Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1928)
- Date
- 1928-02-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450495-2450500--74695-2532180- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
WWWWWWWW^W UCr> Jüsj MI i fflöflnV L»o >v Maharam Schiff in Arankfarl und Aulda. (Fortsetzung). Von. den Werken und Werten, die aus seiner geistigen Werkstätte in Fulda hervorgegangen sind, besitzen wir leider nur kleine Bruchteile. Nach seinem Tode im Hause seines Vaters nahm man ^seine Erbschaft in Verwahrung. Es war eine gutverpackte und wohlverschlossene Truhe Mit Büchern und "Handschriften, darauf ein Zettel in hebräischer Sprache befahl: nns' ’Bhv» *i3i:i f nt f’S’ nir «r’K D.na irr kV KimVaa tirtaVV ptznaan n*rm nn iV ->iv»V nKivr -Kymaavn . „Es berühre keiner diesen Schatz, es sei denn, daß ein würdiger Sproß aus meinem Stamme erblüht, dessen Hand man die aufbewahrten Thoraworte anyertrauen kann, daß er sie mit dem würdigen Gewände versieht" (siehe Vorrede zu den rrVinm)- Der würdige Sproß erblühte erst mit dem Urenkel, dem Enkel seiner Tochter Heule (der einzige Sohn Rabbi Sanwel starb kinderlos), Rabbi Jechiel Michael Stern in Frankfurt a. M., der daran gehen durste, die verborgenen Schätze ans Licht zu ziehen. Inzwischen war aber der größte Teil abhanden gekommen. Vieles davon wurde beim großen Ghettobrand 1711 in und mit dem Hause zum Schiff ein Raub der Flammen. Den Rest gab Rabbi Stern heraus. Die erste Ausgabe ist in Homburg v. d. Höhe gedruckt, der später noch verschiedene Auflagen folgten. Es sind tiefgehende Abhandlungen zu den Traktaten Beza, Kesuboth, Gitin, den drei Babath, Sanhedrin, Chulin, Sabbat, Sewachim, außerdem einige populäre Predigten und ein Kommentar zum fünften Buche Mose im Fragment. Man weiß aber, daß die Erklärungen den ganzen Talmud babli und die vier Turim umfaßten. Auch mußten kabbalistische Schriften da sein. Was mit Hilfe des kongenialen Urenkels auf uns überkommen ist, das macht den Maharam Schiff aus. Die Tiefe der Diktion kann er bei Nachm anid es gelernt haben, die Ordnung und Systematik bei Maimon i d e s, nach der Kürze und Präzision seiner Ausdrucksweise könnte er aber bei Ras chi in die Schule gegangen sein. Damals, um die Mitte des siebzehnten. Jahrhunderts, ging der Kampf um den Pilpul. „Scheloh", „Joffeph Omez", Rabbi Scheftel u. a. a. sprachen sich entschieden gegen diese Methode aus. vornehmer Vertreter dieser Methode in Polen war der ältere Namensvetter unseres Rabbi Meir, „Maharam von Lublin". Maharam Schiff ging mit dem Pilpul gegen den Pilpul vor. Seine Geistesschärfe ist logisch und produktiv und in allen Fällen aus narr ausgebaut. Was ihm nicht solid und seriös genug erscheint, nennt er npizr oder Van oder ironisiert es als v'nnisn aman N'iKa „Dinge, die in der Luft schweben", egal von welcher Seite es kam. Und damit macht er gerade in Polen und Litauen, der Heimat des Pilpul, Schule. Zu der Ausgabe des Maharam Schiff von 1811 geben zwölf russische Kapazitäten ihre Approbationen und feiern mit ehrenden Worten den ü'piya Vm» den großen Geistesriesen von Deutschland. Vieles im Maharam Schiff ist aber so kurz und unklar gefaßt (vielleicht von ihm nur als Notizen zur weiteren Bearbeitung gedacht), daß es der Enträtselung bedarf. So fand es ein gefeierter Rabbi des Ostens, Rabbi Mordechai Mordrasch, für angebracht, einen Kommentar (TiK'a) zum Maharam Schiff zu schreiben, der mit neueren Ausgaben in Warschau und Wilna mitgedruckt ist und in der Gelehrtenwelt mit großer Freude begrüßt wurde. Heute ist Maharam Schiff in Slobodka, in Telsch und den ungarischen Jefchkwaus weit populärer und vertrauter als in den deutschen Landen, wo er gelebt und gelehrt hat.. David Gans, der Historiker des 17. Jahrhunderts, rühmt in seinem „Zemach Zedek" Rabbi Meier als unK’pai imsrnna D'aan '3'v tkö maVnn rra und bezeugt von ihm, daßi'Vrr nVr K'ain iN'Vrr der Prophet Elijahu sich ihm offenbart habe, um ihm tiefe Geheimnisse der Thora, die anderen verschlossen blieben, zu verraten. Weniger wortkarg ist Maharam Schiff in seinen populären Vorträgen, aber auch hier ist jeder Wortschwall vermieden. Er beginnt am liebsten gleich mit der Beantwortung der ungestellten Frage. „Rufet ihn an, da er euch nahe ist", zitiert er aus Jesajas, und fügt dem Satze gleich, gewissermaßen als Erklärung dafür, daß seine Nähe uns nicht jederzeit spürbar ist, den anderen Bibelsatz an naa npm 'a iirira