Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1928)
- Date
- 1928-02-02
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Sette 4 Nr. 5 D er Israelit 2 Februa. 1928 Sprechsaal. Sabbakheittgung und Wirtschaftsleben. Eschwege, 16. Januar 1928. Geehrrer Herr Redakteur! Der in Nr. 2 Ihrer geschätzten Zeitung befindliche Leitartikel „Sabbatheiligung und Wir.jcha tsle' en" sowohl als auch der Sprechsaal-Ärtikel „Der religiöse Angestellte" hat meine volle Beachtung gefunden, kann aber im Interesse der Tatsachen, wie sie sich dem aufmerksamen Beobachter in der Provinz darstellen, nicht unwidersprochen bleiben, da beide Artikel den Kern der Sache nicht treffen. Ich bin selbst ca. 17 Jahre religiöser Angestellter gewesen und nun schon 14 Jahre selbstständiger Kaufmann, habe auch schon Ihre wiederholten Artikel über diese wichtigen Belange gelesen, muß aber sagen, daß diese Artikel alle eine wichtige Sache aus dem Auge lassen, nämlich die wirtschaftliche Lage des Chefs von mittleren und kleineren Betrieben, die einige 3 bis 5 Angestellte beschäftigen, sich aber nicht den Luxus gestatten können, ihren Angestellten zwei volle Tage frei z u g e b e n. Da ich aus der Praxis für die Praxis spreche, glaube ich den Gegenstand genügend zu kennen, um mir ein Urteil zu erlauben. In der Thora ist nur von sechs Arbeitstagen und nicht von fünf die Rede. Warum wird den Angestellten nicht auch einmal gesagt, vaß sie den The/ für diesen Ausfall schadlos halten möchten, indem sie an den übrigen Wochentagen und natürlich wenn es irgend geht, am Sonntag die liegengebliebene Arbeit nachholen? Warum stützen sich diese religiösen Angestellten, die nach Ihrem Artikel es so schwer haben, eine sabbatfreie Stellung zu finden, auf das Staatsgesetz, wonach sie nicht nötig haben, Sonntags zu arbeiten, anstatt auf das altjüdische, das nur einen Tag zu feiern gebietet und nicht zwei? Warum spricht Ihr Artikel nicht von den enormen Schwierigkeiten der sabbattreuen kleinen und mittleren Geschäfte, die infolge Inflation und Krieg ihr Vermögen verloren haben und es doppelt schwer haben, bei 5 Tagen mit der großen christlichen Konkurrenz gleichen Schritt zu halten, um einigermaßen konkurrenzfähig zu bleiben? Ich bitte mir nicht mit dem Einwand zu kommen, daß sogar große Fabriken geschlossen hielten, da dieser Einwand in keiner Weise auf unsere Betriebe zutrifft. Diese Fabrikbetriebe haben sich längst einen Ausweg aus dem Dilemma gesucht und gesunden, indem die Fabrikbetriebe durch irgendwelche Verbindung mit Christen m».i s"y ihre Arbeiter beschäftigen und nur ihre Kontore geschlossen halten, was in/meinen Augen kein großes Opfer bedeutet. Wohl ist dies aber für kleine und Mittelbetriebe der Fall. Wie steht es mit der Tätigkeit der jüdischen gesetzestreuen Organisationen bei der jüngsten Beratung der Arbeitszeilgesetze? Ich habe nie etwas davon ge.ese i oder gehört, daß da mit der nötigen Propaganda und Energie bei den Behörden und Regierungen gearbeitet worden wäre. Trotz der gebotenen Diskretion konnte in ganz anderer Weise hier gearbeitet werden, als es leider der Fall war, außer einer einzigen Rückfrage nach der Zahl der Angestellten habe ich nie etwas mehr gehört. Und doch glaube ich, daß etwas zu erreichen gewesen wäre, wenn mehr Energie und Ernst aufgewandt worden wäre und wenn hier einmal alle gesetzestreuen Faktoren Hand in Hand gearbeitet hätten. Wie verhält es sich mit den Stellenvermittlungsbüros? Auch nicht viel besser. Ich habe während meiner ganzen Angestelltentätigkeit nie eine Stellung durch den Schomre Schabbos-Verein erhalten können, obwohl es doch vor dem Kriege leichter hätte sein müssen als heute. Dabei habe ich in zwei Fällen christliche Angestellte ersetzt und in einem Falle Anstellung gefunden, wo der Betrieb Samstag