Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1928)
- Date
- 1928-02-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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WWWWWWWM! Seite 6 Nr. 7 Der Israelit 16. Februar 1928 Korrespondenzen « Nachrichten. Deutsches Reich. „Lebensfragen des deutschen Judentums". B e r l i n , 14. Febr. Am 11., 12. und 13. ds. Mts. hielt der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens seine Hauptversammlung im Rvichswirtschaftsrat zu Berlin Ab. Fast 500 Delegierte aus allen Teilen des Reichs waren erschienen. Im Mittelpunkt de? Hauptversammlung stand eine große öffentliche Kundgebung im Capitol am Sonntag vormittag. 'Alle Referenden sprachen über das Thema: „Lebensfragen des deutschen Judentums". Nachdem Justizrat Dr. Julius Brodnitz, der Vorsitzende des C. 23., die zweitausend Anwesenden begrüßt hatte, betonte Rabbiner Dr. Paul Lazarus-Wiesbaden, daß die Juden im Wandel der Geschicke'die Eigenart ihrer Anschauungen von Gott und Welt immer gewahrt hätten. Judentum bedeutet uns vor allem und in erster Linie: Gottesglaube, dann aber auch: Sittengesetz, das die Menschheit heraufführen wolle zu den Höhen reinster Menschlichkeit, das da alle Menschen umfassen will mit der gleichen Liebe und dem gleichen Recht; und schließlich ist uns dieses Judentum: Glaube an die Zukunft der Menschheit. Auf dieser religiös jüdischen Grund- - läge sammelt der. Eentral-Bevein die deutschen Juden aller Richtungen, sofern sie sich als Deutsche und als Juden fühlen. Chefredakteur Georg Bernhard sprach über die Pflicht der Juden, die Demokratie im Reiche zu stärken. Dr. Norbert Re gen sb u r g e r-Braunschweig setzt sich mit der völkischen Auffassung auseinander, die nur der Rassegenossen als gleichberechtigten Staatsbürger anerkennen will, zwar leugnen wir nicht Verschiedenheiten der Abstammungen, bestreiten aber, daß sie Einfluß haben dürfen aus den Staatsgedanken als solchen, gegen dessen Mechanisierung wir uns wehren. Direktor des C. V., Dr. Ludwig Holländer, werft in eindringlichen Worten auf den zunehmenden Boykott gegen die Anstellung und Arbeit suchenden jüdischen Bewerber und Bewerberinnen hin. Es gibt einen verschleierten und einen offenen Boykott gegen jüdische Angestellte. Infolgedessen wird mit jedem Tage die Frage der Möglichkeit eienr Anstellung von jüdischen Elementen wesentlicher. Eine Abhilfe könnte durch den Central-Derein erreicht werden. Man müsse sich zuerst einmal in jüdischen Kreisen über die Größe der Gefahr klar werden, und man müsse den Willen zur Herstellung besserer Verhältnisse zeigen. Als Justizrat Brodnitz die große Kundgebung schloß, sang die Versammlung stehend den dritten Vers des Deutschlandliedes. Neue Konflikte Berlin, 10. Febr. Jeder Tag bringt neue Konfliktsstoffe zwischen den Berliner Liberalen und den treibenden Kräften des sogenannten Blocks der Einstimmenmehrheit. Der neueste Fall ist besonders pikant. Für die an Stelle des verstorbenen'Justizrats Lilienthal durch dis liberale Seite neu zu besetzende Stelle eines „Sachverständigen für jüdische Angelegenheiten beim Preußischen Kultusministerium" sollte der Preußische Landesverband einen Nachfolger in Vorschlag bringen. Der Landesverband hatte zu diesem Zwecke eine Kommission eingesetzt, die bisher zu einem Beschluß noch nicht gekommen ist. Ohne diesen Beschluß abzuwarten, hat nun Dr. Jsmar Freund, der schon seit Jahren mit außerordentlicher Betriebsamkeit für seine eigens Berufung auf diesen Posten tätig ist, den Berliner Gemeindevorstand, bezw. den noch recht unerfahrenen neuen Vorsitzenden dazu gebracht, dem Kultusministerium namens der Berliner Gemeinde Herrn Dr .Jsmar Freund in Vorschlag zu bringen. Man kann sich das Erstaunen und die Entrüstung der leitenden Kreise des Preußischen Landesverbandes vorstellen, in dem die Liberalen die absolute Mehrheit haben. Es wird jedenfalls sowohl in der Repräsentantenversammlung als im Preußischen Landesverband über diesen Gegenstand manche Auseinandersetzung geben. Die Angelegenheit hat in ihrer weiteren Ent-^ Jsmar Freund steht dieser zionistischen Richtungjedenfalls bei weiten^ näher, als es bei dem verstorbenen Justizrat Lilienthal der Fall