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Der Israelit · 1928-02-16 · Heft 7 (16.2.1928) · page 16

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 7 (16.2.1928)
Date
1928-02-16
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seil« 4 Nr. 7 Der Israelit 16 Februa 1928 der Budget-Debatte, daß die Gleichberechtigung der Orthodoxie in der Kultusgemeinde nicht aufzuhalten ist. Ein Symptom dsaür ist die Erhöhung der Subventionen für die kleinen Belhausvereine. Auch auf dem Gebiet der Schulpolitik geht der Zug nach rechts. Die Gemeinde ist schon so weit, daß sie eine fakultative jüdische Volksschule auf religiöser Grundlage plant. Wie sehr das not- Lut, zeigt der Hinweis der „Jüdischen Presse" auf die interessante Tatsache, daß heute nur 7 Proz. des Budgets für die Hauptaufgabe einer jüdischen Gemeinde, Erziehung und Unterricht, äufgewandt werden. Scharfe Auseinandersetzungen gab es über die Wahlrechdsfrage. Auch hier kann es keinem Zweifel unterliegen, daß es im Laufe der nächsten Jahre die Anhänger einer zeitgemäßen Erweiterung des Wahlrechtes den Sieg davontragen werden. Alle Einwände dagegen sind im Grunde doch bloß dialektischer Natur. Angär«. Angriff auf die Schechila in Ungarn. Budapest, 9. Febr. In Ungarn besteht schon lange Betäubungszwang für Schlachttiere, wobei jedoch die rituelle Schechlta ausgenommen worden ist. Neuerdings hat eine Kommission des landwirtschaftlichen Ministeriums einen Gesetzentwurf ausgearbeitet, der darauf hinausgeht, diese Berücksichtigung der Schechita zu streichen. Um dieser Absicht entgegenzutreten, begab sich eine Deputation der beiden jüdischen Landeskanzleien, der orthodoxen und der neologen zu dem Staatssekretär für Landwirtschaft unter Führung des Deputierten Dr. Desi Geza. Dr. Desi übergab dem Staatssekretär ein Memorandum der beiden Kanzleien, das die Aufrechterhaltung des bisherigen Gesetzesbestimmungen im Namen der Gewissensfreiheit und der religiösen. Interessen fordert. Der Staatssekretär erklärte, daß seiner Ansicht nach der ungarische Staat sich davor hüten werde, in die religiösen Interna.der jüdischen Konfession einzugreisen. -- England. Der canadifche Schulstrelt? London, 10. Febr. Eine für die Allgemeinheit recht interessante Entscheidung hat diese Woche der sogenannte Privy Council, der die höchste Berufungsinstanz für die Urteile der obersten Gerichte der Kolonien und Kronländer bildet, in Sachen der volksschulmäßigen Versorgung der canadischen Juden verkündet. Das Schulwesen ist in Canada durchaus konfessionell und gliedert sich in katholische und protestantische Schulen. Jüdische Schulen kannte man bisher nicht. Da die Katholiken die Aufnahme von Juden in ihre konfessionellen Schulen ablehnten, so hatten nun die canadischen Gerichte die eigenartige juristische Konstruktion erfunden, daß unter „Protestanten" alle Nicht- Katholiken, a l s o a u ch di e I ud en, zu verstehen seien, und die jüdischen Kinder daher das Recht hätten, zwar nicht die katholischen, wohl aber die protestantischen Schulen zu besuchen. Der Privy Counci*. hat nunmehr dieser offenkundig rechtswidrigen Interpretation ein Ende bereitet und in der Urteilsbegründung auf den allein natürlichen Weg der Gründung jüdischkonfessioneller Schulen hingewiesen. Vom jüdisch-religiösen Standpunkt aus kann das Urteil natürlich^ nur begrüßt werden. Von der Austrittsbewegung. - London, 10. Febr. Der Korrespondent des Londoner „Jewish Chronlole" gibt feinem