Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1928)
- Date
- 1928-02-09
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Serie 2 Nr. 6 Ser I0 r a e l it Die Woche. Chewra-Sudah der Gemttus Chaffodim-Kippe. Wahres Gemilus Chefed— nnx bv idti ni^sa - muß im Verborgenen geübt werden, so war es Brauch von altersher in Israel und fo ist es -i"2 auch heut«, noch. Wo jüdisches Leben blüht, und fei es auch im kleinsten Kreise, da waren die heiligen mi2n stets, zu finden. 1122 ist in Israel von jeher eine ms»/ die alles andere zurücktreten ließ', denn m jedem menschlichen Wesen sieht der Jude eben das c,'j?^x Daher war für den Außenstehenden auch nie voN-der Tätigkeit der p'n viel zu bemerken, viel« erfahren^ von der Existenz erst, wenn die Schatten des Todes ein teures Familienmitglied umgeben. Zweimal im Jahre tritt bei der Frankfurter «120 cv'ion auch die Geselligkeit in ihr« Rechte,' am v2v2 ~ws n®»n und ms nvis me? So fand auch diesen Sonntag abend wieder im Hotel Ulmann die diesjährige miso-nmn statt. Um 5,15 Uhr begann die Feier mit dem Minchogebet, vorgetragen von unserem, stellvertretenden Harle Herrn Lion Seligmann, der durch fein v'ip uns direkt in die schönste ^---Stimmung versetzte. Alsdann wurde m nvwa' abwechselnd von Mitgliedern gelernt, — ein alter Brauch, daran erinnernd, daß mim r» ö«r naipn ETtn der nur* ist. Inzwischen war es Zeit für 2'-?» nbsn geworden, nach dessen Beendigung man sich an die mit den alten silbernen Bechern der ni2n geschmückte Tafel setzte. Was hier an irdischen Genüssen geboten wurde, bewies aufs deutlichste, daß die vmn-Mitglieder, trotz ihrer während des Jahres leider so oft an sie herantretenden ernsten Pflichten, , die Freuden des Lebens wohl zu schätzen wissen. Es war aber nicht nur eine n-nyo?. sondern eine mxb' bv m.wo, 'wie sie schöner und edler nicht gedacht werden kann. Eine Fülle zum Teil hervorragend schöner Reden der Herren Lion Seeligmann, D. I. Weil, Professor Dr. Freimann, Moritz Prager, Joseph Rosenbaum, Hermann Fränkenthal, Ludwig Strauß, Leopold'Schwab/Sulzbacher und Sänger, gewürzt mit herrlichen n-"v-Worten füllten die Pausen aus, während Herr Robert Aron ln meisterhafter poetischer Form eine humoristisch-satirische Weste, eine Jahresrevue, zum 'Besten gab, die wahre Lachsalven auslöste. Der Glanzpunkt der Feier war unstreitig eine von Herrn Frankenthal vorgetragene sowohl inhaltlich als. auch rhetorisch prachtvolle über die y,aio oon'3vr->=- -■> ' Während die aus gesundheitlichen Rücksichten fehlenden Herren Hamburger, unser hochverdienter nie ermüdender Harrle, Leopold Mainz, Rothschild und Emanuel, Salomon Weil und Mayer Stern von allen Anwesenden schmerzlichst vermißt wurden, freuten wir uns außerordentlich der Anwesenheit unseres Seniors Herrn D. I. Weil. — Des im laufenden Jahre leider Heimgegangenen Mitgliedes Eli Michael '"t wurde in Wehmut und Liebe gedacht. — Als Gratisgabe erfreute der allseitig beliebte und verehrte „Junggabbe", Herr Joseph Rosenbaum, die Mitglieder mit der Neuherausgabe der Statuten der 012-, die schon seit Jahren so säten geworden waren, daß sie nur schwer aufzutreiben waren. Alles in allem, war die Feier unvergeßlich schön und tiefster Dank für das Gebotene gebührt Herrn Joseph Rosenbaum. Aber auch Herr Ries sei 21^ -rar r Mögen die Herren Wilhelm Schames, der neue „Altgabbe" und Herr Leopold Schwab, der neue „Junggabbe" ihr junges Szepter milde handhaben insofern, als sie es nicht mehr nötig haben sollen, uns zu Fällen zu rufen, sondern möge bald die Zeit herannahen, von der es heißt: px nsab./vmn ^2. Chamifchoh Oßor-Feier in der Israelitischen Volksschule. Am Sonntag, den 5. Februar, hatte die Jsraelistsche Volksschule die große Zahl ihrer Freunde und Gönner zu einer Schulfeier eingeladen, die wie stets . Zeugnis