Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1928)
- Date
- 1928-02-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 6 nVw dem Schöpfer des Sabbaths zu bringen hat. Einer, der von dem heiligen Beruf naw *ioW'- Hüter und Wächter des Sabbath zu fein, dafür zu sorgen, daß alle Kreise die Möglichkeit haben sollen, den Sabbath zu feiern, durchdrungen ist, wird sich trotz aller Schwierigkeiten kaum dazu entschließen, von einem -mn Gebrauch zu machen, der vorübergehend sein Gewissen beruhigen kann, daß er den Sabbath für sich nicht entweiht, aber ihm die Möglichkeit nimmt, dafür zu. sorgen, daß auch die anderen Kreise, die gezwungen sind, als Angestellte ihr Brot zu erwerben, den Sabbath halten können. Es müssen Mittel und Wege gefunden werden, diesen den Weg der tpirrn zu ersparen. Es ist des Schweißes der Edelsten und Vesten aus unseren Kreisen wert, Mittel und Wege zu finden, um von diesem Punkte aus den Hebel zur Lösung des Sabbathproblems ansetzen zu können. Gelingt es uns hier eine Lösung zu finden, so wird es uns viel leichter werden, auch für die andere Seite des Problems, deren Ernst gar nicht genug unterstrichen werden kann, eine Lösung zu finden. (Schluß folgt.) lvochenrundschau. Eine traurige Statistik. In den statistischen Erhebungen über Selbstmorde in Preußen in der Zeit von 1907 bis 1911 sind die Katholiken mit 101, die Evangelischen mit 252, die Juden mit 294 vertreten. Die j ü n g st e n Aufzeichnungen für das Reich umfassen das Jahr 1925 und geben die Zahl der jüdischen Selbstmörder mit 215 an, das sind 2,4 Prozent der Gef'amtliste, während der Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung in Deutschland bekanntlich nur 1,03 Prozent ausmacht. In den Aufzeichnungen von Gerhard Füllkrug ergibt sich uns folgendes Bild für Preußen: 1908—1913: 118 Katholiken, 370 Protestanden, 322 Juden; 1914—1918: 86 Katholiken, 216 Protestanten, 349 Juden; 1919—1923: 105 Katholiken, 250 Protestanten, 416 Juden. . Das ist für alle, die statistische Zahlen zu lesen verstehen, ein erschütterndes Resultat. In den Kriegsjahren von 1914 bis 1918 übersteigt die kurze Betrachtungen zum Wochenabschnilte. *) Von Rabbiner 2r. Felix Kanter in Zwittau (Mähren). „Ihr habet gesehen, was ich an Aegyten getan; ich habe euch aut Adlersstttigen getragen und habe euch zu mir gebracht. Jetzt aber (nnjn) - wenn ihr hören werdet auf meine Stimme re., werdet ihr mir ein Kleirod sein unter den Völkern rc.* Dieses NNVi ist scheinbar schwer verständlich; es macht fast den Eindruck, als ob dieser Vers im Gegensatz zu dem vorhergehenden Verse vnx) stünde. Dies ist auch tatsächlich der Fall und dies will die Thora ganz besonders hervorheben. Die Erlösung aus Aegypten geschah bekanntlich nicht wegen der besonderen Verdienste Israels, sondern ausschließlich durch die Gnade Gottes. Bekannt ist auch die gegen Israel erhobene Anklage miay näv 'Wi iTit» Ebenso wenig war es das Verdienst Israels, daß es gewürdigt wurde, die göttliche Lehre am Sinai zu empfangen (die neunundvterzig Tage der ,yt>bü entsprechen bekanntlich den 'ijw tj"» NXV1V» denen Israel bereits verfallen war). Was *) Aus ®mn vip2' (II. Teil) von Rabbiner I. Sch. in Oslo und Rabbi L. Weisblum. N. Bork. De r I s r a e l i t jüdische Selbstmordziffer fast um ein v i e r - fäches die katholische. In den vier Jahren, die dem Kriege folgen, und die von der Jagd nach dem Dollar beherrscht sirD, eine Zeit, aus der nach Ansicht derer, die uns übel wollen, nur die Juden wirtfchaftllchen Nutzen zu ziehen wußten, v e r s ch l i m m e r t sich die Sache bei den Juden noch mehr. Bor den noch nicht bekannten Zahlen in den jüngsten fünf Jahren der eigentlichen katastrophalen Wirtschaftskrisis, mit ihrer Äbbaupolitik und