besonderen Erstaunen darüber Ausdruck, daß unter denen, die sofort ihren Austritt ausl der Kenesses Israel des Waad Leumi erklärt haben, sich auch Miß A n n i e Landau, die Leiterin der Rothschildschule, sowie der in Jerusalem besonders bekannte und" äuge-' fehene englische Advokat^Mr. Horace Samuel, befinden. _ Palästina. Die Lage in Pekach Likwah. Petach Tikwah, 3. Febr. Der Konflikt zwischen Kolonisten und Arbeitern verschärft sich immer mehr und führt täglich zu. Zwischenfällen. Das»Ä r b e i t s b ü r o der Kolonisten, das heute als Zielscheibe für die Angriffe der Arbeiter herhalten muß, arbeitet trotzdem unverdrossen weiter auf eine Lösung hin. Leicht hat es das Büro nicht. Am Montag war hier eine Kommission unter Führung des Rabbiner A r o n s o h n aus Tel-Awiw, die in siebenstündiger Verhandlung mit den jüdischen Besitzern und arabischen Pächtern einiges für die Einstellung jüdischer Arbeiter erreichte. Ms Antwort drang ein Trupp von Arbeitern und' Arbeiterinnen in das Arbsitsbüro «in, schlug alle Fensterscheiben ein und störten unter wüstem Lärm die Arbeit. Ohne diese Gewaltakte würde die Sache, da sich die Arbeitsverhältnisse mit jedem Tage bessern, bald einer friedlichen Lösung entgegengehen. Sprechsaal. - Sabbakheiligung und Wirtschaftsleben. I. Die andere Seite erlaubt sich zu den Ausführungen in Nr. 2 des „Israelit" Stellung zu nehmen. Gewiß, groß ist die seelische Not der Angestellten, die an der Heiligung des Sabbats hängen, die auch hungern aus Liebe zum Schabbos und die, von der Not bezwungen, oft verzweifelt dem Schabbos doch den Rücken kehren, — weil d i e Stellen immer seltener werden. Und warum!? Seit Jahren führen die Geschäfte, He Schabbos und Jomtow. geschloffen haben, den schwersten Existenzkampf, der sie zur größten Einschränkung der Spesen zwingt; die hohen Ladenmieten sind in 4*4 und 5 Wochentagen nur schwer zu erringen und es find Ladengeschäfte mit der Aufschrift „Wegen Sabbat geschlossen" aus dem Stadtbild schon längst geschwunden. Der jüdische. Kaufmann muß sich auf das bescheidene oder größere Engrosgeschäft verlegen, das in billigen Räumen betrieben werden kann. Nimmt der Betrieb an Umfang zu, nimmt die Zahl der religiös eingestellten Beamten ab, um liberal angehauchten oder christlichen Angestellten Platz zu machen. Die Gründe hierfür sind ein Kapitel für sich Und ZUM Teil auch nachzulesen ln der bekannten Satire „Tohuwabohu, Kap. 5 u. 6. Und wie ist das gekommen? Weil unsere Orthodoxen in den am Schabbos und Jomtow geschloffenen Geschäften einfach nicht kaufen und könnte man Koscherfleisch und Koscherbutter anderswo herbekommen, auch diese Geschäfte müßten die orthodoxe Kundschaft entbehren. Ist es denn nicht unerhört, daß in einer so von orthodoxen Juden, bevölkerten Stadt wie Frankfurt ein Geschäft nach dem andern, das am Schabbos geschloffen hatte, verschwunden ist? Vor vierzig Jahren waren hier am Schabbos geschloffene Porzellan-, Haushaltungs- und Wäschegeschäfte in großer Zahl; die Kunden, die da hätten kaufen müssen, haben es nicht getan. Betrachte man einen Geschenktisch eines Barmizwo- Jungen, einer Braut, einer jungen Frau, eines Jubilars — der größte Teil nicht aus Schabbos geschloffenen Geschäften, trotzdem solche noch dank dem Heldenkampfe der Besitzer bestehen. Dabei verlangt man von dem jüdischen Kaufmann, der Schabbos hält, noch viel mehr als von dem unjüdischen und gar von dem nichtjüdischen. Der orthodoxe Kaufmann soll meistens