Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1928)
- Date
- 1928-02-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Der Israelit 2 Februar 1928 per Aerzte, Daß Psychologische Momente den Heilungsprozeß der -Lungentuberkulose wesentlich beeinflussen, daß vor allem seelische Erschütterungen auch am Körper nicht spurlos vorübergehen,!die Erfahrungstatsache, daß in den gewöhnlichen I Sanatorien zu verschiedenartige Elemente vereinigt sind, als daß nicht Reibungen und Unzufriedenheit entstehen müßten, die schädlich auf den Gesundheitszustand wirken, haben zur .Errichtung von Heilstätten nach Gruppen von Menschen geführt, die. sich ihrer Herkunft (nationale Heilstätten) oder ihrer Lebenshaltung (z. B. das Studentensanatorium-in Leysin) nach nahe stehen. Bedeutet die Trennung von der Familie, das Herausgeriffensein aus der alten vertrauten Umgebung und der liebgewonnenen Tätigkeit schon für den Gesunden einen Ehock, wieviel mehr für den Kranken und gar erst für den jüdischen Kranken, der inniger als ein anderer in seiner Familie und seinem Milieu wurzelt und die fremde Umgebung daher besonders schmerzlich empfinden muß. Zu diesem Moment trat aber noch ein spezifisch jüdisches und zwingendes, die Tatsache nämlich, daß viele jüdische Lungenkranke, aus dem einzigen^Grunde keine Heilung finden konnten und seelisch und körperlich zugrunde gingen, daß sie ihren religiösen Gewohnheiten Zwang antun und die rituellen Speisevorschriften verletzen mußten. Das Bestreben, diesem beschämenden und unwürdigen Zustand ein Ende zu setzen, war ja, wie die Geschichte des Hilfsverems zeigt, für die Errichtung einer eigenen jüdischen Heilstätte in erster Linie -bestimmend. Ueber die Bedeutung des jüdischen Charakters der „Etania" für die Heilung ihrer Patienten äußerte sich der bekannte Züricher Univerfrtätsprofef - s o r D r. B r u n ö Bloch im Jahresbericht für 1923 in den folgenden Worten: „Hier handelt es sich darum, Menschen, kranken Menschen, bei denen sich zur Krankheit noch die seelische Depression der Trennung vom Altgewohnten und Geliebten gesellt, die Wohltat zu verschaffen, sich an einer Stätte auszukürieren, die nicht durch ihre Fremdheit und durch den Zwang, religiöse Pflichten und Gewohnheiten zu verletzen, die Vorteile des Höhenaufenthaltes zunichte macht. Solche Bestrebungen werktätig zu unterstützen, ist gewiß eine schöne Aufgabe der Nächstenliebe und in unserer heutigen materiellen Zeit mehr als je vonnöten. Es ist aber auch vom Standpunkte des Arztes aus,-der. weiß, wie sehr der Erfolg seiner Therapie durch die seelische Verfassung des Patienten beeinflußt wird, ein Werk, das reichlich Früchte trägt." Eine jüdische Heilstätte konnte die „Etania" — und darüber waren sich die Begründer vom ersten Augenblicke an klar — aber nur sein, wenn sie in jeder Hinsicht von echtem jüdischen Geist durchdrungen war. (Schluß folgt.) Korrespondenzen « Nachrichten. Deutsches Reich. Volkskrauertag 1928. Berlin, 24. Januar. