Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1928)
- Date
- 1928-02-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 7 ___ möchte, so entspricht dies weder meiner tiefen Ueberzeugung noch meinen damals gemachten Aeußerungen. Im Gegenteil: Ich erkenne durchaus den absoluten Primat der Torah fchebichtaw und T o r a h s ch e b a l peh absolut an und h a l t t jede Konzession oder Abschwächung dieser Kodices unseres Lebens für unzulässig. Das hindert uns absolut nicht, für die nationale Auflebung unseres Volkes' in Erez Jisroel und in der Diaspora alles zu tun und alles zu unternehmen, wasim Ernklangmitden Grundsätzen der jüdischen Religion steht. Sie waren so freundlich, Herrn Farbstein Ihre Vermittlung, bei der Richtigstellung obiger Notiz mitzuwirken, zu versprechen. Da ich bis nun nicht weiß, wo und wie diese Notiz kolportiert wurde, erlaube ich mir, Sie' höflichst zu bitten, dies in meinem Namen tun zu wollen. Sie können ganz getrost sagen, daß mein Interviewer mich offenbar, möglich auch wegen der sprachlichen Schwierigkeit mißverstanden hat. Ich schicke Ihnen dieses mein Schreiben in drei Exemplaren, die ich alle eigenhändig fertige, damit Sie von ihnen nach mehreren Seiten Gebmuch machen können. Genehmigen Sie ,verehrter Herr Professor, im voraus die Ausdrücke meines verbindlichsten Dankes für Ihre Mühe sowie die Ausdrücke meiner aufrichtigen Wertschätzung und Hochachtung. Ihr gez. Dr. Feldmann." Wir freuen uns, aus dieser Erklärung zu ersehen, daß. Herr Dr. Feldmann, der uns im übrigen ein völlig Fremder ist, offenbar das Opfer eines ganz außergewöhnlich verständnislosen Interviewers geworden ist und überlassen es unserem englischen Bruderorgan, sich wegen der Veröffentlichung dieses kompromittierenden Interviews zu rechtfertigen. Zu Ehren des d e u t f ch e n Misrachi möchten wir bei dieser Gelegenheit darauf Hinweisen, daß, wenn wir recht berichtet find, gelegentlich des ersten Bundestages der Zeire Misrachi Ende Dezember vorigen Jahres der bisherige-Vorsitzende Dr. Heppner, sein Amt niederlegen müßte, weil er in seinem Referat Anschauungen (etwa im Sinne der Orthopraxie Wolfsbergs) niederlegte, dieser Mehrheit religiös bedenklich und gefährlich erschienen sind. Wie aus Nr. 1 der „Jung-zionistischen Blätter" ersichtlich, hatte Dr. Heppner ausgeführt, daß die Verbindlichkeit des Gesetzes nicht abhängig sein dürfe von der Glaubensfähigkeit des Einzelnen, eine Anschauung, die objektiv natürlich richtig ist, sofort aber zur Preisgabe grundlegender religiöser Prinzipien führt, sobald daraus der Schluß gezogen wird, daß die innere Ueberzeugung des Einzelnen für seine Bewertung als religiöser Jude, d. h. als Volljude gleichgültig ist. Wir erinnern an die darüber an dieser Stelle veröffentlichten Ausführungen Dr. Moses Auerbachs. zwischen Meister und Schüler gestaltet, werden wir bald vernehmen. Längst war Elijahim Picard mit dem Rabbinatshiplom in die Praxis des realen Lebens gegangen. In vornehmen Familien Karlsruhes entfaltete er eine erfolgreiche Tätigkeit als Jugendbildner und es wurden in Würdigung seines reichen Wissens und Könnens und seiner tiefen, unwandelbaren Frömmigkeit Bande der Freundschaft geknüpft, ' die bis cm» Lebensende dauern. Die dankbaren Eltern sahen an der reifen Frucht ihrer gottesfürchtigen Kinder, wie unschätzbar ein Lehrer ist, der es versteht, die