geöffnet war, aber ohne jüdisches Büro. Aber nur deshalb, weil ich mich bereit fand, die durch den Schabbos liegengebliebene Arbeit am Sonntag nachzuholen. Heute wollen jedoch unsere jüdischen jungen Leute hiervon nichts hören und nachher wundern sie sich, wenn auch der jüdische Chef schließlich das Interesse an jüdischen Angestellten verliert, zumal die körperliche Arbeit durch Christen doch nachhaltiger geleistet wird, als wie durch Juden. Ja oft höre ich den Einwand, Sonntagsarbeit sei nicht mehr zeitgemäß und überlebt und man müßte auch Zeit zu Sport und Ausflügen haben, weil diese am Sonnabend doch nicht möglich sind. Ich habe schon vor Jahren übrigens bei der Stellenvermittlungszentrale Frankfurt nach jüdischen Handlungsgehilfen gefragt, aber meine direkten Anfragen blieben erfolglos, nicht einmal eine Antwort hielt man für nötig, zu geben. Auch jetzt suche ich zum 1. April wieder eine tüchtige Kraft für Lager und Kontor, und wäre mir erwünscht, wenn Sie mir passende Vorschläge unterbreiten würden. Ich glaube jedoch selbst nicht mehr daran, daß unsere Stellenvermittlungen irgendwelches Angebot haben und will es einmal auf diesen „Notschrei" ankommen lassen und sehen, was dabei herauskommt. Bernhard Rosenberg. „Von innen heraus". Dem Verfasser des Artikels unter obiger Ueberschrift ist es wohl ernst darum zu tun, der Not abzuhelfsn. Aber schon eine primitive Kenntnis der Dinge in der Landwirtschaft ergibt die Unausführbarkeit seiner Pläne. Man kann von Molkereien keine koschere Milch beziehen, da Molkereien wohl Produkte aus angelieferter Milch, nicht aber» diese selbst erzeugen. Auf ähnliche Schwierigkeiten würde auch die Errichtung der anderen von ihm angeregten Anstalten stoßen. Betreffs der mit ungleich inehr Berechtigung gerügten Verteuerung muß in Betracht gezogen werden, daß die Aufsichtsperson ja entlohnt werden muß, die in den einzelnen Gehöften ermolkenen Quanten geringfügig sind, und — was zu beachten sei — die Bauern fast zu gleicher Tageszeit das Melkgeschäft verrichten. Eine Person kann da nur e i n e u Stall kontrollieren. H. N. in H. Wirtschaftliche Not. An die Redaktion des „Israelit", Frankfurt a. M. Es ist begrüßenswert, daß der „Israelit" näher auf das Problem der wirtschaftlichen Not eingeht und auch seinen Lesern Gelegenheit gibt, ihre Meinungen auszusprechen. Daß außer der Erwerbslosigkeit für uns Juden noch die verteuerte Lebensführung hinzukommt, wurde in dem Artikel „Von innen heraus" klargelegt und auch auf die Wege hingewiesen, wie der Verfasser sich Hilfe gedacht hat. Ich möchte nur noch eines hinzufügen — die Stimme der Hausfrau wird doch heutzutage in wirtschaftlicher Beziehung auch gehört —: wäre es nicht möglich, „schatnesfrere" Herrenkonfektion herzustellen, damit der Mittelstand und die minderbemittelten Kreise die Möglichkeit hätten, für wenigsten» einigermaßen erschwingliches Geld sich iva zu kleiden? Ein Maßanzug oder ein Mantel vom Schneider bedeutet für eine Familie eine ungeheure Ausgabe. Wem die Mittel dazu fehlen, muß in feinen abgetragenen Sachen gehen, und das ist für junge Menschen sehr bedrückend, besonders da sie mit anderen konkurrieren müssen, ihrer Stellung wegen. Und wie viele suchen sich einen Ausweg — man seht sich über den Din hinweg und kauft sich fertige Ware.'Dazu reicht das Gehalt leichter. — Wäre es der Konfektion nicht möglich, iw gearbeitete Anzüge und Mäntel auf den Markt zu bringen, und so unseren Familien die Kleidungssorge etwas zu erleichtern? Der jüdische Schneider käme dabei nicht zu kurz; wer es finanziell ermöglichen kann, zieht den Maßanzug selbstverständlich dem fertig gekauften vor, aber so vielen andern wäre geholfen! Eine Hausfrau in Berlin. Ein Mann wird gesucht. Als ich vor längerer Zeit bei der Tagung des preußischen israelitischen