Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1928)
- Date
- 1928-02-09
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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veile L Nr. 6 Der Israelit Mrerponäenreii * Nachrichten. Angarn. Line neue Wendung in der Numerus Llaufus- Frage? Budapest, 2. Februar. Zur allgemeinen Ueberraschung beabsichtigt ein Mitglied der Regierung gelegentlich der in den nächsten Tagen beginenden Verhandlung der Vorlage über die Revision des. Numerus Clausus, den Antrag einzubringen. die ganze Vorlage zurückzuziehen und im Gesetze auszusprechen, Laß nur die Zahl der an den Universitäten und anderen Hochschulen aufzunehmenden Hörer festgestellt werde. Jede Bestimmung nach Kategorien müsse aufhören und die Aufnahme der Hörer im Rahmen der fixierten Zahl durch den Universitätssenat erfolgen. Darüber, ob die Regierung diesen Vorschlag annimmt, ist bisher nichts bekannt. Polen. Die Propaganda der Schächtgegner in Warschau. Warschau, 3. Februar. Die Propaganda der Schächtgegner in Polen nimmt immer größere Dimensionen an. Sie geht von den Kreisen der christlichen Fleischhändler aus, die sich die jüdische Konkurrenz vom Halse schaffen wollen. Sie behaupten, daß die jüdischen Fleischhändler, die nur die vordere Hälfte des geschlichteten Viehes als Koscherfleifch verkaufen können, die hinteren Teile an das nichtjüdische Publikum billiger abgeben und dadurch den christlichen Fleischhandel schädigen. Um Erfolg zu haben, versuchen die Fleischhändler, das humanitäre Moment in den Vordergrund zu schieben, und finden darum auch Unterstützung in Kreisen, die an dem Fleischhandel geschäftlich nicht interessiert, sind. Vor einigen Tagen erschien eine Abordnung des polnischen Kleinhändlerverbandes unter Führung eines antisemitischen Redakteurs beim Regierungskommissar Iaroszewicz und sprach die Forderung nach Verbot der Schächtung aus. Die Organisation der Sprechsaal. Aus Hessen. Wie den Lesern dieser Zeitschrift bekannt sein dürfte, bestehen in dem Freistaate Hessen zwei Gemeindeverbände: der Landesverband der israelitischen Gemeinden in Mainz und der Verband gesetzestreuer israelitischer Gemeinden in Darmstadt. Da dem Mainzer Verbände sich auch eine Anzahl orthodoxer Landgemeinden angeschlossen haben, glaubt er dem Darmstädter orthodoxen Verbände jede Existenzberechtigung absprechen zu müssen, obwohl derselbe immerhin eine Gefolgschaft von 40 Gemeinden hinter sich hat. Zwar versuchte und versucht man von orthodoxer Seite aus mit dem Landesverband zu einem erträglichen Nebeneinander und in gegebenen Fällen auch zu einem im Interesse der hessischen Judenheit notwendigen Miteinander zu kommen. Bis jetzt scheiterten jedoch alle diese Versuche an dem zähen Festhalten des Landesverbandes an. der Illusion, die alleinige Vertretung der hessischen Judenheit zu sein. Man sollte jedoch auf liberaler Seite so liberal sein, die Existenzberechtigung einer selbständigen Orthodoxie anzuerkennen. Mit welchen Mitteln man drüben arbeitet, zeigt mit Deutlichkeit die Januarnummer des Mitteilungsblattes des Landesverbandes in einer Besprechung der auch im „Israelit" gewürdigten Schrift von Lehrer Lebermann-Darmstadt über „Jüdische Schul- und Lehrerverhältnisse in Hessen". Besprechung haben wir gesagt; in Wirklichkeit ist es keine Besprechung, wenn sie auch unter der „Bücherschau" rubriziert ist, denn sie geht nicht auf den Inhalt der Lebermannschen Schrift ein, es wird nur auf eine im Mitteilungsblatt erschienene Artikelserie des Herrn Lehrer Marx-Gießen verwiesen, welche die von Lebermann behandelte Materie „in anderer Darstellung" gebracht hatte. „Andere Darstellung" ist sehr gut. Nur ist dabei zu bemerken vergessen worden,'daß die Darlegungen des Herrn Marx von historischer Treue mancherlei vermissen lassen, daß sie, wie bereits in den Blättern für „Erziehung und Lehre" zu lesen war, nicht nur „subjektiv und mangelhaft in Darstellung, sondern auch stellenweise von keiner Sachkenntnis getrübt sind", während die Lebermannfche Schrift sich streng und peinlich auf amtliches Aktenmaterial stützt. Nachdem so der Rezensent mit dem Hinweis auf die historischen Darlegungen des Herrn Marx ziemlich stark daneben gehauen, setzt er sich weiter nur mit dem Schlußworte der Lebermannschen Schrift auseinander. Obermann