einen Gegenstand, der in der ganzen Stadt 5 Mk. kostet, für 4 Mk. geben, um von der orthodoxen gnädigen Frau beehrt zu werden. Was an Zurücksetzungen, an Ansprüchen gerade von orthodoxen Käuferinnen dem orthodoxen Kaufmann geboten wird, ist so kraß, daß man sich zuweilen fragen muß, hat man es mit frommen Juden oder mit Antisemiten zu tun. S. R. Hirsch s. A. sprach mal davon, die Frau solle dem Mann auf den Tisch auch die Mischna legen, damit er nicht ans tägliche Lernen vergißt, — der große Mann hätte hinzufügen sollen, der Mann solle als Gegenleistung das Wirtschaftsbuch fordern, um zu sehen, ob die Frau auch ihren Hausbedarf bei den Kaufleuten deckt, die auf dem Boden der Mischna stehen. Aber welcher Hausherr kümmert sich um solche Dinge. Eine Gesundung auch für den Angestellten kann nur erreicht werden, wenn „von innen heraus" eine Wandlung eirvtritt, wenn man den Einzelhandel, der von orthodoxen Juden betrieben wird, .stärkt, wenn es der Stolz jüdischer Frauen sein wird, zu zeigen, daß jeder erworbene Gegenstand aus jüdisch-orthodoxen Geschäften stammt, dann kann die jüdische Frau wieder die Retterin des Judentums werden, wie sie es so oft in der jüdischen Geschichte war. Sollte es für diese Rettung zu spät sein? Wollen wir hoffen, daß es nach dem Prophetenwort nie zu spät ist zur Umkehr. S. II. ~ n Stimme eines Angestellte n. Da immer zwei Seiten gehört werden müssen, so; fei es auch einmal einem jüdischen Angestellten erlaubt, ein Wort zu reden. — Es ist bedauerlich, wie der Herr Einsender des in der vorletzten Nummer erschienenen Artikels die sabbathaltenden jüdischen Angestellten zurückweist:! Um direkt auf den Hauptinhalt des Eingesandts zu kommen, wird Herr Rosenberg wohl selbst nicht glauben,;daß ein christlicher Angestellter über die festgesetzten 48 Stundin hinaus arbeitet, es sei denn, daß er die Ueberstunden bezahlt bekommt. Demgegenüber wird Herr R. seine Behauptung selbst sehr rasch widerlegt finden, wenn er abends um 8 Uhr und später und Samstags abends %11 Uhr usw. jüdische Betriebe bzw. solche, in denen jüdische Angestellte arbeiten, kontrollieren würde. Hierbei ist selbstverständlich von einer Bezahlung der Mehrarbeit keine Rede. Ich meine, und das werden auch sicherlich viele Herren Chefs, wenn'auch nur innerlich, zugeben muffen, daß die jüdischen Angestellten den Schabbos in der Woche längst einhole Es kann dem Herrn Einsender ja ganz gleich bleiben, was der jüdische Angestellte während seiner freien Zeit macht. Er kümmert sich ja auch nicht darum und fragt nicht danach, wenn der jüdische Angestellte, der auf den Verdienst angewiesen ist mit seinen paar Mark herumkommt, wievielmal er sich noch nicht das Nötigste zum täglichen Leben kaufen kann. Der Herr Einsender spricht nur von den Opfern, die die Herren Chefs dem Schabbos zuliebe bringen, nicht aber von denjenigen, die der Wische Angestellte dadurch bringt, daß er seinen Schabbos nicht aufgeben will. Folgendes Beispiel diene hier zur allgemeinen Kenntnis: Mir wurde vor etwa 4 Jahren eine sehr gute Stellung angeboten, die ich aber wegen des Schabbos nicht annehmen konnte. Seit dieser Zeit verdiene ich etwa 100 Mark im Monat weniger als mir damals angeboten wurde. Ich will durchaus nicht damit prahlen, aber es soll mir mal jemand sagen,' ob das für einen jüdischen Angestellten, der seine Eltern noch mitunterstützen muß, nicht lein großes' Opfer bedeutet, und dies nur, weil er das Heiligste, seinen Schabbos, nicht