war. Wicklung auch eine grundsätzliche Bedeutung. Die Frage ist,, ob das Preußische Kulutsministevium dabei bleiben Die Woche. Berlin. Auf der 9. Verbandstagung des Reichsverbandes der südischen Lehrervereine im deutschen Reiche wurde ein Sozialer Ausschuß, der den Charakter einer Arbeitsgemeinschaft tragen -soll, mit dem Heilpädagogen Georg Sawady als 1. Vorsitzenden begründet. — Als Nachfolger des am 'Sonnabend verstorbenen demokratischen Reichsiagsabgeordneten Dr. Raschig zieht Herr Dr. Richard Framksurt.er in das Reichsparlament ein. Dr. Frankfurter ist ein Syhn des verstorbenen Rabbiners Dr. Lazar Frankfurter (Vielitz.) Bukarest. In der Nacht von Freitag zu Sonnabend wurde der jüdische Friedhof von Dranceni, einem Städtchen in der Nähe von Husi, von unerkannt ' .gebliebenen Tätern in der ungeheuerlichsten Weise verwüstet. Fast alle Grabsteine wurden tlmgeworfen und zertrümmert, die Gräber geschändet. — Unter dem Vorsitz des Rektors der Vukavester Universität hat sich ein Komitee gebildet, mit dem Zwecke, alles Material zur Entlastung der verurteilten Studenten zu- -fammenzutragen und für alle Angeklagten Revision einzulegen. — Das Kriegsgericht in Klausenburg verurteilte die Personen, die eine in der Synagoge geraubte Thorarolle zum Kaufe angeboten hatten. Zwei Studenten wurden zu je vier Monaten, ein Buchdrucker zu 2 Monaten, ein jüdischer Kaufmann, der angeblich eine Vermittlerrolle gespielt hatte, zu 15 Tagen Gefängnis verurteilt. London. Die Ankunft Sir Alfred Monds in Bagdad hat zu turbulenten Kundgebungen von Arabern gegen ihn geführt. Es kam zu Kämpfen zwischen Polizei und Demonstranten, wobei viele Demonstranten und Schutzleute verwundet wurden. Die Polizei mußte eingreisen, um Sir Alfred Mond und seine Reisegesellschaft aus den Händen der Menge zu befreien. 40 Araber wurden verhaftet. Genf. Gemäß einem Beschlüsse des Präsidiums der Genfer jüdischen Gemeinde erschien der Rabbiner von Gens, S. Balizer, im Generalsekretariat des Völkerbundes, um zugunsten der rumänischen Juden zu intervenieren. Er übergab am Schlüsse des ausführlichen Gespräches dem Völkerbundssekretariat ein Dokumenten- Dossier über die Exzesse, kischinew. Der Fiaanzminister hat während der Bugdetdebatte erklärt, daß im Budget eine Subventionierung Der jüdischen Gemeinden nicht vorgesehen sei, «doch sei er bereit, diesmal für jüdische religiöse Zwecke eine Summe von zehn Millionen. Lei ins Budget aufzunehmen. Daraufhin hat die jüdische Gemeinde von Kisch ine w, der Hauptstadt Beßarabiens, durch Beschluß die Annahme eines Betrages aus dieser Subvenionierung a b g e l e h n t. Moskau. Nach einer soeben veröffentlichten Statistik leben im heutigen Leningrad 84.503 Juden gegen 52.373 im Jahre 1923. Die Zahl der Rüssen Leningrads beträgt 1.386.872 gegen 916.833 im Jahre 1923. Die Juden bilden die zweitgrößte nationale Gruppe der Stadtbevölkerung. Rom. Eine Abordnung der italienischen Judenheit wurde von K ö n i g V i JU o r © m anuel in einstündiger Audienz empfangen. Sie überreichten ihm ein vom „Bezälel" in Jerusalem kunstvoll gearbeitetes silbernes Kästchen mit allen Münzen der neuen palästinensischen Währung. Der König erkundigte sich eingehend über die Lage in Palästina. Jerusalem. Die Heus ch r eck ens chw ärm.e, die schon bis an die Pforten von Transjordanien angelangt waren und somit Palästina bedrohten, wurden durch starken Südostwind in die arabische Wüste abgetrieben, so daß für Palästina die Gefahr vollkommen behoben ist. — Die Jerusalemer N ati o n a l b i b l i o t h e k hat eine Einladung des Institutes für intellektuelle Zusammenarbeit des Völkerbundes, au dem vorbereiteten Bande für historische Bibliographie des Jahres 1927 mitzuarbeiten, angenommen. — Es ruft einige Erregung hervor, daß ein christlicher Missionar, ehemaliger Jude, den Text der „Hatlkwah" zu einer hebräischen Missionshymne umgedichtet hat und sie von seinen Trupps öffentlich auf den Straßen zu Propagandazwecken für die christliche Kirche in der bekannten Melodie singen läßt. wird, wie bisher, innerhalb des preußischen Judentums eine orthodoxe und eine liberale Richtung anzuerkennen, oder ob es den Zionisten gelingt, auch das zionistische Judentum als eine „religiöse Richtung" innerhalb der preußischen Judenheit in den Sattel zu heben- Herr Dr. Vom Haushattsabschlutz der Jüdischen Gemeinde. . Berlin, 15. Febr. Der aus den bekannten Ursachen erst am Ende des Kalenderjahres der RepräsenkantenversamMung vorgelegte Etat für 1907 schließt mit einer Endsumme .von 9,25 Millionen Mark ab gegen 8,3 Millionen Mark im Vorjahr. Der Steuerbedarf ist von 3,6 Millionen Mark im Jahre 1924.aus 6,7 Millionen Mark im Jahre 1927 gestiegen. Trotzdem war zur Ausbringung des Betrages nur 10 Proz. Zuschlag zur Reichseinkommensteuer notwendig. Ein Drittel der Steuern, nämlich 1 y2 Millionen Mark wurden für Wohlfahrtszwecke verwendet. In der Etats sitz ugn, die sich mit dem Voranschlag des abgelaufenen Jahres natürlich nur oberflächlich befchäfttgte, .wurden 50.000 Mark zur Errichtung einer Frühehenkaffe bewilligt. Von einer Seite wurde angeregt, diese Frühehenkassen mit der weiter auszubauenden Darlehenskasse zu verbinden. Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden. Berlin, 6. Febr. Ende,Januar fanden. Sitzungen der Arbeitsgemeinschaft „Jüdische Gefährdetenfürsorg'e" und der Unterkommission für Gefangenen- und Psychopathenfürforge statt. Es wurde beschlossen, über die einschlägigen Fragen' der Seelsorge und Fürsorge demnächst zusammen mit anderen Verbänden mit dem Ministerium zu verhandeln und alsdann Richtlinien für die Arbeit aufzustellen. In dem Arbeitsausschuß des allgemeinen Reichsausschusses für soziale Gerichtshilfe, Gefangenen- und Entlassenenfürsorge wird die Zentralwohlsahrtsstelle durch drei Vertreter, mit den anderen Konfessionen zusammenarbeiten. Die Kommission für Psychopathenfürforge beschäftigte sich mit der Vervollständigung der Aufstellung eines lückenlosen Verzeichnisses der Unterbringungsstätte für schwer erziehbare Kinder und Jugendliche. Als Gäste waren der Generalsekretär der Jüdischen Gesellschaft für Mädchenschutz aus London, Mr. Cohen und der analogen Kommission in Buenos-Aires, Herr G! ü ck s m a nn, anwesend. Beide berichteten über die Tätigkeit der von ihnen vertretenen Körperschaften. Der neue Führer -durch die jüdische Wohlfahrtspflege in Deutschland wird Mitte März erscheinen. Wohlfahrtsinstitutionen irgend welcher Art, die noch nicht ausgenommen sind, sollen sich in ihrem eigenen Interesse so rösch wie möglich an die Redaktion des „Führers", Berlin, Oranienburgerstraße 69 wenden. . Der Lehrerverband hat bei seiner letzten Tagung unter Vorsitz des bekannten Hellpädagogen, Georg Sawady, einen Sozialen Ausschuß gewählt, der auf die stärkere Mitarbeit der Lehrerschaft bei der Jugendwohlfahrtsarbeit hinwirken soll. (Wertere Korrespondenzen Seite 3.) Personalien. Aron Hirsch. Berlin, 10. Februar. Der bekannte Chef des Hauses Hirsch-Kupfer- und Messingwerke und der Firma Aron Hirsch u. Sohn, früher Halberstadt, jetzt Berlin, Herr A r o n H i r s ch, beging dieser Tage, wie bereits, kurz gemeldet, feinen 70. Geburtstag. Der Jubilar hat, unbeschadet seiner die ganze Arbeitskraft in Anspruch nehmenden umfassenden Geschäftstätigkeit, zeitlebens starkes jüdisch-wissenschaftliches und jüdisch-philantropisches Interesse betätigt und ist mit seinen Sympathien, getreu den Traditionen seiner Familie, auch im öffentlichen Leben immer auf Seiten der, konservativ gerichteten Bestrebungen geblieben. Borübergehend gehörte er der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde an, aus der er, zusammen mit anderen konservativen Vertretern durch Amtsniederlegung ausschied. - Aron Hirsch erfreut sich großen Ansehens in allen- Kreisen der Berliner Gesellschaft. Er ist im Jahre 1922 von der technischen Hochschule in Darmstadt zum Ehrendoktor ernannt wordeni Dr. Juda Peiper Krakau, 7. Februar. Dieser Tage verschied hier einer der bedeutendsten orthodoxen Bürger der Stadt, Dr. P e i p er. Peiper war ein Baal Tschurva, der vor 25 Jahren, als vierzigjähriger Freidenker, mit einem Male sich voll uttd ganz ijum Thorajudentum bekannte. Dieses Ereignis setzte i Damals die ganze jüdische Welt in Staunen. Er wurde ein S ch i n o w e r C h o s s i d, führte sich chassidisch, lernte und betete unter Chassidim, und seitdem war seine Advokatskanzlei am Schabbos streng geschlossen.