Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1928)
- Date
- 1928-02-02
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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/Bläffet? fievausgegeßen bon dev fandeaovganifaMon dev )lgudas»Jisvoe( In Seitfefiland 14- Jahrgang Frankfurt a. M., 2. Februar <y28/(l. Schewat 5688 Nummer 3 Das palästinensische Gemeinde- Gesetz und Ägudas Jisroel. Die „Jüdische Rundschau" nimmt in ihrem jüngsten Leitartikel Veranlassung, sich anläßlich des Inkrafttretens der Gemeindeordnung in Palästina auch mit der Stellungnahme der Agudas Jisroel zum Gemeindegesetz eingehend zu befassen und schreibt u.a.: In. den letzten Stadien der Verhandlungen ging die Hauptschwierigkeit von der Agudas Jisroel aus, die sich gegen eine umfassende Organisation der palästinensischen Juden wehrte, die sie als eine Verkürzung ihrer religiösen Rechte ansah. Die Aguda-Orthodoxie verlangte für sich das Recht separater Organisationen, und da sie mit dem Argument der-Bedrohung der Gewissensfreiheit operierte, das bei den Engländern-stets Eindruck macht, hatte sie auch gewisse Erfolge aufzuweisen. In Wahrheit hat das zionistische Judentum Palästinas niemals die Gewissensfreiheit bedroht, da es nur eine weltliche Organisation erstrebte, innerhalb derer jeder Gruppe volle Freiheit ihrer religiösen Bedürfnisbefriedigung gelassenwerden sollte. Freilich konnte aus nationalen und politischen Gründen nicht zugestimmt werden, daß von Staats wegen offiziell zwei Judentümer statuiert werden . Die Agudah hat eine Zeitlang Siegesfansaren geblasen, weil das religiöse Prinzip zugrundegelegt wurde, und auch sonst manche ihrer Forderungen berücksichtigt wurden. Zuletzt jedoch erhob sie wieder einen Proteststurm, weil ihre separatistischen Wünsche nicht genau in der von ihr formulierten Form befriedigt wurden. Sie veranstaltete sogar am 1. Januar einen Trauergottesdienst (!) an der Klagemauer und sandte von dort aus Protesttelegramme an den Völkerbund, das Kolonialamt usw. Für solche theatralischen Gesten haben wir. kein Verständnis. Auch , die Zionisten haben reichlich Grund, mit dem Gesetze unzufrieden zu sein, aber sie sind darum weit entfernt davon, es zu verwerfen. Immer wieder spielen die Ziomsten die Rolle der wahren Mutter in der Parabel vom salomonischen Urteil. Die anderen Gruppen . wollen das Kind lieber, zerstückelt sehen, als daß sie auch nur im geringsten nachgeben würden. Wir Zionisten wissen, wir müssen — wo es nicht anders geht — uns mit den: Realitäten abfinden und lieber auf viele wichtige sogar grundsätzliche Forderungen verzichten, nur daß das Kind am Leben bleibe!. Wir glaubendaß trotz aller Verstümmlungen auch dieses Gesetz lebensfähig sein wird . . " Gegenüber diesen Auslassungen, so schreibt man der „Jüdischen Umschau" aus agudistischen Kreisen, ist zu bemerken, daß hier dem unbefangenen Leser, wie so oft/ wenn es sich um agudistische Dinge handelt, bewußt oder unbewußt Sand in die Augen gestreut werden soll. Wir beschränken uns. darauf, die gröbsten Unrichtigkeiten der obigen Darstellung zu rektifizieren: 1. Die Agudas Jisroel hat sich niemals gegen eine umfassende Organisation der palästinensischen Judenheit gewehrt. Sie hat vielmehr zwei Wege für eine solche Organisation oorgeschlagenentweder eine alle jüdischen Belange umfassende Organisation, welche auf Grundlage der Thora aufgebaut ist, oder eine Organisation, die sämtliche strittigen Weltanschauungsfragen sorgfältig meidet und sich lediglich auf wirtschaftliche und außenpolitische Gesichtspunkte beschränkt. Beide Vorschläge hat die Zionistische Organisation resp. der Waad Haleumi in den Verhandlungen mit der Agudas Jisroel zurückgewiesen. Sie wollte die Thora nicht als Grundlage anerkennen und sie hat trotzdem in ihre Organisation Rabbinate, Schulen, Schechita usw. mit einbezogen. Es ist also unrichtig, daß „das zionistische Judentum Palästinas lediglich eine» weltliche Organisation erstrebte." 