ablegte von dem edlen Streben, das diese'Anstalt beherrscht. Die Turnhalle/ die den Schauplatz der geradezu ent- -zückenden Darbietungen bildete, erystes sich als viel zu klein, um die.Zahl derer aufzunehmen/ die das Interesse an Schäle und Zöglingen herbeigelockt hatte, so daß am daraüffolgenden Montag (Chamifchoh Oßor) das Programmwieder zur Ausführung gelangen-»mußte und sogar ein nochmaliger.Spieltag ins Auge gefaßt werden muß, um den Wünschen 'des-breiten Publikums gerecht zu worden. Es war eine Helle Freude, die kleinen und größeren Kinder auf dem geschmackvoll errichteten Pod,ium in Tätigkeit zu sehen und das Herz ging einem auf, wenn man sah, wie Schüler und Schülerinnen voll Eifer die Vorträge musikalischer, deklamatorischer und rhythmischer Art absolvierten. Anhand besonders hübscher, mit künstlerischem Empfinden und mustergültiger Sorgfalt selbst hergestellter Programmblätter folgte man den Darbietungen. Ein Schulorchester zeigte zunächst mit einfachsten Mitteln eine beachtenswerte musikalische Einfühlung, die sich später auch in außerordentlich fein abgestimmten Chorliedern einer gespannt lauschenden Zuhörerschaft offenbare. Dann kam der Reigen einer anmutigen Tänzerinnenschar sowie dramatisierte Lesebuchszonen, die ein ganz ungewöhnliches mimisches Können der Kleinen erwiesen. Es folgten hebräische Szenen, die teils auf den Tag Bezug hatten, teils Episoden aus dem Leben des jüdischen Kindes darstellten. Die kleinen Künstler sprudelten | ihren, in klassischem Hebräisch gesprochenen Part mit . einer Geläufigkeit hervor, die geradezu Reminiszenzen an die großen Künstler der Habimah. heroorrief. Auch der Schatten des großen Bühnenzauberers Max Reinhardt wurde beschworen, als eine größere Anzahl etwa lOjähriger Mädchen in künstlerisch abgestimmtem Sprechchor unter Verwendung primitivster Attribute eine Reise ins. Schlaraffenland zu packender Wirkung brachte. Ein Höhepunkt der Leistungen wurde durch die turnerischen Darbietungen der Knaben verschiedener Altersstufen erreicht. Die für die meisten Zuschauer ganz neue Art der turnerischen Betätigung gestattete Effekte, die offensichtlich von tiefwirkonder Bedeutung für die physychs Entwicklung der Jugend sind. Die zunächst ins Auge fallende ästhetische Leistung riß die Mnge zu -lauten Beifallskundgebungen hin. Wenn man bedenkt, daß all das Gebotene' unter Aufwand eines Minimums an szenischem Apparat und sozusagen fast ohne Preisgabe von Geldmitteln zur Aufführung kam, und daß in der Hauptsache der tägliche Lehrplan der Schule die Unterlage für die Darbietungen an diesem Abend gebildet, ergibt sich zwangsläufig die Ueberzegung, daß nur die unermüdliche Arbeitsfreudigkeit von Rektor und Lehrerkollegium undder hell lodernde Enthusiasmus, der sie bei ihrer aufreibenden Tätigkeit jahrein, jahraus erfüllt, solche Spitzenleistungen bei den ihnen anvertrauten Kindern aaslösen können. Hätte es noch eines Beweises bedurft hinsichtlich des guten Geistes, derin dieser Schule waltet, diese Chamischoh Oßor-Zusammenkunft von Eltern, Lehrern und Schülern hätte gezeigt, auf welch fruchtbaren Boden die Mühen und Sorgen derer gefallen,, die die'materielle Versorgung der Schule sich zur vornehmen Aufgabe 9 Februar 1928 machen und deren KreisauchinZukunft nicht weit genug gezogen werden kann,, ./’./; : Wie wir erfahren, Mdet nächsten So n n ta g, um 4 Uhr nachmittags, eine Wiederholung des Festes statt. Hirsch-Kursus. Im Mekor Chajim ist an diesem Samstag abend 8,45 Uhr (Langestr. 18) wieder ein Vortrag, im Hirsch- Zyklus fällig. Es spricht diesesmäl Herr Redakteur S. Schachn0witz über.