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund hat an die Landesverbände jüdischer Gemeinden in Deutschland das folgende Rundschreiben gerichtet: Auch in diesem Jahre hat der „Volksbund Deutscher Kriegergräberfürsorge", in dem auch die jüdische Glaubensgemeinschaft vertreten ist, beschlossen, einen Volkstrauertag zur Ehrung des Andenkens der im Weltkriege gefallenen Soldaten zu begehen. Dafür ist San nt ctg, der 4. März 1928. bestimmt worden. An diesem Tage sollen religiöse und weltliche Gedenkfeiern veranstaltet und Vergnügungen und Lustbarkeiten eingeschränkt werden. Ergänzungswahlen zum Rabbinifchen Landesrat der Agudas Iisroel. Hamburg, 30. Januar. Die Ergänzungswahlen zum Rabbinifchen Landesrat der deutschen Agudas Iisroel, die durch den Heimgang der Herren ^stabbiner Dr. S. Breuer Wt und Dr. H. Ehrentreu Vxt notwendig geworden waren, fanden am Sonntag ihren Abschluß. Von den etwa hundert stimmberechtigten Rabbinen beteiligten sich 70 an der geheimen Wahl. Gewählt wurden die Herren Oberrabbiner Dr. S. Spitzer ln Hamburg und Rabbiner Dr.. E. Munk in Berlin. Der rabbinische Landesrat besteht nunmehr bis zur nächsten Kenessio Gedaulo aus Herrn Oberrabbiner Dr. Lerner in Altona und den beiden neugewählten Herren. Vereinigung der Sabbakhfreunde. . Würzburg, 25. Januar. Am 27. Dezember wurde in Würzburg eine „Ver-. einigung der Sabbathfreunde" konstituiert, die sich Pflege der Sabbathidee, Stellenvermittlung, Angestelltenfürsorge und Berufsberatung zur Aufgabe macht. (Wir verweisen auf die verschiedenen Artikel, die in dieser Nummer und auch in früheren Nummern unseres Blattes zu dieser Frage erschienen sind. Ein isoliertes Vorgehen einzelner Landesteile ist nicht erwünscht, solange die Möglichkeit einer zentralen Regelung vorhanden ist. Red). Oesterreich. Zur Besetzung des Wiener Oberrabbinales. Wien, 11. Januar. Offiziell wird mitgeteilt: Die Nachrichten über eine bevorstehende Besetzung des nach dem Tode von Dr. Chajes erledigten Oberrabbineramtes sind verfrüht; Erwägungen über eine Neubesetzung werden erst nach Ablauf der Trauerperiode stattfinden. polen. Ein Wahlaufruf des Minderheilsblocks in Polen. Warschau, 23. 3anuav. Der Deutsche, Juden (lies: Zionisten. Red.), Ukrainer und Weißrussen umfassende Minderheitenblock hat einen Wahlaufruf erlassen,, in dem alle Minderheiten aufgefordert werden, zur Wahrung ihrer nationalen und bürgerlichen Rechte für die gemeinsame Wahlliste ihre Stimme abzugeben. Der Minderheitenblock habe sich zur Aufgabe gemacht, gleiches Recht für alle Bürger des Staates zu erkämpfen. Der-Aufruf ist von je drei führenden Politikern der ukrainischen, weitzrussischen, jüdischen und-deutschen Minderheit unterzeichnet. Für die Juden haben I. Grünbaum, Hartglah und Dr. Z. Schabad den Aufruf unterzeichnet. Rabbi Efraim Fischet Lewin ‘txt. Warschau, 25. Januar. Das jüdische Warschau ist in Trauer und Bestürzung durch' den plötzlichen Tod des Rabbi Efraim F i s ch e l Lew in, des kongenialen Sohnes des bekannten Bendiner Raw, des Bruders unseres Rabbi Jtfche Maier Lewin. Mütterlicherseits war Lewin Enkel vom Alexanderer Rebben und war verheiratet mit der Tochter des P o r i s o w e r Re b b e n. Er selber galt in Polen als n'vni p'is von seltener Art. Viele Tausende beteiligten sich an der Bestattung, bei der die ganze Schwere des Verlustes und die innige Teilnahme am Schmerze der vornehmen Rabbinerhäuser spontan zum Ausdruck kamen. Nr. 5 Seite 6 Der Verrat des „Bundes" und die Proteste In Wilna. Wilna, 25. .Januar. Wir haben jüngsthin vom schändlichen Verrate der Bimdisten an der jüdischen Sache