hatte in seinem Schlußworte gesagt: „Da im Freistaate Hessen die Judenheit nach den beiden religiösen Richtungen getrennt organisiert ist und dementsprechend zwei Gemeindeverbände gegründet worden sind, so müssen unbeschadet der religiösen Verschiedenheit in allen wirtschaftlichen und sozialen Fragen, also zur Erhaltung der Gemeinden und ihrer Institutionen, sowie zur Stützung nationalen polnischen Frauenoereine hat eine Landeskonferenz einberufen, in der das Verbot der Schächtung in ganz Polen gefordert werden soll. Mit dem gleichen Thema wird sich die in den nächsten Tagen stattsindende Konferenz der antisemitischen Gesellschaft „Rozwoj" befassen. In der gestrigen Sitzung des Warschauer Stadtrates wurde eine Kommission zur Prüfung der Schächtfrage eingesetzt mit der Aufgabe, in spätestens einem Monat Bericht zu erstatten und Vorschläge zu unterbreiten. Litauen. Ritualmordhehe und Pogromgefahr in einer litauischen Stadt. K o w n o, 13. Januar. In dem Städtchen Schidiewe, Kreis Raffein, lebt die jüdische Bevölkerung wahre Schreckenstage durch. In der Nacht von Sonnabend zu Sonntag umzingelte eine von Agitatoren aufgehetzte christliche Menge das Haus eines jüdischen Kaufmanns und forderte die Herausgabe eines angeblich zu rituellen Zwecken geraubten christlichen Kindes. Eine Bedienstete des Kaufmanns, die das Haus verließ, wurde durch Schläge über den Kopf fö zu gerichtet, daß an ihrem Aufkommen gezweifelt wird. Gegen alle benachbarten von Juden bewohnten Häuser wurde ein Steinbombardement eröffnet, so daß keine Fensterscheibe ganz blieb. Der Kreischef von Raffein entsandte nach Schidlewe eine Abteilung Polizei, die sich um die Aufrechterhaltung der Ordnung bemüht, doch ist die Gefahr schwerer Ausschreitungen angesichts der noch herrschenden erregten Stimmung unter der verhetzten christlichen Bevölkerung nicht geschwunden. (I. T. A.) Rumänien. Ein spezielles Iudenkorps in Rumänien? Bukarest, 12. Januar. Der Große Generalstab hat eine Verordnung an sämtliche Ergänzungskommanden des Landes gerichtet, der Lehrerexistenzen und ihrer Hinterbliebenen beide Verbände zusammenarbeiten." Dieses Zusammenarbeiten, Herr Rezensent, ist noch nicht erfolgt, wenn Sie sich auch darauf berufen zu können glauben, daß ein Teil der orthodoxen Landgemeinden dem Landesverbände beigetreten ist. Dieses Zusammenarbeiten kann nur dann erfolgen, wenn Sie und die übrigen Herren des Verbandes dem orthodoxen (Darmstädter) Verbände, der doch nun einmal besteht und in seinen 40 Gemeinden trotz Ihrer Berufung auf das numerische Uebergewicht des Landesverbandes nicht wegzuleugnen ist, feine Existenzberechtigung zuerkennen. Da lobe ich mir die Herren des preußischen Landesverbandes, die es — trotz ihres numerischen Uebergewichtes gegenüber dem Halberstädter Verbände — nicht unter ihrer Würde halben, mit den Halberstädtern sich an einen Tisch zu setzen, um gemeinsam zur Förderung der Interessen der preußischen Judenheit zu raten und zu taten. Der Herr Rezensent hält die Behauptung Lebermanns nicht zutreffend, daß die hefsifche Judenheit nach den beiden religiösen Richtungen getrennt organisiert ist. Es scheint ihm unbekannt zu sein, daß die Orthodoxen in Starkenburg und Oberhessen ihre eignen staatlich und gesetzlich sestgelegten Rabbinate haben, womit also erwiesen ist, daß die beiden religiösen Richtungen im Judentum in Hessen staatlich getrennt organisiert sind. Es sollte mit unfern Ausführungen nicht der Versuch unternommen werden, die Kluft zu erweitern, die sich zwischen den beiden hessischen Gemeindeverbänden aufgetan. Im Gegenteil: Wir wünschen aus vollem Herzen, daß ein Weg gefunden werde,' der beiden Verbänden' unbeschadet ihrer Selbständigkeit ein gemeinsames Arbeiten im Dienste und zum Wähle der hessischen Judenheit ermöglicht. Das kann jedoch nur dann möglich sein, wenn auf beiden Seiten der gute Wille zu gemeinsamer Arbeit vorhanden ist. Der Rezensent des Mitteilungsblattes des Hessischen Landesverbandes läßt von diesem guten Willen noch keinen Hauch verspüren. -pnx 'V7 Die Stimme des Lebens deines Bruders und von dessen Nachkommen! Nachdem auch Sozialpolitiker und Statistiker, die sich nicht auf das erste Gebot unserer heiligen Lehre „Seid fruchtbar und mehret euch!" beziehen, angesichts des Geburtenrückganges unter den Westjuden chre erschütternden Prophezeiungen ausgesprochen haben, sollte es schon nicht mehr nötig sein, von diesem Elend zu sprechen. Haben sie aber auf die davon Betroffenen, auf diejenigen, die aufgerüttelt werden sollten, Eindruck gemacht? An die Diener und Lehrer der Religion ergeht vor allem die Mahnung, von der. Notwendigkeit der Frühehe und kinderreicher Familien öffentlich und in weite- 9 Februa. 