„Der HirfchkorNmeNtar und die Kommentare feiner- Zeit (Mälbim)"./Gäste, Damen und Herren, .willkvsmmem - /; / - , Vorkrag ln der Ortsgruppe der Ägudas Jlstoel. Nächsten Sonntag, 8,45 Uhr, spricht inder Aulader Realschule, Am Tiergarten, Herr Rabbiner Dr. -An s « b a ch e r- Wiesbaden über „Das Buch der Natur .unfeine Lehren für das jüdische Leben". Gäste/Damen und Herren, willkommen. - . . . Neues aus der Agudas Ilsroel-Iugendgruppe: Am Sonntag, den 19. Februarveränstalten die ÄrbeitsgemÄnschaften einen Tagesausflug in den^ Taunus. Rechtzeitige Anmeldungen werden an Herrn-Jakob Strauß, Herderftr. 37, erbeten. ' - Am Sonntag, den 26. Februar, findet ein Treffen in Hersfeld statt. > Interessenten wollen sich zwecks Erreichung verbilligter Fährt umgehend hem . Börstandmelden. / - Gemeindevertretung der Israelitischen Gemeinde., am 8. Februar. Die Verfassung der Gemeinde wird nach der Richtung abg-eändert, daß von jetzt an anstatt eines zwei stellvertretende Vorsitzende der Gemeindevertretung i ernannt werden. Für. die : gegenwärtige Session wird Herr Ingenieur Grün sie in (Völkspartei.) mit. dem .Amt des zweiten ste.llvertretMdLn Borsitzenden betraut. Die Finanzkommissiön, cm die f e iner zeÄ der Vorstandsbeschluß der Verpachtung des Anzeigenteils vom Gemeindeblatt "an -.eine bestimmte Annoncenexpedition, verwiesen wurde, lehnt diese Verpachtung, weil zu ungünstig, ab. - ' , Auch die Gemeindebeamten einschließlich, der Lehrer' des Philantropins werden vom 1. Januar 1928 ab von der neuen Reichsbesoldungsordnung / erfaßt, die eine Verkürzung ihrer Bezüge um die. bisherigen Svnderzufchlage mit sich bringt. Die bereits gezahlten Sonderzuschläge für den Monat Januar werdennachträglich, in Abzug gebracht. Ein Briefwechsel und Anregungen hinsichtlich einer- Erhöhung der Einkünfte aus der/ Röntgenabteilung, werden zur Kenntnis genommen.; Am 27. Februar findet'im Gebäude des Philantröpirr die erste öffentliche Gemeindeversammlung statt. Tagesordnung: Vortrag des Herrn Regie ruygsbaumeisters- Nathan über die.neue Friedhofsanlage. Eine weiter-e Versammlung wird sich mit der Beratung des Gemeind eetats, allenfalls auch mit Wohlfahrtspflege befassen. Die Stelle eines Krankenhcmsinfpektors soll erneut,, und zwar in Fachblättern, ausgeschrieben werden. Zu reichlicher und ernsthafter Debatte gab die Infektionsabteilung des Krankenhauses Beranlaffung.. Ursprünglich in einem besonderen Gebäude unter ge brache wurde dieses in der Zeit der schweren wirtschaftlichen Krise geschlossen. An seine Stelle trat die frühere Leichenhalle. Die Belegschaft der Infektionsabteilung: war, wie Sanitätsrat Dr. E t t l i n g e x ausführte, wenn auch numerisch nicht sehr hoch klingend, doch immer ansehnlich, sofern man die lange Aufenthaltsdauer bei gewissen Erkrankungen (Scharlach, Masern Mainzer Redensarten.') Ein alter Mainzer pflegte die biblische Warnung „Hischomer pen . . ." jo anzuwenden, daß er „pen" als englisches Wort (Feder) gebrauchte und damit zum Ausdruck brachte, daß man sich vor schriftlichen Verpflichtungen hüten soll. Die Toleranz der letzten Kurfürstendankbar geben« kend, äußerte ein Mainzer Gemeindemitglied zwischen 1793 und 1797: „Welau jihje olenu kezef" (Jos. 29), wobei er die hebräischen Buchstaben kuf, zade, fe des Wortes „kezef" als Anfangsbuchstaben für die Uebertragung: Kaiser (von Oesterreich), zorfas (Frankreich) und Preußen anwendete. Wenn jemand kurz vor dem Bankrott stand, pflegte man von ihm zu sagen: „Er hält bei mögen ovaus" (also in der Nähe von wajechullu, wo die Arbeit beendet ist). Meyer Naß und Jone Gambach waren zwei bekannte Persönlichkeiten in der Judengasse. Meyer Die „ M e n 0 r a h ", Jüdisches Familienblatt für Wissenschaft, Kunst und Literatur, -(Wien, Habaith-Verlag), brachte zum 500. Todesjahre des Maharil ein mit reichem Vildermaierial ausgestattetes Sonderheft „Magenza" heraus, das sich kein Freund der jüdischen Altertumskunde entgehen lassen sollte. In 17 Aufsätzen und Abhandlungen