aufgeben will. So geht es noch vielen jüdischen Angestellten, die ebenfalls ihren Schabbos nicht aufgeben wollen. Ein jüdischer Angestellter. (Wir haben aus dem vorstehenden Eingesandt die schärfsten, teilweise verletzenden Stellen weggelaffen, wollten es aber nicht ganz unterdrücken. Wie es bei sozialen Gegensätzen . meist der, Fall ist, haben beide Teile recht. Gewiß ist das Opfer, das die Angestellten, oft die ärmsten und gedrücktesten, für ihren Sabbath bringen, unendlich viel-höher zu werten, als die Sabbathut des Kapitalisten; aber über die wirtschaftliche Lage der gesetzestreuen Arbeitgeber, die meist keine Kapitalisten sind, bestehen doch auch unter den Angestellten oft recht falsche Vorstellungen, und es liegt nicht im wohlverstandenen Interesse der letzteren, Klassenkämpfe innerhalb des engen gesetzestreuen Kreises zu entfesseln. Solidartiät und gegenseitiges Verstehen sind die einzigen Wege, die zum Ziele führen können. Red.) Parfchas Schkolim. Zufällig lese ich wieder die Abhandlung „Schekelopfer und Sabbatheiligung" von Fr. in Fl." Mir fielen die Worte von Rabbi Simon den Lokesch ein, der sagt: Dem Gesetze vom halben Schekel habe Israel seine Rettung aus der Zeit Hamans zu verdanken. Gott habe gesehen, daß einst Haman kommen werde, und auf Israels Vernichtung 10 000 Kikar Silber setze,-darum beugte Gott längst der Gefahr vor d-h? nxisi und gab seinem Volke das Gesetz vom halben Schekel. Der Verfasser obigen Aufsatzes zeigt uns in seiner herrlichen Betrachtung, wie schwer es ist, für unsere jungen Leute, die auf orthodoxem Boden stehen, Stellen zu finden, die am Schabbos geschloffen sind und gibt auch Mittel und Wege an, die Hindernisse und Schwierigkeiten zu überwinden. Lassen Sie mich auch etwas dazu beitragen und ich spreche aus der Praxis für die Praxis. Lassen Sie mich etwas weiter ausgreifen. Mein Sohn kam auf die höhere Schule in E., um fein Abitürientenexamen zu machen. Obwohl niemand von den Schülern verlangte am Sabbat und Feiertagen vom Schreiben dispensiert zu werden, ohne jede Schwierigkeit, ja mit einer gewissen Hochachtung, wurde mein Sohn vom Schreiben dispensiert, ja man ging' sogar so weit, in seiner Klasse keine Klassenarbeit am- Sabbath zu'machen. Er wurde Schlosser und sein christlicher Meister gab ihm nicht nur an Sabbat und Feiertagen frei, sondern sah darauf, daß er an den Freitagabenden zur rechten Zeit zur Synagoge kam. Heute ist er in Pf. in einem am Schabbos und Jomtow streng geschloffenen Eisenwarengeschäfte. Vor einigen Tagen sprach mich ein echter Jehudi an für seinen Sohn, der bereits seit Monaten nach einer Stelle sucht, wo er am Schaöbos nicht zu arbeiten braucht. Ich ging zu einem Tapezierer und Dekorateur (der jüdische junge Mann ist bereits Geselle), ein Katholik vom Scheitel bis zum Fuß, legte ihm die Bedeutung unseres Sabbats klar vor Augen und anstandslos nimmt er den jungen Mann an, ohne ihm sein Salär zu verkürzen, obwoohl er Schabbos frei hat. Man hat auch christliche Geschäfte, die mit Hochachtung auf uns blicken, wenn wir unser köstliches Kleinod, den Schabbos, nicht preisgeben. Gebe jeder seinen halben Schekel, tue jeder seine Pflicht, sage, nicht wie die meisten, es geht heuzutage nicht mehr, habe um etwas bissig zu werden ,denselben Respekt vor dem Oraun hakaudesch wie du ihn hast vor dem Oraun, der deine letzte Haltestation ist. G. Frohmann, Lehrer, Geilenkirchen.

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