Kinder mit Liebe zum Judentum zu tränken. Eine eigene Verehrung bringt Eljakim Picard dem Gaon Rabbi Jakob E t t l i n g e r entgegen. Dessen unsterbliche Werke, die ihren Siegeslauf über die gesamte jüdische Diaspora ang-etraten haben, studiert er mit heißer Liebe und es ist wahrscheinlich, daß er diesem genialen Manne und Führer des Judentums auch persönlich nähergetreten ist. Eine reichgesegnete Wirksamkeit beginnt nun für unfern Eljakim Picard in der Geburts- und Heimatgemeinde Randegg. Die übergroße Bescheidenheit, die mit dem weiteren Vordringen im Goldschachte der Thora noch wächst, läßt ihn Berufungen in größere Wirkungskreise ausschlagen. Es gab aber auch in der kleinen Landgemeinde nicht wenig Arbeit. Der Vorgänger hatte nicht davor zurückgeschreckt, in die Ruhe des Dorfes polternde Reformideen zu tragen. Der Götze Fortschritt und Zeit hatte sich in Kampfstellung gesetzt zur Thora und ihren ewigen Forderungen.. Don einer vorschriftsgemäßen Aufrichtung der drei Weltsäulen: Thora, Awaudoh und Gemilus Chasodim keine Rede. Züchtige Verhüllung des Haares? Die Frauen lachten. Rabbi Eljakim Picard sah unverzüglich zum Rechten, ruhig, aber fest zeigt er seiner Gemeinde den Weg des Heils, die bald merkte, daß ihr ein Führer geworden war, dem sie sich anvertrauen konnte. Als ihr sorgsamer Wächtee Der Israelit 18. Februar 1828 Abwehr und Aufbau. Im zionistischen und im misrachistischen Lager herrscht tiefe Bestürzung ob der ungeahnten Wirkungen, welche die Gemeindegesetzgebung in Erez Jisroel ausgelöst hat. Sieben Jahre hindurch hatte Agudas Jisroel gemeinsam mit dem Waad Hair Hoaschkenasi das Odium, auf-sich genommen, als „Verräter", „Zeloten", „Fanatiker", „Zerstörer der jüdischen Einheit" usrp. gebrandmarkt zu werden. Man versuchte von gegnerischer Seite stets, gegenüber der selbständigen Orthodoxie in Erez Jisroel die unselbständige, sich an die zionistische Organisation anlehnende auszuspielen und nun haben sich auch diese Kreise ganzdempolitischen Programm der Agudas Jisroel angeschlossen, h ä -- bengenaus o w i e d i e A g u d a s I i s r o el esalsunvereinbarmitderWeltanfchauung eines ge fetze st reuen Juden erklärt, dem WaadHaleumianzugehören, sie entfalten die nämliche Propaganda für den Austritt nusdemWaadHäleumiwiedi e A g udasJisroel. Rabbiner Kuk selbst hat bis jetzt schon die Beteiligung an den Wahlen für den Waad Haleumi untersagt, seine rabbinischen Kollegen sind weitergegangen und haben die Verpflichtung ausgesprochen, schon jetzt der Regierugn die Austrittserklärung aus dem Waad Haleumi zukommen zu lassen. Tausende von Juden sind in Jerusalem bereits ausgetreten. Die . bedauerlichen Zerklüftungen innerhalb der Orthoj doxie scheinen mit Gottes Hilfe durch die Gemeinsamkeit der Abwehrfront wesentlich gemildert zu werden. N o ch a b e r haben die zionistischenOrganenichtdieHoffnungaufgegeben, die Freunde von gestern und Gegner von heute wieder in die alte Abhängigkeit zu bringen; sie können sie daher vorläufig nicht so unsanft anfassen, wie sie gerne möchten, aber deshalb müssen sie mit doppelter Energie und mit doppeltem Aufgebot an Verbalinjurien die Agudas-Jisroel bekämpfen. Nicht weniger als 3 Artikel gegen die Agudas Jisroel bringt die jüngste Nummer des Londoner „ H a o l a m ", das zionistische Centralorgan. D i e K r ä f t e der „ T u m o " , dämonenhafte