Zerstörung der Mittelschicht, muß uns jetzt schon angst und bange sein. Der hervorragende jüdische Anteil an dieser Statistik mag sich zum Teile damit -erklären, daß die Juden vorwiegend dem dem wirtschaftlichen Zusammenbruch am meisten ausgesetzten Handelsstande angehören und eher 'den Boden unter den Füßen verlieren, als der Bauer oder der Handwerker, der an der Scholle hängt oder in seiner We/kstätte wurzelt und auch in Krisenzeiten über das Schlimmste Hinwegetragen wird. Zum Teil nur trifft diese Erklärung zu. Man lasse nicht außer Acht den geringgen Anteil der Katholiken, an dieser freiwilligen Flucht aus dem Leben, wir wollen uns nicht weiter über diesen Punkt ausbreiten. Gesagt sei aber folgendes: Gelänge es uns, der jüdischen Jugend bei allen Wandlungen der Zeiten eine "geistige und religiöse B o d e n st ä n d i g k e i t in der Weise zu sichern, wie dies unseren thoratreuen Vereinen und Verbindungen in ihrem Kreise, zumeist gelingt, es stände doch anders um diese Zahlen. Es ist doch gar zu oft nicht die bloße Not des Tages, die vielleicht morgen schon überwunden sein kann, die zur Verzweiflung treibt, es ist die innere Hohlheit, die da entsteht, wo ein Mensch sein einziges Ziel im Leben: Gewinn und Genuß, plötzlich aus den Augen verloren hat. Mehr Genügsamkeit, ein reineres Leben nach den Grundsätzen der altjüdischen Moral, mehr Ausharrungsvermögen, mit einem Worte: mehr religiöser Halt, der das Zerbrechen imaginären Glückes, wie das falscher Glasperlen überwinden läßt und von Neuem hoffen und vertrauen lehrt, das ists, was dem weiten jüdischen Kreise noch fehlt, das ists, worauf unsere großen und kleinen Organisationen, denen Hilfs- und Erziehungsarbeit obliegt, ihr Programm anlegen sollte, das ists, was unseren liberalen Brüdern, die nach neuen religiösen Werten suchen, indes sie immer mehr Altes entwerten, sehr zu denken geben sollte. also n'^wn an Aegypten und für Israel tat, ist nur als ein göttlicher Gnadenakt zu werten, also ausschließlich als #'»^7 zu betrachten. Ihr allein hat Israel seinen Eintrit in die Weltgeschichte zu verdanken. Was aber seinen Fortbestand anbelangt, dies hängt von ihm selbst ab, je nachdem es auf die Stimme Gottes hört und seinen Bund beobachtet. Dies sagt uns deutlich sie heilige Thora: „Ihr habet gesehen, was ick an Aegypten getan; ick habe euch auf Adlersstttigen getragen und euch zu mir gebracht*. Dies alles geschah nur einmal, vor der Offenbarung am Sinai. Jetzt aber beginnt ein ganz neuer Lebensabschnitt für euch; von jekt ab dünnt eure Zukunft von — euch selbst ab. „Wenn ihr hören werdet aus meine Stimme re., dann erst werdet ihr ein-Kleinod sein unter den Bö kern rc." Dieses nnsn gilt aber auch für die Jetztzeit und für alle Zeiten. Die Anfangsbuchstaben des ersten Wortes, mit dem der Dekalog beginnt, enthalten nach Rabbi Iochanan (Sabbat 105 b) die Worte xix foix) rv>arr . Ich selbst habe es geschrieben und (euch) übergeben". Noch andern sind in die Worte enthalten rpan’ m’nä nv'pi iTp&k »Liebliche Worte habe ich niedergeschrieben und (euch) übergeben". Was wollen unsere Weisen damit sagen? Ist es blas ein Wortspiel, d. h. ein Spiel mit Worten? Man vergl. die Erklärung des zu dieser Stelle, der darin einen tiefen Sinn erblickt. Der Ausspruch unserer Weisen enthält auch eine beherzigenswerte Lehre. Bei einem Geschenke kommt es häufig auf den Geber oderSpen- 9. Februar 1928 Der Antisemitismus, ein Mittel der inneren Politik. Ein geistreicher Kopf prägte vor vielen Jahren von einer öffentlichen Tribüne herab das Wort: „Es ist der Fluch der Pogrome, daß sie fortzeugend neue Pogrome gebären". Es ist so. Die Bestialitäten rütteln am Gewissen Europas und Amerikas, rufen, mit. oder ohne jüdisches Zutun, Proteste