2. Es ist ungemein charakteristisch, daß die „Jüdische Rundschau" die Bedrohung der Gewissensfreiheit als ein Argument ansieht, welches nur bei den Engländern Eindruck macht. Die „Jüdische Rundschau" und die ihr nahestehenden Kreise scheinen weniger Wert auf die Gewissensfreiheit zu legen.. Wenn man diesen Begriff anerkennt, dann muß man schließlich immer denjenigen, welche sich in ihrem Gewissen bedrückt fühlen, Glauben schenken und ihren Forderungen, wenn sie — wie in diesem Falle — von nicht weniger als 7000 Familienvätern formuliert wurden, Rechnung tragen. Das hat die englische Regierung getan und hat zunächst einmal jeglichem Juden in Palästina die Möglichkeit gegeben, weiter als Jude von der Regierung anerkannt zu werden, auch wenn er sich nicht der Waad Haleumi-Gemeinschaft anschließt. Der Waad Haleumi wollte aber seinerzeit, daß man in diesem Falle vom Judentum offiziell ausgeschlossen sei, und daß ihm dieser Wunsch nicht erfüllt wurde, das ist es, was ihn so sehr verstimmt. Diejenigen Juden, welche sich nun dem Waad Haleumi nicht anschließen wollen, haben das Recht, sich zu eigener Gemeinschaft zusammenzufinden. Der Unterschied zwischen diesen Gemeinden und den Waad- Haleumi-Gemeinden besteht darin, daß letztere auf dem Zwangswege Steuern eintreiben können, und erstere nur freiwillig. Ob die Siegesfanfaron der Zionisten begründet sind oder nicht, brauchen nicht Mr zu entscheiden, denn einer der prominentesten Zionisten hat es bereits getan. Herr Ussischkin hat anläßlich einer „Siegesfeier" in Jerusalem erklärt, die Zeit zum Feiern sei eigentlich noch nicht da; man solle doch zunächst abwarten, ob es gelingen würde, die heute dem Gemeindegesetz gegnerischen Kreise zu gewinnen. Erst wenn dieses möglich fei,' hätte man das Recht, sich zu freuen. Er glaube nicht, daß das so rasch der Fall sein werde. Aber auch die Aguda hat sich in ihren Aeußerungen immer von den Gedanken bestimmen lassen, daß sogar, wenn sie einen Parteisieg errungen habe, es ein unendlich trauriges Gegenwartssymptom ist, wenn im heiligen Lande Juden gezwungen sind, gegen eine jüdische, von der Regierung legalisierte Organisation zu kämpfen, weil diese im flagranten Widerspruch zu den in den Codices niedergelegten nüd von den großen Führern der Gegenwart interpretierten Thorabestimmungen steht. Sogar wenn die Agudas Jisroel restlos alle ihre Wünsche erreicht hätte, würde ihr Verantwortlichkeits- und Solidaritätsgefühl für Klall Jisroel ihr genügend Veranlassung zu der von der „Jüdischen Rundschau" als „theatralisch" bezeichneten TraUerkunÄgebung gegeben haben. Man möge sich doch endlich einmal auch auf zionistischer Seite mit dem Gedanken vertraut machen, daß die Zionistische Organisation kein Monopol auf Führerstellung in der jüdischen Gesamtheit hat und daß sie in Weltanschauungsfragen sich scharf unterscheidet von der Agudas Jisroel. Agudas Jisroel trauert nicht über Schönheitsfehler in dem Gemeindegesetz. Ihr ist das Gemeindegesetz keine profane Angelegenheit, sondern eine eminent religiöse. Dem Zionisten ist es ein politischer Akt wie hundert andere auch und wenn