Gemeindeverbandes, die Anregung las (ich glaube eines Frankfurter Herrn), daß der Verband auch für billigere rituelle Lebensmittel sorgen müsse, freute ich mich sehr über diese Anregung. Wenn ich auch den Verband hierfür nicht geeignet halte, da er zunächst viel größere Aufgaben zu erfüllen hat, so gebührt dem Herrn Anreger doch großer Dank, daß er diese absolute Notwendigkeit endlich öffentlich berührt hat. Diese Angelegenheit ist für das jüdische Leben, so dringend und wichtig, daß es nur durch die .derzeitigen Verhältnisse begreiflich ist, daß es während der ganzen Zeit bei dieser löblichen Anregung geblieben ist. Es muß zunächst fostgestellt werden: Es liegt keinerlei Anlaß, Berechtigung noch Notwendigkeit vor, daß bei dem heutigen Stande der Technik, Chemie und Fabrikationsmöglichkeiten irgend ein koscheres Lebensmittel teurer sein darf als ein nichtkoscheres. Cs muß erreicht werden, daß das rituelle bürgerliche Leben um keinen Pfennig teurer sei als das nichtrituelle. Wie ist dieses zu erreichen? Durch Organisation und rationelle Verteilung. Es liegt mir fern, die Dstailgeschäfte für die Preisdifferenzen verantwortlich zu machen, oder diese ausschalten zu wollen. Im Gegenteil, mein Gedankengang ist, diese, die vielfach als Rachmonesgefchäfte betrachtet werden, auf ein höheres kaufmännisches Niveau zu heben. Hiergegen müßte der Zwischenhandel ausgeschaltet werden, falls er nicht selbst die Organisation, wozu er ja am besten geeignet wäre, in die Hand nimmt. Für diese Organisation aber gilt die Ueberschrift, hierfür wird Ein Mann gesucht. Ein Mann. Volksmann und Organisator, der von der Organisation auch seinen Fähigkeiten und ferner Arbeit entsprechend bezahlt wird, der sich nicht allein einen Posten schafft, sondern sich durch sein Wirken für die Allgemeinheit einen unvergänglichen Namen für alle Zeiten sichern wird. Was hätte er zunächst zu^tun? 1. Durch Zusammenschluß der jüdischen Lebensmittelgeschäfte eine Einkaufsgenossenschaft zu schaffen. 2. Durch Statuten, nicht allein sich seinen Posten seiner Arbeit entsprechend zu sichern, sondern auch das Wohl der Allgemeinheit und die sichere Bestandsmöglichkeit der Genossenschaft, z. B. daß jedes Mitglied die Waren nicht teurer erkaufen darf, und gezwungen ist, alle Waren die es von der Genossenschaft beziehen kann, auch von ihr zu beziehen. 3. Auf Grund dieser Unterlagen und des festzustellenden Bedarfes hätte er dann die Möglichkeit, den Einkauf zu organisieren, mit den betreffenden Fabrikanten, Molkereien, Importeuren, Verträge abzuschlietzen, den Versand und ' die Verteilung so zu regeln, daß alle möglichen Ersparnisse gemacht werden. Wenn die Detaillisten hierdurch auch auf etwas Freiheit anscheinend verzichten, so werden sie aber andererseits in den Stand gesetzt, so leistungsfähig zu sein, daß Jeder dort die besten Qualitäten zum billigsten Preise erhält. Wenn auch jetzt keine Ausschaltung von Detailgeschästen stattfinden soll, so müßte allerdings für die Zukunft eine gewisse Beschränkung stattfinden, da die Genossenschaft neue Mitglieder nur aufnehmen kann, wenn am dortigen Platze andere Eristenzmöglichkeit nicht beeinträchtigt wird. Finanzierung: Soweit die Anteile der Genossenschaftsmitglieder nicht ausreichen, wäre es am Platze, wenn hier der Verband, durch Garantie für einen gewissen Betrag bei einer Bank, oder ein unverzinsliches rückzahlbares Darlehen die Durchführung ermöglicht. Möge sich n"ya bald dieser Mann finden. » Yehuda. Die Hamburger Wahlen. Sehr geehrte Redaktion! Als Verfasser des Sprechsaalartikels in Nr. 1, 1928 des „Israelit", der in einer Erklärung von Herrn Emil David in Nr. 2 des Blattes berührt wird, stelle ich fest, daß mein Artikel seiner ganzen Form nach nicht danach angelegt war, irgendjemand persönlich zu