1928 wonach jeder einzelne jüdische Rekrut anläßlich der bevorstehenden Assentierungen dem siebenten Armeekorps zuzuteilen fei. '" ■ ' Die jüdischen Zeitungen protestieren gegen einen derartigen Terrorakt und srgaen, ob man eigentlich beabsichtige, ein eigenes Judenkorps zu errichten. Im Grunde würde diese Verordnung in der rumänischen Politik nichts anderes bedeuten, als daß nunmehr auch im Bereiche des Militärs die Forderung der Antisemiten erfüllt wird. Amerika. Verschärfung der Ausweisungshandhabung in Amerika. Newyork, 29. Januar. Das Einwanderungskomitoe des Kongresses. der Bereinigten Staaten hat die von Senator Johnson eingebrachte Bill, die «ine schärfere Handhabung der Ausweisungn von Fremden, die sich geringe Verfehlungen zuschulden kommen lassen, angenommen. Ein Vergehen gegen das Prohibitionsgesetz wird von jetzt ab ebenfalls eine Landesverweisung nach sich ziehen. Das Einwanderungskomitoe des Senates hat dem Kongreß einen Bericht unterbreitet, in welchem die Annahme der Resolution von Senator Copeland, wonach Frauen und minderjährige Kinder von Deklaranten (Emgewanderte, die sich bereits um die Aufnahme in den Staatsverband beworben haben), außer der Quote einwandern dürfen, empfohlen wird. Das Kongreßmitglied Blanten hat eine'Bill eingebracht, die eine vollkommene Einwanderungssperre für die Dauer von acht Jahren — 1928 b-is 1935 —, sowie eine Registrierung aller Fremden, vorsieht. (I. T. A.) sten Kreisen zu sprechen, damit der Untergang, der abendländischen Juden nicht zur Tatsache werde. W i e sieht es aber bei den zur Belehrung Aufgeforderten vielfach selbst aus! Darauf mögen die jüdischen Gemeinden antworten! Allenthalben in den Kreisen unseres Volkes ist Gottlob ein Erstarken des regiösen Denkens und Empfindens zu bemerken, Israel sehnt sich nach. seinem Schöpfer und dessenWort. Da ist es die Pflicht der gereiften Männer aus den als echt jüdisch bekannten Familien, mit dem guten Beispiel voranzugehen und in erster Reihe, ihre eigenen Kinder dazu zu drängen, jüdische Häuser zu gründen und durch ihre Pflichterfüllung sich selbst und ihr Volk glücklich zu machen. Geschieht' leider nicht vielfach das Gegenteil? Seht euch unter den Prominenten um! Fromme Chefs, soweit sie überhaupt jüdische junge Leute beschäftigen, pflegen auch die Güte ihrer aus angesehenen Familien stammenden Angestellten zu rühmen, und wie fleißig dieselben Schiurim besuchen. Fragt man aber einen solchen: Warum heiraten Sie nicht? — so kann man zur Antwort bekommen: Sollte der Chef merken, daß ich so etwas beabsichtige, werde ich bestimmt abgebaut! K e n n e n ,S ie vielleicht einen F i r me n i n h a b e r, de r a u f s ei n e An g e ste ll ten einwirkt, daß sie heiraten sollen,, und ihnen dafür Existenzmöglichkeit in Aussicht stellt? Gesegnet seien solche Ehrenmänner! Noch ein Wort von den Akademikern, zu denen die Nation ehrfürchtig emporschaut und für die der Begriff des jüdischen Ideals keine Utopie sein möge; von ihnen wird erwartet, daß sie, über jede selbstsüchtige Spekulation erhaben, Vorbilder jüdrschen Pflichtgefühls und jüdischer Pflichterfüllung seien, allzeit ihrer Veranwortung bewußt: yawm pn inV tw nwt•»aaV Hamburg, Schewat 5688. Rabbiner Dr. Bämberger. Sehr geehrter Herr Jehuda! Es ist unmöglich „Koscher-Lebensmittel" zu gleichniedrigen Preisen wie nichtkoschere zu vertreiben, solange Aussichtskosten und GemeindeabgÄben, die von den orthodoxen Gemeinden gefordert werden, die Produkte von vorneherein verteuern. Als Spezial-Konserven-Engvoshaus haben wir uns wiederholt an eine Gemeinde mit dem Ersuchen gewandt: uns von den Abgaben zu befreien, damit wir koschere Konserven zu denselben Preisen liefern können, wie die Fabriken nichtkoschere. Alle unsere bisherigen Bemühungen waren bis jetzt erfolglos. Es wäre uns außerordentlich interessant, von Ihnen dieserhalb. entsprechende Vorschläge zu hören! G. H. u. S.