also nicht an ihm liegt es, an und in u n s sind die Trennungsmomente enthalten, und uns obliegt es, die Brücke zwischen Gott uyd Mensch wieder herzurichten. Mit Geist und Witz und beißender Ironie konnte er bestehende Mißstände geißeln. - „Die Weisen und Frommen kargen mit ihrem Gelde, heißt es im Talmud. Weise und Fromme dieser Art gibt es Heute in den deutschen Gemeinden gar viele, nicht zu sprechen von den Ungelehrten, die schon ein altes Privileg seit den Tagen Akibas auf den Haß gegen die Gelehrten haben." Er sprach diese Worte anläßlich eines Sijums in seiner Jeschiwa, womit er sich den Aerger darüber vom Herzen redete, daß, seiner Meinung nach, die deutschen Juden in ungenügendem Maße die Lehrhäuser unterstützten.. Wie geistvoll und niederschmetternd lautet sein Urteil über die Heuchler, die einem Unangenehmes sagen, mit der Beteuerung, sie meinten es ungemein gut und herzlich. Er wendet auf diese den Satz aus den Psalmen 12, 13 an inan' aVv aVa man' kw- Seine Uebersetzung lautet kurz und treffend: „Falsch und trügerisch von vornherein ist das Gerede, wenn der Sprecher immer und immer wieder das Herzliche aVi aVa betont." Von Maharam Schiff stammt auch die hübsche Erklärung zu dem Ausspruch Elasars, Sohn Asarjas nai nraf kVi »w D'jrattr pa 'ik rnn. Rabbi Elasar war ein schwarzhaariger Jüngling, besaß noch keine Autorität des Alters und konnte sich mit seiner Meinung, obwohl gut und richtig, nicht eher durchsetzen, als bis die Erklärung Ben Somas kam. Welche Erklärung? Die Erklärung Ben Somas in den Vätersprüchen ehk Vaa naiVn aan l.nt’K* „Weise wird derjenige genannt, der von jedermann etwas lernt", gleichviel ob der Lehrende jung oder alt ist, wenn nur die Lehre der Wahrheit entspricht. Nach diesem Grundsätze Ben Somas konnte auch endlich Elasar, Sohn Asarjas gehört werden. Rabbi Meir ist selber ein Elasar den Asarja- Um ein Jahr jünger als dieser, siebzehnjährig, sitzt er schon als geistiges Oberhaupt und Führer an der Spitze des Rabbinates und Lehrhauses in Fulda. Ein Frühvollendeter, mußte er rasch sein Lebenswerk vollbringen, denn schon mit 36 Jahren wird er, wie schon erwähnt, auf dem Wege zu den höchsten Ehren in der ersten Gemeinde Deutschlands, am 20. Adar 1611, in den höheren Rat nVya Vttr na'ET’a abgerufen. Sein Grabstein in der Rabbinerreihe auf dem alten Frankfurter Friedhofe nennt ihn i'NKa Vmn pan. Es feien noch einige Worte hier über die Familie Schiff gesagt. Zuerst tragen die Bewohner des Hauses „zum Schiff" im Frankfurter Ghetto diesen Warner? um 1600, früher, seit 1500, nannten sie sich Kah ro oder Stern. Rabbi Meir Schiff, ein großer Gelehrter und einer der Vorsteher, starb 1626. Dessen Sohn, Rabbi Jakob Schiff, der bereits genannte Dajan und stellvertretende Oberrabbiner, starb, hochbetagt, 1655. Er überlebte seinen Sohn, den Maharam Schiff, um rund 15 Jahre. Aus dieser Familie ging auch Rabbi D a w i d T e - w e l e Schiff, der Verfasser des am pffV' hervor, der 1792 als Oberrabbiner von London starb. Jakob Schiff hatte einen Bruder namens Isaak. Der weltberühmte Psychologe, Prof. Dr. Moritz Schiff war ein Nachkomme der Jsaakschen Linie, ebenso der vor einigen Jahren in Amerika verstorbene große Phitantrop I a - kob Henry Schiff. Dessen Vater, der Börsenmakler Moses Schiff, der in der Langestraße 13 wohnte, ist vielen alten Frankfurtern noch in bester Erinnerung. Er war ein frommer. Mann und unterstützte auch die Bestrebungen von Rabb. S. R. Hirsch. Seine Söhne, sowohl Jakob Henry wie Philipp und Ludwig sersterer starb vor einem Jahre), erhielten ihre erste Ausbildung in der R e a l s ch u l e der Israelitischen Religionsgesellschaft. Jakob Schiff ging, im Alter von 18 Jahren, 1865, nach Amerika, wo große Aufgaben seiner harrten. Er hatte das goldene Herz seiner Ahnen geerbt, hatte Tränen für die jüdische Not und auch Millionen, um sie zu lindern. Nach der positiv religiösen Seite fühlte er sich leider dem großen Namen weniger verpflichtet, wenn er auch zeitlebens am Sabbath dem Geschäfte fernblieb. Von seinen Brüdedrn lebt nur noch der jüngste, Herr Ludwig Schiff, in Frankfurt und genießt in Bankkreisen große Achtung. Direkte Nachkommen des Maharam Schiff kann es keine geben, da, wie schon erwähnt, sein einziger Sohn, Rabbi Sanwel kinderlos starb. Seine geistigen Kinder, feine Schriften und Lehren, mögen uns, wie die der anderen auf dem alten Frankfurter Gräberfelde, zu geistigen Höhen führen.