Politik die Kunst des Möglichen ist, so ist doch Religion für den religiösen Juden kein Gegenstand eines politischen Kuhhandels. Darum mag sich der Zionist wohl freuen, wenn auch längst nicht all das in Erfüllung gegangen ist, was er sich endlich von dem Gemeindegesetz erhoffte. Der Agudist dagegen kann trotz der relativen Berücksichtigung seines Standpunktes „die Schmach der Thora", wie sie leider in diesem innerjüdischen Kampf sich manifestiert, nicht ohne bitteres Weh Vorbeigehen lassen. Daß der „Jüdischen Rundschau" das Verständnis hierfür fehlt, ist begreiflich, sie sollte sich aber^doch in Zukunft hüten, religiöse Kundgebungen zu beurteilen, oder gar zu verurteilen und dadurch die vorhandenen Konflikte zu vertiefen. Allgemeiner Überblick über die Tätigkeit der palästinensischen Landesorganisation der Agudas Jisroel. Bericht an den Zentralrat. 1. Er z i eh un g sw es en. Unter außergewöhnlichen Anstrengungen hat die Aguda ihre Lehranstalten für Knaben und Mädchen in den Städten und Kolonien, Jerusalem, Tel-Awiw, Petach Tikwah, Tiberias, Safed, Bne Berak und Giwas Schoul mit 1250 Schülern und 52 Lehrern fortgesetzt. Während des Jahres wurde trotz der ungünstigen Vorbedingungen eine Klasse der Mädchenschule in Tiberias hinzugefügt und eine neue Filialschule in dem Stadtteil Schaare Chessed als Töchterschule in Jerusalem eröffnet. Eine einmalige Subvention wandte die Aguda der Talmud Thora in Haifa und der Jerusalemer Talmud Thora in Sichron Mosche zu. Die Talmud Thora in Petach Tikwah wurde in mehrfacher Hinsicht wesentlich verbessert. Eine neue Halle wurde gebaut und sonstige bauliche Veränderungen ausgeführt. Die Kosten wurden von der Landesaguda durch die''Bemühungen eines Mitgliedes aufgebracht. 2, Kolonisation. Der Landbesitz der Aguda wurde durch den Hinzuerwerb der Waisengrundstücke in Machaneh Jisroel vergrößert. In Machaneh Jisroel wurden im letzten Jahr mehr als tausend Dunam bepflügt und 1800 Dunam durch die Habajith bearbeitet. In Verbindung mit der Landarbeit der Aguda muß des tragischen Todes des Wächters Zinder gedacht werden. Der Mörder ist trotz der Bemühungen der Aguda bei den Behörden bis heute nicht entdeckt worden. In Jerusalem ist das Haus des Herrn Adolf Lewin als Schenkung in den Besitz der Aguda übergegangen. In dem Haus wird eine Filiale der Mädchenschule betrieben. 3. Un, terstützungen. Die Erdbebenkatastrophe: Infolge der Erdbebenkatastrophe erössnete die Aguda eine Aktion zur Unterstützung der durch das Erdbeben Geschädigten. Mit Hilfe der verschiedenen Agudo- Zenträlen in europäischen Ländern wurde durch den Hilfsausschuß sowohl Einzelnen als auch Institutionen beträchtliche Unterstützungen ausbezahlt und zwar insgesamt Lst. 350.—. Die meisten hiermit Bedachten wohnten in Jerusalem, indessen wurde ein kleiner Teil auch nach Tiberias und anderen Orten gegeben. Trotz der ungünstigen Finanzlage wurden Unterstützungen verschiedener Art im Gesamtbetrag von Lst. 200.— an Arbeiter und sonstige Bedürftige ausbezahlt. 4. Organisationen. Außer der Zentrale in Jerusalem bestehen organisierte Gruppen in Tiberias und Safed. In Haifa und Tel-Awiw bestehen keine organisierten Gruppen, wohl aber Büros, die in Verbindung mit der Zentrale stehen. Die Jugendorganisation der palästinensischen Agudas Jisroel hat organisierte Gruppen in Jerusalem, Tiberias und Petach Tikwah. Wiederholt fanden allgemeine Versammlungen der Agudas Jisroel und der Jugendorganisation statt. Ein Volksfest wurde am Chaul Hamaued Sükkoth gefeiert. Ebenso wurde der 15-