wird von berufener Feder aus der Geschichte des jüdischen'! - Mainz berichtet und von dem, was es heute noch ajr Kultur-, Kunst- und Kultdenkmälern auf Friedhof, im'. Archiv und Museum, nicht zuletzt im Ritual aufzüweisen hat. Aus dem feuilletonistischen Teile seien hier ein paar köstliche Kleinigkeiten wiedergegeben. Naß war Sachverständiger für (Soft, Silber und Juwelen. Eingeweihte behaupten zwar, daß seine Sachkenntnisse gering waren, sein Einfluß aber war sehr groß, so;haß erüberall bei An- und Verkäufen, zugezoge^r wurde.. Sein Ja galt als Ja, sein Neinals Nein.!So wurde es'-zum. Sprichwort in der Judengasse: .„Wenn Meyer Naß 'sagt: „Äs istfalsch, dann ist es falsch." Sein Gegenstück war Jone Gambach. Obwohl völlig. mittellos, war er Bürge von Beruf. Bei allen geldlichen' Transaktionen zog man ihn mit seiner Namensunterschrift zur Bürgschaft hinzu und heute noch sagen die Alten, wenn sie von einer zweifelhaften- Transaktion sprechen wollen: „Jone Gambach für ein erev" (Bürge). Karlche Lorch war Krankenpfleger. Eines Tages wurde ein Junggeselle Mosche Bamberg schwer krank in die Krankenstube der Judengasse eingeliefert. Der Arzt, der ihn besuchte, meinte, daß das Ende des Patienten gekommen sei und erlaubte Lorch, dem Kranken zu geben, was er wünsche. Samstag mittag wurde dem Krankenpfleger von seiner Frau die übliche Bohnensuppe gebracht. Bamberg wachet aus seiner Agonie auf, ob durch den Duft der Bohnensuppe öder sonst etwas, ist nicht aufgeklärt; immerhin bat er Lorch, ihm einige Löffel davon zu' geben. Der Kranke verzehrte mit großem Behagen die Suppe und schlief ein. Er schlief bis zum nächsten Morgen. Als der Arzt kam, fand er zu seiner Ueb-errcrschung einen wiedererholten Patienten. Der Doktor sagte: „Herr Lorch, geben Sie dem Patienten wieder dasselbe, wie bisher", worauf Lorch -erwiderte: „Herr Dooktor, da muß er bis zum nächsten Schabbes warten." ' ,. Herz che Cahn war der Baker des Geh. Legationsrates Cahn in Paris, des' einzigen Deutschen, der' seinerzeit im Jahre 1870 in Paris bleiben konnte und dessen Tagebücher aus jener Zeit Berühmtheit erlangt haben. Lahn ging, wie viele seiner jüdischen Zeitgenossen, mit dem Sack auf dem Rücken handeln. Seine- Domäne war das der Stadt Mainz gegenüberliegende j Kostheim und fein Handelszweig war altes Eisen. An i einem schönen.Junitage ging er auch wieder nach Kostjheim, um altes Eisen einzukaufen. Mit seinem Sack' beladen auf der Kostheimer Brücke angelangt, machte er schyn im Geiste Bilanz über seinen guten Kauf und sagte zu sich selbst: „Heute hast du gut gehandelt, das Eisen wiegt mindestens einen Zentner." Als er auf die Mainzer Schiffsbrücke kam, sagte er zu sich selbst: „Du hast, dich geirrt, das Eisen wiegt ty2 Zentner:" Am Maintzer Zeughaus angelangt, überlegt und wägt ervon neuem: „Stuß! Zwei Zentner wiegt das Eisen."' Zu Hause stellt er seinen Sack auf die Wage und siehe da: das Eisen wog 80 Pfund. — Wenn jemand in der Judengasse von einem Geschäft erzählte, von dem er sich allzuviel Erfolg versprach, sagte man: „Herzche Cahn sein'Eisen." Ludwig Bamberger, der bekannte in Mainz geborene Parlamentarier, war im Jahre 1848 Mittelpunkt der republikanischen Bewegung in Mainz. Nach' einem großen, erfolgreichen Tage wurde ihm von den Mainzer Revolutionären ein .. Fackelzug . vor feinem Elternhaus dargebracht. In der damaligen Zeit waren die sozialen Gegensätze noch ausgeprägter als in derheutigen Zeit und im Gegensatz zu seinem Sinn war die alte Frau Bamberger mit der neuen Bewegung nochnicht vertraut. In feiner jugendlichen Begeisterung, holte Bamberger seine Mutter ans Fenster, um sie die große Ehre miterleben zu lassen. Die Mutter aber antwortete: „Befracht dir dein Kahal mörg-en früh, heute.- abend haben sie.alle ihve Schabbeskleider im."