verletzen. Insbesondere enthält derselbe an keiner Stelle irgendwie den Vorwurf bewußter Wahrheitswidrigkeiten gegen irgendjemand. Vielmehr ist nur festgestellt, daß be^ stimmte Behauptungen objektiv der Wahrheit nicht entsprechen. Hierbei muß es sein Bewenden haben und ist die-Erklärung des Herrn Emil David natürlich nur eine persönliche Auffassung der ganzen Angelegenheit. Im 1 Gegensatz zu Herrn David habe ich nicht einfache Er-/ klärungen aufgestellt, wie: „Es ist wahr", „Es ist nicht wahr", sondern ich habe meine Behauptungen eingehend begründet und bewiesen. Der Sache nach müssen daher meine Behauptungen allen Umfangs aufrecht erhalten bleiben. Uebrigens zeigt ein Vorkommnis der letzten Wochen, wie begründet die Abneigung der mir nahestehenden Kreise dagegen ist, ihre religiösen Belange den Herren von der Achduth anzuvertrauen. Mehrere prominente hiesige Mitglieder hieser Vereinigung, von denen einer sogar Gemeindevorsteher ist, haben anläßlich der Einführung des neuen Predigers des Tempelverbandes einer gottesdienstlichen Feier im hiesigen Tempel beigewohnt, in demselben Tempel, gegen den seinerzeit der Chacham Bernayder Lehrer von Samson Raphael Hirsch einen ausdrücklichen Cherem ausgesprochen hat und gegen den sich eine sehr große Zahl der bedeutendsten Autoritäten, darunter der Chassan Sofer, in der allerschärfsten Weise ausgesprochen haben. Mit vorzüglicher Hochachtung Rechtsanwalt Dr. I o h n I a c o b s o h n , Hamberg 1, Gr. Bäckerstr. 2/4. Der Gemeindeball. An die Redaktion des „Israelit". Mit Interesse und vielleicht auch mit Wehmut hat jeder die Artikel über den Ballunfug in den Gemeinden gelesen. Nicht zum erstenmale ist in diesey Blättern auf das Traurige unserer Zeit hingewiesen worden und es wird auch noch lange dauern, bis die Morte in Erfüllung gehen "int v'N' aiy nyV „Es treten jedoch noch anders Q'bpbp hinzu, die es jedem Lehrer, Rabbiner, und. Gemeindevorstand zur Pflicht machen, gegen diese Entweihung unserer Feiertage energisch aufzutreten. Der Verfasser unseres Artikels „Der Simchas-Thora-Ball" kennt leider die Verhältnisse auf dem Lande noch sehr wenig, denn sonst müßte er wissen, daß wir Lehrer keine Macht haben, gegen diesen Unfug einzugreifen. Warum? Gerade der Vrostand, haute volee geht mit dem besten Beispiele im umgekehrten Sinne voran. Doch ich wollte auf einen noch größeren Unfug Hinweisen, den zu bannen nn Bereiche unserer Möglichkeit liegt. Am soundsovielsten, an dem und dem vaw wird die neue Synagoge in T P Z eingeweiht. vaw - Abend 8 Uhr großer Ball mit vielen Uebsrraschungen. Sabbatausgang war 7.30 Uhr. Hunderten wird dadurch Gelegenheit geboten, den snij? vavzu entweihen und wenn auch die fremden Besucher leichten Spieles sich über die Sabbatentweihungen hinwegsetzen, so müssen wir diejenigen zur Rechenschaft ziehen, die unsere Synagogen einweihen. Wenn unsere orthodoxen Rabbiner und Lehrer nur unter der Bedingung die Einweihung vornehmen, daß die Festlichkeiten erst am andern Tag ihren Anfang nehmen, dann haben sie ihre Pflicht voll und. ganz erfüllt. Nicht um jemand zu verletzen, habe ich diesen Artikel geschrieben, sondern es soll eine Anregung sein für eintretende Fälle, aiv vwyi sn» *no sagt der Psalmist. F. Wochenkalender. v. 4. - 11. Febr. 1938 < v. 13.-20. Schewat 5888. Samstag 4 vaw 13 nbva ni'v vaw Sonntag 5 14 Montag 6 15 ivs nvvn Dienstag Febr? 16 Mittwoch 8 17 Donnerstag 9 18 Freitag 10 19 Samstag 11 20. iiv' Verantwortlich für den allgemeinen Teil und da» Feuilleton S. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate 1. B.: S. Schachnowttz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L Kaufmann in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag /Israelit", G.m.b.tz., Frankfurt a. M. — Druck Sermon Verlag»' Aktiengesellschaft, Frankfnrt a. M.