In einer Umwelt von geringerer Kultur, hat sich die neue Gene-' ration von der Weltkultur entfernt und dabei das Zelt S che ms verlassen." „Die -Beshamidrasch-Atmosphäre wurde zerstört und von der neuen Schule ist keinerlei Ersatz zu erwarten." „In Jerusalem, der alten Stadt, mag ' Erfreulicherweise bilden sich immer mehr orthodoxe Jugendoereine, die sich die Ausgabe gestellt haben, die Jugend für min -na^ zu gewannen und durch Zusammenkünfte am mtp, diesen Tag seiner Bedeutung gemäß zu verbringen. Die Vorstände und maßgebenden Persönlichkeiten dieser Vereine wollen es sich überlegen, ob nickt bei den et'twip dem |n über rmon ‘rotta Rechnung getragen werden soll. , Kleines Feuilleton. Mische^weise. Von Jsaac Schönberg. Müder Klang, wie läßt du erbeben die zarten Saiten meines Gemüts; jüd'sche Weise, wie sickert Erleben aus den Tönen deines Lieds! Deiner Wehmut Klänge erzählen von ew'gem Leid, das uns erkor: traute Dörfer feh' ich schwelen, ' leises Stöhnen vernimmt mein Ohr . . . Zuweilen, dochblendet lichter Glanz mein Auge, das der Helle entwöhnt; fröhliche Klänge locken zum Tanz das Volk, das sich die Freude krönt. Doch — plötzlich reißt der Schleier entzwei, dahinter lauernd der Neid gestiert — Der Israelit uns wohl nicht alles rosig anmuten, aber es fehlt doch der berüchtigte l e v a n t i n i s ch e Geist. Dort lebt noch die Vergangenheit, die diesen zersetzenden Geist nicht aufkommen läßt." Die religiöse Neutralität in der jüdischen Erziehung, heißt es da weiter, sei die Quelle alles U n g l ü ck e s. Es könne keine Neutralität geben,-wo es darum geht,. bewußte Juden großzuziehen mit Liebe und Verständnis für Vergangenheit und Volkstum und die in der Lehre der Väter aufbewahrte eigene Kultur. Abibi wünscht, eine gewisse Anzahl von. rabbinischen Vertretern im Erziehungskomitee durch dys Gemeindegesetz festzulegen und zu sichern, und wäre es nur darum, damit die Welt erfahre, daß die jüdische Erziehung in Palästina nicht Freigut für destruktive Elemente sei. „Zurück zu den alten Grundsätzen, zurück zum Buche der Bücher im heiligen Urtexte, zu den Lehren, die die Kenntnis der Religion und der jüdsichen Bräuche vermitteln!" Schneider weiß nicht, ob die rabbmischen Vertreter die Erfüllung dieser Wünsche durchsetzen, aber er wünscht und erwartet es von ihnen, und spricht dabei ein Wort aus, das freilich nur zur Hälfte wahr ist. Er sieht unter den Rabbinern Palästinas entweder „Fanatiker mit geschlossenen Augen", oder Männer, die „sich mit dem Winde drehen und zu allen nationalen Experimenten das ehrwürdige Haupt schütteln." Die Tat, die mutige Tat im Namen der Wahrheit, mit der Kraft der Thora, y e r m i ß t er. Wir aber meinen: So lange die Dinge so stehen, daß die Männer, die eben nicht zu allem den Kopf neigen und Ja und Amen sagen, von denen im und um den „Doar Hajom" als „Fanatiker und Finsterlinge mit geschlossenen Augen" betitelt werden, kann es kaum anders und bester werden. Die so bezeichneten Männer sehen offenen Auges die Gefahren, sahen sie schon zu einer Zeit, da „Doar Hajom" in Hymnen und Schalmeien die Versuche und Unternehmungen, die er heute, nachdem er sie an ihren Früchten erkannt, in den Boden verdammt, feierte, und sie trafen, für ihren.Kreis die nötigen Maßnahmen. Mit offenen Augen und offenen Sinnen haben sie auch von Anfang an die Gefahren des Gemeindegesetzes erfaßt und dagegen angekämpft. Die Ausfälle nach dies e r Seite entstammen, so sie nicht aus Macht der Gewohnheit zu erklären sind, entweder aus Unkenntnis der Dinge,, oder aus einer Animosität gegen die Orthodoxie, die durch die Enttäuschungen im eigenen Lager nicht gemindert wird. jubelnde Sänge enden in Schrei — hervor bricht die Rotte, vom Wahne geführt . . . Und wieder ist um mich grausige Nacht, es floh'n die Sterne den tötenden Hatz; dunkle Bäche nur rauschen sacht, genährt von bitt'rem Tränennaß. . . So gab dir denn, o jüdischer Sang manch' weher Seufzer das Geleit drum schlich sich auch in frohen Klang manch' Zähre der Vergangenheit... Der Vachur als Zigeuner. Folgende romantiscke, fast ungloubliche, nber doch wahre Geschichte ist in einer Slovenskoer Zeitung zu lesen: Vor ein paar Wochen Karn -ine jüdische Frau aus Palästina, um ihren verschwundenen Sohn zu suchen. Die Frau war schon durch mehrere Länder gegangen, bis sie schließlich erfuhr, daß ihr Sohn in der Tschechoslowakei in einer Zigeunerkarawane weile. Sie fand ihn auch dort in großer Ehre, als Fübrer-Wl'jwod der Zioeuner Die Geschichte ereignete sich in folgender Weise. Die Eltern dieses Jungen sind sehr reiche und angesehene