Gewalten der § i n ft e x * nt-s seien es, d i e aus bem M u n d der A g u d a s I i s r o e l s p r e ch e n. D i e A g u d o führe aus dem Judentum heraus. Der „Haaretz" vergleicht die Agudo tnit Jerobeam ben N'wot und die i h r z u g e h ö r i g en R a b b i n e r m i t M e n-. chen, die nicht für die Thora, sondern v o n d e r T h o r a l e b e n. Der N e wyorker „Tag" erklärt die Zerstörün g Erez Jisr oels als das e in zig e von der Agudas Jisr o e l b ei ihn: er P alästin aarb e it b e ab si chti gte Zie l. Daß da, wo alles haßt, die „ Jüd i sche Ru ndschau" allein nicht lieben kann, ist selbstverständlich. Für sie verhält sich die' Angelegenheit so: in Frankfurt, wird auf einen Mops gedrückt und die gesamte selbständige Orthodoxie der Welt: litauische Thoragrößen, chassidische Rabbiner, aschkenasische und sefardische Rabbiner in Erez Jisroel organisieren sich „nach Frankfurter Muster". Man muß schon sehr naiv sein, um'so etwas i*. glauben, aber die „Jüdische Rundschau" besitzt in der Tat diesen Grad von Naivität, denn sie schreibt sofort weiter, daß Rabbiner Kuk sicherlich nicht untätig Zusehen werde, wie feine Mitarbeiter mit der Agudas Jisroel Hand in Hand gehen.. Das Zentralorgan der deutschen zionistischen Organisation glaubt also-wirklich, daß im Schulchan Aruch eines palästinensischen Oberrabbiners religiöse Bestimmungen zu finden sind, die davon abhängig sind, ob man zufällig dasselbe tut und will, was die Agudas Jisroel tut oder nicht; und im ersteren Falle mutet sie demselben Oberrabbinat, welches nichts gegen eine Zusammenarbeit mit Zionisten bisher einzuwenden hatte, zu, daß es dagegen protestieren werde, wenn man mit der Agudas Jisroel zusammenarbeitet. Das alles sind nur einige kleine Blütenlesen aus dem zionistischen Blätterwalde, deren Kenntnis an und für sich nicht sehr notwendig wäre, wenn es sich nicht um folgendes handelte: Es darf unter keinen Umständen der Glaube aufkommen, als ob die Ttäigkeit der Agudas Jisroel in Erez Jisroel sich lediglich a u f d i e A bjo ehr der religiösen Bestreb u n - gen des W aa d H a l e um i b e s chr ä n k t e. In diesem schicksalsschweren Moment, da eine religiöse Gemeinschaft in Erez Jisroel aufgebaut wird, gilt es, der Grundlage einer jeden jüdischen Gemeinschaft, der Erziehung der Heranwachsenden Jugend alle Kräfte zu.widmen. Aller Kampf um die zukünftige Gemeindegestaltung, jeder Sieg der agudistischen Idee auf diesem Gebiete wäre sinn- und zwecklos, wenn nicht dafür Sorge getragen würde, daß die Heranwachsende Generation durch echt religiöse jüdische Schulen befähigt wird, das Erbe ihrer Väter zu übernehmen. Darum ist esmehr denn je heute Pflicht jedes gesetzestreuen Juden, auch das zu wissen, daß der Adar-Äionat geweiht ist der Stärkung des Thora-Elementes im heiligen Lande. Wer von Verantwortungsgefühl gegenüber der jüdischen Gesamtheit erfüllt ist, der wird für alle Anwürfe der Gegensei t e n u r e i n e A n t w o r t k e n n e n, n ä mhält er noch in spätester Nachtstunde eifrige Zwiesprache mit Rambam, Bes Josef und den andern Fürsten des Judentums, oder er betet für einen Mitmenschen, der auf schwerem Schmerzenslager ringt. Wer kann besser beten, inniger bitten vor dem Gnadenthrone Gottes, als Rabbi Eljakim Picard, er, der die Menschen alle, auch die, die ihn verkennen, über alles liebt. Mit den Großen der Zeit steht -er-'in freundfchäftlichem Verkehr, 'am lebhaftesten mit feinem geliebten' Lehrer zu Würzburg, dessen Worte er in seinen hinter - lassenen Schriften heilig hält, wie kostbare Diamanten. Es fehlte in der Aera Picard auch an Kämpfen nicht. Bedarf dies besonderer Erwähnung? Wo gäbe es einen Helden, der sich nicht über Hindernisse und Prüfungen hinweg einen Weg bahnen müßte. Erst bei einem Thoragelehrten, der aus Schritt und Tritt im wogenden Gemeindeleben bei der Durchführung seiner edlen Grundsätze mit Ame-Hoorez-Gesinnungen aller Art in Kollision gerät! Eines Tages, steht die Moderne auch in der Landgemeinde. Man fühlt das Bedürfnis, den Gottesdienst zu verschönern und gründet einen Chor. E< erwachen neue, ungewohnte Melodien, die dem altg-eheiligten Chasonus Abbruch tun und auf farbigen Effekt eingestellt sind. Unzählige Male wird der heilige Gottesname wiederholt. Da entzündet, sich spontan die Flamme der Gottesfurcht im Herzen des Führers der Gemeinde und er gebietet während des Gebetes energisch Einhalt. Keiner wagt-es, dem Flammenworte des für Thora und Jir-oh^einstehenden Rabbiners zu trotzen. Wir erwähnen gerpd.e dieses Beispiel feiner beruflichen Hingabe, weil es--/heute durch die Diskussionen über Synagogenchor uüd Gemeindegesang aktuelles Interesse beanspruchen darf. . Eljakim Picard konnte aber nicht nur Ernst uns Entschiedenheit zeigen, wenn die heilige Sache es. er. forderte, er verstand auch die Herzen zu gewinnen in Liebe und Güte. Keiner ging unerquickt über die Schwelle seines Hauses, es ging ein eigener Zauber von seiner. Person aus, dem sich nicht einer zu entziehen vermochte. Die Großherzogin von Baden, die in RäNüegg weilt,''hält vor dem Rabbin-erhaufe und es entwickelt sich ein langes, eingehendes Gespräch mit dem greisen Thoragelehrten, dessen abgeklärtes Denken. tiefen Eindruck ' auf sie macht. Nach geraumer- Zeit' noch schickt sie durch einen adeligen Herrn Grütze an den Randegger Rabbiner, sie könne diesen Mann, dessen Gesicht von Weisheit und. Güte strahlt, nicht vergessen. Ja, diese Güte, gegen jedermann! Das heilige Petzach-Fest ist gekommen. Zu den Ohren von Eljakim Picard dringt das Gerücht, es befinde sich im Gefängnis zu Radolfzell ein armer jüdischer Wanderer, t der die dargereichte Nahrung nicht nehmen will. Es fei heiliges Petzachfest, er müsse Osterbrot haben. Wie ist unser Eljakim Picard gerührt über diese jüdische Gottestreue! Obwohl schwere gesundheitliche Beschwerden ihn -entschuldigt hätten — er hat auch sie sein ganzes Leben hindurch als tzv b->iio' mns gewertet — eilt er ohne Besinnen zur höchsten maßgebenden Instanz, er setzt ihr die heEge jüdische Pflicht des Mazzos-Genusies in seiner lieben Art auseinander und sofort wird dem entsprochen. Für das nötige Quantum Mazzos hatte -er -bereits Sorge getragen. Die posthumen Werke von Rabbiner Picard behandeln fast durchwegs halachifche Gebiete, sie harren leider noch heute der Hand, die sie sichtet und zur Drucke legung vorbereitet. Zwischenhinein indie halachischen Abhandlungen leuchtet, wie ein Aufblitzen nach strenger Denkarbeit, eine " homiletische Perle. Eine . davon fei wahllos zur Erinnerung an feine heilige Seele hier wiedergegeben. Die Schrifiverse: „Nahe ist der Herr allen, die ihn anrufen, die ihn anrufen in Wahrheit. Den Willen derer, die ihn fürchten, erfüllt er und ihr Flehen hört