hervor, die im Lande der Pogromseuche wiederum aufs Schuldkonto der Juden gebucht werden. Die Atmosphäre ist mit neuem Zündstoff geladen. Neue Pogrome, werden begründet mit den Wirkungen dev alten, für die doch wahrlich nicht die Opfer die Schuld tragen. In Rumänien spielen sich die Nachwehen und Nachwirkungen streng nach diesem festgelegten Programm ab. Das Volk ist verbittert. Indes führen Regierung und Gerichte gegen die Verbrecher so etwas wie einen aussichtslosen Kleinkrieg. Hie und da wird einer gefaßt und für ein paar Wochen ins Gefängnis gesteckt, sofern ihm nicht ausgegeben wird, sich i n F r e i h e i t n o ch e i n m a l z u b e w ä h r e n. An die eigentlichen Treiber im Generalstabe hinter der Front, die jedermann im In- und Auslande bei Namen kennt, wagt man sich nicht heran. Warum?; In der „Ostjüdischen Zeitung", von Czernowitz gibt Mier-Ebener folgende Antwort: „Der Antisemitismus in Rumänien ist nicht eine Tatsache, sondern er ist auch ein innerpolitisches-Mittel, dessen sich gewisse rumänische Machtparteien bedienen; und wie soll die in der Regierung befindliche Machtpartei den Antisemitismus ernstlich bekämpfen, wenn sie weiß, daß sie eines Tages diesen Antisemitismus in der Opposition wird gut brauchen können, um der an der Macht befindlichen Partei Verlegenheitenzu bereiten? Hierin liegt der Schwerpunkt der Frage, und wenn man den Dingen tiefer auf den Grund geht, findet man die, Zusammenhänge zwischen dem Antisemitismus und der Innenpolitik des Reiches. Unter diesem Gesichtspunkte -erscheint unsere Lage trostlos. Gegen diese Gefahr gibt es nur ein Mittel: di« Methode der Selbsthilfe und des engen Zusammenschlusses, nachdem die Methode der Infiltration der rumänischen Parteien mit Juden sich noch niemals bewährt hat." Es wird schon etwas daran fein. Wir wollen aber die „Methode der Selbsthilfe und des engen Zusammenschlusses" unter Streichung des „und" so verstehen, daß an eine Selbsthilfe auf dem Wege des Zusammenschlusses gedacht ist. Und auch dieser „Zusammenschluß" kann nur im Sinne einer straffen Einheitsfront nach außen gemeint sein. Nichts wäre verfehlter, als aus den entsetzlichen.Vorgängen Kapital für die Idee einer inneren Zusammenfchweißung und Amalgamierung der sogenannten religiösen Richtungen zu schlagen. Man würde der an. Oft ist die Gabe an sich scheinbar gering und unbedeutend, mit Rücksicht aber aus die hohe Stellung und große Bedeutung des Spenders erlangt sie dennoch einen unschätbar hohen Wert. Je höher und mächtiger z. B. der Fürst ist, desto höher und wertvoller der Orden, den er verleiht, wenn auch dieser an sich keinen innern Wert repräsentiert. Dies deutet nach Rabbi Iochanan das erste Wort des Dekaloges Cojx) an; Wiste, Israel, spricht gleichsam Ick selbst habe sie geschrieben und Dir (eigenhändig) übergeben! Werde Dir daher seines unschätzbaren Wertes bewußt, schon mit Rücksicht auf den Geber und Spender. Oft repräsentiert die Gabe an und für sich einen hohen Wert, dann kommt es weniger auf den Geber, sondern auf den innern Wert und die hohe Bedeutung der Gabe selbst an. Dies deutet der zweite Ausspruch an. Wisse. Israel, „Worte der Liebe habe ich niedergeschrieben und sie dir übergeben"! Werde dir dieses kostbaren Gutes bewußt und halte es allzeit in Ehren! . Derselbe Gedanke spiegelt sich auch in den nia-o rrvmn 'wieder. In der ersten naia danken wir Gott lianna^x, der uns gewürdigt hat, die heilige Thora uns zu übergeben, in der zweiten naia danken wir für die kostbare Gabe vvi aViy «m) uaina), deren wir teilhaftig wurden. Auf diese Weise ließe sich m. E. der Ausspruch unserer Weisen erklären n^rm mwa ia*n Jerusalem wurde zerstört, weil man die erste nsaa unterlassen hat. Doch darüber ein anderesmal.