spaniolische Juden. Sie gaben ihrem Sohn El-Juma gute Erziehung und ließen ihn auch die Jeschiwa zu Safed besuchen. Hier erwarb er sich großes jüdisches Wissen und man hielt es für sicher, daß El Juma ein berühmter Rabbiner in Israel sein werde. Aber El Juma hatte einen großen Fehler; er liebte sehr die Abenteuer Fortwährend verkehrte er mit verdächtigen Arabern und anderen finstern Gestalten. Ost zeigte er sich tagelang nicht in der Jeschiwa. Die Austrittsbewegung in Erez Israel. Vor kurzem stand in einer jüdischen Zeitschrift: „Immer schwächer klingen unter uns deutschen Juden die gläubigen Gegensätze ab". Ein sehr bemerkenswertes Wort, das den Geist eines wahrheitsmutigen Geständnisdranges atmet, wie man ihn in unserer durch tausend Nöte innerlich zermürbten, zu pathetischen Konfessionen nicht mehr gelaunten jüdischen Gegenwart nur selten antrisft. Ja, es ist wahr: die „gläubigen Gegensätze", die noch zur Zeit unserer Großväter das öffentliche Interesse des deutschen Judentums fast völlig absorbierten und zu positivem Tun, zu aktionsfreudigem Aufbau, zu opferbereiter Wiederherstellung des Trümmerfeldes drängten, das bei der Austragung dieser Gegensätze durch den Kampf der Personen, Familien, Gemeinden entstanden war; die „gläubigen Gegensätze", die einst in Berlin, in Frankfurt, in Mainz, in Darmstadt, in Karlsruhe zu jenen heftigen.Austrittskämpfen führten, die unter den schwersten Opfern zur Entstehung selbständiger orthodoxer Gemeinden in Deutschland führten; diese /»gläubigen Gegensätze", die bei allem Staub, den sie aufwirbelten, bei aller Feindschaftssaat, die sie ausstreuten, doch im tiefsten Grunde der Ausdruck eines tiefen Bedürfnisses nach aufrechter, ungebrochener Wahrheit im Mischen Gemeindeleben waren--: heute erleben wir es, wie aus uMren eigenen Kreisen, wie aus den Kreisen des gesetzestreuen Judentums, das seine ganze gegenwärtige Existenz nur jenen schweren und erbitterten Kämpfen zu verdanken hat, mit welchen „diese gläubigen Gegensätze" einst ausgetragen wurden, eine vielfach organisierte Opposition gegen den Sinn jener Kämpfe sich erhebt; heute erleben wir es, wie unter der Losung der Einheit und des Friedens geschäftige Geister am Werke sind, den „Austrittsgedanken" als ein von den Ereignissen längst überholtes historisches Schaustück in das Museum jüdischer Altertümer zu verbringen. Immer schwächer klingen unter uns deutschen Juden die gläubigen Gegensätze ab — Geldnot, Friedenssehnsucht, bängliches Zweifeln und Verzagen an der inneren Kraft und Lebensfähigkeit selbständiger Thoragemeinden lassen den Gedanken der Anlehnung an die finanziell potenteren liberalen Gemeinden und Organisationen in immer weiteren Kreisen heimisch werden — schon haben sich für diese Kreise zur pietätvollen Aufnahme der Mumie des „Austrittsgedankens" die Pforten des Museums geöffnet — da klingen Man hätte ihn auch aus der Jeschiwa ausgeschlossen, aber durch seinen Scharfsinn hätte er alles rasch nachgelernt und so tat man ihm nichts. Beim Ausbruch des Krieges wurde er Soldat der türkischen Armee und kam bald in serbische Gefangenschaft. Er hielt es aber in der Gefangenschaft nicht lange ans, er floh eines Nachts, so geriet er in ein Zigeunerlager, wo er, von der Flucht ermattet, ohnmächtig zusammenbrach. Als er morgens erwachte, befand er sich in einer Höhle, von Zigeunern umgeben. Unter den Zigeunern befand sich ein sehr schönes Mädchen, das ihn pflegte und nährte. Da er nun gänzlich gesund war, beschloß er, diese seine Pflegerin zu heiraten und blieb bei der Karawane. Jahre vergingen unter fortwährendem Wandern. El Juma genoß immer mehr Anerkennung bet den Zigeunern, b's sie ihn endlich zu ihrem Wojwoden ausriesen. Dieses verdankte er seinem großen Wissen und seiner hervorragenden Intelligenz. Er leistete auch sehr vieles im Interesse der Zigeuner. Er vereinigte alle Jugoslavischen Zigeuner in einen Verein und setzte es durch, daß bott die Zigeuner nun unter gesetzlichem Schutz stehen. Von Jugoslavien wanderte er mit seiner Karawane nach der Tschechoslowakei, wo ihn seine Mutter fand. In Tränen bat ihn diese, sich von seiner Frau (von der er auch schon zwei Kinder hat) zu scheiden und mit ihr nach Palästina zu gehen, aber er wollte nicht einmal davon hören. .Schließe dich lieber uns an", sagte er zu seiner Mutter, „es wird dir sehr gut gehen". Die Mutter war ganz verzweifelt, aber der Sohn tröstete sie: „Mutter, ich schwöre dir. daß ich ein guter Jehudi bim wie auch bisher. Ich bete jeden Tag und lehre sogar meine Freunde, die großes Interesse für das Judentum zeigen".