mitgeteilt, der darin besteht, daß ein Vertreter des „Bundes" im Stadtrat eine scharfe Polemik gegen ditz jüdischen Schulen entwickelte und sich dafür einsetzte, daß ihnen die im Etat vorgesehenen Subventionen entzogen werden. Gerichtet war seine Attacke in erster Reihe gegen die orthodoxen und Jabne-Schulen, aber nebenher traf er auch die zionistischen und alle andern jüdischen Schulen. Die Erregung der jüdischen Bevölkerung machte sich Lüfi in einer Protestversammlung im Hause von Rabbi Chaim Oser Gro.dzenski, an der /sich alle jüdischen Ratmänner, Lehrer und Vorsteher der Jabneschulen beteiligten. Es wurde beschlossen, eine Delegation zum Stadtpräsidenetn zu entsenden und ihn über die Situation aufzuklären, damit der alte Modus beibehalten bleibe. . Eine Intervention beschloß auch der Kaufmännische Verband nach einer Protestsitzung, an der sich ebenfalls Rabbi Grodzenski beteiligte. Es werden auch in der Stadt Unterschriften gesammelt für eine allgemeine Protesterklärung aller Bevölkerungsschichten an den Magistrat. Angar«. Symptome. Budapest, 20. Jan. Man hat der organisierten ungarischen Orthodoxie oft vorgeworfen, daß sie es ruhig mit zusehe, wie in den Verwaltungen orthodoxer Gemeinden, die doch nach ihren Satzungen auf dem Boden des Schulchan Aruch stehen, in einzelnen Fällen Männer von ausgesprochen unreligiöser Lebensführung, sogar solche, die öffentlich den Sabbath entweihen, sitzen. Die Tatsache selbst ist von den Rabbinen und den führenden Persönlichkeiten immer schmerzlich bedauert worden. Doch ist man jetzt erst allmählich dazu gelangt, Abhilfe zu schaffen. Viel hat dazu beigetragen, daß sich allmählich auch nicht orthodoxe Gemeinden zu dem an und für sich keine Opfer kostenden „Bekenntnis" zum Schulchan Aruch entschlossen, so daß die Grenzlinien immer mehr verwischt zu werden drohen. Symptomatisch dafür, daß die Erkenntnis von den Gefahren dieser Lage doch immer mehr durchdringt, ist die Vorstandswahl in der orthodoxen Gemeinde E r s e k ü j v a r. Der Vorstand wurde diesmal ausschließlich aus solchen Persönlichkeiten zusammengesetzt, die auch in ihrem Privatleben einwandfrei orthodox sind. Es wurde ferner beschlossen, in die neue Satzung einen Paragraphen aufzunehmen, daß zwar — wie es das Staatsgesetz verlangt — jeder am Ort wohnende Jude Mitglied ist, daß aber nur diejenigen Mitglieder aktives und passives Wahlrecht besitzen, die auch im Leben auf dem.Boden des gesetzestreuen Judentums stehen. . Tschechoslowakei. Das Ende eines Gemeindestreites. Dunafzerdahely, 19. Januar. Das aus zwei Rabbinen und drei Laien bestehende Schiedsgericht hat nach vieltägiger Arbeit in der vorigen Woche die hier seit Jahren, tobenden Gemeindekämpfe durch ein nicht weniger als 28 Paragraphen umfassendes Urteil zur Schlichtung gebracht, nachdem die hervorragendsten Führer der Orthodoxie und nicht minder die staatlichen Behörden sich seit Jahren um einen friedlichen Ausgleich der Gegensätze umsonst bemühten. Im Mittelpunkt dieser Gegensätze stehen auf der einen Seite der Oberrabbiner der Gemeinde, der bekannte Gaon Rabbi Hille! Weinberger, auf der anderen Seite der Rosch Besdin, Rabbi Anschel Katz. Um letzteren gruppiert sich eine einflußreiche Gruppe vermögender Gemeindemitglieder, deren Mittelpunkt das Bes Hakneses